ETIKA

Franziskus-Chronik
von 1603

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31.1.2002 – 1.3.2015

12F3233

Der Orden der Büßenden

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Cap. 33, S. Bonaventura, Konstanz 1603

P. Fridolin Außersdorfer OFM veröffentlicht in seiner Zeitschrift „Dienst am Glauben“ (Heft 1, Jänner – März 2002) einen aufsehenerregenden Artikel unter der Überschrift: „Orden von der Buße ist wieder da!“. ... Und so lädt ETIKA nun ein zu einer Zeitreise, zurück ins 13. Jahrhundert.

Wie der heylig Franciscus erkent / daß es der Willen Gottes / daß er nit mit dem Gebett allein / sonder auch Predigen / den Seelen zu Hilff solte kommen / und wie er den Orden der Büssenden / der dritt Orden genant / eingesetzt.
Cap. 33.
S. Bonaventura

Demnach der heylige und wahre Diener Christi Jesu / demselben seinem Herren völligklich mit Trewen und Vollkommenheit deß Lebens / in denen Sachen / welche seiner Göttlichen Maiestät zum annemlichsten / ohne Ansehung einichens zeitlichen / ja auch gebürlichen Trosts / zu dienen begerte / fiele ime ein Zweiffel inn das Gemüt / welchen er vil malen mit selben seinen ersten und so geliebten Gesellen conferierte / sagende:

Ich bitt euch geliebte Brüder / von dieser Liebe wegen / so under uns schwebt / ihr wöllet mir anzeigen / welches ich under disen zweyen thun solle / und GOTT angenemmer seyn möchte / daß ich mich allein deß Gebetts annemmen / oder auch in den Predigen üben / und die Irrigen auff den Weg deß Herren weisen solle. Dann wir ihr secht / ich bin eine kleine einfältige Person / kann sie mit hoch unnd gelehrten Worten nit underweisen.

Derhalben weil ich ander Seits von Gott dem Herren mehr Gnad zu betten / als zu reden empfangen / wolt ich mich vil lieber dem steten Gebett ergeben / sonderlich weil ich weiß / dass in dem Gebett ein grosser Gewinn / und ein sicherliche Vermehrung der Gnaden sich befindet. Da entgegen das Predigen ein Außstrewung unnd Communicierung deren wenigen von Gott empfangenen Gaben und Gnaden ist.

Das Gebett ist ein Glantz der guten Begirden / der Gottseligen Affectionen der Seelen / und ein Zugab der Göttlichen Tugent / dem höchsten und wahren Gut zugesetzt. Das Predigen aber ist ein Bestaubung der geistlichen Füssen / das ist / der liebhabenden Affecten deß Hertzens zu Gott / so für die Füß dienen / und deß gantzen geistlichen Gebäus Grundveste seynd / seytemal sich der Mensch durch solche von der Reuhe deß Lebens / unnd Strenge der Disciplin distrahiert und abzeucht.

In dem Gebett reden wir mit Gott / und hören wann er mit uns redet / unnd also gleich ein englisch Leben führend / mehr mit den Englen in dem Himmel / dann mit den Menschen hie auff Erden conversieren. Da entgegen / wann wir predigen / wir allezeit mit den Menschen conversieren / unnd under ihnen leben müssen / sie zu Gott bekehren / die Wahrheit sagen / unnd von ihnen irdische weltliche Sachen anhören.

Es ist gleichwol aber deß Predigens halber / und demselben zu gutem / und wol zu betrachten / eines disem allem zu wider / dann es erzeigt Gott / dass er solches gar hoch achte / weil sein eingeborner Sohn / welcher das höchste Gut / Regel / und Göttliche Weißheit selbst ist / auß der Schoß seins ewigen Vatters herab gestigen / die Welt mit seinem guten Exempel zu underrichten / und zu lernen / unnd den Menschen das Wort deß Heyls zu predigen / durch welche er hernach die praedestinierten Seelen geheyliget / sie mit seinem kostbarlichisten Blut wäschend / mit seinem Todt lebigmachend / und sie mit seinem allerheyligisten Leib inn dem hochwürdigisten Sacrament deß Altars erhaltend / nichts für sich selbsten behaltend / so er uns nit freygebigklich zu einem Mittel unsers Heyls gegeben und geschencket.

