ETIKA

FRANZISKUS VON ASSISI

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11.10.2015

12F3251

Gruß an die Tugenden –
Verflucht, die von Gottes Geboten abirren

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Konstanz 1603

Von der Widerwertigkeit der Tugenten und Lasteren / etliche kurtze Erinnerungen / und derselben Ubungen.

Cap. 51. Auß den Erinnerungen.

ES pflegte der heylige Vatter Franciscus zu sagen / Wo da ist wahre Liebe / da ist weder Forcht noch Unverstand / wo willige und fröliche Armut / da ist kein Neid und Geitz / wo deß Herren Betrachtung / da ist kein Sorgfältigkeit / wo zu Hütung deß Haus die Forcht Gottes / da kan der Feind nit eingehen / wo Bescheidenheit und Barmhertzigkeit / da ist kein Uberfluß oder Betrug.

Dahero sage ich / daß kein Mensch auff Erden / der auff einicherley Weiß eine derselben Tugenten halten kan / er absterbe dann zuvor ihme selbsten / und daß / welcher eine recht / die anderen zu gleich mit derselben unverletzt besitzet / diser aber so eine verletzt / der beschädiget alle / unnd ist als ob er keine besitzte / dise seynd einer solchen Würckung und Krafft / daß jede besonder die Laster und Sünden confundieret.

Die heylige Weißheit confundiert den Feind mit aller seiner Boßheit /

ihr Einfalt confundiert die Weißheit deß Teuffels / der Welt / und deß Fleischs.

Die heylige Armut  confundiert und zerstört den Neid / Geitz / und weltliche Begirden.

Die heylige Demut confundiert die Hoffart / sambt allem der Welt Pracht und Gewalt.

Die heylige Liebe confundiert alle teufflische / fleischliche Versuchungen / und Wollüsten.

Die heylige Gehorsame confundiert allen natürlichen Willen / und alle empfindtliche Affection / underwirfft ihren Leib der Gehorsame deß Geists / macht den Menschen demütig / und nit allein dem Menschen / sonder auch allen andern unvernünfftigen Creaturen underwürffig.

Es sagt der Apostel (2. Cor. 3.): Der Buchstaben tödtet / aber der Geist macht lebendig.

Jene seynd von dem Buchstaben ertödtet / die allein Weißheit suchen / dardurch der Welt zu gefallen / begeren hochgelehrt und weiß gehalten zu werden / unnd dardurch grosse Würden und Reichthumm / mit Beängstigung nit allein zu irer Gelegenheit / sonder der Befreundten und Verwandten zu bekommen / unnd in einem Wort nit für sie / sonder eintweders für den Leib / oder andere zu samblen begeren.

Dise aber seynd durch den Geist vinificiert unnd lebendig gemacht / welche alle ihre habende Geschickligkeit und Kunst allein zu Lob unnd Ehr der Göttlichen Maiestät gebrauchen / derselben zuschreiben / unnd mit dem Exempel  ihres Lebens / und erbaulichen Worten vor dem Herren erscheinen /  und ihme dise Güte (so zuvor alle sein ist) auffopfferen.

Auff dise Weiß kann der Diener Gottes wahrhafftigklich / ob er dessen Geist habe /  erkennen: dann wann in den Wercken / so er durch Mittel der Gnaden GOTTES würcket /  sein Fleisch als sein selbst eigen Sach rühmet /  alsdann ist es ein Zeichen / daß er deß Teuffels seye: wann er aber in gedachten Wercken  sich ring oder nichtig schetzet / unnd als einen grösten Sünder anklaget / alsdann ist er wahrhafftig inn Gott / und Gott inn ihme.

Selig ist der Knecht / der wegen weltlicher Belohnung nichts / sonder alles von Gottes wegen redt oder handlet / noch liederlich das jenig so ihm ins Maul kombt / herauß klappert / sonder nach Gelegenheit deß Orts und Zeit seine Red und Antworten weißlich anstellet und richtet.

