ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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2.12.2000. 13.7.2013

12F3192

Sonnengesang

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 92

Von dem Gesang der Sonnen / und anderen Creaturen / so der heylige Franciscus componiert.

Cap. 92. S. Bonaventura.

ES hat der heylige Vatter Franciscus / zu Lob deß Herren / als er ihne der Glori deß Paradeiß vergwißt / ein Gesang componiert / und solches / dieweil die Sonn under den unvernünfftigen Creaturen die fürtrefflichist / und sich Gott selbst ein Sonn der Gerehtigkeit nennet / der Sonnen Gesang genant / und ist dises so inn acht Vers zertheylt zu gleich den acht Seligkeiten / hernach folget.

Allerhöchster Herr / dein ist das Lob / die Glori / und Ehr / und dir allein gehört alle Danckbarkeit / und kein Mensch ist würdig dich zu nennen.

Seye gelobt mein Gott / und erhöcht von allen Creaturen / sonderlich der Sonnen / dein Geschöpff / welche den Tag zu unserem Gesicht erleuchtet / unnd derhalben von wegen ihrer Schöne unnd Glantz dein Figur ist / und von derem weissen Monschein und Sternen von dir so klar und schön inn dem Himmel erschaffen.

Gelobet seye mein Herr durch das Feur / durch welches die Nacht der Finsternus erleuchtet / dann es ist scheinlich / frölich / schön / und lustig.

Gelobet seye mein Herr durch den Lufft / die Wind / die Heitere / das Gewülck / und alles anders Gewitter / durch welches alle andere Creaturen erhalten werden.

Gelobet seye mein GOtt durch das Wasser / den Menschen ein nutzlichist Element / demütig / keusch / und klar.

Gelobet seye mein Herr durch unsere Mutter die Erden / die uns tragt / unnd mit Fürbringung allerley underschidlichen Kräuteren / Blumen / und Früchten erhaltet.

Disen folgenden Vers hat der H. Franciscus / als er zwischen dem Bischoff und Haubtmann von Assisi Frid gemacht / wie hernach zu sehen / hinzu gethan.

Gelobet sey mein Herr durch die / so von seinet wegen verzeyhen / und die Mühseligkeit mit Gedult / und die Betrübnussen mit Fröligkeit deß Geists tragen.

Den nachfolgenden Vers hat er dazu gethan / wie ihme der Tag seines Ableibens von dem Herren kundt gethan worden.

Gelobet seye mein Herr durch den zeitlichen Todt / welchem kein Mensch entgehen mag / wehe denen so inn Todtsünden sterben / und wol denen die zu ihrem Abschid sich / wegen daß sie deinem heyligisten Willen gehorsamet / in deinen Gnaden befinden / dann sie werden den anderen Todt der ewigen Pein nit empfinden.

Lobet und dancksaget Gott meinem Herren / seyt ihm danckbar / und dienet ihm mit schuldiger Demut / wie ihr sollet / alle Creaturen.

Dises Gesang ward von dem heyligen Vatter seinen Brüdern offt fürgesungen / und lernet sie solches auch zu singen / und je lieblicher sie es sungen / je mehr er sich darab erfrewete / und sein Geist wunderlich in Gott erhebte / so vil daß er Bruder Pacificum / welcher inn der Welt ein berühmbter Musicus und Poet / wie oben gesagt / gewesen / wolte beschicken / und ihme etliche geistliche Brüder zugeben / auff daß er solche dises Gesang vollkommenlich mit zu samen Stimmung lehrete zu singen / damit er sich hernach derselben / wann er zu predigen außzuge / zu dem Lob Gottes gebrauchen möchte / wolte auch daß dise Ordnung solte gehalten werden / und daß die Brüder dises Gesang allezeit nach vollendeter Predig als ein Lob Gottes singen / und dem Volck vorsagen solten / sie wären  Gottes Gesänger und Musici, begerten umm solche kein andere Belohnung / als daß sie uber ire Sünde Buß würcken solten.

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