ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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30.5.2000 – 15.12.2015

12F3285

Wo der Leib des heiligen Franziskus begraben

Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Konstanz 1603, S. 582 - 587, Ersatznummer 85

Ein Erzehlung / wo der Leib deß heyligen Vatters Francisci begraben / welche von Herren Francisco Balso / Hertzogen zu Adria dem Grann Capitano / Gonzalo Hernandes / von Cardova / zugesandt worden / auß der Spannischen Histori genommen.

DAß der glorificierte Leib / deß H. Vatters Francisci / in der Statt Assisi / in seinem Kloster begraben seye / ist nit zuzweyfflen. An welchem Ort aber der Kirchen / und wie in gemein nichts sonders in Wissen ist / dann allein wz Herr Franciscus Balsus / Hertzog zu Adria / dem fürtrefflichen Haubtmann Gonzalo Hernandes von Cardova zugeschriben / nemblich / daß er under dem Haubt oder Fron Altar begraben seye / under der Erden inn einem Gewelb auff einem erhöchten Ort / unnd daß durch ein Fenster so hinder gedachtem Altar war / die brinnenden Lampen / das heylige Ort / da dise glorificierte Reliquien ruhen / zuerleuchten / hinab gelassen werden.

Geleiches wirdt von dem heyligen Apostel S. Jacob auß Galitia gehalten: Nemblichen daß er auch in seiner Kirchen / under der Erden / an einem verborgnen Ort / da niemands hin komme / begraben liege / unnd niemands der eigentlich dessen Bericht geben köndte verhanden / und ist zu glauben / der Will Gottes seye also gewesen / auff daß die Reliquien, seiner so fürtrefflichen heyligen Diener / und der Christenheit Patronen / nit etwann durch Unglück gestolen / und an andere Ort geführt wurden. Gleichwol wirdt von dem H. Francisco dises so hernach volgt inn seiner authentisierten Histori gefunden.

Nachdem ich Abbt Jacob / ein grosse Begird gehabt / wie / unnd an was Orten der heylige Leib deß Seraphischen Vatters Francisci begraben / zu erkundigen: Habe ich einen Cardinal / meinen geliebten Herren / von welchem ich / daß er mit Babst Nicolao ihne gesehen / verstanden / darumben befraget. Und obwol gedachter mein Herr der Cardinal selbiger Zeit / als ich solches an ine begerte / sehr schwach unnd kranck lage / nichts desto minder habe ich ihne durch ein solche heylige Begird bezwungen / und mit guter bequemmer Gelegenheit / er wolte mir / was er von gedachtem heyligen Leib gesehen / anzeigen / gebetten.

Er aber /nach dem er mich starck angesehen / und geseufftzet / sagt er zu mir: Geliebter Jacob / du weist wie hoch ich dich liebe / und dir zu willfahren begere: Derhalben kan ich nit underlassen / dich in disem deinem Begeren zu trösten / du sollest aber gewiß seyn / daß ich solches jemandts anderen nit anzeigen wolte / aber (wie vor gesagt) durch dein Liebe bezwungen / will ich dir alles / so ich gesehen / kurtzlich entdecken.

Wisse derhalben / daß nach dem Babst Nicolaus ein sondere Begird hätte / den seligisten Leib dises heyligen Manns zu sehen / entschlussen sich ihr Heyligkeit / allein deß wegen gen Assisi zu reisen / und mich under andern mitzu nemmen. Alsbald wir gen Assisi kamen / santen sie Herren Petrum Nocetti Secretarium inn das Kloster / dem Guardian anzuzeigen / er solte das Ort / wo diser heylige Leib begraben / anzeigen / dann ihr Heyligkeit wäre allein deß wegen dahin kommen / bette ihne / und befuhle ihme an Statt derselben / daß er alle Nohtwendigkeiten bereitet / auff daß ihre Heyligkeit dero heyliges Fürnemmen in das Werck stellen möchten.

Als der Secretarius sein Bottschafft verrichtet / und der Guardian ein sollich frömbd Begeren anhörete / unnd von dem eylenden Befelch erschracke / und daß solches von keinem Babst nit begert worden erwege / fienge er an ihme höchlich zu förchten / iro Heyligkeit wolten vielleichter selbiges heylige Gottshauß eines so kostlichen Schatzes berauben / und gen Rom / oder ander Ort verführen / verzuhe immer die Antwort / unn erzeigte sich dermassen / daß iro Heyligkeit der Beängstigung deß Bruders / durch den Secretarium berichtet warde. Schickte derhalben alsbald wider dahin ihne zu versicheren / daß dero Meynung und Willen nit dise wäre / er solte alle Forcht hindan setzen.

Als nun der Guardian versichert / bittet er ihro Heyligkeit umb die Gnad / sie wolten nur selbst vierter dero angenembsten dahin kommen. Der Babst willfahret ihm / nimbt mit sich mich einen Frantzösischen Bischoff / unnd Herren Petrum den Secretarium.

Als nun die dritte Nachtstund verhanden / verfügte sich der Guardian zu ihr Heyligkeit / und meldet dero an / wie daß alles bereitet. Also giengen ihr Heyligkeit / sambt uns dreyen in aller Geheim und Stille fort: und als wir zu dem Ort kamen / fanden wir ein dicke gebrochne Maur / daß wir wol dardurch eingehen möchten / und giengen under der Erden durch einen gewelbten Gang / so lang biß wir zu End desselben zu einem mit edelstem Marmelstein gezierten Portical und Thürgestell kamen / under welches Bögen drey gar zierliche von Metall außgehawene Thüren / mit drey underschidlichen Schlossen / Schlüßlen und Riglen / unnd drey starcken eysenen Kettenen verschrenckt waren. Welche als sie von dem Guardian hinwegk gethan / und die Thor eröffnet / gienge ein so wolriechender kostlicher Geschmack herauß / daß wir die Liebligkeit desselben gleich nit erdulden möchten.

