ETIKA

FRANZISKUS VON ASSISI

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6.9.2015

12F3247

Vom Gehorsam

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Konstanz 1603

Von etlichen Lehren  / so von dem heyligen Vatter Francisco inn Schrifft verlassen worden.

Von der Gehorsame.
Cap. 47.

GOtt hat gesprochen zu Adam (Genes. 2.): Du sollst essen von allerley Bäumen deß Paradeiß / aber von dem Baum der Erkantnus Gutes und Böses solst du nit essen.

Nun dieweil er Gott gehorsamet / hat er nit gesündiget / als er aber solches Gebott ubertretten / ward er auf Ewig von Gott verdambt / untzt er durch die Gnad deß Sohns wider erlößt worden.

Diser Mensch isset von  dem verbotnen Apffel der Wissenheit deß Guten und Bösen / welcher seinen Willen  ihme selbsten zueignet / und sich in  denen Sachen / so der Herr durch ine redet oder würcket / erhebt / dannenhero er unfehlbar in die Straff falt.

Der Herr sagt in dem Evangelio: Welcher sein Seel behalten will / der wirts verlieren. Und an einem anderen Ort (Matt. 16.):  Welcher nit alles was er hat verlasset / kan nit mein Jünger seyn. Welcher alles was er hat verlaßt / unnd sein Seel umb der Liebe deß Herren willen verleurt / welcher sich inn allem der Obedientz und Gehorsame seines Praelaten underwirfft / der kan alsdann ein recht und wahrer Gehorsamer genent werden.

Unnd wann er jeweilen was bessers und seiner Seelen nutzlicher als dises so ime anbefohlen / zu würcken wißte / solle er doch seinen Willen Gott auffopfferen / und das jenig weniger Guts / so ime von seinem Praelaten anbefohlen / umb deß Herren Liebe willen verrichten:  dann die wahre Gehorsame ist voller Liebe / erbawet den Nächsten / und erzeigt Gott inn allem völlige Gnugthuung.

Wann ime aber der Praelat was außtruckenliches wider seiner Seelen Heyl anbefehlen wurde / solle er ihme in selbem allein nit gehorsamen / in anderem aber allem für sein Obrigkeit halten.

Und wann er wegen Nachfolgung deß Praelaten von den Brüderen Verfolgung leidet / selig er / dann alsdann mag er wol sagen / daß ihme Gott die wahre Liebe / welche in Leidung der Verfolgung / und Darreichung deß Lebens  für den Nächsten stehet / communiciert und mitgetheylt.

Es ist aber das bösist / daß sich Ordensleut befinden / welche weil sie etliche von inen erfunder Sachen für besser als deß Praelaten achten / selbige armen Leut so hinder sich sehen / und zu dem Unlust ihres eignen Willens umbkehren / sich selbsten sambt den Nächsten / mit dem bösen Exempel umb das Leben und in Verderben bringen.

 

Anmerkung ETIKA: In der Endzeit ist die Gehorsamspflicht gegenüber Praelaten, die Gott verraten und das Reich des Antichristen vorbereiten, aufgehoben. Dies geht aus einem Buch hervor, das unser verstorbener Mitstreiter Bonaventur Meyer in seinem Born-Verlag veröffentlicht hat: „Der Glaube ist mehr als Gehorsam“. Heilandsworte an Prof. (Albert) Drexel, Olten, 1981. Zu dem Konflikt zwischen Glaube und Gehorsam, „unter dem heute unzählige Priester und Gläubige leiden“, schreibt Wilhelm Schallinger im Vorwort: „Niemand darf die Autorität seines Amtes beanspruchen und im Namen der Kirche Gehorsam verlangen, wenn dadurch der Glaube der Kirche gemindert oder zerstört wird!“ (S. 9). Das gilt selbstverständlich auch für den Papst.

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