ETIKA

Franziskus-Chronik
von 1603

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1.2.2015

12F3230

Vom Mitleid mit allen Brüdern

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Cap. 30. Nur Anfang. Konstanz 1603

Von dem Mitleiden / und bescheidner Liebe deß H. Vatters /
 gegen alle Brüdern / sonderlich den krancken.

S. Bonaventura.

SEytemal die Obligation deß Praelaten gegen den anbefohlnen Schäfflein / nit allein dahin verstanden wirt / daß er denen mit geistlichen Speisen und Ermahnungen / sonder auch mit leiblichen Nohtwendigkeiten zu Hilff kommen solle / so ware der heylige Vatter  Franciscus mit unendtlicher Liebe erfült / und hatte unauffhörliche Gedancken /  seine geliebte Kinder / sonderlich die krancken / mit deß Leibs Notturfften zu erhalten / und zu  versehen / welche Liebe er nit allein auß vätterlicher Schuld / sonder natürlichen Mitleiden / welches allezeit gegen den Ellenden und Armseligen in ihme regiert /  geübt / welches er / auff daß es verdienstlich / redopplierte / also daß er alle Trübsal seines Nächsten / auff die Person Christi referierte / von welches wegen deme sollte geholffen werden / unnd sich derhalben / als ob er inn ihnen seinen Herrn sehe /sein Hertz erweicht.

Der Gestalt haben inn dem Anfang deß Ordens / selbige newe unnd innbrünstige Ritter Christi / in strenger und harter Zubringung ihres Lebens / und bußwürdigen Wercken schier gar zu viel gethan / welches aus nachfolgendem Exempel / mit Zuthuung der Liebe deß heyligen Vatters zu sehen.

Als er solches vernommen / lasset er ihme alsbald zu Essen bringen / unnd wollte daß die andere Brüder / ob es gleichwol ausser der Zeit war / auch essen solten.

Dannenhero als der Bruder ersättiget / und er seine Kinder inn der Tugent der Bescheidenheit / mit welcher sie den Eyffer deß Geists / zu Erhaltung der leiblichen Kräfften in der Abstinentz oder Abbruch / temperieren solten / underrichten wolte / sagt er zu ihnen:  Geliebte Brüder / nemmet / und behaltet in euch dise Erinnerungen / erwege ein jeder sein Natur / Complexion / und Kräfften / und nach denselben mässige er den Abbruch: Dann obwol sich etliche mit wenig Speiß erhalten mögen / ist es doch nit von nöhten / daß ein anderer / so sich mit Geringem nit behelffen kan / dergleichen thue / oder ebenmäßiger Abstinentz sich gebrauche. Dann zugleich wie wir von uberflüssigem Essen / so die Seel verdammet / unnd den Leib verzehrt / uns zu verhüten schuldig seynd: Also sollen wir die unbescheidne Abstinentz oder Abbruch fliehen / unnd also handlen / daß der Leib der Seelen dienen möge: Dann unser Gott und Herr liebt mehr die Barmhertzigkeit dann das Opffer. (Osee 6.) Unnd dises so ich an jetzo gethan / nemmlich diser Stund von Liebe wegen zu essen / erinnere sich ein jeder / daß solches auß keiner anderen Ursach / als Mitleiden / und einem Exempel der Liebe / weil solches sein eusserste Notturfft erfordert / beschehen / sonder verhüte sich in disem ein jeder / sonderlich die Praelaten gegen den Anbefohlnen / daß er dergleichen Zufals ein ander mal nit Ursach seye: welches gar wol von dem Heyligen  gehalten worden / seytemal (ob er gleichwol die Armut in allen Sachen bey ihnen zu erscheinen haben wolte) er doch nie gestattet / daß sich die Brüder der nohtwendigen Underhaltung berauben solten.

Wegen Augenschwäche beendet hier der Abschreiber seine Tätigkeit.

Es folgen im Text Ausführungen allgemeiner Art über die Hilfe für notleidende Brüder und ein Beispiel, wie Franziskus einen Kranken gesund machte, indem er ihm Weintrauben zu essen gab. Danach wird aufgrund von alten Chroniken erzählt, wie die hl. Klara und ihre Gefährtinnen Franziskus in Santa Maria degli Angeli besuchten und von Assisi aus das Kloster in großen Feuerflammen (des Heiligen Geistes) zu sehen war.

 

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