ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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13.12.2000 -8.7.2013

12F3187

Ermahnung zur Meditation der Passion des Herrn

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 87

Das erst Buch

Ein Ermahnung deß heyligen Vatters Francisci /
zu der Meditation deß Passions deß Herrens.

Cap. 87.

(schwieriger Text; leider kann nicht jeder ein Bonaventura – siehe folgende Kapitel 88 und 89 - oder ein Luis von Granada sein, die höchste, erhabenste Gedanken einfach und verständlich darzustellen vermögen.)
Ubertinus.

 

Erinneret euch allezeit (sprach der heylige Vatter) der Strassen der Demut / unn Armut deß Creutzes / durch welche unser Erlöser Christus Jesus uns hat angetriben / gedenckende / weil es seiner Göttlichen Maiestät nohtwendig gewesen / durch Mittel solches seines Leidens in die Glori einzugehen / wie viel mehr werde uns armen Sünderen von nöhten seyn / in selbigem zu wandlen:

Unnd gewißlich weil solches zu thun ein jeder frommer Christ verbunden / wie vil mehr sollen wir / die uns seines H. Creutzes Nachfolger rühmen / solches vor allen andern vollbringen / welches Creutz er nit allein von uns will getragen haben / sonder daß wir durch unser Exempel und Lehr / andere solches zu tragen auch bewegen / uns nachziehen / und sammt ihnen / ihme unserem Wegweiser nachfolgen.

Uber das so ist der gute Willen / dem Leiden unsers Erlösers nachzufolgen / ein sonderbare Gnad / welche der heylige Geist der Seelen / so wahrhafftig und vollkommenlich liebet / und Gott dienet / mittheylet / seytemal die Seel / welche eigensinnig unnd ihr selbst hold ist / findet kein Geschmack inn dieser deß heyligen Geists Lehr  / sonder ist derselben vil mehr zu wider / halt auch dise Participation deß Leidens Christi zu der Vollkommenheit nit gebürlich / sonder understehet sich mehrere Frucht und Nutz durch andere Weg zu schaffen / welches gleichwol nit Weg / sonder bedeckte Fallen seynd:

erhalt sich in der eignen Affection (Anmerkung etika.com: Es bewahrheitet sich, daß die meisten Leute viele Fremdwörter nach hundert oder Hunderten Jahren nicht mehr verstehen, siehe Ludwig Reiners: Stilkunst) / ersteckt und verblendet die Gallen der Trübseligkeit / mit hohen / natürlichen / und willigen Gedancken / fliehende und bestetende / daß sie inn solcher Freyheit deß Lebens / ihrem Gott besser diene:

fragt den unzehlichen Wollüsten / welche die Seel innwendig mit dergleichen Betrachtungen / und Mitleiden seines Herren befindt / nit nach / weil solche anderst nit als durch das Mittel von seinet wegen zu leiden könden gustiert werden.

Aber die gereynigte / unn alles eigenen Interesses gefreyte Seel laßt den heyligen Geist in ihr würcken / unn sie seines Gefallens leiten als ein erfahrnister Meister der sonderbaren Lehr / welche der Herr inn dem Bücheren seiner Demut / Gedult / unnd Leidens / als der sicheren Strassen zu der Christlichen Vollkommenheit hinderlassen.

Dannenhero die jenige Seel / so die mehrere Reynigkeit erlangt / desto mehr begert in solche seine Schmertzen sich zu transformieren / oder verenderen / alle andere Weg für gifftige Speisen haltende / achtet allein dise für ein Artzney / bitter gleichwol in der Empfindtligkeit / aber gar süß inn der Würckung.

Derhalben wann du die Empfindtligkeit der Heyligkeit underwirffest / so versuch wie wunderbarlich der Geschmack deß verbleibenden Lebens seye / wann sie das erst tödtlich Moment verworffen hat.

Derhalben die Prob / daß in keinem anderen als in seinem mitleidenlichen Passion sein Liebe gefunden werde / ist / daß je mehr sich die Seel in den gecreutzigten Christum transformiert / je mehr transformiert sie sich in den höchsten glorificierten Gott / seytemal es nit seyn kan / daß sich die Menschheit von der Gottheit abscheide / und er selbst von dem Vatter begert / da er sagt:

Ich will daß wo ich bin / die meinen auch seyen.

Und also betrachtet die Seel den einen und anderen Stand ihres Herrens / auff daß sie nimmer von ihme gescheiden werde / wie sie dann (wann sie ihne in dem Passion solte fliehen) sich von ihme / nach den Worten deß Apostels Pauli  / absünderen wurde / welcher sagt:

Welcher nit mitleidet / der wird nit miterlangen (Rom. 8.):

Er betrachte derhalben den sterblichen unn unsterblichen Stand / deren einer der ist / der da laufft / der ander / der das Zil erreicht / und das Kleinot gewinnet.

Dann zu gleich wie man das Gewinnet allein dem gibt der geloffen ist:

Also wirdt der Himmel auch allein denen gegeben / welche das Creutz werden getragen haben.

Dann es ist nit billich / daß der Knecht uber den Herren / unn der Discipel uber den Meister seye.

Derhalben sicht man den Herren sein Gnad denen / so ihme auff disen Weg nachfolgen / mitzutheylen / unnd entgegen den Vermeßnen / so durch andere Weg sich ihme zu vereinigen begeren / zu entziehen / welche weil sie sich von ihnen selbsten nit absünderen / auff die letste darnach strauchen unnd erligen.

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