Welche nit begeren den Herren / wie süß und lieblich er seye / zu versuchen / die Finsternus mehr als das Liecht  lieben / unnd die Gebott deß Herren nit zu halten begeren / die seynd von dem Herren durch den Propheten verflucht da er sagt:

Verflucht seyen alle, die von den Gebotten abweichen. (Anmerkung ETIKA: Psalm 118, 21, ev. Bibel Ps. 119, 21, in der Konkordanz von 1987 Fehlanzeige)

Derhalben ist es gut von Sünden unnd Lasteren abzustehen / alle Gelegenheiten derselben fliehen / und uns vor allem obwol erlaubten Uberfluß verhüten / die Kirchen besuchen / die Priester wegen ihres bey Gott tragenden Stands ehren / den Ordensleuten / so die Welt verlassen / mehr als anderen Guts thun / unnd nach ihrem Exempel auch / wo nit gar / doch zum Theyl dieselb verlassen / unnd under dem süssen Joch  deß Herren einfältig unnd sanfftmütig leben / nach der Welt nit weiß seyn / sonder unsere Sinn ertödtet / und die Hoffart zerknischet / erhalten / unsere Nichtigkeit uber andere (wie sie begert) zu seyn unwürdig achten / dem Herren nachfolgen / sein Creutz auff uns laden / und deme / welcher so vil inn diser Welt von unsert wegen gelitten / mitleiden.

Ich Bruder Franciscus ewer Diener / bitte euch inn höchster Demütigkeit / auff die Erden fallend / und die Füß küssend / durch das innerist der Liebe Gottes / ihr wöllet dise und andere deß Herren Christi Jesu Wort empfahen / würcken / und in gebürender Demut / und wahren Liebe bewahren:

Alle die jenigen / welche die gütigklich empfahen / verstehen / und würcken / andere mit dem Exempel und Wort lernen / unnd in denselben biß an das End verharren / werden sicherlich von Gott dem Vatter / Sohn / unnd heyligen Geist die Benediction und Segen empfahen / Amen.

Von den Eigenschafften unnd Qualiteten / so der vollkomne Mindere Bruder haben solle.

Fioreto.

Als der heylige Vatter Franciscus / als ein guter Hirt und Eyfferer deß Nutz und Auffnemmung seiner Schäfflein / die Qualiteten viler seiner liebsten Freund und ersten Discipel / in welchen der Herr sondere Gnaden erzeigte / betrachtet / alle zusammen füget / unnd einen wahren vollkommen Mindern Bruder formieret / sagt er:

Er solte haben den Glauben und Redligkeit Bruder Bernhards Quintavalle / welcher auch ein vollkomne Observantz der Armut / wie in seiner Histori hernach zu sehen / gehabt:

die Einfalt und Reynigkeit Bruder Leonis:

die Höffligkeit Bruders Angeli von Riete noch inn der Welt edlen Ritters:

das freundtlich Ansehen / natürliche Wissenheit / und andächtige Red Bruders Masei :

die in Betrachtung erhebte Seel Bruders Egidij:

das unablässlich Gebett Bruders Ruffini / welcher auch schlaffend sein Seel zu Gott erhebet:

die Gedult Bruders Juniperi / welcher nichts anders als verschmächt zu seyn / und zu leiden begerte:

die leibliche Stärcke Bruders Joannis von Laudibus / eines starcken und mässigisten Manns:

die Liebe Bruders Rugieri:

und die Sorgfältigkeit Bruders Lucidi / welcher seiner Seelen halber so sorgfältig war / daß wann er sich an einem Ort wol befande / sich alsbald an ein anders begabe / darmit er kein Liebe in dise Welt setzte / da man gleichsam wie inn einem Wirtshauß allezeit mit dem Fuß im Stegreiff stehen / und sein Reiß in den Himmel vollbringen müßte.

End der Lehren.

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