ETIKA

FRANZISKUS VON ASSISI

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17.5.2015

12F3239

Weitere Wunderzeichen mit Tieren – Der Wolf von Gubbio

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Cap. 39, Konstanz 1603

Von vilen anderen dergleichen Wunderzeichen.
Cap. 39.
S. Anto. S. Bonaventura

ALs der heilige Vatter Franciscus sambt seinem Gesellen nahend bey dem Venedischen Gemös fürüber gangen / und ein grosse Anzahl Vögel / so auff einem Baum gar lieblich sungend / angetroffen / ist er under selbem sambt seinem Gesellen die Horas Canonicas zu betten / und sambt den Vögeln so sich nit bewegten / den Herren zu loben nider zusitzen gangen / welche / als der heylige sein Gebett angefangen / die Stimm dermassen erhebt / daß der Vatter sambt dem Gesellen einander nit mehr hören oder verstehen kundten / wendt sich derhalben zu ihnen / ermahnet sie ein klein Weile / biß sie das Gebett verrichtet / sich still zu halten: Die Vögel schweigen alsbald / lassen sich nit mehr hören / so lang biß der heylige Vatter das Gebett verricht / unnd ihnen wider zu singen erlaubt / fahen (fangen) alsdann ihre Gesang zu grossem Wolgefallen / und Belieben deß Heyligen widerumben an.

Bey unser Frawen der Engeln / war ein Feigenbaum / und auff demselben ein Cicalen (Zikade) / von welcher Gesang der H. Vatter (als der in den geringsten Sachen / die Grösse deß Erschaffers betrachtet) nit wenig maln zu dem Lob Gottes erweckt: Dannenhero als er ir eines Tages gerüfft / sie im alsbald auff die Hand geflogen / und auff empfangnen Befelch alsbald zu singen angefangen / und darin so lang verharrt / biß er ihr zu schweigen / und wider an ihr Ort zu kehren anbefohlen:  von dannen sie täglich dem Heyligen zu gedachter Stund auff die Händ geflogen / darüber er zu den Gesellen gesagt: Ich will daß wir disem unserem Schwesterlein Urlaub geben / und als er ihrs ertheylt / ist sie als ein gehorsame Tochter hinwegk geflogen / und nit mehr gesehen worden.

Als er in der Stadt Senis kranck lage / war ihme von einem fürnemmen seinen gar vertrauten Herrn / ein lebendiger Fasan / so er gefangen / verehrt / welcher als er ihme fürgetragen / so vil Zeichen der Freundligkeit erzeigte / daß der jenig so ihn truge / wegen der grossen Begird / so er zu dem heyligen Vatter hatte / ine kaum in den Händen erhalten möchte / wolte auch alsbald er den uberantwortet / nit mehr von ihm weichen /  sonder wann er ihne auff die Weite hinwegk zu fliegen truge / allzeit sich inn der Hand nider duckte / darumben er in dann einem seiner Freund zu erhalten geben / der Fasan aber wolte auß Verdruß nit essen / so lange biß er wider zum Heyligen getragen / und von ihme angenommen / da er alsbald widerumben zu essen angefangen.

Auff dem Berg Alvernia / nit weit von deß heyligen Vatters Zell / hatte ein Falck sein Nest gemacht / welcher so zam zu dem Heyligen kame / als wann er seiner besten Freund einer wäre / dienet ihme für ein Wächter / wecket ihne mit seinem Geschrey zu gewohnlichen Stunden / ein Sach die dem Heyligen gar angenem war / dann die Sorg so diser Falck seinet halben getragen / ringeret ime alle Langweil / und natürliche Blödigkeiten / und solches desto mehr / weil der Falck auß Göttlicher Anordnung / wann er kranck war / ine / als ob er Discretion hätte / ein Stund oder zwo / nach Notturfft / seiner erforderten Ruh / ja zu Zeiten gleich biß zu dem Morgen zu wecken verzoge. Ein wunderliche Weiß / mit welcher der Herr seinen getrewen Diener auffhielte.

Als er auff der Reiß nahent bey einem Ort ware / befilcht er dem Gesellen / allda das Essen zu bereiten. Als er solches gethan / und der heylig Vatter das Benedicite angefangen zu singen / facht ein Nachtigall daselbsten so lieblich an zu singen / daß der Heylig höchlich erfrewt / und zu dem Gesellen gesagt: Siehst du Bruder / wie uns dise liebliche Nachtigall / Gott unsern Herrn zu loben ermahnet / singe derhalben du auch mit ihr.

Bruder Leo aber entschuldiget sich / er hätte kein Stimm: facht derhalben er selbsten an mit der Nachtigall zu singen /also wann er sange / die Nachtigall schwige / und wann er schwige / sie sange / dermassen / daß er sich inn dieser newen Music biß auff den Abent  auff hielte / und ermüdet / in massen / daß er Bruder Leoni bekante / wie daß er inn dem Lob Gottes / durch die Nachtigall uberwunden wäre / sagt / laßt uns essen / dann es ist zeit: und als sie nider gesessen / fleugt ihme die Nachtigall erstlich auff das Haubt / dann auf die Achsel unnd Arm / letstlich auff die Hand / und als sie die Speiß und Segen von ihme empfangen / wider hinwegk geflogen.

