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Franziskus-Chronik, 2. Buch

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12F3209

Vollkommenheit der Regel der Minderen Brüder

6.4.2014
S. 376ff.

Der Cronicken der Minderen Brüder / Das ander Buch. Konstanz 1603
In welchem folget das Leben / Absterben / unnd Wunderzeichen deß Seraphischen Vatters Francisci.
Auß der Spannischen Sprach in die Italianische verkehrt durch M. Horatium Diolam Bolognesern: Und an jetzo in Teutsche Sprach gebracht / Durch Den Edlen / Gestrengen Herren Carl Kurtzen von Senfftnaw / Röm. Key. Maiest. etc. Raht / etc.
Getruckt zu Costantz am Bodensee / bey Nicolao Kalt. M.DC.III

Von Vollkommenheit gedachter Regel.

Cap. 9.

GLeich wie der Prophet Daniel erzehlt (Dan. 3.) / daß in dem brinnenden Feur deß Nabuchodonosers Offen / (in welchen er die getrewe Diener Gottes / darumben daß sie seinem Monstruosichen Bild / die Ehr welche allein Gott gebürt / nit erzeigen wöllen / geworffen) die drey Jüngling mit Freuden dem Herren Lob singende / sambt dem vierten (welcher dem Sohn Gottes geleichte) umbgangen / also waren inn den brinnenden Offen / der weltlichen Versuchungen unnd Tribulierung / mit welchen der Fürst der Welt die Diener Gottes bestreitet / und vilmals uberwindt / drey Orden und heylige Reglen / durch drey heylige Männer / als / S. Basilium / S. Augustinum / unnd S. Benedictum fundiert / welche als Männer der Forcht unnd Fewrs befreyt / in Mittels desselben / den allmächtigen Gott frölich gelobt / bey disen ist der vierte dem Sohn Gottes gleichende gesehen worden / nemblich der Seraphische / und gecreutzigte Vatter und Diener deß Herren Franciscus / welcher der Kirchen den vierten Stand geben / in welchem die Menschen desto sicherer / der Welt Gefengknus befreyter / und in der Ehrerbietung Gottes desto frölicher Christo Jesu dienen möchten.

Dises war sein End und sein Intent / und alle Wort seiner Evangelischen Regel dahin gerichtet / nemblich / daß die jenige / so Christo zufolgen Profeß gethan / sich befleissen und bezwingen solten / sich ihme auff das möglichist / in den Mühseligkeiten deß Geistes und Leibs zuvergleichen / unnd auff dises einige und steiffe Fundament Christi / mit Hilff deß heyligen Geists / das Gebäw seiner Regel in wunderliche Höhe der Vollkommenheit gebawen und gesetzt:

Derhalben sagt er inn dem ersten Capitel / die Regel unnd Leben der Minderen Brüder / ist dise / vestigklich das Evangelium zuhalten / unnd zuobservieren / under der heyligen Gehorsame / ohne einig Eigenthumb / in reyner Keuschheit zuleben.

Wann nur das Leben so er ihnen fürgeschriben / der heylige Geist / und die Wort seiner Regel werden betrachtet / befindet sich daß sein Intent unnd Meinung gäntzlich gewesen / daß die Mindern Brüder / nit allein die Evangelische Gebott / sonder auch die Räth desselben halten solten / wolte sie gleichwol weil er die Menschliche Blödigkeit erkannte / zu Haltung aller derselben / mit verobligierem oder verbinden.

In dem andern lernet er die Welt sambt allem ihrem Anhang zuverachten / und zuverlassen / ihnen die Form und Weiß gebend / dise Ubergab so das Evangelium lernet zuthun / nemblich alles dz so sie hetten zuverkauffen / und den Armen zugeben / auff daß sie von diser schweren Hinderung errettet / frey und frölich Jesu Christo dienen / unnd sambt ihme sagen möchten / der Fürst diser Welt ist kommen / und hat kein Theyl an mir funden. (Ioan. 14.)

