ETIKA

FRANZISKUS VON ASSISI

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5.7.2015

12F3242

Franziskus erweckt gestorbenen Knaben

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Konstanz 1603

Von einem Wunderzeichen / genant der Apffel / welches war / daß er inn Begerung der Apffel einen gestorbnen Knaben erweckt.
Cap. 42.
Fioreto.

EIne dem heyligen Vatter gar affectionierte unnd vertraute Adelsperson bat ine / er solte eines Morgens mit ime zu seiner guten Gelegenheit das Mittagmal nemmen. Der heylig Vatter bewilligts / und antwort / er wollte disen Tag daselbsten predigen / und alsdann nach verrichter Predig ihme willfahren.

Als nun der von dem Edelmann so hoch gewünschte Tag herzu kommen / gehet er / nach dem er der Magt das Essen zu bereiten / und alles zuzurichten anbefohlen / sambt seiner Haußfrawen die Predig zu hören / die Magt aber so zu Verwahrung seines Söhnleins anheimsch gelassen worden / gedacht bey ihr selbsten / die gantze Welt laufft disen grossen heyligen Mann Gottes zu hören / und ich allein muß deren beraubt seyn? Wahrlich ich will ihn auffs wenigist auch ein kleine Zeit hören / und darnach vor den anderen wider zu Hauß eylen / also daß ich noch zeitlich genug das Essen zubereiten will / und eylet darmit der Kirchen zu.

Als sie darinn war / unnd der Predig zuhöret / gedenckt sie an das Kindlein so sie allein daheim verlassen hätte / besint sich nit lang / laufft eylendts wider nach Hauß. Und als sie das Knäblein an dem Ort / da sie es gelassen / nit mehr fande / suchet sie durch das gantz Hauß / kondts aber nit finden / gehet derwegen / weil die Zeit deß Mittagsmals herzu rucket / gar traurig und betrübt der Kuchel zu / die Notturfft zu bereiten / findet das arme Kindlein in dem siedenden Kessel ligen / eylet hinzu dasselb herauß zu ziehen / erwüschsts bey einem Arm / der bleibt ihr inn der Hand / zeucht letstlichen stuckweiß gar herauß / weißt vor Schrecken nit was sie thun soll / nimmts doch letstlichen / nach dem sie ein Hertz gefasset / und legt die Glider inn ein Truhen / versperrt dieselb / und richt das Essen zu Ankunfft deß Herren und Frawen zu bereiten.

Als solches geschehen / erzehlt sie ihnen den gantzen Handel / und zeigt ihnen das arme Kind: In mittel dessen weil der H. Vatter seinem Gebrauch nach bettet / erhebte die Fraw ein groß Geschrey und Klagen : der Mann aber voll Glaubens (in Erinnerung daß er den heyligen Vatter / welchen er bey seinem Herren vil zu vermögen wißte / so nahent bey ime hatte) bewegte die Fraw dahin / und stilte sie so lang / biß der Heylig gessen / sagende alsdann / wann die Göttliche Barmhertzigkeit ihnen nit geholffen / noch Zeit genug zu weinen unnd zu klagen wäre / solte gleichfals gut Vertrawen zu dem heyligen Vatter haben / so wurde sie Wunder sehen. Uberwanden also mit unerhörten Beständigkeit das grosse Hertzleyd / ihne nit zu betrüben / bedeckten auffs best sie möchten / ihren inneren und eussersten Schmertzen / assen auff das frölichist so ihnen müglich mit dem heyligen Vatter.

Zu End deß Mittagmals / begert der heylige Vatter Franciscus an den Haußherren / er sollte ihme ein bar Apffel / die er gar wol essen möchte / herfür tragen lassen. Der Edelmann antwort / er hätte gleichwol keine in dem Hauß / er wolte aber bald darumb trachten. Der heylig Vatter spricht / er wolte nit daß er darumb schicket / er solte nur inn derselbigen Truhen (zeigt ihm die / darin die zertheylten Glider deß todten Kindleins lagen) suchen / er wurde ein bar darinnen finden.

Der Edelmann als er die Truhen / darinn er wol was beschlossen war wißte / nennen hörte / wirdt allerdings bewegt / gehet voller steiffen Glaubens (welchen Gott in ihme gemehrt) inn Hoffnung selbigen Tages wunderliche / Göttliche / unerhörte Sachen zu sehen / der Truhen zu / öffnet dieselb / unnd sicht darinn das Kind frisch / gesund unnd lebendig / ihme zwen schöne Apffel gar frölich als ob es inn einer Wiegen lege / mit beyden Händen darreichen.

Als er diß sahe / ward die Freud der Elteren so groß / daß unmüglich zu erzehlen / kondten vor Freuden nit reden / unnd waren gleichsam verzuckt. Der heylig Vatter aber fienge an zu erzehlen / wie ihm der Herr in dem Gebett den Todt deß Kindleins / von dem Teuffel verursacht zu seyn / geoffenbaret / ermahnet sie allezeit vesten Glauben und Vertrawen in sein Göttliche Maiestät / wie sie bißher gethan / zu setzen / dann auß demselben entsprengen solche und mehrere Wunderwerck.

Als nun dises Wunderzeichen uberal außgebreitet / gabe es vilen sich zu Gott zu erheben Ursach / und ward zu Gedechtnus einer solchen grossen Wolthat / dise Histori an vilen Orten angemalet.

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