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Franziskus-Chronik, 2. Buch

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12F3207

Einsetzung der anderen Regel
‒ Protest gegen Franziskus

22.2.2014
S. 358ff.

Der Cronicken der Minderen Brüder / Das ander Buch. Konstanz 1603
In welchem folget das Leben / Absterben / unnd Wunderzeichen deß Seraphischen Vatters Francisci.
Auß der Spannischen Sprach in die Italianische verkehrt durch M. Horatium Diolam Bolognesern: Und an jetzo in Teutsche Sprach gebracht / Durch Den Edlen / Gestrengen Herren Carl Kurtzen von Senfftnaw / Röm. Key. Maiest. etc. Raht / etc.
Getruckt zu Costantz am Bodensee / bey Nicolao Kalt. M.DC.III

Von deß heyligen Vatters Einsatzung der anderen Regel / und von der Bäbstlichen Bullen Babsts Honorij / wider die Professen / so den Orden verlassen.

Cap. 7. S. Bonaventura.

DIeweil täglichen die Religion der Mindern Brüder zuname / und vil in dieselbe (unermessen ihrer Kräfften) wegen ihres geringen Geists so sie hatten / eintraten / und alsbald von solchem ihrem Eyffer abliessen / unnd derhalben weil sie wider den Hammer deß Evangeleschen Lebens nit verharren möchten / den Habitum verlassend / vil ärger wegen der Apostasey so sie begiengen / auß dem Orden sprangen / als sie zuvor darein tretten waren.

Andere aber die gleichwol den Habitum nit verliessen / schweifften doch in der Welt umb / (dieweil die Satzungen selbiger Zeit nit so streng waren) unnd lebten mit verhengtem Zaum / allegierten / sie wären dise Regel zu halten nit schuldig / seytemal solche durch Apostolische Brieff nit / sonder allein durch leibliche Stimm Babsts Innocentij deß Dritten / authentisiert oder confirmiert / von seinem Nachfolger Honorio dem Dritten / nur allein sustentiert und privilegiert / unnd befreyt worden: So hat doch sein Bäbstliche Heyligkeit in dem Jar deß Herren 1221. welches das fünfft war seines Babstthumbs / zwey Jar zuvor ehe daß er die andere Regel confirmiert / dem heyligen Vatter dise nachfolgende Bullam geben.

Honorius Bischoff / ein Diener der Diener Gottes / wünschet unserem geliebten Sohn Bruder Francisco / und den anderen Fürgesetzten deß Ordens der Minderen Brüder / Heyl und Apostolischen Segen.

Dieweil nach dem Raht der Weisen nichts nit ohne genugsame Fürsichtigkeit und Berahtschlagung fürgenommen werden solle / auff daß wann es geschehen / die Rew nit hernach folge:

So will es demnach von nöhten seyn / welcher recht unnd ordenlich ein geistlichen und schwerer als anderen Stand anfangen und einsetzen will / daß er die Augen wol für die Füß setze / das ist / daß er zuvor seine eigne Kräfften mit der Regel der Discretion oder Bescheidenheit wol erwege / auff daß ime nit begegne / (das Gott gnädigklich verhüte) daß er sich umbsehe / und in ein verlorne Saltzsaul / weil er sein Opffer mit dem Saltz der Weißheit nit temperiert / verendert werde:

Seytemal gleich wie der weise Mann / wann er nit eyfferig und gesaltzen / ohne Geschmack und Innbrunst ist: Also wirt der eyfferig und innbrünstig / wann er nit weiß ist / für unweiß gehalten werden.

Derhalben ist es in allen Orden und Religionen wol und recht angesehen und ordiniert / daß alle die welche ein regulierte Observantz zu versprechen haben / selbige zuvor gar wol auf ein bestimbte Zeit probieren / auff daß der Rew kein Statt verbleibe / unn der jenig sich mit der Leichtfertigkeit / oder Unwissenheit nit zu entschuldigen habe.

Derowegen verbieten wir euch mit disem Brieff / und wöllen / daß ir hinfüro keinen mehr zu Profeß ewers Orden annemmet / er seye dann ein gantz Jar zuvor in der Probation verharret / und zu gleich / daß nach gedachter Profeß keiner den Orden zu verlassen sich understehe / noch andere (wenn er ihn verlassen wurde) ihne auffnemmen sollen.

