ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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10.1.2002. 13.7.2013

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Franziskus kennt die Geheimnisse der Menschen

Der Cronicken der Minderen Brüder, Konstanz 1603. I, Cap. 95

Wie der heylig Vatter Franciscus
die Geheimnussen der Gewissen der Menschen gewißt.
Cap. 95. S. Bonaventura. Fioreto.

Demnach der allmächtig Gott / unser Herr Christus Jesus / den glorificierten heyligen Vatter Franciscum zu einem Hirten seiner Schäfflein außerkohren unnd erwehlet / hat er ihne auch durch sein Göttliche Krafft innerlich dermassen erleucht / daß er ihne mächtig gemacht die Geheimnussen der Gewissen seiner Brüder / wie auch ihre verborgne Nohtwendigkeiten zu erkennen.

Dannenhero er auff einerley Weiß die allbereit ertheylte als die zukünfftigen Gnaden Gottes erkennen mögen. Auß welcher Erkantnus er vilen den Fall / welche gleichwol die Vollkommenheit erlangt zu haben vermeynten / und entgegen das Heyl vilen Boßhafftigen Verkehrten (welchen er die Bekehrung verkündet) prophetiziert.

Nit weniger sahe er die jenige Sachen / die uber vil Jar hernach geschehen solten / als wann sie gegenwärtig wären: spieglet sich allein in dem klaren Schein deß Göttlichen Liechts / und in seinem wunderlichen Glantz / durch Göttliche / sonderbare Praerogatif.

Sonderlich aber erkent er die Zuständ und Enderung seiner Religion / welche er vil malen mit uberflüssigen Zehren seinen Brüderen communicierte. Den particular und sonderbaren Anligen der Gewissen seiner Undergebenen / eylet er so vil und starck er möchte / alsbald zu helffen / unnd wann sie weit von ihme waren / erschine er ihnen in dem Schlaff / sagt inen was sie thun / und vor wem sie sich verhüten und bewahren solten / wie hernach zu sehen.


Als der heylige Vatter / sambt seinem Gesellen Bruder Leonarden von Assisi / so eines stattlichen unnd edlen Geschlechts / uber Meer kommen / und seiner Kranckheiten halben gar zu schwach unnd müd ware / müßte er etlich Tag auff einem Esel reiten. Der arme Bruder Leonhard / so zu Fuß lauffen müßte / und gar müd ware / fienge an in ihm selbsten zu murren / und zu sagen:

Was thu ich armer Mensch? / daß ich disem also zu Fuß nachfolge? Dises war ja nit der Unterschid zwischen seinem unnd meinem Geschlecht / und doch jetzt geleich zu Widerspil reit er / und ich muß zu Fuß gehen / und seinen Esel fort treiben / und mich selbst abmüden / daß ich schier nit weiter kann:

zeucht also mit disen seinen Gedanken immer hernach.

Der heylig Vatter vernimbt dises seines Gesellen Murren in dem Geist / rüfft ihm / steigt vom Esel ab / und sagt:

Wahrlich liebster Bruder / ich erkenne wol daß ich wenig Verstand hab / und dich also ermüdeten zu Fuß lasse gehen / und ich reite: derhalben so sitze auff / dann du bist in der Welt vil edler und geehrter als ich gewesen.

Als Bruder Leonhard das hörte / ward er (wegen daß der heylig Vatter so bald seine Gedancken erkent) sehr erschreckt unnd betrübt / warffe sich alsbald mit höchster Rew ihme zu Fuß / beychtet seine eytele / böse Gedancken / bittet umb Verzeyhung / und erlangts.


