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Franziskus-Chronik, 2. Buch

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Wie der General sein soll

13.7.2014
S. 392ff.

Der Cronicken der Minderen Brüder / Das ander Buch. Konstanz 1603
In welchem folget das Leben / Absterben / unnd Wunderzeichen deß Seraphischen Vatters Francisci.
Auß der Spannischen Sprach in die Italianische verkehrt durch M. Horatium Diolam Bolognesern: Und an jetzo in Teutsche Sprach gebracht / Durch Den Edlen / Gestrengen Herren Carl Kurtzen von Senfftnaw / Röm. Key. Maiest. etc. Raht / etc.
Getruckt zu Costantz am Bodensee / bey Nicolao Kalt. M.DC.III

Von den Eigenschafften / so der General / nach dem Willen deß heyligen Vatters Francisci / haben solle.

Cap. 13. Fioreto.

ALs der heylige Vatter Franciscus eines mals gar schwach ware / daß die seinigen sich anders nichts als deß Ends versahen / und derhalben ine mehr als sonst gewohnlich geschahe / besuchten / und den Schaden / so auß Beraubung seiner Gegenwärtigkeit erfolgen wurde / allbereit vorsahen / beflissen sie sich vil Sachen / die Reynigkeit ihrer Gewissen / und Observantz deß Ordens betreffende / zu erfragen.

Dannenhero einer under ihnen / so gar eyfferig seiner Regel war / dise Frag an ihn stelte:

Aller lieblichister Vatter / ihr werdet zu dem Herren ziehen / und ewer Haußgesind / so euch bißhero jederzeit nachgefolget / in disem Thal der Zeheren verlassen / ewerern als ihren lieben Vatters und sichern Hirtens beraubt. Und dieweil solches ein mal geschehen muß / und kein Mittel darwider zu suchen / so bitte ich euch so hoch ich kan / ihr wöllet uns (vor ewerm Abschid) einen unsers Ordens  (wo fern (ferr?) er verhanden) nach euch zu einem General / verdienstlichen und taugenlichen Mann benennen.

Deme antwort der H. Vatter mit grossen Seufftzen und Zeheren / und sagt:

Liebster Sohn / ein Vatter eines solchen Haußgesinds / ein Haubt eines so grossen Heers deß Herren / ein Hirt einer so unzahlbaren Herd / weiß ich nit ob er verhanden / ich will aber ein Abcontrafactur desselben verlassen / inn welchem zu sehen / wie er gestaltet seyn sollte.

Die erst Eigenschafft. Der General solle seyn ein Mann grossen Verstands / loblichen Leumbdens / und heyligen Lebens.

2. Ein Mann aller eigner Liebe und sonderbaren Affection frey / dann wann er auff die ein Seiten mehr als die ander hangen wurde / wirdt alsbald Auffruhr / Uneinigkeit und Ergernus darauß entstehen.

3. Ein grosser Liebhaber deß Gebetts / unnd der solches unablässig übe / der solle ihme gewisse Stunden / bey Tag und Nacht / seiner Seelen zu Gutem / erwehlen / damit er zu anderer Zeit der von Gott anbefohlnen Herd abwarten möge / und sich die ersten Morgenstund zu dem Ort / so er zu dem Gebett hat / verfügen / die Meß celebrieren / unnd sich sambt der vertrauten Herd / der Göttlichen Beschirmung und Bewahrung befehlen.

4. Er solle nach Verrichtung deß Gebetts sich an ein offen Ort begeben / da ihme alle die Brüder ihre Zufäll und Zuständ gelegenlich anzeigen mögen. Er solle inen mit Demut antworten / und jedem nach Gelegenheit seines Anligens / unnd Notturfft / wie es ihne gut zu seyn geduncken wirdt / zu Hilff kommen.

5. Ein mannlicher Mann / der sich nit außer anderer Worten mehr als der Warheit regieren lasse / und derhalben nit alsbald was ime fürgetragen wirt / glauben / sonder sich zuvor die Warheit zu erkunden / befleissen / alsdann gerecht Einsehen thun. Er solle die mindern gleich wie die meisten anhören / und für den einen nit mehr als den andern Sorg tragen.

6. Ein Mann / welchem in den Tugenten zu erleuchten / die Gnad von Gott gegeben / der solle sich darnach richten / daß solche in seinem Leben durch die Werck klärlich erscheinen.

7. Ein Mann / welcher das Bild der Andacht / Einfalt / und Gedult in ihme eingraben trage / sich die Tugent in ihme selbsten / und anderen zu pflantzen bemühe / und alle andere mit seinem Exempel zu der Nachfolgung bewege.

8. Ein Mann der uber alles das Gelt scheuhe und hasse / als das jenig / welches mehr als alles anders unser Profession und Stand corrumpiert und verderbet.