Wir verbieten euch gleicher Weiß / daß keinem erlaubt seye / ausser seiner Obedientz in dem Ordens Habitu umbzuschweiffen / noch die Reynigkeit der Armut zu beflecken / und zu corrumpieren / welches ob sich einer understehen wurde / seye euch Praelaten vergont und erlaubt / gegen solchen / so lang biß sie widerkehren / mit den geistlichen Censuren zu verfahren.

Keinem seye vergont / dise unsere Verbotts und Bewilligungs Brieff zu brechen / noch den zu wider reden oder handlen / dann wann sich einer deß understehen wurde / solle er unzweiffelich in den Zorn Gottes / und seiner seligisten Apostlen Petri und Pauli gefallen seyn. Geben zu Viterbo / den 22. Septemb. unsers Babstthumbs in dem fünfften Jar.

Zu allem disem vermeynt der heylige Vatter zu ewiger Gedechtnus / zu Befestigung und Stabilisierung deß Ordens nohtwendig zu seyn / solchen durch Apostolischen Macht und Gewalt zu confirmieren / unnd derhalben der Cardinal Ugolinus / deß Ordens Protector und Schirmer / den heyligen Franciscum gebetten / er wolte solchen in etlichen Sachen / weil er von Hand zu Hand gewachsen / abkürtzen / und in etlichen moderieren / auff daß er desto leichter zu observieren / und inn Gedechtnus zu behalten wäre / er wolte alsdann solche durch ein Apostolische Bullen auff ewige Zeit confirmieren lassen.

Als der heylige Vatter Franciscus dises vernommen / wolte er wissen (wie in allem sein Gebrauch war) ob solches der Willem Gottes wäre: nimbt derhalben von dem Cardinal sein Abschid / mit Vermelden / er wölle ime bald die Antwort bringen / begibt sich zu dem Gebett / begert von dem Herren / er wolte ihne / was er inn disem Werck thun solte / berichten / wirdt in dem Geist verzuckt / und sicht dise Vision.

Es gedunckt ihne / er samblete vil Brösamle Brots / welche er vilen Brüderen / so bey ihme schier Hungers gestorben waren / außtheylen solte / und dieweil selbe so klein waren / ward er gar beängstiget / wie er solche außtheylen möchte / und ihme solche nit durch die Finger entfielen / höret ein Stimm so zu ihm sagte:

Francisce / mache auß disen Brösamlen ein gantze Hostiam, und gibs alsdann denen so sie zu essen begeren.

Als er solches gethan / gedaucht ihne / daß alle die so solche mit Andacht nit empfiengen / oder verachteten / mit dem Aussatz beladen wurden.

Als er aber diese Vision nit wie er wolte / verstunde / und deß andern Tags bettet / und deß Herrn Rahts begerte / höret er die vorige Stimm / so ime sagte:

Die Brösamlen Brot vergangner Nacht seynd O Francisce / die Evangelische Räht / die Hostia die Regel / und der Außsatz (sic) die Boßheit.

Darauß erkent der heylige Vatter / daß er sein Regel zusammen ziehen / und mit kurtzen und heimlichen Evangelischen Rähten componieren solte. Antwortet dem Cardinal / er wolte sein Regel nach dem Willen der Göttlichen Maiestät anordnen / nimbt zu sich die Brüder Leonem / und Bonizo von Bologna / gehet auff den Berg Carnerio / nahent bey Rieti / Fonte Colombo genant / verzehren allda inn Wasser und Brot viertzig gantzer Täg und Nächt in dem Gebett / componieret und beschribe sein Regel / wie sie von dem Herren ihme geoffenbart worden / steigt mit derselben / wie ein anderer Moyses mit den Tafflen des Gesatzes / den Berg herab / unn gibt sie Bruder Heliae seinem General Vicario zu behalten / welcher als er sie sahe daß solche zu mehrerer Verachtung der Welt / und eingezogner Armut und Lebens / als ihne gelustet / gericht ware / und daß sie von der Bäbstlichen Heyligkeit nit approbiert und confirmiert wurde / und er ein andere seines Gefallens schmiden möchte / bracht er selbige zu Verlur.

Der heylig Vatter aber / welcher mehr dem Göttlichen als menschlichen Willen zu gehorsamen begerte / und das Gutachten der Weltweisen nit achtete / und die simulierten Gedanken deß Bruders im Geist erkante / entschleußt sich widerumb auff den Berg zu gehen / auff daß er auff ein newes / durch das Gebett und Fasten / den Willen und Regel von Gott / für seine Diener die Minderen Brüder erlangen möchte.

