ETIKA

FRANZISKUS VON ASSISI

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3.9.2015

12F3246

Liebe den Nächsten. Hasse den Leib.

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Konstanz 1603

Von etlichen Lehren  / so von dem heyligen Vatter Francisco inn Schrifft verlassen worden.

Von der Liebe des Nächsten / unnd wie hoch der Leib solle erbaut werden.

Cap. 46.

WAhrlich eine grosse Schand ist die unser / daß wir wahre Diener Christi geacht seyn wöllen / seytemal es gewiß / daß seine wahre Freund / ime nachzufolgen / heylige / andächtige / und gute Werck gewürcket / und wir andere solche nur erzehlen / vermeinen durch solches Erzehlen / und nit Würcken / auch zu regieren.

Selig ist der Diener Christi / welcher seinen Bruder / so wol in Kranckheit als Gesundheit / Widerwertigkeit als Glückseligkeit liebet: Selig ist der welcher seinen Bruder / so wol von weiten als nahend ehret / liebet / und ime nichts nit abwesents / so er under Augen nit dörffte / nachredet. Der Herr spricht in dem Evangelio: Liebet ewere Feind / und bittet für die jenige / so euch hassen und ubel halten. Diser liebet wahrhafftig seinen Feind / welcher sich der Schmach / so er von ihme empfangen / nit beklagt / sonder wegen der Sünd / so er wid´ seinen Gott / und Seel begangen / bekräncket / sich auch die Liebe Gottes innerlich zuhaben nit benügt / wann er solche nit eusserlich in dem Werck gegen dem Nächsten (sonderlich gegen dem Feind) auch erzeiget.

Selig seynd die Armen im Geist / dann ir ist dz Reich der Himmeln Vil seynd welche in dem Gebett und guten Wercken vil Trübsal deß Leibs leiden / ertödten auch denselben mit grosser Abstinentz / uber ein unwilliges Wort aber / so ihnen wider ihren Willen gegeben / oder wann ihnen was versagt / ärgeren und betrüben sie sich. Solche seynd nit arm im Geist / ob sie es gleichwol eusserlich erzeigen / dann die wahre Armen im Geist abscheuhen sich selbsten / unnd lieben die jenen / welche sie nit allein betrüben / schmähen und schelten / sonder auch gar schlagen: Selig der / welcher sein Nächsten in seiner Schwachheit und Blödigkeit ubertragt / gleich wie er in seiner selbsten ubertragen und uberhebt zuseyn begerte.

Brüder laßt uns unsern Nächsten gleich wie uns selbsten lieben / und die jenen so ine als sich selbsten nit zu lieben wissen / lieben in doch sovil sie könden / oder thun ihme doch nichts Böses: Laßt uns unsern verkehrten Willen abscheuhen und hassen / dann wie der Herr sagt (Matt. 15.): Auß unserem Hertzen entspringet und wachset alles Ubels / welches eigentlich von dem verstanden wirdt / welcher sein Hertz / allein seinen Gelüsten genug zuthun gesetzt und gericht hat.

Vil wann sie sündigen / oder ein Schmach empfahen / legen sie solches auff den Nächsten / welches sie nit thun solten /  dann ein jeder hat seinen Feind / welches ist der Leib / mit seinen Sinnen / mit welchem er sündiget / und derhalben ist selig der Knecht / welcher einen solchen Feind in seinen Gewalt gebracht / ime underwürffig gemacht / und mit solcher Fürsichtigkeit sich verhütet / daß er in nit förchten darff / seytemal weil er disen Fleiß wirdt brauchen / im kein anderer sichtbarer noch unsichtbarer Feind schaden / noch zu sündigen vermögen wirdt / wie der H. Johannes Chrysostomus sagt: Daß keiner mehr / dann von ihm selbsten beleidiget werde. Lasset uns nur unsern Leib / sovil die Sünd belangt / hassen / dann also fleischlich lebend / sucht er uns die Liebe deß Herren / und darmit die Glori deß Paradeiß zu benemmen / unnd sich selbsten sambt den Seelen ewigklich in die Höll zu stürtzen und zu verdammen.

Und derhalben ist der gröste Feind deß Menschen sein eigen Fleisch / welches nichtem dann das ihme schaden kan / nachtrachtet / und vor nichtem / das ime ewigklich zukommen kan / zu fürsehen sich beförchtet / sein Begird ist allein das Zeitlich zu mißbrauchen / unnd das noch ärger ist / ihme selbsten allen Wollust / Ehr und Glori zuzueignen / ja gar diß / so nit ihme / sonder seiner Seelen verlyhen / von den Tugenten die Ehr / von dem Wachen und Gebett den zeitlichen  Gunst / von den Zeheren Lob zu begeren / unnd der Seelen nichts so ihr zugehörig / verlassen.

Anmerkung ETIKA: Wir wagen es, auf einen Widerspruch aufmerksam zu machen. Einerseits heißt es: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Andererseits sollen wir unseren Leib hassen und uns selbst verleugnen.

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