ETIKA

FRANZISKUS VON ASSISI

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15.9.2015

12F3248

Geduld, Demut, die wahre Freude

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Konstanz 1603

Von der Gedult und Demut.

Cap. 48.

OBwolen nichts ist so dem wahren Diener Gottes mehr mißfallen soll als die Sünd / nichts desto weniger solle er wol auffmercken / dann wann derselbe / umb was Sünden deß Nächsten es immer wäre / sich (ausser der Liebe) gegen demselben in Zorn betrübte / wurde er selbe Schuld auff sich selbsten legen unnd samblen.

Dannenhero derjenige Diener Gottes / der sich umb dergleichen Sachen nit betrübt / rechtigklich / daß er ohne Passion lebe / sagen kan / seytemal die hohe Gedult deß wahren Diener Gottes / wann ihme alles nach seinem Kopff von Statt gehet / mit nichtem zu erkennen: wann aber die Zeit und Gelegenheit kombt / daß er begert begütet zu werden / und ihme das Viderspiel begegnet / alsdann wirdt sein Gedult erkent / seytemal er eben so vil unnd nit mehr hat / als was er inn dergleichen Gelegenheiten erzeigt / bey ihm behaltet.

Der H. Vatter Franciscus sagte / dise wären wahrhafftig fridlich / welche von deß Herren wegen in diser Welt leidend / den Friden innerlich inn ihnen erhielten / und als die Schaff under den Wölffen lebten / darumben dann der Herr inn ihnen gleichfals leben und sterben wurde.

Selig der / welcher wann er von anderen beklagt / und reprehendiert wirdt / solches als von Gott kommend / leidet und geduldet / und ohne Entschuldigung mit Scham einwilliget / mit Gedult bekent / unnd mit gutem Gemüt die schuldige Gnugthuung / untzt auch in denen Sachen / in welchen er kein Schuld tragt / erstattet / unnd der allezeit ( wann er ein Underthan ist) under der Geisel und Disciplin lebet / und (wann er ein Praelat) mit den Underthanen als seinen Praelaten und Herren conversieret.

Ein Gespräch / so der heylige Vatter Franciscus mit Bruder Leone seinem Gesellen / in Innbrunst deß Geists gehalten.

O Bruder Leo / mein allerliebster Sohn / mercke dise meine Wort: Obwohl die Minderen Brüder an allen Orten / da sie wohnen / ein Exempel der Heyligkeit unnd Erbawung erzeigen und geben / betrachte fürsichtigklich / und mercke fleissig / daß in disen ire vollkomne Freud nit stehet / ob sie wol den Blinden das Liecht / unnd den Lahmen die Gesundheit geben / auß den Leiberen die Teuffel außtreiben / das Gehör den Gehörlosen / die Red den Stummen / und das Gehen den Lahmen ertheylen / und die viertägigen stinckenden Todten erwecken:

noch weniger stehet in disem ihr wahre Freud / wann sie schon alle Geschrifften und Sprachen verstehen / prophezeyen könden / und die Gewissen der Menschen ergründen:

noch weniger stehet die wahre Freud in solchem / wann sie mit englischen Zungen / von himlischen Tugenten / von dem Lauff deß Gestirns / von der Krafft der Kräuter und Steinen könden reden / wann ihnen alle die Schätz der Welt / die Eigenschafft der Vögel / Fisch / unnd anderer Thier / ja auch der Menschen erkant:

noch vil weniger stehet in solchem ihre wahre Freud / wann sie mit solcher Innbrunst predigen / daß sie alle Unglaubigen zu dem Glauben Christi bekehren / noch in disem stehet auch ihre wahre Freud:

Inn was dann? Antwortet Bruder Lro auff dises alles. Der heylig Vatter spricht:

Mercke Bruder Leo / wann wir zu S. Maria der Englen aller von der Reiß ermüdet / von dem Regen ernetzt / von Kälte gefroren / von dem Kot besudlet / unnd schier Hungers gestorben kämen / alsbald anklopfften / der Portner mit Unwillen sich erzeigte / und uns wer wir wären fragte / wir aber uns zwen Mindere Brüder nenten / und begerten er solte auffthun / er aber sagte / ihr seyt gar nit der unseren / sonder geduncket mich zwen Lottersbuben und Landstreicher zu seyn / die also durch die Welt schlamppend / den Armen das Allmusen abzustelen umbziehet / öffnet nit / sonder liesse uns den gantzen Tag biß Abend / also ellend an dem Regen ohne allen Trost stehen / wir aber solches alles umb der Liebe Gottes / als von seiner heyligsten Hand kommende erkanten und geduldeten / uns recht unnd wol tituliert hätte bekenten /

schreibe Bruder Leo / inn disem stehet die wahre Fröligkeit:

Unnd wann wir durch die Noht gedrengt / inn dem Anklopffen verharreten / der Portner gegen uns aller erzürnt herauß luffe / uns als unbescheidne / unschampare schelte / vil Schmachwort wider uns herauß wurffe / und sagte / drollet euch nur bald von dannen / wartet nit länger / dann dahinein werdet ihr nit kommen / wir dises alles mit frölichem Mut auffnehmmen / und ihme von Hertzen verzeyheten: in diesem stehet die vollkomne Freud.