Darauff richtet Bruder Helias / auff daß er diese andere auch disturbieren und verhinderen möchte / ein Congregation oder Versammlung viler der gelehrten Ministren an / fienge an ihnen sein falsche boßhaffte Intention fürzutragen / sagende: Bruder Franciscus wolte so ein strenge und harte Regel anfahen / daß sie unmüglich zu halten wäre / und wurde solche auff Ewig von dem Babst confirmiert und bestetet werden.

Als sie solches verstanden /antworteten sie einhellig / sie geben ihme allen Gewalt / unnd er solte als ihr General Vicarius / von ihrent wegen zu ihme gehen / und ihme anzeigen / sie wären bedacht die Regel / so er Bruder Helias machen wurde / in alle Weg zu halten / und er solte gleichwol seines Gefallens ein andere schmiden.

Bruder Helias aber / der von dem Heyligen ein Verweiß förchtet / beredet sie mit ihme zu gehen / ziehen also mit einander den Berg auff ihne zu besuchen. Und als er die Stimm Bruders Heliae der ihm rüffte / erkant / kombt er auß der Zellen / und da er so vil Brüder sahe / fragt er sein Vicarium, (sic) was diese Brüder wolten. Bruder Helias antwortet:

Es seynd Ministren deß Ordens / welche weil sie vernommen / daß ihr ein newe Regel machen wölt / und sie sambt mir förchten / solche nit halten zu könden / protestieren wir hiemit sammetlich / daß wir uns zu derselben nit verbinden / oder verobligieren wöllen.

Der heylige Vatter erzeigte wider dise Protestation nichts anders / als warffe sich auff die Knie / erhebet die Augen gen Himmel / und sagt:

O Herr / hab ich dir nit gesagt / daß dise mir nit glauben werden?

Und alsbald wird ein Stimm vom Himmel gehört / sprechende:

Francisce / gleich wie in diser Regel nichts dein / sonder alles mein ist / also will ich / daß sie solle von Wort zu Wort / von Wort zu Wort / von Wort zu Wort / ohne Glossierung / ohne Glossierung / ohne Glossierung gehalten werden. Ich weiß wol was die menschliche Blödigkeit vermag / so weiß ich auch wol / wie starck ich ihr helffen will: Derhalben sollen die jenige / so solche nit halten wöllen / auß dem Orden tretten / und selbige die anderen halten lassen.

Der heylig Vatter wendet sich zu den Ministren / und sagt:

Habt ihrs gehört? Habt ihrs gehört? Habt ihrs gehört? Wölt irs noch mehr hören?

Sie aber waren dermassen confundiert / und gleichsam in Erkennung ihrer Schuld / von Sinnen kommen / zuhen ohne einige Wort wider darvon. Der heylige Vatter aber gienge die Regel / so ihme der Herr zuvor gezeigt hätte / zu vollenden / und geschahe diß in dem Jar deß Herren 1223. 15. Jar nach der Einsatzung deß Ordens / so durch Babst Innocentium confirmiert und bestet worden.

Dise Regel hat der heylige Vatter nacher Rom getragen / und dem Cardinal Ugolino seinem Protectoren zugestelt / welcher solche sambt ihme dem heyligen Babst Honorio praesentiert. Als derselb solche gelesen / unnd die große Strenge derselben betrachtet / sagt er / sie gedunckt ihne uberauß schwer zu halten. Dem antwort der heylig Vatter:

Ewer Heyligkeit solle wissen / daß in diser nit ein einig Wort meines Kopffs ist / sonder unser Herr Christus Jesus hat sie componiert / welcher gar wol weißt das jenig so zu der Seelen Heyl / Wolfahrt der Brüder / unnd Erhaltung dises Ordens nothwendig / und heylsam ist: derhalben solle und und will ich nichts daran enderen.

Der Babst auß Eyffer der Evangelischen Vollkommenheit / welche durch dise Regel von dem heyligen Francisco inn die Kirchen gepflanzt ward / unnd von Gott erleuchtet / sagt auß ihme selbsten:

Selig ist der / welcher von der Göttlichen Gnad erleuchtet / und inspiriert / getreulich und mit Andacht dise Regel wirdt halten / seytemal alles das so darinnen begriffen / Catholisch / Heylig / und Vollkommen ist.

Bestetet unnd confirmiert die darauff / mit einem Apostolischen Brieff / wie hernach folget.

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