ETIKA

Franziskus-Chronik
von 1603

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17.12.2014 – 20.12.2014

12F3229

Von einem wunderlichen Bild

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Cap. 29. Konstanz 1603

Von einem wunderlichen Bild / so dem heyligen Francisco / in einem Gesicht erschinen / und desselben Außlegung.

Cap. 29.
Fioreto.

ALs eines mals diser glorificierte Vatter / bey S. Maria der Engel / in dem Gebett war / erscheint ime ein Bild wunderlicher Grosse und Schöne / so sich deß Nabuchodonosers / wie die Schrifft meldt / vergleichet: Dann es hatte den Kopff von Gold / unnd ein schön Angesicht / die Brust und Arm von Silber / den Bauch und die Gedieg von Metall /unnd die Schenckel von Eisen / die Füß theyl von Eisen / unnd theyls von Leymen / unnd war mit einem Mantel von rauhem schlechten Sack bedeckt / dessen es sich (wie scheinte) bekränckt und schämmet / darab er sich hoch verwunderet.

Der Engel aber / der ihme dise Vision zeigte und repraesentierte / redt mit ihme unnd sagt: Weß verwunderst du dich / O Francisce? Wisse daß dir GOTT dise Misteriosische Vision zugesandt / auff daß wann du mich ansehest / du die wunderliche zukünfftige Enderung deiner Religion erkennest / mercke derhalben zu.

Der guldine Kopff / so du an mir sihest / unnd das schöne Angesicht / bedeutet den Anfang deiner Religion / inn der Bestandigkeit der Evangelischen Vollkommenheit erbaut. Dannenhero / gleich wie das Gold grösserer Fürtreffligkeit / und Wehrt ist / dann alle andere Metall / unnd das Ort deß Haubts uber alle andere Glider erhebt / also ist der Anfang deines Ordens / wegen der Brüderlichen vergulten Liebe / und Englischen Erbarkeit / vil kostlicher / und wegen der Observantz der Evangelischen Armut / einer solchen Schöne / und Adels / daß sie die gantze Welt mit Wunder erfüllt: Und werden sich die Königin Saba / so da ist die heylige Kirchen / sambt ihren Glaubigen / entsetzen / unnd inn ihren Hertzen / ein unaußsprechlich Frolocken empfinden / wann sie ein so klaren und unnd schönen Spiegel der Heyligkeit / und geistlichen Weißheit sehen werden. Unnd alle dise erste auff disen ersten Felsen erbaute (weil sie sich werden dem HERREN und seinen heyligen Geberden unnd Gewohnheiten zufolgen befleissen) von seiner Göttlichen Maiestät geheyliget und glorificiert werden.

Die silberne Brust unnd Arm / ist der andere Stand deines Ordens / so vil niederer als der erst / als vil das Silber minder als das Gold ist. Zugleich aber wie das Silber auch in grossem Werth / einen Glantz und Thon hat: Also wirt diser andere Stand deines Ordens außerwehlte adeliche Brüder in Geschickligkeit scheinend / und angenem inn dem Predigen haben / unnd werden so hoch inn der Kirchen steigen / daß vil in derselben hohe und grosse Würden / als Abteyen / Bisthumb / Cardinalat / ja auch das Babstthumb erlangen werden. Und dieweil in der Brust und Armen die menschliche Stärcke stehet / wirdt der Herr selber Zeit deinem Orden mit Leuten / einer solchen Fürtreffligkeit / und gutes Gewissens fürsehen / daß sie ine vor den mächtigen Feinden / so ine selbiger Zeit verfolgen werden / beschirmen / und sambt dem Orden zugleich auch die heylige Kirchen vor dem erschröcklichen Anlauff der Ketzereyen und Spaltungen / so wider sie regieren werden / erhalten und bewahren helffen.

