ETIKA

Franziskus-Chronik, 2. Buch

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12F3206

Aufforderung zur Andacht in der Kirche Portiunkula

24.1.2014
S. 355ff.

Der Cronicken der Minderen Brüder / Das ander Buch. Konstanz 1603
In welchem folget das Leben / Absterben / unnd Wunderzeichen deß Seraphischen Vatters Francisci.
Auß der Spannischen Sprach in die Italianische verkehrt durch M. Horatium Diolam Bolognesern: Und an jetzo in Teutsche Sprach gebracht / Durch Den Edlen / Gestrengen Herren Carl Kurtzen von Senfftnaw / Röm. Key. Maiest. etc. Raht / etc.
Getruckt zu Costantz am Bodensee / bey Nicolao Kalt. M.DC.III

Mit was Heyligkeit der heylige Franciscus wolte / daß in gedachter (erwähnter) Kirchen solte gewohnet werden.
Cap. 6. S. Bonaventura. Fioreto.

VOn obgedachten / und anderer vil mehreren Sachen und besonderer Offenbarung wegen / so der Herr in dieser heyligen Kirchen gewürcket / hat der heylige Vatter Franciscus bezeuget / daß sie mit sonderer Affection für alle andere Kirchen der Welt / von der seligisten Jungkfrawen geliebt wurde / und sonderlich ihme in derselben grosse Gnaden und Fürtreffligkeiten in gemein und besonders / für sich selbsten / unnd andere ertheylt wurden.

Darumben hat er / auff daß die Brüder mit was Andacht und Ehrerbietung sie dise ihre Kirchen erhalten solten / nit in Vergeß stelten / und daß dessen under allen Gedechtnus würdigen deß Ordens Sachen sonderlich gedacht wurde / als er eines mals kranck lage / inn Gegenwärtigkeit seines General Vicarij / unnd viler anderen Brüder / gleichsam in Testament Weiß seinen Willen mit disen Worten verlassen:

Ich will daß dises Hauß und Kirchen der seligisten Mutter S. Maria der Englen zu Porticella / von meinen Brüderen höchlich geehrt / und geachtet werde / und in selber die Wohnung deß General Ministers seyn solle / auff daß er mit mehrerer Andacht / Fleiß / und Neigung selbiges Hauß mit heyligen Haußgenossen und Arbeiteren versehe / welche anderen mit dem Leben und Sitten exemplarisch / außerkohrne Priester / unnd der Andächtigisten Clericken seyen / und den Gottesdienst mit Andacht verrichten / auf daß so wol Geistliche als Weltliche / die solche Indulgentz zu empfahen dahin kommen / wol erbawet unnd getröst / wider von dannen scheiden.

Zu gleich auch sollen die Leyenbrüder demütig / unnd eines heyligen Lebens erkohren werden / den Priesteren mit höchster Ehrerbietung und Reverentz dienen.

Neben disem will ich / daß in disem Ort ein ewig Silentium gehalten werde / und wann sich begebe daß sie reden müßten / sollen sie mit niemandts anderem als ihrem Praelaten / unnd under ihnen auß seiner Erlaubnus und Bewilligung / aber mit weltlichen oder außländischen Brüderen nit reden.

Es sollen sich auch die Leyenbrüder so inen dienen /  wol verhüten inen weltliche / oder andere zergängkliche Geschichten zu erzehlen / vil weniger dergleichen von den Weltlichen anhören / auff daß nichts Weltlichs in dises heylige Hauß eingehe / und die Brüder in selbigem ihre heylige Armut desto besser erhalten / und die heylige Wohnung mit irdischen Worten nit entheyliget werde / sonder allwegen die Zeit mit dem Lob Gottes / Hymnussen / Gebett / unnd Psalmen (den sicherlichsten Waffen deß Hertzens) verzehrt und dispensiert werde.

Und wann einer deren so allhie wohnen werden / dieses Leben und Ordnung nit halten wurde / will ich daß der General ihne wegk stossen / und ein anderen seines Gefallens annemmen / und an sein Statt verordnen solle / auff daß ob gleichwol andere Priester und Klöster sich von ihres Stands / Beruffs / unnd Gott gethanen Gelübts der gebürenden Reynigkeit absünderen wurden / auff das wenigist dises heylige / unnd von Gott gebenedeyte Ort / zu einem Spiegel und Exempel wahrer Religion / und Evangelischer Vollkommenheit / und wie ein brinnender Leuchter vor dem Thron Gottes / und der seligisten Jungkfrawen Mariae allzeit leuchtend und brinnend erhalten werde / und durch welches der Herr uber die Ubertrettung und Schuld deß gantzen Ordens sich erbarme / unnd diese Pflantzen unser Religion allezeit erhalte / unnd verdienstliche Werck zu Erlangung der Gnaden Gottes würcke.

Dises war die Ordnung deß heyligen Vatters Francisci / und der Gestalt völligklich von den ersten Religiosen / so mit der reynisten Milch der Heyligkeit erzogen und erhalten / fleissig observiert worden / welche (seytemal sie wie hoch dises Ort von Gott / und seiner seligisten Mutter geliebt war / erkenten) inn disem Hauß allezeit mit höchster Heyligkeit / ewigem Silentio, eussersten Armut gelebt haben:

Unnd ob sich ausser der Zeit deß Silentij etwas zu reden begabe / war iro Gespräch doch nichts anders / als von Göttlichen Dingen / von denen von Gott empfangnen Wolthaten / von menschlicher Undanckbarkeit / von seiner Barmhertzigkeit / alles mit höchster Demütigkeit und Andacht condiert.

Unnd wann es sich begabe / (so doch selten / oder niemalen geschach) daß einer under ihnen etwas anfienge zu reden / welches nit von Gott / oder anderer unvermeidenlicher Notturfft ware / ward er alsbald von dem anderen gestrafft / und würcket darüber gebürende Buß / alldorten peinigten sie ihr Fleisch / nit allein mit Wachen und Fasten / sonder auch mit der Disciplin / Bloßheit und Reuhe der Kleidung / diese inn dem Winter / und die ander in dem Sommer.

Die Leyenbrüder übten sich in in Gewinnung deß Brots / sich selbsten / und die anderen zu ernehren / und mit der Feld Arbeit / heyligten also mit disen tuentreichen Ubungen sich selbsten / unnd das Ort darinn sie waren.

Ein uberauß andächtiger Bruder / hat eines mals / weil er noch in der Welt geweßt / in einem Gesicht ein grosse Menge Volcks vor gedachter Kirchen kniend gesehen / welche alle blind mit auffgereckten Augen und Händen gen Himmel / mit heller Stimm unnd vilen Zeheren die Barmhertzigkeit Gottes anrüfften / und sein Göttliche Maiestät umb Widergebung ihres Gesichts baten.

Als das Gebett vollendet / hatte er ein sehr grossen hellen Schein von Himmel herab kommend gesehen / welcher das gantz selbige Ort erleuchtet / unnd disen Blinden das Gesicht wider ertheylt / von welcher Vision er bewegt / hernacher den Orden angenommen.

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