ETIKA

Franziskus-Chronik
von 1603

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16.10.2014

12F3222

Franziskus gegen Besitz von Büchern

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Cap. 22. Fioreto. Konstanz 1603

Wie abhold er dem Uberfluß der Bücher gewesen.

Cap. 22.

Fioreto.

 

Ein Novitz hatte von dem General Vicario die Bewilligung / ein Psalterium / darinn er lesen solte lernen / erlangt / dieweil er aber gehört daß der heylige Franciscus nit wolte / daß seine einfältige Brüder den Bücheren / oder der Geschickligkeit vil nachfragen oder trachten solten / kondt er nit zufriden seyn solchen ohne Erlaubnus deß heyligen Vatters weiter zu behalten.

Als nun der Heylig nit lang hernach an das Ort da diser Novitz so kurtzlich Profeß gethan / kommen / ist er zu ihme gangen / unnd gesagt: Vatter ich wurde gar hoch getröst / wann ich mit ewer Bewilligung disen Psalterium behalten möchte / und ob mir gleichwol unser General Vicarius solchen zu behaupten vergont / so kan ich in doch ohne ewer Erlaubnus nit rühig besitzen. Deme antwortet der heylig Vatter:

Keyser Carl der Große / Orlandus / unnd die andere Helden / und ritterliche Kriegsleut haben inn Verfolgung der Heyden mit grossem Schweiß unnd Mühe / große Sig erhalten / und inn Gedechtnus der Menschen grosses Lob und Ruhm bekommen: Und vil grössere Glori haben die heyligen Martyrer in den Schlachten wider die höllischen Feind / und ihre Nachfolger / welches seyn die bosshafften verkehrten Menschen / rühmlich umm deß Glaubens Christi wegen sterbend erlangt / jetziger Zeit aber scheinet es / als ob die Menschen allein in Erzehlung diser Historien / ohne Nachfolgung derselben / Glori und Ehr suchen / sehen ihre Mühseligkeiten und Todt nit an.

Auß disem (mein Sohn) will ich dir inferieren / daß du nit Bücher / oder Geschickligkeit sollest suchen / sonder tugentreichen Wercken / inn welchen die wahre Glori ist / nachstellen: dann die Geschickligkeit blaset auf / unnd die Liebe erbawet.

Mit dieser Antwort zeucht der Novitz zimblicher massen confundiert (verwirrt) von dannen / stehet aber nit lang an / als er von dem Teuffel versucht / gehet wider zu dem heyligen Vatter / der bey dem Feur saß / facht an von dem Psalterium zu reden / der heylige Vatter spricht zu ihm:

Mein lieber Sohn / wann du die Erlaubnus wegen deß Psalters wirst haben / wirst du ein Brevier / und andere Bücher zu lernen auch haben wöllen / und wann du was darauß erlernest / wirst du wöllen auff die Kantzel steigen / als wann du ein fürnemmer Theologus oder Praelat wärest / wirst zu deinem Bruder sagen / bring mir her das Breviarium.

Als der heylig Vatter diß in grosser Innbrunst gesagt / nimbt er Eschen / und reibts auff den Kopff / und sagt: Ich Breviarium, ich Breviarium. Und als er das etlich mal gethan / und gedachte Wort erholet / ward der Bruder gleichsam verwirret / und getraute ihm selbigs mal nichts mehr von dem Psalterio zu sagen.

Der heylig Vatter aber spricht noch weiter:

Mein Sohn / ich bin gleich wie du vil Bücher zu haben angefochten worden / auff daß ich aber erführe / ob es der Will Gottes wäre / hab ich ein Evangeli Buch genommen / und den Herren gebetten / er wolte mir in Eröffnung desselbigen seinen heyligen Willen offenbaren. Und in der ersten Eröffnung habe ich diese Wort deß Herren gefunden: (Luc . 8.) Euch Einfältigen ist geben zu wissen das Geheimnus deß Reichs Gottes / den andern aber in Gleichnus.

Uber vil Monat hernach / als der heylig Vatter zu s. Maria der Engeln war / begerte gedachter Bruder (so höchlich versucht war) widerumben die Erlaubnus deß Psalters. Der heylig Vatter sagt ihm:

Gehe hin / und thu was dir dein Minister bewilligt.

Der Bruder zeucht also dahin daher er kommen. Der heylige Vatter aber / der an das jenig so er ihme gesagt / gedacht / eylet im alsbald nach / und als er ihn erreicht / sagt er:

Komme mit mir Bruder / und zeige mir das Ort / da ich dir / daß du das jenig so dir dein Minister wegen deß Psalters bewilligen wurde / thun soltest / gesagt.

Und als sie dahin kommen / falt er vor ime auff die Knie / unnd spricht: Ich bekenne mein Schuld Bruder / ich bekenne mein Schuld / unnd sagt darauff:

Wisse / daß welcher ein wahrer Minderer Bruder seyn will / solle nichts anders als den Habit / Strick / unnd Niderkleid (wie der Orden begert) und Stümpff (wohl Strümpff) doch allein der so auß Noht darzu getrungen / haben / und das ander alles für ein Uberfluß / und der Reynigkeit / unnd Armut / der Regel so er  G O T T  dem Herrn zu halten versprochen / zu wider seyn / halten.

