ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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12.7.2003 – 10.1.2016

12F3320B

Das beleidigte Bild

Der Cronicken der mindern Brüder, 3. Buch, Cap. 20B, Bruder Bartholomeo von Pisa, 1603

Dises merckliche Wunderzeichen der heyligen Wundenmaal / von dem Ehrwürdigen Vatter / Bruder Bartholomaeo von Pisa beschriben / ist allher zu End gesetzt worden / auff daß die jenige von dem H. Bonaventura beschriben / nit interrumpiert werden.

ES war ein Münch Prediger Ordens (Anm.: vom rivalisierenden Dominikanerorden) / der ware dermassen durch den Teuffel verblendt / daß er nit allein ein Abscheuhen ab dem heyligen Francisco hätte / sonder möchte ihn auch mit seinen Wunden nit angemahlet sehen. Nun begabe sich / daß er von seinen Oberen in das Königreich Behem / in ein ires Ordens Kloster zu residieren abgeordnet warde / in welchem gleich inn dem Refectorio der H. Franciscus mit seinen heyligen Wundenmaalen angemahlet ware.

Als nun der Münch dises Gemähl nit ansehen und gedulden möchte / name er ihme für solche Zeichen außzutilgen.

Und derhalben als es Nacht worden / und die anderen Brüder sich zu Ruh begeben hätten / zuhe er alleinig dahin / unnd verstriche mit einem Kolen alle deß Heyligen Wundenmaal.

Als er aber Morgens wider inn das Refectorium kame / fande er die mit grosser seiner Verwunderung und Mißfallen / vil schöner als zuvor / setzte ihme derhalben für solche in allweg außzutilgen / gienge folgende Nacht wider dahin / unnd schabte die mit einem Messer gar fleissig hinwegk.

Als es aber Tag warde / und er in das Refectorium kame / sahe er selbige heylige Zeichen vil schöner als ers zuvor / das erst / und ander mal gelassen hatte / ward derhalben von dem Teuffel gar verblendt / erkente die Krafft des Wunderzeichens nit / entschlusse sich gleich wütend / solche zukünfftige Nacht unfelbar gantz und gar wegk zu schleissen.

Als nun die gewohnliche Stund herzu geruckt / gienge er mit einem zu seiner Arbeit wol zubereitem Eisen / und fienge an die Wundenmaal nit allein / sonder auch das gantze Bild deß Heyligen abzuschaben.

Als er nun zu der Seiten kame / und selbe heylige Wunden außzukratzen anfienge / spritzte ihme das Blut dermassen in das Angesicht / und den Habitum, (Anmerkung: Hier ist tatsächlich ein Beistrich gesetzt; wir haben uns bemüht, den Text unverändert abzuschreiben, mit eventuellen Druckfehlern) daß es ihme auch die Händ allerdings verblütet.

Derhalben der armselige Mensch mit grossem Schrecken unn Zitteren uberfallen / als todter auff den Boden fiele / und nit mehr auffstehen kondte.

Deß Morgens / als der Bruder auff dem Boden also verblütet / von dem Hüter deß Refectorij gesehen warde / eylete er dem Prior zu / solches anzuzeigen / welcher alsbald mit den anderen Brüdern dahin kame / unn den Münch mit grossem Schrecken und Verwunderen in gedachter Gestalt fande / auch die Ursach dessen (seytemal ein guter Theyl deß Heyligen Bildnus schon außgetilget) allbereit erkante.

Was ihnen aber zu thun / und fürzunemmen / (dieweil das Blut noch alleweil auß der Seiten abranne / und weder mit Thüchlein / noch Baumwollen zu verstellen ware) nit wißten / entschlussen sie sich doch letstlich / in diser ihrer Betrübnus die Minderen Brüder zu berüffen / unnd sich mit ihnen zu berahtschlagen.

Als die nun dahin kamen / und sich mit einander / was mit dem Münch so auff dem Boden lage / und wegen Verstellung deß Bluts / so noch stets der Maur nach abranne / fürzunemmen seyn möchte / berahtschlagten / entschlussen sie sich letstlich / das Gebett an die Hand zu nemmen / knieten derhalben einhelligklich mit aller Demut / müglichister Innbrünstigkeit / unnd starckem Glauben und Vertrawen für das beleydigte Bild auff den Boden / baten mit hauffigen Zeheren und Flehen die Göttliche Maiestät / und den glorificierten heyligen Vatter / sie wolten disem Münch seine verkehrte Boßheit verzeyhen / unnd das abfliessende Blut stellen.

Welches Gebett so kräfftig ware / daß weil sie betteten / das Blut sich stelte / unnd der Münch wider gesund von dem Boden auffstunde / bekente seine Sünd mit grossem Schmertzen und Rew / verlobte Gott und dem heyligen Francisco / daß er die Tag seines Lebens / vor seinem Bild / wo ers auch funde / nider knien / und an den heyligen Wundenmaalen nie mehr zweifflen wolte.

Die Vätter seines Ordens predigten / verkündten dises Wunderzeichen menigklich / und zeigten und fürwisen das Blut.

Deß anderen Tags ward ein Mahler berüfft / das Bild wider zu ergäntzen : als er dahin geführt warde / fanden sie das Bild gantz / und vil schöner als es vor niemalen gewesen.

Nach disem begabe sich diser Münch vil Ort / da der heylige Vatter Franciscus gewesen / zu besuchen / erzehlte daselbsten was ime begegnet / und verliesse auff dem Berg Alvernia derselben mit Blut besprengten Thüchlein / wie auch inn S. Francisci Kloster zu Assisi / welche bey den Heylthumben behalten / und wir an beyden Orten gesehen haben.

Wolan nun du glorificierter Heerführer Christi / magst du dich sicherlich in der Glori deß Creutzes Christi rühmen / dann mit dem Creutz hast du angefangen / nach der Regel deß Creutzes procediert / unnd letstlich inn dem Creutz geendet / unnd zu Gezeugnus deß Creutzes bist du allen Glaubigen / wie hoher Glori du jetzo in den Himlen seyest / geoffenbaret worden / also daß wir sicherlich den jenen so auß disem greulichen Egypten außgangen / nachfolgen mügen / dann das rote Meer / mit dem Holtz deß Creutzes zertheylend / seynd sie die Wüste durchzogen / auff daß sie den sterblichen Fluß Jordan / durch disen wunderlichen Trager dises heyligen Creutzes hinder ihnen lassende / inn das Land der Lebendigen eingehen möchten: zu welchem heyligen Land wölle uns die sichere Begleitung unseres Herren Jesu Christi deß gecreutzigten / an der Fürbitt seines heyligen Dieners / durch die Stapffen nachfolgender Leiter gnädigklich führen / Amen.

Allhie enden sich die Wunderzeichen deß H. Vatters Francisci / von dem heyligen Bonaventura beschriben.

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