ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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25.11.2000 – 7.7.2013

12F3186

Übungen in der Passion des Herrn

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 86

 

Das erst Buch
Von den unauffhörlichen Ubungen /
so der heylig Vatter inn dem Passion deß Herrens hätte.
Cap. 86. S. Bonaventura.

 

UNder den hohen und steten Ubungen / inn welchen der heylige Franciscus sein Seel ubet / ware die fürnembste / der Passion unsers Herren Christi Jesu / dise hat er noch von Anfang seiner Bekehrung dermassen in das Innerist seines Hertzens eingetruckt / daß er allezeit / wann er daran gedachte / sich deß Weinens nit enthalten möchte: und derhalben dises heylige Creutz dermassen geliebet / daß wann jemalen einer dasselbig dem Herren wahrhafftig und getreulich nachgetragen / er derselbigen einer ware: Fluhe die zeitlichen Tröstungen / suchet / unnd fande in diser Welt allerley Sorten der Bekränckungen / und Trübsal / auff daß er mit Christo leiden möchte.

Darumben er dann wegen deß unabläßlichen Gebetts / Abstinentz / Wachens / und Bilgerfahrt / die er vollbrachte / allerdings inn dem Haubt / Augen / und Miltz schad- unnd presthafft warde / liesse dennoch nit ab / wolte auch (ausser der Augen) von deß Nächsten wegen solche nit curieren lassen / auff daß er in solchem Anligen seinem Herren hulffe leiden /so groß war die innerliche Liebe / die er gegen seinem heyligisten Leiden truge: dannenhero ihme alle fleischliche Bitterkeit / ein geistliche Liebligkeit ware.

Eines mals under anderen / als er vermeynte nit gehört zu werden / unnd von dem Schmertzen deß Passions seines allerlieblichisten Christi uberwunden / facht er an mit lauter Stimm zu schreyen / als wann er den gegenwärtig sehe sterben.

Welches als es von einer edlen unnd Gottsförchtigen Person / so da fürüber gienge / unnd ihme noch inn der Welt gar vertrawt gewesen / gehört / bittet sie ihne mit Verwunderung und strengem Anhalten / er solte ihr anzeigen was für Unfall ime begegnet.

Der heylige Vatter antwortet weinend / und sagt:

Ich behertzige und beweine die grosse Marter und Schmach / so die Gottlosen Juden meinem Herren Christo Jesu angelegt / unnd so vil grösseren Schmertzen empfinde ich / weil ich höre und sihe / daß die gantze Welt (für welche er solches gelitten) als die undanckbaristen / einer solchen unaußsprechlichen Gutthat vergessen.

(Anmerkung etika.com: In Anbetracht der aktuellen Diskussion fühlen wir uns bemüßigt, zu erklären, daß Christen, die heute durch das Begehen schwerer Sünden Christus verraten, obwohl sie das Evangelium und das Kreuzopfer Christi für uns kennen, schwerer sündigen als die damaligen Juden, die bei Pontius Pilatus durchgesetzt haben, daß Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. So hat es wohl auch Franziskus verstanden, weshalb wir in keiner Weise bereit sind, solche mittelalterlichen Texte zu verfälschen, wie es gewisse Kirchenkreise mit der Bibel vorhaben.)

Als er diß sagte / fienge er an ein solchen Bronnen der Zeheren zu vergiessen / daß diser Edelmann so dahin kommen / auch angefangen zu zeheren / unnd den Passion deß Herren sambt ihme zu beweinen.

Als er eines mals blind war / (wie ihme dann offtermals wegen der Blödigkeit der Augen geschahe) fragte in einer seiner Ministren / warumben er ihme nit ein geistlich Buch liesse vorlesen / von welchem sich sein Geist in diser Kranckheit möchte ergetzen.

Deme antwortet der heylige Vatter:

Bruder / ich finde täglich so viel Trosts und Liebe in der Gedechtnus deß Lebens / und Leidens unsers Erlösers Christi Jesu / daß wann ich gleich biß zu End der Welt lebte / ich keiner anderen Lection oder Fürlesung bedürfftig wäre.

Diser Gestalt truge der gebenedeyte Vatter das Evangelium kräfftiger und besser innerlich in seinem Hertzen geschriben / als es eusserlich auff dem Papyr gesehen wirdt.

Dannenhero er vil malen den Brüderen zu Gemüt führet dise Wort deß Davids: Mein Seel wolt sich nit trösten lassen / ich hab an Gott gedacht / unnd bin erfrewet worden. (Psal. 76)

Als wolte er sagen / er fragte dem weltlichen Trost  und Freuden nit nach / weil er allen seinen Trost inn dem Leiden seines süssisten Christi Jesu hätte.

Ermahnet derhalben seine Kinder / dises klägliche Buch deß Leidens Christi Tag und Nacht umbzublätteren / und umb anders nit zu sorgen:

Alle seine Predigen und Ermahnungen waren auch (nach den uberflüssigen Zufällen seines Hertzens)  von disem heyligisten Creutz unnd Leiden / auff daß er sie darauff / als dem sicheristen Weg der Seligkeit anführte.

 

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