Nach diesem wirt der dritte Stand / durch den Bauch von Metall figuriert / kommen / welcher ohne Gleichnus niderer als der ander ist. Zu gleich aber wie auß disem mehrere Anzahl Gelts gemacht: Also wirt zu selber Zeit der jenigen eine grosse Anzahl seyn / welche iren Bauch für Gott halten / werden aber inn ihrer höchsten Glori auch confundiert / seytemal sie allein das Irdisch wissen werden. Und ob gleichwol wegen irer Geschickligkeit und hellen Stimm / so sie auff den Kantzlen haben / ihnen vil (so nichts anders dann die eusserlich Rinden betrachten) nachfolgen / und sie in dem Volck loben und preysen / so werden sie doch durch geistliche und verständige Personen gering geschetzt unnd geachtet werden / seytemal sie dieselben die Sensualitet oder Sinnligkeit / und nit die Ehr Gottes / unnd das Heyl der Seelen lieben / sehen werden:  und auch daß solche von dem Herren in disem Werth gehalten wurden  / wie der Apostel Paulus sagt (I. Cor. 13.) : Die Prediger ohne Lieb / seynd wie das klingende Ertz oder Gloggen / welche guten Klang haben / aber sie doch nichts hilfft. Dann wie sie heylige und geistliche Wort predigen: Also werden sie geistliche Kinder geberen / und anderen den Bronnen deß Lebens zeigen / sie aber inn der wüsten Erden außgedorrt verbleiben.

Auff disen wirt der vierte unfruchtbar / abscheulich Stand kommen / durch die eysene Füß bedeutet. Dann zu gleich wie das Eysen das Kupffer / Gold / und Silber lindert: Also wirdt diser Stand so grosser Boßheit unnd Eigensinnigkeit seyn / daß von seiner Erkaltung /und newen Gebräuchen wegen / das Gut / so die ersten Stiffter deß Ordens / in der guldenen Liebe erbawet / die silbere Wahrheit der andere / und die Predig und Stimm der dritten / in der Kirchen Gottes vollbracht / in Vergeß gestelt werden. Unnd derhalben gleich wie die Füß den gantzen Leib auffhalten: Also werden auch sie mit der Stärcke deß Eysens / und mit einer irrdischen Gleißnerey den Leib deß Ordens erhalten / und sich under dem schlechten Mantel verbergen / und mit eusserlichem Schein der Welt zu verstehen geben / daß sie noch inn ihrer ersten Demut / und Armut zu leben sich befleissen. Diese werden innerlich reissende Wölff seyn / Gott bekant / aber den Menschen verborgen /unnd unbekant.

Dise ob sie gleichwol  wie das Eysen im Feur / mit vilen Trübsalen  nit allein mit den Hämmeren der Teuffel / sonder auch der Welt Fürsten affligiert und geplagt seyn werden  / seytemal die Geschrifft sagt: Die Grossen werden in ihrer Boßheit  grosse Pein und Marter uberstehen: so werden sie doch so starck unnd härt seyn / daß zu gleich wie das Eysen allen Metallen widerstehet: Also sie auch menigklich / den Praelaten und weltlichen Fürsten widerstehen werden / mit Fürnemmen und Gedancken / die Guten zu uberwinden / und mit irer dem Eysen vergleichten Härte zu beherrschen: darumb sie dann / als Leut eines härten Nacken / in der Ungnad Gottes seyn werden.

Dieweil aber diese Füß nit lauter von Eysen / sonder auch von Leym oder Lett / so die Gleißnerey bedeutet / seynd / werden sie sich der Welt Wollust / auff daß sie inn der Weltlichen Gunst unnd Gnad seyen / ergeben. (Anm.: Es ist wohl überflüssig, hier einen Vergleich mit der Familiensynode der Kardinäle anzustellen, das weiß jeder achtsame Christ selber.)

Zu allem dem / daß von wegen der grossen Widerwertigkeit deß Eysens und Lettens / so nimmer zu sammen geschmeltzt könden werden / wirt in selben letsten Zeiten deß Ordens so grosse Widerwertigkeit / Spaltung / und Uneinigkeit under den Brüderen entstehen / daß letstlich (und wann sie ein Weil Widerstand gethan / und ermüdet) sie sich der Gleißnerey zu gebrauchen anfangen werden / seytemal es unmüglich / die wahre Hoffart mit der verstelten Heyligkeit  (daß es Bestand habe) zu sammen zu fügen / und letstlich als Verachter und Zertretter der Disciplin deß Ordens / und per consequens / deß Evangeliums Christi / erstlich von einander wie das Eysen von dem Letten / ob sie gleich wol zu sammen gefügt scheinen / abgetheylt / also under ihnen die Feindschafften / Uneinigkeiten / Partheyligkeiten / und Tyranneien zu herrschen und regieren anfahen: folgents wann die Welt ihre Laster sehen / gar von den Weltlichen confundiert / züchtiget / und gestrafft werden.