Zwen geistliche Brüder kamen von Riete eigens zu dem Oratorio di Grecio, den heyligen Vatter zu besuchen / und von ihme den Segen zu empfahen. Als sie dahin gelangt / wirdt ihnen angezeigt / sie köndten nit mehr mit dem Vatter reden / dann er hätte allbereit gessen / unnd sich inn sein Zell / darinner er bettet und schlaffet / begeben / unnd darauß (weil es Fastenzeit wäre) sich deß Tags nit mehr als eines mals zu Essenszeit sehen liesse / und dörffte in solcher Zeit / wann er sich eintzig befende / sein eigner Gesell (geschweigen ein anderer Bruder) allein er befehle es sonderbar / nit zu ihme eingehen: müßten also die armen / trostlosen Brüder / so sich einer solchen Gnad nit würdig schetzten / weil ihnen ihr Guardian / daß sie zu Abend wider inn ihrem Kloster sein solten / anbefohlen / wider darvon ziehen.

Inn deme zeucht der heylig Vatter / der solches im Geist vorgesehen / wider sein Gewohnheit auß der Zellen herfür / eylet denselbigen Brüderen nach / so allbereit weit von dem Kloster waren / tröstet sie mit der begerten Benediction / und schickt sie / weil sie dise Benediction auß sonderbaren Inspiration unnd Anschickung Gottes ihnen erfolgt zu seyn erkenten / gar wol befridiget widerumben fort.


Als zwen Brüder von Neaples ihne zu besuchen kamen / thate der älter derselben auff der Straßen einen Mißtritt / dessen sich der jüngere gar sehr geärgert. Als sie nun für den heyligen Vatter kommen / unnd den Segen von ihme empfangen / fragt er den jüngeren / wie sich sein Gesell auff der Reiß verhalten hätte.

Dieser (weil ihne nit billich gedunckte deß Gesellen Mängel zu offenbaren) sagt: Er hätte sich wol verhalten. Deme sagt der heylige Vatter:

Hüte dich Bruder / daß du nit die Lugen sagest / dann ich weiß gar wol alles / so sich auff der Reiß verloffen / und will daß du sollest wissen / daß nit lange Zeit fürüber gehen wirt / du wirst noch ärgers von diesem sehen.

Also geschachs: Dann nit lang hernach trate dieser alte Bruder / wie der heylig Vatter vorgesagt / wegen der begangnen Sünd / Ergernus / und Unbußfertigkeit auß dem Orden.


Zu den ersten Zeiten deß Ordens / als niemandts / allein durch den heyligen Vatter Franciscum selbsten in den Orden auffgenomen warde / kombt zu ihme ein Lucesischer Edelmann / den Habitum an ihne zu begeren / hätte bey ihme etliche seiner Gesellen / unnd war zu der Zeit / als der heylige Vatter inn deß Bischoffs von Assisi Behausung kranck zu Beth lage.

Als er nun in sein Gegenwärtigkeit gebracht / wirfft er sich ihme zu Fussen / und begert trungenlich / er sollte ihne inn den Orden nemmen. Der heylige Vatter sicht ihme starck in das Angesicht / und spricht:

O du Ellender / dises Begeren wirdt denen Menschen / welche der Empfindligkeit / und Welt / wie du bist / zugethan / nit eingewilliget / warumb darffst du dem heyligen Geist die Lugen reden? Dise deine Zeheren (Anm.: Zähren, Tränen) seynd falsch / und das Innerlich deines Hertzens ist nit mit Gott / er berüfft dich auch nit zu disem Orden / gehe wider hin im Friden / dann du bist darzu nit gut.

Kaum hätte der Vatter diß außgeredt / da hätten die Brüder Kundschafft / daß dises Jungen Befreundte ihne zu holen daher kamen / sagen ihms / er wolts nit glauben / begibt sich an ein Fenster: Als er sie sahe / erfrewet er sich / nimbt alsbald von den heyligen Vättern / so bey dem heyligen Francisco waren / seinen Abschid / eylet den Freunden zu / und kehrt mit ihnen wider inn sein Hauß. Ab welchem sich alle Umbstehenden höchlich verwundert / daß der heylige Vatter also bald die innerliche Gedancken dessen / der eusserlich also berewt und fromb erschine / solte erkant haben.


