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Franziskus-Chronik, 2. Buch

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12F3205

Wunderzeichen zur Bestätigung der Indulgenz

4.1.2014
S. 350ff. Der neidische Sakristan

Der Cronicken der Minderen Brüder / Das ander Buch. Konstanz 1603
In welchem folget das Leben / Absterben / unnd Wunderzeichen deß Seraphischen Vatters Francisci.
Auß der Spannischen Sprach in die Italianische verkehrt durch M. Horatium Diolam Bolognesern: Und an jetzo in Teutsche Sprach gebracht / Durch Den Edlen / Gestrengen Herren Carl Kurtzen von Senfftnaw / Röm. Key. Maiest. etc. Raht / etc.
Getruckt zu Costantz am Bodensee / bey Nicolao Kalt. M.DC.III

Von anderen Wunderzeichen gedachter Indulgentz.
Cap. 5. Fioreto.

ALS diese heyligiste Indulgentz und Ablas durch einen Theyl der Christenheit außgebreitet worden und erschallen / haben sich in 120. Personen auß der Windischen Marck solche zu erlangen / dahin zu reisen sich entschlossen / und auff die Reiß begeben.

Als sie nun zu Ancona von Schiff gangen / und die fürnembsten Kirchen der Statt besucht / kommen sie in ein Kloster / inn welchem ihnen von dem Sacristan /vil heylige und kostliche Reliquien und Heylthumb der Heyligen gezeigt worden: fraget sie auch / wo hin ihr Bilgerfahrt gerichtet wäre.

Sie antworten / nach Assisi zu S. Maria der Englen / selbigen völligen Ablas und Indulgentz / weil der Tag derselben herzu rucket / zu erlangen.

Der Münch spricht:

O ir einfältigen Leut / was für Hitz / Müh unnd Arbeit müßt ihr ohn einigen Nutz uberstehen / dann die gedachte Indulgentz / von der man so vil sagt / ist nit daselbsten / es erscheinet auch kein Bäbstliche Bulla deßhalben alldorten / ich schilt nit / daß ewer Andacht dahin zu reißen böß / aber das sag ich wol / daß ir wegen der Indulgentz vergebenlich gehet / und wann ir mir folgen werden / werdet ir den Weg ersparen / dann inn dieser unserer Kirchen seynd vil mehr Ablas als in jener / welche ihr erlangen / unnd euch wider nach dem Vatterland begeben mögen /

zeigt ihnen zu Bestetigung dessen vil Privilegien / Gnaden / und Bäbstliche Bullen der grossen Indulgentzen / so in gedachter Kirchen zu erlangen waren.

Als nun die Bilger disem deß Sacristans Fürgeben allen Glauben gaben / und sie die Hitz und Müde allbereit verdrüssig gemacht / folgten sie seinem Raht / empfahen solchen Ablas / unnd fahen an umb Gelegenheit zu trachten wider anheimsch zu schiffen.

Under disen allen war ein einig andächtig und Gottsförchtig Weibsbild / diese spricht ihnen unerschrocklich zu / und sagt:

Schämet ihr euch nit / daß ir wegen der Worten eines einigen Manns / den Verdienst ewer Bilgerfahrt verlieren wöllet / ziehet nur Heim / ich will allein dahin / (ob schon in gedachter Kirchen einige Indulgentz oder Ablas nit wäre) an selbigem Ort die Mutter Gottes zu besuchen / unnd die fürgenommne Reiß enden.

Macht sich auff / und zeucht also allein auff Assisi zu: kombt nit weit / sonder irret gar bald / auß Verhengnus Gottes / von dem rechten Weg / unnd als sie hoch betrübt und beängstiget war / nit wo auß oder an wißte / erscheinet ir ein ehrwürdiger alter Mann / aller graw / mit einem langen Rock / wie ein Religios bekleidet /  der spricht zu ihr:

Förchte dir nit / mein Tochter / dann du bist auff dem rechten Weg zu deiner Seelen Heyl / und sihe gleich jetzo wirt dein gantze Gesellschafft dich erlangen.

Als sie umbsahe / sicht sie solche daher gehen / wirdt hoch erfrewet: und als sie zu ihr gelanget / sagt zu ihnen der Altvatter / sie hätten gar recht gethan / daß sie ihrem Fürnemmen nachgesetzt / dann diese Indulgentz wäre wahrhafft / seytemal er darbey gewesen / als sie Babst Honorius bewilliget / unnd wißte wol / daß solche auch von Gott confirmiert wäre / ob gleichwol etliche (so nit vil darvon wißten) solche verneinen wolten: solten derhalben ungezweifflet sich dahin begeben / unnd als er ihnen ein schöne Ermahnung / daß sie sich hinfüro vor solchen Sünden verhüten sollen / gethan / ist er in aller Angesicht verschwunden / unnd sie wol getröst Gott dem Herren lobend und Danck sagend hinderlassen.

Und als sie gen Assisi gelangt / und diese Histori menigklich erzehlt / haben sie sich / nach dem sie die Indulgentz und Ablas empfangen / mit Freuden wider auff die Heimfahrt begeben.

Dises einige Weib aber möchte ihnen (weil sie erkrancket) nit folgen / müßte also dahinden bleiben.