Und solches wirt inen darumben begegnen / dieweil sie sich gäntzlich von dem guldenen Haubt irer ersten Liebe abgesündert haben. Derhalben werden wol selig seyn die jenige / welchen selbiger Zeit die Gebott Gottes / und ihres Ordens zu Sinn kommen / dann als das Gold im Feur werden sie gereyniget / und ob sie wol von der Welt nit erkant / sie doch von Gott hoch geachtet werden / seytemal der Herr zu keiner Zeit dise Religion verlassen wirt / also daß nit allezeit der Frommen und Gerechten (welche gleichwol gegen so vil Boßhafftigen zu rechnen wenig / und von der Welt verfolgt) genug verbleiben werden / welches ihnen bey dem allerhöchsten Gott desto grössere Kron verursachen wirt.

Der Sack aber / und schlechte Mantel / von welcher wegen es scheint ich mich schäme / und unwillig erzeige / ist die heylige Armut / welche zu gleich wie sie / die Zier dises Ordens / und sonderlich das Fundament aller Heyligkeit ist: Also werden sich die Hurenkinder desselben schämen / dann ihr End wirt nit in Gott / sonder der Welt seyn / und derhalben (derselben zu gefallen) den Habitum Gottes verachten / kostliche zarte Thücher   / und solche zu haben die Welt importunieren / und durch Mittel der Simoney bekommen. Derhalben selig die / welche biß an das End / in der Observantz ihrer heyligen Gelübten / verharren werden.

Als er dises gesagt / ist er verschwunden / und den heyligen Franciscum voller Wunders / unnd Zeheren verlassen / welcher dem Herrn von gantzem Hertzen / seine jetzige und künfftige Schäfflein befohlen.

Dise und vil andere / von der Enderung seiner Religion Sachen / hat der Herr seinem Diener Francisco / als dem Haubt und Hirten der Minderen Brüder geoffenbaret / welche Regel weil sie auff die Evangelische Vollkommenheit fundiert / (ob sie gleichwol der Welt nach schwer zu halten) so ist sich nit zu verwunderen / daß sie von ihrer Vollkommenheit abgefallen / und falle / seytemal wir alle / der Natur nach / der Welt affectioniert / und alle Strenge / Härte / und Mängel zu fliehen geneigt / unnd vil mehr unsers / dann Gottes Willens Freund seyn / welcher (nach unser thorächten Weißheit) schaffet / daß wir die Gebott deß Herren nit achten / noch seine enge / und dem Heyl so gar nohtwendige Strassen halten / und derhalben von unseren ersten Vätteren je länger je mehr declinieren / und abweichen.

Wie dann ander Seits nit weniger zu verwunderen / wann einer diser schwachen / auß Erden gemachten Geschirren / wie wir seynd / in so strenger Verbindung der Evangelischen Observantz / ein so unüberwindtliche Beständigkeit / einen solchen Schatz inn ihme zu erhalten / erzeiget / dann dises alles durch den Herrn geschicht / auff daß von der Welt erkant / daß die Hochheit und Glori diser Religion / von dem Gewalt und Krafft seiner Göttlichen Maiestät / und nit von menschlicher Krafft und Stärcke herkomme: schickt uns derhalben / wann es ihne gebürende Zeit gedunckt / die Reformierungen / welche sie erhalten.

Nachtrag am 20.12. Drei Tage nach Veröffentlichung dieser Serie über die Zukunft des Ordens der Minderen Brüder müssen wir in den „Dolomiten vom 20.12.2014, S. 8, lesen: „Die Zentrale des Franziskaner-Ordens (Generalkurie) in Rom steht nach eigenen Angaben wegen dubioser Finanzgeschäfte vor der Pleite. … Nach Medienangaben geht es unter anderem um millionenschwere Investitionen in ein Hotel im Zentrum von Rom mit Blick auf den Petersdom. … Über Konten (in der Schweiz) soll auch Geld in Gesellschaften investiert worden sein, gegen die unter anderem wegen Drogen- und Waffenhandels ermittelt wird, wie „Panorama“ schrieb.“

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