ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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28.11.2000.10.7.2013

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Warum Franziskus weinte, als er ein Lamm sah. Verfluchung des Schweins

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 89

Franziskus aktuell zum Thema Rinderwahn / Creutzfeldt-Jakob-Krankheit / Weihnachtsbraten / Osterlamm / Vegetarismus

Ein Klassiker! Man lasse sich diesen Genuß nicht entgehen und mache sich die Mühe der Lektüre dieses mittelalterlichen Textes. Das ist der wirkliche Franziskus, wie er leibt und lebt.

Wie der heylige Vatter Franciscus / wann er einige Creatur sahe beleydigen /
den Herren darin betrachtende / sich deß Weinens nit erhalten köndte.

Cap. 89
S. Bonaventura.

Wegen diser mitleidenlichen Liebe / die er vollkommenlichen zu seinem Christo Jesu truge / ward sein Seel dermassen in seines Nächsten / als eines Glids Christi / Widerwertigkeiten zu Mitleiden geneigt / daß er sich derselben / als wann sie ihme selbst begegnet / bekränckte / unnd name solche Reynigkeit so vil zu / daß er auch die unvernünfftige Creaturen nit möchte beleydigen sehen / sonderlich die jenige / welchen unser Erlöser inn der heyligen Geschrifft verglichen worden.

Liebet derhalben sonderbar die Lämblein / inn welchen die Gedult unnd Sanfftmütigkeit unsers Herrens figuriert wäre.

Als er mit Bruder Paulo (welchen er zum Minister der Marck geordnet) von Ancona gen Osimo reiset / traffe er under Wegen einen Hirten an / welcher under vilen Geissen nur ein einig Schäffle hätte / welches als ers sahe / ihne sehr behertziget / daß solches armseliges Thierle allein under so vil verweiten Geissen weiden solte / spricht derhalben zu dem Gesellen (Anm.: einem Mitbruder):

Siehst du Bruder / wie dises Schäfflein so sanfftmütig under so vil Geissen unn Böcken wandlet: Also ist Christus unser Herr under den Schrifftgelehrten und Phariseeren sanfft- und demütig herumb gezogen / in dessen Namen bitte ich / laß uns alle Mittel versuchen / ob wirs von den Händen dises Hirten erledigen möchten.

Der Bruder der ime (weil sie kein Gelt hätten) zu helffen nit wißte / facht an sambt dem H. Vatter seinen Schmertzen zu beweinen.

Inn deme kombt ohne gefert dahin ein Kauffmann / begert die Ursach irer Betrübnus zu wissen.

Als er solche vernommen / bezahlt er dem Hirten das Schaff / unnd gibts dem heyligen Vatter / der erfrewet sich dessen hoch / führt es mit sich biß gen Osimo für den Bischoff / der verwunderet sich / begert die Ursach zu wissen.

Als er die vernommen / entsetzt er sich wegen der grossen Frommkeit deß heyligen Vatters / unnd kan sich deß Weinens sambt ihme nit enthalten.

Den andern Tag hernach schenckt er das Schäfflein / auff daß ihme nit weiters Ubel begegnet / den Klosterfrawen zu S. Severina / mit grossem irem Frolocken / wegen der Andacht so sie zu dem heyligen Mann trugen:

behieltens als sein Heylthumb mit sonderem Fleiß / da es in kurzer Zeit so vil Wollen gegeben / daß sie dem heyligen Vatter einen Habitum darauß machten / unnd ihme bey nächst gefolgten Capitel zu seinem grossen Wolgefallen zuschickten.

Er umbfieng den / berueffet (Anmerkung: im Text heißt es berüffet, genauer gesagt ein u mit einem winzigen e darüber, daher also kommt das ü, man sprach wohl damals auch Brüder wie Brüeder, wie etwa heute noch im Schwäbischen) alle gegenwertigen Brüder / ermahnet sie sich mit ihme zu erfrewen / wegen deß grossen Gewins / so er an disem Lämble gethan hätte.

