ETIKA D12FA

FRANZISKUS-CHRONIK

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30.5.2000

12F3284

Ordnung neun vornehmer Tugenden von Franziskus

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Konstanz am Bodensee, 1603, S. 579ff., Ersatznummer 84

Folget ein Ordnung neun fürnemmer Tugenten / deß glorificirten heyligen Vatters / durch welcher Mittel er sovil hohe Gnaden von dem Herren zu erlangen verdient hat.

Nach den Wunderzeichen / unn Erscheinungen deß H. Vatters Francisci / wirdt nit unrühmlich seyn / die jenigen Tugenten zu erzehlen / durch welche er sovil und hohe Gaben und Gnaden / von dem Herren zu erlangen verdient / unnd noch täglich erlangt / wie sie der selige Bruder Juniperus in Schrifften verlassen.

Die erste Tugent derhalben ware / die grosse Berewung / Bekennung / Genugthuung / unnd volgende Bewahrung vor Sünden.

Die andere war die wunderliche Affection unn Neigung gegen dem Nächsten / das Mitleiden inn Worten / Wercken / unn innerlichem Affect, und einen jeden mehrer als sich zu halten / sich auff dises Argument fundierend / daß dieweil er den höchsten Erschaffer / welcher allein von unsert wegen menschlich Fleisch an sich nemmen / und sich allen Creaturen theylhafftig machen wöllen / beleydiget / er derhalben allen Creaturen willigklich nach aller Mögligkeit gehorsamen wöllen.

Die dritte war die Absünderung deß Hertzens / von allen irdischen zergengklichen Sachen / solches auch niemand als Christo / der es erschaffen / unn also zu haben begert zugethan erhalten. Dannenhero er solches / so wol in selbem geübet / daß ihme das Absündern von weltlichen Sachen / und sein Gemüt allezeit in Gott zu erheben so ring gewesen / daß dz Fleisch mit dem Geist / eins Willens zu seyn scheinte.

Die vierte war die ungläubliche Gedult inn allen Mühseligkeiten / Trübsal / unn Schmach so er leidet / beflisse sich zu lieben die jene so in schmächten / seine Sinn ertödtende / name alles / als von der Hand deß Herren kommende / gedultig auff: Dann zugleich wie er / daß im alles Gute von der Göttlichen Freygebigkeit herflusse / glaubte: Also glaubt er das Ubel so er geduldet / ihme wegen seiner Sünden herrürte / unnd daß Gott ine inn diser / unnd nit in jener Welt straffen wolte.

Die fünffte war die grosse Liebe gegen den Frommen und das Mitleiden gegen den Bösen / hielte sich für vil geringer als sie: Dann / sagt er / das End wäre noch nit gesehen worden / durch welches der Gute und Gerecht fallen / unn der Ungerecht unn Bös sich besseren köndte. Und wann er einem bößlich nachreden hörte / eintweders entschuldiget er ohn / oder erzeigt Mißfallen darab / stillet also den Nachreder / oder bracht was anders auff die Ban.

Die sechste / er liebte Reprehension, oder Züchtigung / danckte hoch darumb: Herentgegen reprehendierte oder straffte er (zu allem daß er der Ehr Gottes / deß Heyls deß Nächsten / und Observantz der Regel / gar eyfferig) gar ungern / unnd hatte derwegen auff daß er dessen uberhaben / das Generalat auffgeben.

Die sibend / er diente menigklich / mit reynem Hertzen / und ernstlichem Willen / gestattet nit (als in eusserster Noht) von anderen bedient zu werden.

Die achte war / daß er sich hefftig bemühete / die Gutthaten / so die Göttliche Maiestät ihme und allen Creaturen bewisen / in Gedechtnus zu behalten / dancket ihme unabläßlich für sich selbsten und andere: Anklagte zu End sich selbsten / stige auff zu der Erkantnus Gottes / erkente sich / ime zu dancken / unwürdig.

Die neunte / unnd letste Tugent / war die Zämmung der Zungen / welche ein Erfüllung ist alles Guten / seytemal sie ein wahre Porten deß Lebens und Todts / nachdem sie gebraucht wirdt / unnd derhalben ohne Hut derselben / alles Guts verloren wirdt:

Dannenhero er allezeit gewachet / daß alle seine Wort auff Wahrheit / Demut / Armut / Keuschheit / Frombkeit / Benediction und Lob / so wol Gottes / als deß Nächsten / gericht wären / unnd also verdient zugleich von Gott und den Menschen gebenedeyt zu seyn / von Ewigkeit zu Ewigkeit / Amen.

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