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Franziskus-Chronik, 2. Buch

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12F3201

Der Portiunkula-Ablass

8.11.2023

Der Cronicken der Minderen Brüder / Das ander Buch. Konstanz 1603
In welchem folget das Leben / Absterben / unnd Wunderzeichen deß Seraphischen Vatters Francisci.
Auß der Spannischen Sprach in die Italianische verkehrt durch M. Horatium Diolam Bolognesern: Und an jetzo in Teutsche Sprach gebracht / Durch Den Edlen / Gestrengen Herren Carl Kurtzen von Senfftnaw / Röm. Key. Maiest. etc. Raht / etc.
Getruckt zu Costantz am Bodensee / bey Nicolao Kalt. M.DC.III

Von dem völligen Ablas / von Christo Jesu der Kirchen zu S. Maria der Englen zu Porticella wunderlicher Weiß gegeben.

Cap. 1. Fioreto. S. Ant.

JE mehr sich die Vollkommenheit in dem glorificierten heyligen Francisco mehrte /  und je mehr er sich unabläßlich mit Gott zu vereinigen übte / je mehr verguß er Zeheren (Zähren, Tränen) / bekümmeret sich / und truge wegen deß Verlust deren durch das kostbare Blut Christi Jesu erlößten Seelen / unerträglichen Schmertzen.

Dannenhero weil er nit nachliesse die Barmhertzigkeit Gottes umb Behaltung derselben anzurüffen / begabe sich im Jar deß Herrn 1223. daß als er in dem Gebett ware / und den Herren umb solche Gnad anrüffte /  ihme der Engel deß Herrn erschine / unnd sagte / er solte alsbald der Kirchen zueylen / dann sein Herr Christus Jesus / sambt seiner heyligisten Mutter / und einer grossen Anzahl der Engel warteten daselbsten auff ihne.

Als er dise fröliche Bottschafft vername / laufft er eylendts der Kirchen zu / findet den Herren auff dem Fronaltar / in einem königklichen Stul / sambt seiner geliebten glorificierten Mutter / ihme zu der Gerechten sitzend / und beyde mit einer grossen Menge der seligen Geister umbgeben.

Und als er sich auff den Boden warffe / hörte er sein Göttliche Stimm / die ihm rüffte / und sagte:

O Francisce wisse / dass ich deine innbrünstige Gebett angehört / und dieweil ich weiß mit was Sorg und Eyffer du und dein Orden dem Heyl der Seelen nachstellen / begere was du denselben zu Gutem für ein Gnad haben wilst / so will ich dirs einwilligen / unnd ertheylen.

Deme antwortet der heylig Vatter / (als er ein Hertz gefasset / unnd von so grossem Anerbieten gestärckt worden) und sagt demütigklich:

O mein Herr Jesu Christe / ich ellender / unwürdiger Sünder / beger mit allerhöchster Reverentz so müglich / von deiner Göttlichen Maiestät / du wöllest dem ganzen Christlichen Volck dise Gnad thun / und ein general Ablas unnd Verzeyhung aller Sünden verleyhen / denen so gebeychtet unnd berewet / zu dieser deiner Kirchen kommen werden.

Gleichfals bitte ich dich aller reyniste Jungkfraw / heylige Mutter / und unser Fürsprecherin / du wöllest meiner und aller sündigen Christen / bey deinem aller lieblichsten Sohn getrewe Fürbitterin seyn.

Von welchen Worten die heyligiste Jungkfraw alsbald bewegt / unnd von seinet wegen den Herren angefangen zu bitten / sagende:

O allerhöchster Herr / und Sohn / ich bitt euch / ihr wöllet disem ewerem getrewesten Diener dise Gnad so er mit solchem Eyffer der Seelen Heyl / ein Sach so vor allem anderem von euch begert wirdt / bewilligen / bewilliget ihme dise Gnad in disem meinem Tempel / zu ewer Ehr / und Aufferbawung ewer heyligen Kirchen.

Der Herr antwortet alsbald:

O Francisce / die Gnad so du begerst / ist ziemlich groß / aber dise deine / den meinen gleichförmige Begirden verdienen noch vil ein mehrers: Derhalben bewillige ich dir / was du begert hast: aber gehe zu meinem Vicario, deme ich hie auff Erden auffzulösen / und zu binden Gewalt gegeben / und begere in meinem Namen / daß er dir solche gebe /

und ist mit dem verschwunden.