Ein solches hat er an einem anderen seiner Brüder wahrgenommen / welcher wegen Haltung deß Silentij (Anm.: lateinisch silentii, er gab sich dem absoluten Stillschweigen hin) von dem Teuffel betrogen / daß er so weit kommen / daß er auch / ohne allein durch Deutung wie ein Stumm / nit mündtlich beychten wolte / wie dann die andern Brüder / auff daß sie das Silentium hielten / wann sie sonsten was von einander begeren wolten / auch im Brauch hatten.

Erzeigte also nit redend so vil Zeichen einer sonderlichen geistlichen Freud / daß er alle Brüder zu dem Lob Gottes bewegte / unnd nach dem das Geschrey dessen außgebreitet unnd erschallen / er von menigklich für Heylig geacht worden.

Als aber zu selbiger Zeit der heylige Franciscus dahin da der Bruder ware / kommen / und den Handel erwegen / sagt er zu den Brüdern:

Dieser wäre höchlich von dem Teuffel versucht unn betrogen / dann die mündtliche Beycht (wann sie seyn köndte) wäre der Seelen so wol als die Berewung und Genugthuung nohtwendig.

Unnd als der Obrist desselben Orts zu disem Gespräch kame / und dem heyligen Francisco die grosse Heyligkeit dises Bruders rühmbte / unnd daß er vom Teuffel betrogen wäre / in Ansehen so viler Zeichen der Heyligkeit für unmüglich hielte / spricht der heylige Franciscus:

Versuche ihn auff dise Weiß / befiehl ihme er solle dise Wochen zwey mal / oder doch auffs wenigist ein mal beychten / thut ers nit / so halte es gewiß für ein Betrug deß Teuffels.

Als der Obrist das thäte / steckt der Bruder den Finger inn den Mund / erschüttelt den Kopff / und deutet / er könde wegen Haltung des Silentij solches nit thun / darüber ihne der Obriste auch nit weiter getriben.

Es stund nit lang an / daß sich die hohe Wissenheit des heyligen Vatters entdecket / weil diser Bruder auß dem Orden gangen / den Habitum (Anm.: Ordenskleid) abgelegt / unn sich weltlich bekleidet.

Nit lang hernach begegnet er in gemelter Kleidung / einig und gar ellend zweyen Ordensbrüdern / dise sagen zu ihme auß grossem Mitleiden:

O du Armseliger / und deiner selbsten Vergeßner / wo ist dein heylig und einig Leben hinkommen / da du mit deinen Brüderen nit conversieren / oder das Silentium zu halten / inn der Beycht nit reden woltest / und jetzo also verloren inn der Welt umblauffest / das Kleid abgelegt / die Regel verlassen / und dein Gelübt / als ob du Gott nit erkennest / gebrochen.

Auff dises antwortet er so teuffelisch / daß er wol erzeigt / daß er nit allein den leiblichen Habitum, sonder auch die Religion / unnd alle innerliche Tugenten abgezogen / haben ihne auch die Brüder nie wider bekehren mögen / mit allem daß sie sich starck beflissen / ihme sein Obligation gegen Gott / unnd die Gefahr seiner Verdammung zu Gemüt zu führen (Anmerkung ETIKA: Welcher Pfarrer tut das noch heutzutage?) / unnd ist also bald hernach inn den Händen dises Teuffels / welcher ihne also ersteckt gehalten / daß er nit beychten wöllen / gestorben /und allen anderen Brüdern ein Exempel verlassen / auff daß sie sich hüten in denen zu der Religion gehörenden Sachen / nichts sonderbares zu haben / welches mehrers Hoffart / dann ein Geist der Andacht und Demut andeuten.

Anmerkung etika.com: Wer auf den Spuren des Franziskus wandelt, wird selbst solcher Gnaden teilhaftig. Schon der Blick auf ein Gesicht kann einem ein ganzes Drama offenbaren.

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