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ETIKA D12FA |
FRANZISKUS-CHRONIK |
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12F3188 |
Sich mit den Tränen Christi reinigen |
Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 88 |
Wie hoch der heylige Vatter erkent / daß es der Willen Gottes /
daß sich die Menschen in dem Passion deß Herren üben solten.
Cap. 88
S. Bonaventura.
Nit ohne Ursach
sagte der heylige Vatter solches alles / dann gesetzt er begerte nichts anders
zu hören / als mit dem heyligen Paulo den gekreutzigten Christum / auch seine
Brüder nichts anders underweiset und lernet dennochter / auff daß er sich unnd
seine Brüder besser versicheren möchte / begert er von dem Herren / er solte
ihme / in was Ubungen er und die seinen seiner Göttlichen Maiestät zu dem angenemmesten seyn möchten /
offenbaren:
Wirdt
inspiriert / steht von dem Gebett auff / gehet zu dem Fronaltar / darvor er
gebettet / nimmt das Meßbuch / bezeichnets mit dem Zeichen deß heyligen Creutzes
/ rueffet Gott an / er
wolte ihme inn dises Buchs Eröffnung das jenige / was ihme zu dem
annemblichsten seyn möchte / offenbaren.
Thut alsbald
das Buch auff / findet den Passion deß Herrens.
Als er aber
deme nit vertrawen wolte / thut ers zum andern / unnd dritten mal auff / findet
denselben wider: richtet sich derhalben freydig und behertzt zu leiden (Anmerkung
etika.com: leiden, um zu siegen; Gandhi ahnte etwas von
diesem Geheimnis, als er das kalkulierte Leiden in seine Strategie aufnahm) / und gleich als ob er dessen so ihme begegnen solte / zuvor berichtet /
dancket er dem Herren / unnd bittet / er wolte ihne seines heyligisten Leidens theylhafftig
machen / also daß er gleichsam voll deß Geists der
Göttlichen Liebe / die Freud seines Hertzens nit mehr verbergen kondte /
erzeigets offentlich / sange dem Herren die Lobgesang inn Italianischer unnd
Frantzösischer Sprach / klopffet mit zweyen Stecken an einander / setzet den
einen an die lingge Brust wie ein Geigen / und mit dem andern zug er mit der
rechten Hand darauff gleich wie mit einem Bogen:
Dises Gebett endet sich nimmer ohne uberflüssige Zeher / mit so grossem Schmertzen / daß ime wegen seiner Schwachheit alles das so er inn den Händen hätte / unvermerckt entfiele: wäschet also sein Seel mit den eusserlichen Zeheren seiner Augen / und duncklet dieselben / die Seel dardurch innerlich zu erleuchten.
Uber das alles (ob er
gleichwol allbereit zu einer solchen Heyligkeit gelangt) antwortet er
seinem Medico (so ihne der Gefahr deß Erblindens/ wann er
zu weinen nit nachliesse / erinnert) er wolte vil lieber die Augen
(welche er mit den Fliegen gemein hatte) ganz und gar / dann die Zeheren /
durch welcher Mittel er die innerliche Augen erklärt / unnd sie inn der
Betrachtung Gottes den Englen gleich machet / verlieren / bey welchem Fluß der
Zehern behielte er doch ein lieblich klar Angesicht / als diser / welcher wegen Reynigkeit seines
Gewissens / nichts förchtet / und allezeit seinem Gott beygethan ware:
name derhalben
alles das jenig so ihme begegnet / als von seiner Hand kommend / mit Gedult
auff.
Dieweil aber zu
diser vollkommenlich / ohne innerliche Abwäschung unnd Säuberung der Seelen von
den Sünden unnd Unvollkommenheit / nit zu kommen / beredet er unabläßlich seine
Brüder / sie solten
sich mit den von deß Leidens Christi wegen vergoßnen Zehern reynigen und
wäschen / unn desselben eusserist befleissen.