Weil dann die Kranckheit dermassen zugenommen / daß sie in wenig Tagen gestorben / ist sie denen in der Seel vorkommen / und auff dem Meer gehend erschinen / und gesagt:

Förchtet euch nit / dann ich bin dise ewer Gesellin zu Assisi gestorben / unnd hat mich die heyligiste Jungkfraw eigens zu euch gesandt / euch der Würckung dieser ihrer völligen plenarischen Indulgentz und Ablas zu vergwissen / durch welche ich ohne einige Pein gestracks in das Himmelreich eingegangen bin.

Als sie diß geredt / ist sie verschwunden.

Von disem haben vil derselben Bilger / die solches Weibsbild auff dem Wasser gesehen / mit mehrerer Andacht unnd Glauben diser Indulgentz und Ablas sich theylhafftig zu machen / hernacher dahin sich wider begeben / und dise Erscheinung erzehlt.

Dannenhero ob gleichwol keine Bullen (weil der heylige Vatter denselben nit nachgefragt) verhanden / so underlassen doch die Völcker nit / (wann sie durch Krieg oder Pestilentz nit verhindert) sich dahin zu begeben: Seytemal der allmächtig Gott solche bewilliget / unnd durch seine Gaben zu begnaden versprochen / und die Seelen der Christglaubigen zu gleich inspiriert / ihr Heyl in diser heyligen Kirchen zu befürderen.

Als ein alter betagter Mann solche Indulgentz zu erlangen dahin kommen / meldet er an das jenig so er von einem Bilger / welcher an selber gezweifflet / gehört / nemblichen:

Als er sich einer Einöde befunden / und sich Gott dem Herrn befohlen / hätte ihn wunderlich gedunckt den Babst / die Cardinäl / und den heyligen Franciscum mit einander redend zu sehen / unn den Geberden nach vermeynt / der Babst wolte dem Heyligen Francisco die Bullen diser Indulgentz gegeben haben / der Heylige aber solche nit annemmen oder empfahen wolte.

Darauff wäre einer derselben Cardinälen auffgestanden / ein Buch in die Hand genommen / und dise Wort herauß gelesen:

Völliger Ablas und Indulgentz aller Sünden / in S. Maria der Englen Kirchen auff Erden bewilliget / und in dem Himmel conrfimiert: legte ein Blatt nach dem anderen herumb / unnd lase auff allen ebenmässige Wort / und als er auffgehört zu lesen / ware die Vision verschwunden / unnd er der Bilger mit sonderm seinem Benügen deß Verdiensts und Krafft gedachter Indulgentz vergwißt und versichert worden.

Der Bischoff von Assisi / Illuminatus genant / erzehlte vil malen von einem Gottsförchtigen und edlen Bilger / welchem (weil ihme von etlichen diese Indulgentz zu empfahen widerrahten worden) eines Tags (als er inn dem Gebett gewesen) ein Ordensmann / wie ein Diacon weiß bekleidet / und gantz glanzend erschinen / und zu drey malen gesagt: Die Indulgentz ist wahr / komme nur kecklich und sicherlich.

Als er nun dessen durch den wahren Diacon Christi Jesu den heyligen Franciscum vergwisset worden / ware er freydig und getröst dahin gezogen / diese Indulgentz / an welcher er zuvor auß Angeben anderer so vast gezweifflet / allenthalben verkündt / unnd sonderlich dise Erscheinung gedachtem Bischoff von Assisi offtermalen erzehlt.

Als etliche Bilger auß der Anconitanischen Marck / dise Indulgentz zu empfahen kamen / begegneten ihnen etliche Jüngling / welche als sie ihr Fürnemmen / und wohin sie wolten verstanden / einer under ihnen angefangen sie zu verspotten / unnd zu sagen / diese Indulgentz dahin sie reiseten / wäre gleich so wahr / als wahr er disen Schwalmen so da fluge / in den Händen hätte. Als er diß gerededt / empfindt er alsbald den Vogel in der Hand.

Von welchem Wunderzeichen die Umbstehenden erschreckt / und der Jüngling als er seinen Irrsal wahrgenommen / höchlich sein Vermessenheit geklagt und bekent / die Bilger aber iren Weg / in dem Glauben wol gestärckt / fortgezogen / und allenthalben dises Wunderzeichen zum Lob deß allmächtigen Gottes / eines so grossen Eyfferers der armen Seelen Heyl / außgerufen und publiciert.

Gebhard von Fighino war gar hoch inn ein ehrlich Weibsbild verliebt / kondt aber mit derselben / weil sie allzeit anheimsch / und wann sie außgieng / wol begleitet war / nit zu Red kommen: Erwartet derhalben (wie der Teuffel allbereit ein Mißbrauch eingepflanzt) die Zeit / daß sie ihrem Gebrauch nach in gedachte Kirchen gehen wöllen / mit Hoffnung / er wolte eintweder auff der Strassen / oder in der Kirchen die Gelegenheit mit ihr zu reden / erlangen.

Als die Zeit kommen / gesellet er auch ein Anzahl andächtiger Personen zu sich / welche sambt der Frawen die Indulgentz zu empfahen begerten.

Als sich aber unversehens die Manns- von den Weibspersonen absünderten / ward ihme diser erste Anschlag / wie dann auch der ander / gefehlt: Dann unangesehen er alle die seinigen sahe / möchte er doch gesagte Fraw nirgents ansichtig werden. Erkent letstlichen seinen Irrthumb / hat darüber Rew / beychtet / empfacht die Indulgentz / verenderet sein Leben / Thun / und Wandel dermassen / daß er nach kurzen Tagen den Orden angenommen / und darinnen heyligklich gelebt und gestorben.

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