Dannenhero und dieweil wir all unser Thun und Lassen / nach seinem Exempel zu richten höchlich verbunden / scheint es daß es dem Herren angenemmer / das Gebett zu seiner Zeit zu underlassen / und dem Predigen abzuwarten. Darnach einer Seits / die Wahrheit zu sagen / zeucht mich mein eigner Wille zu der Ruh: ander Seits erinnere ich mich daß als ich von Rom mit der Regel Confirmation kam / der Herr mir geoffenbaret / sein Intention und Will wäre / dass ich bey der Welt / und nit in der Wildnus seyn solte / auff dass ich vil Seelen auß dem Rachen deß Teuffels reissen und erledigen (Anmerkung etika.com: befreien) möchte. In diesem allem derhalben beger ich ewers Rahts / dieweil mirs der Herr / ob ich’s schon täglich mit grosser Instantz begert / nie offenbaren wöllen.

Auff welches Begeren als sie alle / inn so wichtigem Handel zu rahten sich untaugenlich zu seyn / antworteten / beruefft er Bruder Maseum/ befilcht ihm / und sagt: Gehe zu unser Schwester Clara / und sag ihr von meinet wegen / sie solle sambt allen ihren geliebten Schwesteren / Gott den Herren anrueffen / dass er mich underrichte / was ich in disem fürnemmen solle. Und wann du dises verricht / so gehe auff den Berg Subasio / such unseren Bruder Silvester / ein Mann / der durch den heyligen Geist deß Göttlichen Gesprächs gewürdiget / und der durch seine Verdienst jedwedere Gnad von dem Herren erlange / und sage ime meinet wegen eben dises.

Als der Bruder dahin gangen / und wider kommen / sagt er / daß Bruder Silvester / als er die Bottschafft empfangen / sich alsbald zu dem Gebett ergeben / und diese Offenbarung von dem Herren empfangen / er hätte ine zu dieser Berueffung / von seiner selbsten particular Wolfart wegen nit erfordert / sonder daß durch Mittel seiner Predig / vil verlorne Seelen sich zu der Buß bekehren solten  / unnd eben solches wäre auch der H. Clarae geoffenbaret worden: welches der Herrr gethan / auff daß durch vil Bezeugnussen der Welt desto klarer erscheinte / warumben sein Göttliche Maiestät disen seinen Diener under die Welt gesant hätte.

Nach angehörter Antwort (welche der H. Vatter als ein Sententz und Urtheyl deß Allerhöchsten / auff den Knien anhören wöllen) ist er auffgestanden / und erfült deß H. Geists / mit Liebe Jesu Christi entzündt / Bruder Maseo geantwortet / und gesagt:

Ey so laß uns geliebter Bruder / in dem Namen deß Herren gehen /

begibt sich gleich / von dem Geist getriben / auff den Weg / ruefft für den dritten Gesellen Bruder Angelum mit sich / wißte nit wo er hin gienge. Als er sich aber den heyligen Geist weisen lassen / kommt er 4. Meil von Assisi in ein Dorff Carnerio genant / allda prediget er dem Volck / mit solcher Innbrünstigkeit und Aufferbawung alles desselben Volcks / daß so wol Mann / als Weiber / als sie ine so heyligklich von Verachtung der Welt reden hörten / und daß Gott durch in redte / sahen / sich ihr eigen Hauß und Hof zu verlassen / und ime nachzufolgen / auff daß sie seine heylige Räht in das Werck richten köndten / entschlossen / wo nit der heylige Vatter durch Gottes Erleuchtung inen gesagt / sie sollten von dannen nit weichen / auffrecht in der Forcht Gottes / seine Gebott haltend / leben / ire Kinder und Haußgesind Christenlich in der Forcht Gottes aufferziehen / allezeit in den Herren hoffen / und die Sünd als iren höchsten Feind fliehen / so wollte er nit ermanglen / sie das Leben (die Verzeyhung von Gott zu erlangen) zu underrichten und zu lernen.

Dise Wort aber alle waren vergebens / dann selbiges Volck (welches dem heyligen Geist / so allbereit in seinem Hertzen branne / nit widerstreben möchte) wollte nit zu verbleiben bewilligen / so lang biß er sie alle zu Brüder und Schwestern deß Ordens an und auffgenommen hätte. Hat also der heylige Vatter Franciscus / durch Göttliche Eingebung / den Anfang dem dritten Orden der Büsser gegeben / welchen alle Ständ / als Jungkfrawen / Eheleuten / Wittiben / unn Ledigen / so wol Mann als Weibs Personen / tragen mögen / wie außführlich hernach in dem 9. Buch gesagt wirdt.

Von dem ersten Haubt deß dritten Ordens / und von der Offenbarung / so ein Beseßner / von Gott gezwungen / von dem Thun und Lassen deß heyligen Francisci gethan.

Alte Chronicken. S. Ant.

