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Franziskus-Chronik, 2. Buch

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12F3202

Schwere fleischliche Versuchung und Festlegung des Tages für den Ablass

10.11.2013
S. 341ff

Der Cronicken der Minderen Brüder / Das ander Buch. Konstanz 1603
In welchem folget das Leben / Absterben / unnd Wunderzeichen deß Seraphischen Vatters Francisci.
Auß der Spannischen Sprach in die Italianische verkehrt durch M. Horatium Diolam Bolognesern: Und an jetzo in Teutsche Sprach gebracht / Durch Den Edlen / Gestrengen Herren Carl Kurtzen von Senfftnaw / Röm. Key. Maiest. etc. Raht / etc.
Getruckt zu Costantz am Bodensee / bey Nicolao Kalt. M.DC.III

Von einer schweren fleischlichen Versuchung / die der heylig Franciscus gehabt / unnd auff was Weiß er sie uberwunden / und wie wunderlich der Tag gemelter Indulgentz durch Gott assigniert worden.

Cap. 2. Fioret. Legenda.

DEr Tag ware noch nit bestimbt / an welchem gemelter (gemeldeter, erwähnter) Ablas zu erlangen seyn solte. Alsbald aber der heylige Franciscus zu S. Maria der Englen ankommen / und in seiner Zell dem Gebett oblage / erschine ihme der Teuffel / umb die Mitnacht / in Gestalt eines Engels / sagende:

O du armer Francisce / warumb begerst du vor der Zeit zu sterben? Warumb verzehrest du dein Complexion mit so langem Wachen? Weist du nit dz die Nacht zum Schlaffen verordnet? und der Schlaff der fürnembste Auffenthalt deß Leibs ist? Du bist zwar noch nit alt / warumben wilt du dich dann also umb das Leben bringen? Ist es nit besser daß du dein Leben erhaltest / mit welchem du deinem Herren desto länger dienen / und seiner heyligen Kirchen / und deinem Orden vorstehen mögest: folge derhalben meinem Raht / bekräncke dich nit mit so vil uberflüssigem Wachen / unnd Betten / dann das Mittel allein ist das / welches Gott gefällig.

Als solches von dem heyligen Mann angehört / und der Betrug deß Feinds / der in eusserlich mit der Stimm / und innerlich mit der Eingebung versuchte / erkant / stehet er von dem Gebett auff / zeugt sich nackend auß / wirfft sich inn ein grossen Busch stechender Dörn / weltzet sich darinn so lang umb / biß daß das Blut aller Orten von ihme ranne / redte mit ihme selbsten / unnd sagte:

O du mein Leib / wievil besser wäre es dir gewesen / daß du den Passion und Leiden Christi Jesu betrachtet / dann daß du dises wegen deines Recalcitrierens unnd Begirden der weltlichen Wollüsten leidest.

Und sihe es erscheint ihme in disem seinem Gespräch in Mitten auff dem Eyß / weil es inn dem Januario war / ein grosser Glantz / und sicht in disem Dornbusch uberauß schöne weisse und rote Rosen / und ein herrliche Schar der Englen / in einer solchen Anzahl / daß sie von demselben Ort an / biß zu der Kirchen die gantze Strassem einnamen / under welchen ihme einer rüfft / unnd sagte:

Komm Francisce / dann der Herr wartet deiner.

Er aber befindet sich alsbald wunderlicher Weiß inn einem Augenblick angelegt / bricht alsbald zwölff der weissen / und zwölff der roten Rosen / und eylet durch die mit den Englen besetzte / und schön tapizierte Strassen / seinem geliebtisten / lieblichisten Herren zu / wirfft sich mit höchster Reverentz unnd Ehrerbietung ime zu Fussen / und praesentiert seiner Göttlichen Maiestät / welcher auf vorgedachten Altar / sambt seiner heyligisten Mutter / mit den Englen ummgeben sasse / solche Rosen / und sagt:

Aller gütigister Herr / unn Regierer deß Himmels und der Erden / dieweil es dir gefallen / dieser Kirchen völligen Ablas gnädigklich zu verleyhen / so bitte ich dich / du wöllest den Tag / an welchem solche zu erlangen / gleichfalls bestimmen / unnd beschwere dich durch die Verdienst deiner glorificiertisten Mutter / unser Fürsprecherin / daß du solchen durch dein allerheyligisten Mund selbsten benennen wöllest.

Der Herr antwortet:

Ich bin zu friden deinem Begeren Statt zu thun / benenne derhalben den ersten Tag Augusti / von der Vesper seiner heyligen Vigil an / biß zu Nidergang der Sonnen: deß folgenden Tags / nach dem Fest / an welchem ich meinen Apostel Petrum auß den Ketten und Banden Herodis entlediget hab.

Darauff sagt der heylig Vatter / nach dem er ime gedancket:

Sag mir aber O Herr / wie wirdt das Volck solches in Erfahrung bringen? Und wie wirt es disem vollen Glauben gehen?

Der Herr spricht:

Ich will zu seiner Zeit daran gedencken: du aber zeuhe wider meinem Vicario zu / und nimme mit etliche deiner Brüder / die solche Erscheinung gesehen / unnd gib ihme etliche deren Rosen / so wirdt er dir den Tag confirmieren / unnd disen Ablas verkünden und publicieren lassen.

Der heylige Vatter nimbt drey weisse unnd drey rote Rosen / und in dem verschwindet der Herr / und wirt durch die Engel das Te Deum laudamus gar lieblich gesungen.

Nach solchem begibt sich der heylige Vatter alsbald auff die Reiß / nimbt die Brüder Bernharden Quintavalle / Angelum von Riete / und Ruffinum / welche vor der Thür der Kirchen solche herrliche Erscheinung gesehen / mit sich / und begibt sich ihr Heyligkeit / welche sich wider sambt dem Hoff gen Rom zu S. Johan Laterano begeben hätte / anzusprechen:

erzehlt derselben alles so ihme Christus Jesus gesagt / berüfft seine Gesellen zu Gezeugen / unnd gibt ihr Heyligkeit die gemelten Rosen / welche als sie ine mit sonderbarer Auffmerckung angehört / unnd sich solche schöne frische / unn wolgeschmackte Rosen anzusehen  nit ersettigen kondte / sagte:

O Rosen? Findet man auch solche in dem Jenner? Diese allein seyn genugsam mich alles dessen so du gesagt hast / zu vergwissen / will derhalben mit den Cardinälen mich underreden / wie deinem Begeren Statt zu thun seye / unn dir alsdann Bescheid geben / verabschidet er sie darmit.

Als er aber den folgenden Tag wider für den Babst in dem Consistorio der Cardinälen kommen / erzehlt er wider auff ihrer Heyligkeit Befelch / den ganzen Verlauff / sambt dem von dem Herren bestimbten Tag. Darauff spricht der Babst:

Dieweil wir nunmehr vergwißt seyn / daß der Willen deß Herren / deß höchsten unn wahren Babsts (welches Statt wir allhie auff Erden unwürdig vertretten) also ist / so bewilligen wir gleichfals an seiner Statt den ewigen völligen Ablas / in gedachter Kirchen unn Tag.

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