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ETIKA |
Franziskus-Chronik |
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12F3233 |
Der Orden der Büßenden |
Der
Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Cap. 33, S. Bonaventura,
Konstanz 1603 |
P. Fridolin Außersdorfer OFM
veröffentlicht in seiner Zeitschrift „Dienst am Glauben“ (Heft 1, Jänner – März
2002) einen aufsehenerregenden Artikel unter der Überschrift: „Orden von der Buße ist wieder
da!“. ... Und so lädt ETIKA nun ein zu einer Zeitreise, zurück in ein
Jahrhundert, das Franziskus näher ist:
Wie der heylig Franciscus erkent
/ daß es der Wille Gottes / daß er nit mit dem Gebett allein / sonder auch Predigen
/ den Seelen zu Hülff solte kommen / und wie er den Orden der Büssenden / der
dritt Orden genant / eingesetzt.
Cap. 33.
S. Bonaventura
Demnach
der heylige und wahre Diener Christi Jesu / demselben seinem Herren völligklich
mit Trewen und Vollkommenheit deß Lebens / in denen Sachen / welche seiner
Göttlichen Maiestät zum annemlichsten / ohne Ansehung einichens zeitlichen / ja
auch gebürlichen Trosts / zu dienen begerte / fiele ime ein Zweiffel inn das
Gemüt / welchen er vil malen mit selben seinen ersten und so geliebten Gesellen
conferierte / sagende:
Ich
bitt euch geliebte Brüder / von dieser Liebe wegen / so under uns schwebt / ihr
wöllet mir anzeigen / welches ich under disen zweyen thun solle / und GOTT
angenemmer seyn möchte / daß ich mich allein deß Gebetts annemmen / oder auch
in den Predigen üben / und die Irrigen auff den Weg deß Herren weisen solle.
Dann wir ihr secht / ich bin eine kleine einfältige Person / kann sie mit hoch
unnd gelehrten Worten nit underweisen.
Derhalben
weil ich ander Seits von Gott dem Herren mehr Gnad zu betten / als zu reden
empfangen / wolt ich mich vil lieber dem steten Gebett ergeben / sonderlich
weil ich weiß / dass in dem Gebett ein grosser Gewinn / und ein sicherliche
Vermehrung der Gnaden sich befindet. Da entgegen das Predigen ein Außstrewung
unnd Communicierung deren wenigen von Gott empfangenen Gaben und Gnaden ist.
Das
Gebett ist ein Glantz der guten Begirden / der Gottseligen Affectionen der
Seelen / und ein Zugab der Göttlichen Tugent / dem höchsten und wahren Gut
zugesetzt. Das Predigen aber ist ein Bestaubung der geistlichen Füssen / das
ist / der liebhabenden Affecten deß Hertzens zu Gott / so für die Füß dienen /
und deß gantzen geistlichen Gebäus Grundveste seynd / seytemal sich der Mensch
durch solche von der Reuhe deß Lebens / unnd Strenge der Disciplin distrahiert
und abzeucht.
In
dem Gebett reden wir mit Gott / und hören wann er mit uns redet / unnd also
gleich ein englisch Leben führend / mehr mit den Englen in dem Himmel / dann
mit den Menschen hie auff Erden conversieren. Da entgegen / wann wir predigen /
wir allezeit mit den Menschen conversieren / unnd under ihnen leben müssen /
sie zu Gott bekehren / die Wahrheit sagen / unnd von ihnen irdische weltliche
Sachen anhören.
Es
ist gleichwol aber deß Predigens halber / unn demselben zu gutem / und wol zu
betrachten / eines disem allem zu wider / dann es erzeigt Gott / dass er
solches gar hoch achte / weil sein eingeborner Sohn / welcher das höchste Gut /
Regel / und Göttliche Weißheit selbst ist / auß der Schoß seins ewigen Vatters
herab gestigen / die Welt mit seinem guten Exempel zu underrichten /und zu
lernen / unnd den Menschen das Wort deß Heyls zu predigen / durch welche er
hernach die praedestinierten Seelen geheyliget / sie mit seinem kostbarlichisten
Blut wäschend / mit seinem Todt lebigmachend / und sie mit seinem
allerheyligistenm Leib inn dem hochwürdigisten Sacrament deß Altars erhaltend /
nichts für sich selbsten behaltend / so er uns nit freygebigklich zu einem
Mittel unsers Heyls gegeben und geschencket.