Under anderen dises Ordens / war einer Bartholomaeus genant / ein Advocat oder Procurator / welcher als er sein Predig gehört / die Procurey / unnd die Welt verlassen / unnd als er den Habitum der dritten Regel angelegt / mit unablässiger und geistlicher Mühe würdige Früchte der Buß zu würcken begert: dannenhero in so grosse Heyligkeit deß Lebens / und Vertreuligkeit deß heyligen Francisci gewachsen / daß er ihme an seiner Statt allezeit Manns und Weibs Personen an und auffzunemmen Gewalt gegeben.

Zu diesem ist kommen / daß er ohne Gefahr ein beseßne Person inn dem Hauß hatte / welche zu Ankunfft deß heyligen Vatters Francisci erstummet / unnd drey gantzer Tag / so lang er allda war / stumm verbliben. Welches ob es gleichwol den Haußherren etwas Newes gedunckte / wolte er doch den heyligen Vatter (gegen welchem er ein sondere Reverentz truge) nit beunruehigen / und nichts darvon sagen.

Als aber der heylige Vatter hinwegk gescheiden / und die beseßne Person angefangen zu reden / fragt er sie durch die Krafft GOTTES / warumb er solches gethan. Als aber der Besessen widerstrebet / und er je länger je mehr die Beschwerungen mehret / sagt er letstlich:

Wisse daß weil dieser Münch da geweßt / daß mir GOTT dermassen die Zungen gehäfft / daß ich nit ein Wort sprechen könden.

Darauff ihme derselbig Mann GOTTES geantwortet:

Hat dann selbiger Münch so vil Krafft / daß er dich drey Tage hat machen Stumm seyn?

Darauff spricht der Beseßne:

Wisse / O Bartholomae / daß nit vor langer Zeit unser Fürst uns alle versamblet / und uns zu verstehen geben / daß weil der allmächtig GOTT die Welt nie verlassen / sonder allzeit einen seiner Diener / als Noe / Abraham / Moysen / seine Propheten / und letztlich seinen einigen Sohn gesant / und nach selbiger Zeit die Liebe in den Christen dermassen erkaltet / daß die Gutthat deß Leidens seines Sohnes ihnen schier gar auß Gedechtnus und Betrachtung kommen / habe ihne verwundert / daß Gott derselben zu Hilff zu kommen so lang verzogen.

Als er aber disen Bruder in ein solche Höhe der Verachtung der Welt / so grosser Ubergebung seiner selbsten inn GOTT / und Ernewerung deß Lebens Christi auff Erden zu steigen / ein solche Anzahl sonderlich vollkomner fürtrefflicher Personen ihme nachzufolgen gesehen / habe er klar unnd augenscheinlich erkent / daß dises diejenigen wären / so er zu kommen besorgte: Hat uns derhalben alle ihne zu verfolgen ermahnet / und ist nit lang / daß unser etlich tausent uns in einem Kloster versamblet / und das Mittel / wie wir ihme den Orden stürtzen sollen / gefunden: Dann wider die Reynigkeit der Keuschheit / wöllen wir die Gemeinschafft der Weibsbilder / und Auffnemmung in die Religion Jünger ohne Geist Brüder erwecken / wider die Armut / grosse uberflüssige Gebäw / die hoffärtigen Praelaten / welche in der Strenge der Demut nit verbleiben mögen / wider die Gehorsame die Widerwertigkeit der Meynungen / unnd andere Sachen / so ich dir an jetzo nit sagen will / einzuführen / unnd so vil anfahen / daß wir zu sigen hoffen / und wirdt diser Orden / so du an jetzo so hoch erhebt sichst / so nider / und inn Verachtung kommen / daß es zu verwunderen seyn wirdt / unnd ob gleichwolen selbiger Zeit ein anderer Bruder eben diß Ordens / der nit weniger Krafft und Tugenten / als dieser Franciscus haben / erstehen wirdt / unnd inn der Religion inn ein solche Höhe der Heyligkeit steigen / daß der dritte Theyl der Menschen sich durch sein Lehr / unnd Exempel zu Buß bekehren wirdt.

Dises ist zwey Jar zuvor ehe daß der heylige Franciscus die heyligen Wundenmaal empfangen / geschehen. Unnd ob gleichwol disem / weil es ein Teuffel gesagt / schlechter Glauben zu geben / hat doch der gegenwärtig Verfolg wol zu erkennen geben / daß er solches alles zu sagen / von dem HERREN gezwungen worden / weil das nit das erste mal / daß GOTT der Herr durch den Rachen der Teuffel / der Welt seine Geheimnussen geoffenbaret / ja noch zu Zeiten unsers Erlösers / da er ihn mit Gewalt / als den wahrhafften Sohn Gottes bekennen müssen.

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