ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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2.12.2000. 9.7.2013

12F3188

Sich mit den Tränen Christi reinigen

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 88

Wie hoch der heylige Vatter erkent / daß es der Willen Gottes /
daß sich die Menschen in dem Passion deß Herren üben solten.

Cap. 88
S. Bonaventura.

NIt ohne Ursach sagte der heylige Vatter solches alles / dann gesetzt er begerte nichts anders zu hören / als mit dem heyligen Paulo den gecreutzigten Christum / auch seine Brüder nichts anders underweiset und lernet dennochter (vgl. tirolisch dechter) / auff daß er sich unnd seine Brüder besser versicheren möchte / begert er von dem Herren / er solte ihme / in was Ubungen er und die seinen seiner Göttlichen Maiestät  zu dem angenemmesten seyn möchten / offenbaren:

Wirdt inspiriert / steht von dem Gebett auff / gehet zu dem Fronaltar / darvor er gebettet / nimmt das Meßbuch / bezeichnets mit dem Zeichen deß heyligen Creutzes / rueffet Gott an / er wolte ihme inn dises Buchs Eröffnung das jenige / was ihme zu dem annemblichisten seyn möchte / offenbaren.

Thut alsbald das Buch auff / findet den Passion deß Herrens.

Als er aber deme nit vertrawen wolte / thut ers zum andern / unnd dritten mal auff / findet denselben wider: richtet sich derhalben freydig und behertzt zu leiden (Anmerkung etika.com: leiden, um zu siegen; Gandhi ahnte etwas von diesem Geheimnis, als er das kalkulierte Leiden in seine Strategie aufnahm) / und gleich als ob er dessen so ihme begegnen solte / zuvor berichtet / dancket er dem Herren / unnd bittet / er wolte ihne seines heyligisten Leidens theylhafftig machen / also daß er gleichsam voll deß Geists der Göttlichen Liebe / die Freud seines Hertzens nit mehr verbergen kondte / erzeigets offentlich / sange dem Herren die Lobgesang inn Italianischer unnd Frantzösischer Sprach / klopffet mit zweyen Stecken an einander / setzet den einen an die lingge Brust wie ein Geigen / und mit dem andern zug er mit der rechten Hand darauff gleich wie mit einem Bogen:

Dises Gebett endet sich nimmer ohne uberflüssige Zeher / mit so grossem Schmertzen / daß ime wegen seiner Schwachheit alles das so er inn den Händen hätte / unvermerckt entfiele: wäschet also sein Seel mit den eusserlichen Zeheren seiner Augen / und duncklet dieselben / die Seel dardurch innerlich zu erleuchten.

Uber das alles (ob er gleichwol allbereit zu einer solchen Heyligkeit gelangt) antwortet er seinem Medico (so ihne der Gefahr deß Erblindens/ wann er zu weinen nit nachliesse / erinnert) er wolte vil lieber die Augen (welche er mit den Fliegen gemein hätte) gantz und gar / dann die Zeheren / durch welcher Mittel er die innerliche Augen erklärt / unnd sie inn der Betrachtung Gottes den Englen gleich machet / verlieren / bey welchem Fluß der Zehern behielte er doch ein lieblich klar Angesicht / als diser / welcher wegen Reynigkeit seines Gewissens / nichts förchtet / und allezeit seinem Gott beygethan ware:

name derhalben alles das jenig so ihme begegnet / als von seiner Hand kommend / mit Gedult auff.

Dieweil aber zu diser vollkommenlich / ohne innerliche Abwäschung unnd Säuberung der Seelen von den Sünden unnd Unvollkommenheit / nit zu kommen / beredet er unabläßlich seine Brüder / sie solten sich mit den von deß Leidens Christi wegen vergoßnen Zehern reynigen und wäschen / unn desselben eusserist befleissen.

 

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