Dannenhero
unn dieweil wir all unser Thun und Lassen / nach seinem Exempel zu richten
höchlich verbunden / scheint es daß es dem Herren angenemmer / das Gebett
zu seiner Zeit zu underlassen / und dem Predigen abzuwarten. Darnach einer Seits
/ die Wahrheit zu sagen / zeucht mich mein eigner Wille zu der Ruh: ander Seits
erinnere ich mich dass als ich von Rom mit der Regel Confirmation kam / der
Herr mir geoffenbaret / sein Intention und Will wäre / dass ich bey der Welt
/ und nit in der Wildnus seyn solte / auff dass ich vil Seelen auß dem Rachen
deß Teuffels reissen und erledigen (Anmerkung etika.com: befreien) möchte. In
diesem allem derhalben beger ich ewers Rahts / dieweil mirs der Herr / ob ich’s
schon täglich mit grosser Instantz begert / nie offenbaren wöllen.
Auff
welches Begeren als sie alle / inn so wichtigem Handel zu rahten sich
untaugenlich zu seyn / antworteten / beruefft er Bruder Maseum/ befilcht
ihm / und sagt: Gehe zu unser Schwester Clara / und sag ihr von meinet
wegen / sie solle sambt allen ihren geliebten Schwesteren / Gott den Herren
anrueffen / dass er mich underrichte / was ich in disem fürnemmen solle. Und
wann du dises verricht / so gehe auff den Berg Subasio / such unseren Bruder
Silvester / ein Mann / der durch den heiligen Geist deß Göttlichen
Gesprächs gewürdiget / und der durch seine Verdienst jedwedere Gnad von dem
Herren erlange / und sage ime meinet wegen eben dises.
Als
der Bruder dahin gangen / und wider kommen / sagt er / daß Bruder Silvester /
als er die Bottschafft empfangen / sich alsbald zu dem Gebett ergeben / und
diese Offenbarung von dem Herren empfangen / er hätte ine zu dieser Berueffung
/ von seiner selbsten particular Wolfart wegen nit erfordert / sonder dass durch
Mittel seiner Predig / vil verlorne Seelen sich zu der Buß bekehren solten / unnd eben solches wäre auch der H. Clarae
geoffenbaret worden: welches der Herrr gethan / auff daß durch vil Bezeugnussen
der Welt desto klarer erscheinte / warumben sein Göttliche Maiestät disen
seinen Diener under die Welt gesant hätte.
Nach
angehörter Antwort (welche der H. Vatter als ein Sententz und Urtheyl deß
Allerhöchsten / auff den Knien anhören wöllen) ist er auffgestanden / und
erfült deß H. Geists / mit Liebe Jesu Christi entzündt / Bruder Maseo geantwortet
/ und gesagt:
Ey so laß uns geliebter Bruder / in dem Namen deß
Herren gehen /
begibt
sich gleich / von dem Geist getriben / auff den Weg / ruefft für den dritten
Gesellen Angelum mit sich / wißte nit wo er hin gienge. Als er sich aber
den heyligen Geist weisen lassen / kommt er 4. Meil von Assisi in ein Dorff Carnerio
genant / allda prediget er dem Volck / mit solcher Innbrünstigkeit und
Aufferbawung alles desselben Volcks / daß so wol Mann / als Weiber / als sie
ine so heyligklich von Verachtung der Welt reden hörten / und daß Gott durch in
redte / sahen / sich ihr eigen Hauß und Hof zu verlassen / und ime nachzufolgen
/ auff daß sie seine heylige Räht in das Werck richten köndten / entschlossen /
wo nit der heylige Vatter durch Gottes Erleuchtung inen gesagt / sie sollten
von dannen nit weichen / auffrecht in der Forcht
Gottes / seine Gebott haltend / leben / ire Kinder und Haußgesind Christenlich
in der Forcht Gottes aufferziehen / allezeit in dem Herren hoffen / unn die
Sünd als iren höchsten Feind fliehen / so wollte er nit ermanglen /
sie das Leben (die Verzeyhung von Gott zu erlangen) zu underrichten und zu
lernen.
Diese
Wort aber alle waren vergebens / dann selbiges Volck (welches dem heyligen Geist
/ so allbereit in seinem Hertzen branne / nit widerstreben möchte) wollte nit
zu verbleiben bewilligen / so lang biß er sie alle zu Brüder und Schwestern
deß Ordens an unnd auffgenommen hätte. Hat also der heylige Vatter Franciscus /
durch Göttliche Eingebung / den Anfang dem dritten Orden der Büsser gegeben /
welchen alle Ständ / als Jungkfrawen / Eheleuten / Wittiben / unn Ledigen / so
wol Mann als Weibs Personen / tragen mögen / wie außführlich hernach in dem
9. Buch gesagt wirdt.
Von dem ersten Haubt deß dritten
Ordens / und von der Offenbarung / so ein Beseßner / von Gott gezwungen / von
dem Thun und Lassen deß heyligen Francisci gethan.
Alte Chronicken. S. Ant.