Und wann die finster Nacht einfiele / unnd wir allerseits beängstiget / wider anklopfften / unnd ihne weinende / er sollte uns umb Gottes willen einlassen / betten / er aber je länger je mehr ergrimbt / mit einem guten Brügel herauß käme / uns mit Schmachworten und Streichen wol salbete / unnd mehr todt als lebendig inn dem Kot umbschleiffte / schreibe O Bruder / in solchem stehet die vollkomne Fröligkeit / wann wir alles dises mit höchster Gedult uberstehen / Gott für ihne umb Verzeyhung betten / und ihne mehr als wann er uns auffgethan / von deß Herren Liebe wegen / der von unsert wegen vil mehrers gelitten / lieben wurden.

Nun mercke auf die Conclusion oder Beschluß: Under allen den Gaben und Gnaden deß H. Geists / so Christus jemalen bewilliget / noch täglich bewilligt / und seinen außerwehlten Dieneren bewilligen wirdt / ist dise die fürnembste / daß der Mensch sich selbsten uberwinde / unnd willigklich von seiner Liebe wegen alle Schmach / Streich / ja auch den Todt selbst leide / dann wegen der anderen obgesagten Gnaden und Tugenten / könden wir uns nit wahrhafftigklich rühmen / dann sie nit unser / sonder Gottes seynd / wie der Apostel sagt: (1. Cor. 4.) Was hast du aber / das du nit empfangen habest? So du es aber empfangen hast / was rühmest du dich dann / als der es nit empfangen hätte? Aber allein in dem Creutz der Betrübnus und Anfechtung / welche unser seynd / mögen wir uns rühmen. Dann der Apostel sagt: (Galat. 3.) Allein inn dem Creutz deß Herren will ich mich rühmen. Durch welche Wort genugsam außgelegt unnd erklärt ist der Sententz deß Herren / da er sagt: In ewer Gedult werdet ihr ewere Seelen besitzen.

Der Herre Gott und höchste Praelat hat gesprochen: Ich bin nit kommen gedient zu werden / sonder zu dienen. Derhalben sollen die jenigen / welche anderen zu befehlen und zu regieren fürgesetzt / sich so wenig selber Praelatur erheben und rühmen / als wann sie den Brüderen die Füß zu wäschen verordnet wären / und wann solcher Gewalt inen benommen / sich so vil darab / als wann ihnen der Befelch die Füß zu wäschen genommen wäre / betrüben.

Wann sie aber wider diß handlen / seynd sie Zweiffels ohne / als diser Würde vermeynende eigenthumbliche und vollkomne Besitzer / in eusserster Gefahr ihrer Seelen.

Selig ist derhalben der Diener deß Herren / der sich nit besser und grösser / wann er von der Welt geehret und erhebt wirt / achtet / als wann er für schlecht unnd gering gehalten wurde: dann so groß er vor Gott ist / so vil ist er und nit mehr.

Wehe dem Ordensmann / welcher von anderen zu Würden erhebt / sich selbsten aber auß eignem Willen nit ernidern will.

Selig der / welcher wider seinen Willen unnd Gesüch erhebt / und aber sich zu ernideren begert / und allezeit under die Füß seiner Underthanen / umb der Liebe deß Herren willen / sich zu legen begert :

Selig der / welcher inn deme so er Guts thut / sich nit erhebt / von welchem der Herr spricht: Der Mensch sündiget allezeit / wann er mehr von dem Nächsten zu haben begert / als von dem seinem Gott zu auffopfferen gewillt.

Betrachte O Mensch / in was Fürtreffligkeit du von Gott erschaffen / welcher dich erschaffen / unnd nach seiner Bild- und Gleichnus nach der Seel / und seinem geliebten Sohn dem Leib nach formiert / unnd nichts desto minder ime alle Creaturen mehr als du gehorsamen / daß die Teuffel ihne nit / sonder du auß ihrem Eingeben peinigest / unnd alle Tag mit deinen Sünden von newem creutzigest / inn was kanst du dich dann (O ellender Mensch) rühmen?

Wann du mit aller himlischen und irdischen Weißheit begabt bist / ey so hat doch der Teuffel die himlischen Ding auch vil besser und mehr / als du gewißt / und weißt noch wider seinen Willen die irdischen Sachen vil besser / als alle Menschen der Erden.

Kein Gesundheit / Stärcke und Schöne / ist deß Teuffels zu vergleichen geweßt: Sihe derhalben / daß du solche / wie er gethan / nit mißbrauchest / und sambt ihme in den Abgrund der Höllen versinckest.

Selig der Diener / welcher das Gut so ime sein Herr gibt / in dem Himmel samblet / und denselben Lohn erwartend / solche den Menschen zu erzeigen nit trachtet / sonder Gott die Sorg / welcher solche nach seinem Gefallen mehr als er immer wünschen kann / offenbaren wirdt / befilcht.

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