In Mittel dessen / lauffen die Brüder / so ihre Zellen nahend daselbsten hatten / zu sammen / hätten den Glantz gesehen / unnd das Gespräch gehört / dörfften sich aber wegen der Ehrerbietung und Schrecken nit hinzu nähen / allein der heylige Vatter / nach dem er dem Herrn gedancket / berüffet er eylendts Bruder Maseum zu einem Gesellen / und zeucht auf Perus (Perugia) zu / allda sich Babst Honorius mit sambt dem Römischen Hof befunde / unnd als er für sein Heyligkeit kommen / fienge er an auff dise Weiß zu reden:

Heyligister Vatter / ich hab ein alte verwüste Kirchen S. Maria von Porticella genant / nahend bey der Statt Assisi ernewert und auffgericht / in welcher ewere Mindere Brüder waren.: Jetzt bitte ich ewer Heyligkeit durch die Liebe unsers Herren Christi Jesu / seiner glorificierten Mutter / und wegen des Heyls der Seelen aller Christgläubigen / ihr wöllet diser völligen Ablas / unnd Verzeyhung aller Sünden (ohne anders Allmusen) gnädigklich verleyhen unnd geben.

Der Babst antwortet / es wäre an jetzo bey dem Apostolischen Stuhl gleichwol nit gebräuchlich / Indulgentzen ohne Darreichung deß Allmusens mitzutheylen / dann durch Mittel derselben solten sie erlanget werden. Fragt in hernach / auff wie vil Jar er solche begeret. Der heylige Vatter antwortet:

Heyligister Vatter / ich will nit Jar / sonder Seelen.

Wie Seelen? sagt der Babst. Unnd der heylige Franciscus spricht:

Ich begere sie dergestalt / daß ein jeder Christ / welcher gebeycht und berewet kommen wird dise Kirchen zu besuchen / solle aller seiner Sünden / die er von dem Tag seines Tauffs an biß dorthin begangen / von der Schuld und Straff hie auff Erden / unnd dorten in dem Himmel entlediget werde / und solches begere ich nit inn meinem / sonder Christi Jesu unsers Herren Namen / unnd der hat mich allher zu ewer Heyligkeit gesandt.

Alsbald der Babst solches höret / unnd mit dem heyligen Geist erleuchtet / sagt er mit heller Stimm drey malen:

Ich bewillige alles / wie du es begert hast.

Die Cardinäl aber so gegenwärtig waren / berichteten ihne / er solte wol Acht haben / was er bewilligte / dann er wurde die Indulgentzen deß heyligen Lands / und St. Peter und Pauls zu Rom abthun / und destruieren / daß sie nit mehr geachtet wurden.

Auff dises antwortet der Babst / er wollte solche nit mehr revocieren (ren, reu?). Sie sagten / er solte doch ein Zeit darzu verordnen / und auff einen einigen bestimbten Tag im Jar einziehen und moderieren. Darauff sagt der Babst:

Wir bewilligen allen glaubigen Christen / welche wahrhafftig berewet / und gebeycht / inn S. Maria der Engel Kirchen werden eingehen / von Schuld und Straff der Sünden entlediget werden / und wöllen / daß solches zu ewigen Zeiten / ein Tag im Jar / nemblich von der ersten Vesper an / den ganzen folgenden Tag / biß zu Undergang der Sonnen seyn solle.

Als der heylige Franciscus solches erhalten / gehet er dem Babst die Füß zu küssen / stehet nach empfangner Benediction auff / und will darvon. Der Babst aber rüfft im / und sagt:

O du einfältiger Mensch / wohin gehst du? Was tragst du für ein Wortzeichen mit dir? daß du den Ablas erlangt habest?

Der heylig Vatter antwort: Sein Wort wäre ihme genug / unnd desto mehr weil dises ein Werck Gottes wäre / wurde derhalben von seiner Göttlichen Maiestät publiciert und erhalten werden / er begerte auch kein andere Bullam / dann die seligiste Jungkfraw / Christum zu einem Notario / und die heylige Engel zu Gezeugen / machte sich mit disem darvon: und als er dahin gezogen / kehrt er in einem Siechenhauß ein / inn welchem nach Verrichtung deß gewöhnlichen Gebetts / ihme von dem Herren Jesu geoffenbaret worden / daß der Ablas so er erlangt / allbereit in den Himlen auch confirmiert unnd bestetet wäre. Als er dises dem Gesellen geoffenbart / fahen sie beyde wiederumm an Gott den Herrn zu loben unn zu preysen.

 

 

 

 

 

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