ETIKA

FRANZISKUS

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29.1.2002 – 23.2.2008 – 15.3.2015

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Die Vogelpredigt

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Cap. 34, S. Bonaventura, S. Anto., Konstanz 1603

Giotto: Franziskus predigt den Vögeln, Assisi, Franziskusbasilika, Oberkirche

Wie der heylige Franciscus als er von Carnerio zogen,
etlichen Vöglen geprediget

Es erzehlen die heyligen Bonaventura und Antonius daß als der heylige Franciscus von Carnerio hinweck gezogen und ehe er gen Benammo kommen, habe er ein große Anzahl allerley Vögel auff einem Baum und gleich gegen denselben uber ein andere Schar dergleichen angetroffen. Ein Sach würdig zu sehen, dann es erschine, als ob sie etwas Extra ordinari, wie dann geschehen, andeuteten.

Dann der heylige Vatter durch Erleuchtung und Eingebung Gottes / verlaßt die Brüder / gehet denselben Vöglen zu / denen zu predigen / und als er zu dem Baum kommen / grüßt er sie und sagt: Der Frid deß Herren seye mit euch:

Die Vögel erzeigten sonderbare Zeichen der Freud / bereiteten sich alle zu der Predig: Die auff dem Baum steigen herab / stellen sich zu den andern in die Ordnung / unnd erwarteten als es scheinte / mit großer Stille deß H. Vatters Anfang. Welcher derhalben also angefangen:

Ihr meine Brüder und Vögel / ihr seyt hoch verbunden / Gott eweren Schöpffer allezeit zu loben / der euch die Flügel / mit welchen ihr ringfärtig unnd schnell / durch die Lüfft / wo es euch am angenembsten / fliegen köndt: Ein Gnad (so er sovil anderen Thieren nit mitgetheylt) gegeben. Uber das euch mit allerley schönen / lieblichen / zierlichen Federen geziert und bekleidet / mit ringem Leib erschaffen / und euch ohne Müh (weil ihr von dem Schweiß der Menschen lebet) erhaltet: Unnd auch darumb / daß er euch ein solch lieblich / wolschallend Gesang verlihen / und in so großer Anzahl / von Anfang der Welt erhalten / euch von dem Sündfluß wunderlich (seitemal er von allen eweren Geschlechten / in die Arch Noe geschickt) bewaret / und darnach eins der vier Elementen zu besitzen geben.

Derhalben dann die Schrifft gewohnt / euch Vögel deß Himmels zu nennen: Uber das / daß ihr die Berg / Bühel / Thäler und Ebenen / die Brunnen / Bächlein / Bäum und Häuser zu den Nesteren / alle zu ewer Erquickung besitzet: Und uber alles daß der allmächtig Gott / durch den eignen Mund deß Herren / unsers Erlösers / sich gewürdiget / der Welt Kundtschafft zu geben / daß er euch ohne das ihr säet oder arbeitet / Winter und Sommer zu bekleiden / und alle Notturfft zu ewer Auffenthaltung zu geben / (Matt. 6.) Sorg traget / welche alle Wolthaten / Wahrzeichen seynd der Liebe / so er gegen euch / als seinen Creaturen traget. Derhalben jhr von Gott gebenedeyte / Brüder unnd Schwestern / hütet euch gegen seiner Göttlichen Maiestät undanckbar zu seyn. Sonder (dieweil er euch die Welt geben) lobet ihn unablässigklich / mit ewern lieblichen Stimmen. Amen.

Als der H. Vatter dise Predig geendet (ein wunder Sach) fangen alle dise Vögel an / die Schnebel auffzuthun / die Flügel als wolten sie ihm dancken / zu schwingen / und weil sie solches mit dem Maul nit außsprechen kunten / neigten sie die Köpff / ehreten ihne / und gaben gleichsam als ob sie seine Benediction und Abschid begerten zu verstehen.

Von welchen Geberden der heylige Vatter in Ansehen / wie selbige Creaturen / ihrem Schöpffer gehorsameten / große Consolation unnd Trost empfangen / inen den Abschid und Benediction gegeben. Als sie solche empfangen / schwingen sie sich einhelligklich inn die Lüfft / erfüllen denselben mit lieblichem Gesang / fliegen hinweck / theylen sich der Benediction deß Heyligen gleich / inn vier Theyl Creutzweiß auß.

Der heylige Vatter aber kehrt wider zu den Gesellen / welche gleichsam solche große Wunder in unvernünfftigen Thieren sehende / von ihnen selbster kommen / und bittet sie demütigklich umb Verzeihung / darumb / daß er also den Vögeln zu predigen verlassen. Und dieweil er dise so gehorsam und bereit das Wort deß Herren anzuhören befunden / beflisse er sich hinfüro / allen Creaturen zu predigen / unnd sie ihren Schöpfer zu loben zu ermahnen / auff daß dem Herren der gantzen Welt / Ehr und Glori erzeigt und erwisen wurde.

 Freiwillige Übung für Schüler: Obigen Text frei ins heutige Deutsch übersetzen

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