Under
anderen dises Ordens / war einer Bartholomaeus genant / ein Advocat oder
Procurator / welcher als er sein Predig gehört / die Procurey / unnd die Welt
verlassen / unnd als er den Habitum der dritten Regel angelegt / mit
unablässiger und geistlicher Mühe würdige Früchte der Buß zu würcken begert:
dannenhero in so grosse Heyligkeit deß Lebens / und Vertreuligkeit deß heyligen
Francisci gewachsen / daß er ihme an seiner Statt allezeit Manns und Weibs
Personen an und auffzunemmen Gewalt gegeben.
Zu
diesem ist kommen / daß er ohne Gefahr ein beseßne Person inn dem Hauß
hatte / welche zu Ankunfft deß heyligen Vatters Francisci erstummet / unnd drey
gantzer Tag / so lang er allda war / stumm verbliben. Welches ob es
gleichwol den Haußherren etwas Newes gedunckte / wolte er doch den heyligen
Vatter (gegen welchem er ein sondere Reverentz truge) nit beunruehigen / und
nichts darvon sagen.
Als
aber der heylige Vatter hinwegk gescheiden / und die beseßne Person angefangen
zu reden / fragt er sie durch die Krafft GOTTES / warumb er solches gethan. Als
aber der Besessen widerstrebet / und er je länger je mehr die Beschwerung
mehret / sagt er letztlich:
Wisse daß weil dieser Münch da geweßt / daß mir GOTT
dermassen die Zungen gehäfft / daß ich nit ein Wort sprechen könden.
Darauff
ihme derselbig Mann GOTTES geantwortet:
Hat dann selbiger Münch so vil Krafft / daß er dich
drey Tage hat machen Stumm seyn?
Darauff
spricht der Beseßne:
Wisse / O Bartholomae / daß nit vor langer Zeit unser
Fürst uns alle versamblet / und uns zu verstehen geben / daß weil der
allmächtig GOTT die Welt nie verlassen / sonder allzeit einen seiner Diener /
als Noe / Abraham / Moysen / seine Propheten / und letztlich seinen einigen
Sohn gesant / und nach selbiger Zeit die Liebe
in den Christen dermassen erkaltet / daß die Gutthat deß Leidens
seines Sohnes ihnen schier gar auß Gedechtnus und Betrachtung kommen / habe
ihne verwundert / daß Gott derselben zu Hilff zu kommen so lang verzogen.
Als er aber disen Bruder in ein solche
Höhe der Verachtung der Welt / so grosser Ubergebung seiner selbsten inn GOTT / und Ernewerung
deß Lebens Christi auff Erden zu steigen / ein solche Anzahl sonderlich
vollkomner fürtrefflicher Personen ihme nachzufolgen gesehen / habe er klar
unnd augenscheinlich erkent / daß dises diejenigen wären / so er zu kommen
besorgte: Hat uns derhalben alle ihne zu verfolgen ermahnet / und ist nit lang
/ daß unser etlich tausent uns in einem Koster versamblet / und das Mittel /
wie wir ihme den Orden stürtzen sollen / gefunden: Dann wider die Reynigkeit
der Keuschheit / wöllen wir die Gemeinschafft der Weibsbilder / und Auffnemmung
in die Religion Jünger ohne Geist Brüder erwecken / wider die Armut / grosse
uberflüssige Gebäw / die hoffärtigen Praelaten / welche in der Strenge der
Demut nit verbleiben mögen / wider die Gehorsame die Widerwertigkeit der
Meynungen / unnd anderen Sachen / so ich dir an jetzo nit sagen will /
einzuführen / unnd so vil anfahen / daß wir zu sigen hoffen / und wirdt diser
Orden / so du an jetzo so hoch erhebt sichst / so
nider / und inn Verachtung kommen / daß es zu verwunderen seyn wirdt
/ unnd ob gleichwolen selbiger Zeit ein anderer Bruder eben diß Ordens / der
nit weniger Krafft und Tugenten / als dieser Franciscus haben / erstehen wirdt
/ unnd inn der Religion inn ein solche Höhe der Heyligkeit steigen / daß der
dritte Theyl der Menschen sich durch sein Lehr / unnd Exempel zu Buß bekehren
wirdt.
Dises ist zwey Jar zuvor ehe daß der
heylige Franciscus die heyligen Wundenmaal empfangen / geschehen. Unnd ob
gleichwol disem / weil es ein Teuffel gesagt / schlechter Glauben zu geben /
hat doch der gegenwärtig Verfolg wol zu erkennen geben / daß er solches alles
zu sagen / von dem HERREN gezwungen worden / weil das nit das erste mal /
daß GOTT der Herr durch den Rachen der Teuffel / der Welt seine Geheimnussen
geoffenbaret / ja noch zu Zeiten unsers Erlösers / da er ihn mit Gewalt /
als den wahrhafften Sohn Gottes bekennen müssen.
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