ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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2.12.2000. 9.7.2013

12F3190

Auslegung des Vaterunsers

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 90

Von der Außlegung so der Heylig uber das Vatter unser gemacht.

Cap. 90.

UNder allen anderen deß heyligen Vatters Gebetten / war bey ihme das Vatter unser das fürnembste / von welchem er ein wunderlichen Geschmack empfienge / und sein Hertz gantz und gar inn Gott erhebte / und derhalen die Brüder solches zu Erbawung deß Nächsten / auff folgende Weiß zu betten lernte.

Vatter unser / allerheyligister / seligister Erschaffer / und unser Tröster / der du bist in den Himlen under den Englen / und Heyligen / und sie / weil du das Liecht selberst bist / erleuchtest / unnd sie / weil du die Liebe selbsten bist / entzindest / und inn ihnen wohnest / und weil du das höchste ewige Gut bist / zu deiner Seligkeit erhebest / von welchem alles Guts herfliesset / und ausser welches kein / und nichts Guts ist.

Geheyliget werde dein Nam / und uns dein Erkantnus erklärt / auff dass durch uns die Grösse deiner Gutthaten / die Erfüllung deiner Verheissungen / die Hochheit deiner Maiestät / und die Tieffe deiner Gerichten / wol erkant werden.

Zukomme uns dein Reich / auff dass du an jetzo regierest in uns mit der Gnaden / und wir hernach in das Reich der Glori mögen eingehen / in welchem allzeit dein erleuchtigiste Gegenwärtigkeit / wie ein vollkomne Liebe / ein glorificierte Gesellschafft / und ein unendtliche Freud / sich befindet.

Dein Will geschehe wie in dem Himmel / also auch auff Erden / auff daß wir dich mit unendtlicher Liebe  lieben / und allezeit inn dir mit den Gedancken seyen / inn dir mit der Intention / in dir mit dem Geist / inn allen unseren Handlungen / dein Ehr mit allen unseren Kräfften / mit allen unser Seelen und Leibs Sinnen suchen / alles in dem Dienst deiner Liebe / und nit anderem freygebig spendieren / unsern Nächsten wie uns selbsten lieben / das heyligiste Gebett haltende /  allen Menschen wie uns selbsten von deiner wegen alle vollkomne Liebe erweisen / uns deß Nächsten wie unser selbsten Wolfahrt erfrewen / mit seinem Gebrechen / Betrübnussen und Nöhten / als wären sie unser / ein Mitleiden tragen / ihnen alle mügliche Hilff / unnd Beystand leisten / wie wir selbsten in solchen Nöhten gehalten zu werden begerten.

Unser täglich Brot / deinen gebenedeyten / geliebsten Sohn Christum Jesum / gib uns heut / inn unseren Sinn und Verstand / mit aller Reverentz von der grossen Liebe wegen / so er zu uns getragen / unnd von alles dessen / so er von unser Armseliger wegen gesagt / gethan / und gelitten hat.

Und vergib uns unsere Schuld / durch dein unendtliche Barmhertzigkeit / durch die Krafft deß Leidens deines eingebornen Sohns unsers Herren / durch die Verdienst und Gebett aller reynisten Jungkfrawen Mariae unser Frawen / und aller Außerwehlten inn dem Himmel.

Wie wir vergeben unsern Schuldigern / also vergibe uns auch / O Herr/ und wann wir /wie wir solten / nit vollkommenlich vergeben / schaffe Herr / daß wirs thüen  / auff daß wir / daß uns verzigen werde / auch verdienen / schaffe Herr / daß wir von deinet wegen nit allein Böses für Böses nit widergelten / nit allein nit hassen / sonder die Feind lieben / und solche mit den Wohlthaten und Gebett zu dir unserem Gott erweisen.

Verlasse uns nit Herr / in unseren erschröcklichen Versuchungen / so wol den verborgnen als offenbaren /  unn lasse uns nimmer in denselben gefelt werden.

Sonder erlöse uns allzeit von dem vergangnen Ubel mit der Rew / von dem gegenwertigen mit der Buß / mit der Bewahrung deiner Gnaden / unnd von dem zukünfftigen mit der Verharrung deiner allerheyligisten Forcht. Amen.

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