In dem dritten lernet er die Ubungen inn dem Lob Gottes / mit den Göttlichen Ambterem / mit vilen Abstinentz und Fasten / Ertödtung deß Fleischs / guten Exemplen / Erbawung deß Nächsten / sonderlich der Welt Kinder zu halten und zu üben / insonderheit aber lernet er sie die Tugent der Gedult / Demut und Liebe / in welchen sie mit menigklich conversieren solten.

In dem vierten erleutert er klärlich / erwölle nit daß seine Brüder / under was Pretext unnd Schein es immer sein möge / Gelt haben / sonder die Minister / sie in aller Notturftt versehen sollen / seitemaln ihr wisset / wie schädlich der Geitz der Seelen Heil / sonderlich in den Ordensleuten / und wie gewiß der Sententz Christi Jesu unseres Herren und Heylandes were / da er sagt (Matt. 6.): Niemand kan Gott unnd dem Reichtumb dienen / darumben wolt der heylig Vatter / daß solche nit allein von dem Orden enteussert / sonder gantz und gar abgescheiden wurden.

In dem fünfften / bandiert er den Müssiggang / einen grossen Widersächer der wahren Diener Gottes / und deß Menschlichen Heyls Erbfeind.

In dem sechsten / erhebt er das Gemüt von der Welt / unnd allem was von derselben zuhoffen / keine eigne Affection oder Blatz / inn welcher sie einigen Gedancken / der irdischen zergencklichen Liebe suchen darin zusetzen / auff daß sie frölich sagen mögen (Phil. 3.) / unser Conversation ist in den Himmlen / als die jenige so auff Erden nichts besitzen.

In dem sibenden / tröst er die Sünder / und Schwache / lernet sie die Eigenschafften ihres Artzets / welcher sie will und kan heylen (Os. 6.) / und Jesus Christus unser Heyland ist / welcher will die Barmhertzigkeit / und nit dz Opfer. Und der nit kommen zuberüffen die Gerechten / sonder die Sünder / auff daß sie sich bekehren und leben. (Matt. 9.)

In dem achten gibt er seinen Praelaten / Fürstehern / unnd dem gantzen Orden das Gesatz / mit welchem sie die Brüder regieren / unnd sich befleissen sollen / allezeit einen qualificierten Hirten zuhaben / und zuerwehlen.

In dem neunten / underweißt und lernet er die Prediger die Hoffart und Vermessenheit deß Lebens / unnd der Lehr zufliehen / und demütig / eyfferig in der Seelen Heyl / sie allezeit mit heyliger und nutzlicher Lehr speisend unnd erhaltende zuseyn / ohne welches sie keinen Nutz den Seelen zu Gutem schaffen wurden.

In dem zehenden / ermahnet er die Praelaten / unnd Undergebenen / daß sie sich bemühen / ihre Gehorsamme unnd Schuldigkeit einander / sonderlich  die jenige so sie ihrer Profession halber / GOTT zuthun / vollbringen sollen.

In dem eilfften / gibt er den Brüdern seinen Rath / wie sie die Gelegenheit der Sünd und Ergernus / sonderlich der Weiber argwonischen Gemeinsam fliehen sollen.

In dem zwölfften / und letsten lernet er sie /( wie sie ihr Leben um der Liebe Christi und seines Gesatzes willen / under den Unglaubigen darsetzen sollen: Und beschleußt dann seinen Anfang gleich / daß dises alles in dem Glauben / und Gehorsam der heyligen Römischen Kirchen / unnd Haltung des heyligen Evangelij / unsers Herrn Christi Jesu stande / welcher unser Alpha unnd Omega der Anfang unnd das End ist.

Auff diese zwölff Apostolische Capitel / als auff die zwelff Stein / auß der Tiefe deß Jordans genommen (Iohan. 4.) / nemblich die Hochheit der Evangelischen Vollkommenheit / hat der heylig Vatter Franciscus / sein Regel und Leben fundiert / welche auff ewig / zu Gezeucknus dero Verkünder / welche GOtt allbereit / auß der Wüste diser Welt / inn das wahr verlobte Land auffgenommen / wirdt bestehen / seitemal man von ihnen wie von andern vollkommenen sagen kann.

Selig seynd die Armen im Geist (Matth. 5.) / denn ihre ist das Reich der Himmel / umb welches sie das Irdisch verlassen haben.

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