9. Ein Mann der sich allezeit / daß er das Haubt und erhebte Liecht seye / erinnere / auff daß die andern ine anschawen / und ihme inn seinen heyligen Ubungen nachfolgen.

10. Ein Mann der sich (ob er gleichwol General) eines einigen Habits / eines Breviers / auß welchem er das Gebett verrichten könde / eines Schreibzeugs / unnd Sigels / mit welchem er den Zuständen der Brüder providieren und fürsehen könde / benüge.

11. Ein Mann welcher zu Erlangung großer Geschlickigkeit / nit zu sorgfältig seye / noch sich vil Bücher zu sammlen bemüh / auff daß er die grosse Zeit / so mit denselben verzehrt wirt / dem Gottsdienst und Gebett nit entziehe.

12. Ein Mann uber alles / einer solchen Eigenschafft und Conversation / daß er die Betrübten unnd Bekümmerten geistlich tröste / als der jenig / welcher das Remedium der Betrübten seyn solle / dann wann sich solche Tugent unnd Remedium in ihnen nit befunde / möchte wegen der Mühseligkeiten und Unruh seiner Schäfflein / under denselben die abscheulich und gefährlich Kranckheit der Verzweifflung leichtlich uberhand nemmen.

13. Ein Mann sich selbsten / nach dem Exempel Christi Jesu zu demütigen taugenlich / ihre und seine Sinnligkeiten jeweilen / gleichwol bescheidenlich ertödtend / auff daß er dem Herren die Seelen seiner Underthanen gewinnen möge / wie der heylig Apostel Paulus gethan hat.

14. Ein Mann der die Glider deß Mitleidens / denen von dem Orden / als erschrocknen Schaffen abgescheidnen nit sperre / und inen die Barmhertzigkeit niemalen verweigere / betrachtende / daß ihre Versuchungen starck /und gedencke daß wann er durch deß Herren Verhengnus in dergleichen kommen / vielleichter in ein tieffere Gruben gefallen wäre.

15. Ein Mann / welcher wann es die Notturfft erforderet / andere und bessere als die gewohnte Speiß geniessen müßte / solches offentlich und nit verborgen thüe / auff daß die andern gleicher Weiß in iren Nöhten versehen werden.

16. Ein Mann welchem fürnemmlich zustehet / das Liecht und Helle den verfinsterten Gewissen zu geben / und zuvor das jenig so er thut / wol betrachten / auff daß er den rechten wahren Weg und Strassen in der verwirrten Fußsteigen / so die Reisenden irren machen / zeige und weise.

17. Ein Mann der sich in den Würden und Hochheiten der Welt nit erfrewe / noch in Betrübnus und Mühseligkeiteen betrübe.

18. Ein Mann der wegen grosser Begirligkeit der weltlichen Würden unnd Achtung / oder anderen Interesse die schöne Ordnung der Gerechtigkeit und Geleichheit wenig oder vil nit bemackle oder underlasse / und disen so der Belohnung werth / straffe / oder gegen den andern so die Straff verdient / dissimuliere / und durch die Finger sehe.

19. Ein Mann der durch sein Strenge nit Ursach gebe / dz einige Seel verzweiffle / oder zu Grund gehe / noch durch sein uberig Mitleiden under den Underthanen Mutwill  verursache / oder durch lange und unbescheidene Verzeyhung in der Disciplin Irrung erwecke.

20. Ein Mann der sich also wisse zu verhalten / daß er von menigklich geförcht und geliebt werde.

21. Ein Mann der die Anklagen / so wider die Brüder geschehen / anfängklich allezeit für argwönisch achte / so lang biß nach fleissiger Erkundigung die wahrheit (sic) erkent werde.

22. Ein Mann der mit grosser Gottesforcht die Burde eines solchen Ammts / und Pflicht einer so grossen Praelatur abschlage / sich selbst untauglich zu solcher Würde achte / und selbe allezeit für ein mehrere Burde als Würde erkenne.

23. Und letstlich ein Mann / der sich nit schäme / sonder begere und halte (wie ich dann wolte) für seine Gesellen Männer mit heyligen Tugenten geziert / welche nichts für sich selbsten zu haben begerten / sonder allein die Ehr Gottes / die Reformierung deß Ordens / der Seelen / und aller der Brüder Heyl suchten / und er sambt ihnen menigklich ein gut Exempel gebe / er solte die Brüder in ihrer Trübsal und Angst trösten / und menigklich ein Form der Observantz deß heyligen Evangelii / unnd unser Regel seyn. Ein solcher (mein geliebter Sohn) solle der General der Minderen Brüder seyn.

Die 24. und letste Eigenschafft. Ein solcher Praelat / wolte ich / daß er von allen geliebt / gehört / und geförchtet / und daß ime mit sonderlicher Liebe sein Notturfft gereicht wurde / als einem wahren Vatter / und lieblichisten Hirten.

 

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