Fioreto.

Als er eines mals inn die Stadt Augubio zu predigen gangen / hat er dieselbig / wegen eines Wolffs / so nit allein das Vieh / sonder auch die Manns und Weibs Personen umbbrachte / und die Kinder frasse / also daß sie unbewaffnet / oder in kleiner Anzahl auß der Statt zu gehen / ihnen nit mehr getrauten / inn grosser Angst und Betrübnus gefunden.

Begibt sich derhalben zu dem Gebett / und gehet sambt dem Gesellen / wider den Willen der gantzen Burgerschafft / so seiner besorgten / den Wolff zu suchen / und dieweil er niemandts mit ihme zu gehen haben wolte / begabe sich die gantze Statt / dises Spectackel zu sehen / auff die Bühel und Halden / mit welchen gedachte Statt umbfangen / allda sie nit lang verbliben / sonder den Wolff bald grimmigklich dem Heyligen zuzugehen gesehen / fahen sie an die Stimm gen Himmel zu erheben / und ihme / er solte die Flucht geben / zuzuschreyen.

Der Diener Gottes (mit den Waffen des unüberwindtlichen Glaubens bewaffnet) gehet ihme behertzt und unerschrocken entgegen / zeigt ihme das Zeichen deß heyligen Creutzes / macht ihne auß einem Wolff zu einem Lamb / und sagt zu ihm freundtlich: Komm her Bruder Wolff / ich befihle dir an Statt meines Herrens / daß du weder mir / noch jemandts anderem Schaden thuest. (Ein wunderlich Ding) Von disen Worten wirfft sich der Wolff dem Heyligen zu Fussen / und erwartet was er weiters mit ihme fürnemmen wolte. Welcher sagte: Du hast so viel Todtschläg begangen / unnd dieser Statt so grossen Schaden zugefügt / daß du den Todt tausent mal verdient / unnd die Seelen deren so du erwürgt / Rach uber dich vor Gott schreyen. Dieweil du aber dich dermassen gedemütiget / und Besserung darzu verloben woltest / so wolte ich dir noch Verzeyhung erlangen. Auff welches der Wolff also auff der Erden ligend / mit dem Schwantz wedlend / den Kopff neigend / und heulend / gleichsam zu verstehen gabe / als wolte er ihme gehorsamen.

Als der heylige Vatter solches verstanden / spricht er: Wolan / dieweil du hinfüro nichts Böß mehr thun wilst / so versprich ich dir dein Leben lang die Nahrungen / unnd alles dessen so du bißher der Statt zugefügt / Verzeyhung / seytemal wir alle wissen / daß du solches wegen grossen Hungers gethan hast / gib mir aber dein Trew / daß du niemandt mehr verletzen und beleydigen wöllest.

Auff dise Wort hebt der Wolff alsbald die Tatzen auff / und reckts dem Heyligen in die Hand. Nun / spricht der heylig Vatter / ist es von nöhten / daß du ohne einige Forcht oder Schrecken mit mir gangest. Der Wolff zeucht ihme also / gleich wie ein Hündle nach in die Statt.

Als der heylige Vatter sambt dem Wolff auff den Platz kommen / ward der Zulauff deß Volcks / wegen dises grossen Wunderzeichens sehr groß. Da hielte der heylig Vatter ein Sermon / deutete an wie daß der allmächtig Gott den Menschen / wegen begangner Sünden / diese unnd dergleichen Straffen  und Geisel sandte / der Rachen dises Wolffs wäre nichts nit gegen dem Rachen  deß höllischen Wolffs / welcher die Seelen ewigklich zu verschlucken wartete / solten derhalben / wann sie von einem unnd anderen erledigt seyn wolten / rechtschaffene Buß würcken.

Sagte weiter: Nemmet wahr den Wolff / der hat mir / euch kein Ubel mehr zuzufügen / versprochen / und also will ich / daß ihr ihne / auff daß er sich erhalten möge / versorget.

Als solches von dem Volck versprochen / wendet er sich zu dem Wolff / und sagt / er solte ihnen gleichfals nichts Böses mehr zu erweisen versprechen / und umb Verzeyhung bitten.

Ein wunder Ding / der Wolff falt alsbald auff die Knie / und stoßt zu einem Zeichen der Rew das Maul auff den Boden / und laßt ihme der heylig Vatter zu einem Zeichen deß Fridens nachmalen die Tatzen  recken / und sagte: Ich verspreche diß für den einen und anderen Theyl. Also hat der Wolff noch zwei gantze Jar gelebt / daß ihne auch die Hund mitten in der Statt nit angebollen / und nacher mit grossem Klagen der gantzen Burgerschafft gestorben / welche sich inn Ansehung desselben in der Liebe GOTTES / inn Gedechtnus eines so grossen Wunderzeichens unnd Wohlthat / so ihnen durch Mittel seines heyligisten Knechts Francisci erfolget / je länger je mehr entzündeten.

 

 

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