Durch welche Wort der Novitz bewegt / seinem heyligisten Raht und Gutachten gehorsamet.

Andere mal / als er umb dergleichen Räht und Gutduncken angesprochen warde / antwortete er disen Sententz oder Spruch / welcher mit guldenen Buchstaben nit allein zu mahlen / oder inn Marmel zu hawen / sonder inn der Menschen Hertzen einzutrucken würdig:

Der Mensch hat so vil Kunst unnd Wissenheit / so vil er würcket / und  G O T T / und den Nächsten liebet / unnd so gut ist der Religios / so vil er Guts würcket / dann der Baum wirdt durch die Frucht erkent.

Zu der Zeit als er auß Soria (Spanien) kommen / hat ihne seiner Minister einer besucht / vilerley mit ihme den Orden / sonderlich das Gelübt der Armut betreffend / zu conversieren / begerte sein Willen und Meynung in selbigem / wie auch wegen der Verbindung so inn der ersten Regel auß dem Evangelio genommen / begriffen / nem(m, b?)lichen: (Wann ihr reisen werdet / so traget kein Seckel / noch Gelt / etc. mit euch) zu erfragen. Deme antwortet der heylig Vatter:

Ich verstehe es also / daß die Minderen Brüder nichts sollen haben / als den Habit / Strick / unnd Niderkleid / wie der Orden lernet / unnd im Fall der unvermeidenlichen Noht die Stümpff.

Darauf spricht der Minister: Was soll dann ich thun / der ich so vil Bücher hab / die mehr als 40. Kronen werth seyn? Dises sagt er / dann er verhoffte die Bewilligung (solche zu behalten) von dem heyligen Vatter zu erlangen / weil er sie mit schwerem nagendem Gewissen hatte. Der heylig Vatter spricht:

Bruder / ich will / soll / darff / und kan nichts wider mein Gewissen / unnd Profession deß Evangelij / so wir zu halten versprochen / handlen.

Als dises der Minister höret / warde er sehr betrübt.

Als ine der heylig Vatter also traurig sahe / sagt er mit grossem Inbrunst deß Geists / als ob er mit allen Brüderen redete:

Ihr andere / wöllet vor den Leuten für Mindere Brüder gehalten / und Prediger deß Heyligen Evangelij genant / und Halter desselben angesehen werden / inn dem Werck aber Eigens und Uberflüssiges besitzen / unnd einen Seckel haben. Mit diesem allem wurden sich die Ministri hoch bemühen / sonderlich dise Wort deß heyligen Evangelij / Ihr solt kein Seckel / noch Gelt / etc. auß der ersten Regel zu nemmen / wurden sich geduncken lassen / sie seyen alsdann disem Raht der Evangelischen Vollkommenheit nit mehr underworffen.

Sagte weiter in Gegenwart viler Brüder:

Die Ministri vermeynen Gott und mich zu betriegen / der Betrug aber wirdt auff sie fallen. Sie und alle meine Brüder sollen wissen / daß sie die Evangelische Vollkommenheit zu halten verbunden / und will daß also zu Anfang unnd End der Regel solle geschriben werden / daß die Brüder zu der Observantz deß heyligen Evangelij unseres Herren Jesu Christi vestigklich verbunden seyn sollen.

 

Kommentar von ETIKA: Die Apostel der letzten Zeiten fühlen sich auch betroffen von diesem allzu harten Verbot des hl. Franziskus. Hätten sie sich nicht so viele alte Bücher kaufen dürfen, um sie für das Internet abzuschreiben? Und hätten P. Martin von Cochem oder Bischof Wilhelm Egger, beide Kapuziner, keine Bücher sammeln und zu eigenen Werken verarbeiten dürfen, um den Glauben zu verbreiten? Warum sollen die Christen nicht die erbaulichen Schriften des Dominikanerbruders Luis von Granada lesen oder besitzen? Franziskus, bist du heute noch derselben Meinung wie damals, oder hast auch du Irrwege beschritten? Wenn Du so streng bist, müsstest du eigentlich deine ganzen Orden auflösen, denn wohl kaum ein Ordensbruder ist imstande, sich an das Gebot Jesu zu halten und „nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel“ (Markus 6, 8). Wenn gilt, was Franziskus gesagt hat, müssten die franziskanischen Orden ihre Bibliotheken auflösen, das Geld (heutzutage werden meist nur Spottpreise für religiöse Bücher gezahlt) unter die Armen verteilen und wieder von Haustür zu Haustür betteln gehen. Wer übernähme die Verantwortung, wenn all die geistigen Schätze, die in den alten Büchern zu finden sind, für die Ordensleute und den Nachwuchs nicht mehr zur Verfügung stehen, sondern vor die Säue geworfen werden?

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