Ein ander mal / eben in diser Provintz / begegnet ime ein anderer Baursmann / so zwey Lämmlein auff den Marckt solche zu verkauffen / truge: als er nahend zu dem Vatter kommen / legt er sie ab auff den Boden umb ein wenig zu ruhen / dise weil sie gebunden / fahen an zu blärren / unnd der fromb Vatter sich deren zu erbarmen / wendet sich zu dem Bauren / fragt warumb er sie also gebunden.

Er antwort /

damit sie mir nit entfliehen / dann ich will sie auff den Marckt tragen / unn wegen großen Mangel Gelts daselbst verkauffen.

Der heylig Vatter sagt:

Und was werden die so sie kauffen / darmit thun?

Der Baur schütlet (Anm.: also doch ein schwäbischer Übersetzer) den Kopff und sagt:

O du guter Gesell / sie werdens abstechen / unnd nach ihrem Gefallen sieden oder braten / und alsdann essen.

Der Vater sagt bey ihme selbsten aller betrübt:

Ey das soll nimmer geschehen / dann ich will sie für mich behalten /

ruefft dem Bauren / und sagt /

komme her / wilst du mir die Lämblein umb disen meinen Mantel geben.

Der Bauer besinnet sich nit lang / dann der Mantel war new / und ihme erst kurtzlich gegeben) sagt:

Gar gern Vatter /

machen also den Tausch (Anm.: das wäre überhaupt die ideale Wirtschaftsform, und wenn unsere Industriegesellschaft längst zusammengebrochen ist und von den Millionen Städtern vielleicht nicht mehr viele übrig sind, werden die Aymará- und Ketschua-Indianer auf dem Altoplano wie ihre Vorväter weiter Tauschhandel treiben und überleben, obwohl ein Reisender geschrieben hatte, die Globalisierung würde diese Relikte einer überholten Zeit bald gnadenlos hinwegfegen. Die Verfasser des Handbuchs des einfachen Lebens)

/ und der heylig Vatter facht an zu trachten / wie er die Lämblein versorgen wolte / gedunckt ine das best zu seyn / (wie er sich mit seinem Gesellen berahtschlagget) er solts dem Bauren zu versorgen wider zustellen / der müßt ihme aber versprechen / daß er sie weder verkauffen / noch umbbringen wolte.

Als er nahend bey Agubio inn S. Verecondi Kloster war / fellet ein Schäfflein ein Lamb / nit weit von einer Saw / welche das Lämblein gefressen.

Als er solches vernommen / facht er an hertzigklich zu weinen / und sagt:

Ach du mein liebstes Lämblein / wie wol andeutest du den unschuldigisten Todt unsers Erlösers Jesu Christi.

Alsbald verflucht er das Schwein / ein wunder Ding / es erkranckt zur Stund / stirbt den dritten Tag (Anm.: Man beachte, wie Franziskus mit denjenigen umgeht, die das Gute zerstören): das Aaß wirdt wegen des Gestancks / in ein Gruben geworffen / kein Vogel oder Thier greiffts an / oder wolt darvon fressen / verfault nit / dorret auß / und ward also zu einer Gedechtnus behalten.

Von welchen Exempel ein jedweder / der gegen seinem Nächsten einigen Grewel übet / lernen solle die ewige Straff Gottes / unnd wie billich deß Heyligen Mitleiden gewesen / weil er von Gott erhört zu werden verdienet: welcher auch / weil sich David selbsten einen Wurm / und nit Menschen nennet / die Würm so er in der Strassen fandt / auff daß sie durch die Durchreisenden nit zertretten / auffhebet.

Den Immen (wann er sie zu Winters Zeit sahe) gabe er / auff daß sie nit sturben / Wein oder Honig zu essen:

und also inn allen Creaturen Gott seinen Schöpffer erhebt / inn ihme tröstigklich gelebt / unnd sich inn seinen Göttlichen Genaden erhalten.

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