Alsbald fiele der Guardian auff die Knie / reicht iro Heyligkeit ein angezündte Tortschen / und sagt: Jetzundert möchte sie hinein gehen. Darauff gienge ihr Heyligkeit allein hinein / unnd wir verbliben heraussen. Als sie nun ein Weil darinnen waren // hörten wir sie dermassen seufftzen uund weinen / daß wir besorgten derselben was zugestanden wäre / entschlussen uns hinein zu gehen / und dero zu Hilff zu kommen / fanden sie auff der Erden ligend / und wie wir gehört gehabt seufftzend und weinend / halffen derselben auffstehen.

Hernach fiengen wir an das heylige Ort an allen Seiten zu besichtigen / welches als ein gewelbte Tribuna, mit vilen Abtheylungen von reynistem unnd glantzendem Marmel gemachet / inn welches Mitten ein nidere Thür / wie ein Hertz geformiert / in Gürtels höhe sich erzeigte / und in selber stunde auffrecht der glorificierte Leib deß heyligen Vatters.

Wahrlich ein Sach wunderlich und entsetzlich zu sehen / daß ein vor so vil Jaren erstorbner Leib / wie diser / auff den Füssen auffrecht / als ob er lebig / ohne menschliche Kunst unnd Auffenthaltung stande / die Augen hatte er auffgethan / in Himmel gerichtet / sein Leib unversehrt / das Fleisch weiß / und als lebendig wol gefarbt / die Händ hielt er mit den Ermlen in einander geschlossen bedeckt / und auff der Brust / wie die Minderen Brüder zu thun pflegen / auffgeleint.

Demnach nun ihre Heyligkeit disen kostbarlichen Schatz genugsam beschawet / fielen sie auff die Knie / und hebten mit grosser Reverentz und Andacht den Habitum ein wenig von den Füssen deß heyligen Vatters auff / und sahen sambt uns in selbem benedeyten Fuß die Wunden / Nagel / und Blut so frisch / als ob sie aller erst mit dem Eysen inn frisches Fleisch gemacht wären.

Als solches durch uns besichtiget / war die Entsetzung und Bewegung unserer Hertzen groß / da wir in selbem seligen Leib die heyligiste Wunden / welche unser Herr und Heyland an dem Stammen deß heyligen Creutzes für uns gelitten / anschaweten / daß wir bitterlich weinend / den Boden mit Zeheren befeuchteten und begossen. Den anderen Fuß kondten wir nit sehen / dann er damit auff dem Habitu stunde / und ine gar bedeckte.

Ir Heyligkeit entdeckte ime die Händ / da sahen wir die Wunden gleich wie an dem Fuß / welche wir mit grosser Reverentz / unnd innerlicher Andacht küßten: Der Babst beschawete die Brust der rechten Seiten / und weil der Rock offen / möchte er die heylige Wunden der Seiten auch sehen / neiget hinzu das Angesicht / und küßte sie / empfande in selbem so grosse Andacht und Heyligkeit / daß er dem eusseren Ansehen nach / innerlich höchlich getröstet warde.

Hernach besichtigten wir einen Theyl nach dem anderen deß Orts / auff einer Seiten stunde eine mit Metall bedeckte Krufft / darinnen etliche Gesellen deß heyligen Vatters Francisci ruhen / deren Leiber wären gantz / gaben einen lieblichen Geruch / doch nit ihrem heyligen Vatter gleich.

Als wir nun unseren Willen erfült / sich der Morgen herzu nahete / unnd ihr Heyligkeit / sambt uns disen heyligisten Reliquien die Reverentz erzeigt / zogen wir darvon / unnd verliessen dem Guardian sambt seinen Gesellen das Ort zu versperren unnd verwahren.

Dises ist geliebter Bruder Abt Jacob / so ich gesehen / darumben wir GOTT / welcher mit solcher Ehr und Glori seine Heyligen in den Himlen / und hie auff Erden bekrönet / loben und benedeyen sollen.

Ich Franciscus Balsus Hertzog zu Adria / sende euch dise Erzehlung / bezeuge bey meinem wahren Glauben / daß ich alles so ich geschriben / von gedachtem Abt Jacob jetzigem Bischoff zu Ariano gehört / welchers von gemeltem Cardinal / so nachfolgende Nacht gestorben / vernommen: Ist auch nit zu glauben / daß ein Mann einer solchen Würde / Authoritet / ehrlichen / rühmlichen / exemplarischen Lebens / zu End seines Lebens / sich dem Todt so nach erkennende / ein solche Sach / wann sie nit wahr / erzehlt hätte.

Derhalben solle dises allen Christen zu Confirmation unsers Catholischen Glaubens / welchen gedachter Seraphischer Vatter Franciscus gemehret / ein Liecht unnd Spiegel seyn / unnd durch solches täglich mit gleichem Auffnemmen der Andacht in der Glaubigen Hertzen uns mehren / zu Lob und Glori unsers Herren Christi Jesu / Amen.

Ende deß andern Buchs der Cronicken
der Minderen Brüder.

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