ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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28.9.1999 – 13.1.2015

12F3321

Die Himmelsleiter baut auf der Selbstverachtung auf

Der Cronicken der mindern Brüder, 3. Buch, Cap. 21, 1603

Ein Tractat / wie der glorificierte Vatter Franciscus zu der vollkomnen Betrachtung auffgestigen.
Cap. 1.

Gar treulich und nutzlich gedunckt uns allhie zu seyn / so wol zu mehrerem unnd wahrerem Verstand der vollkommenlichen Betrachtung und Vereinigung mit Gott / deß glorificierten Vatters Francisci / als zu Hilff und Wolfahrt der Seelen / so seinem Leben und Ubung nachzufolgen begeren / anzuzeigen / auff was Weiß / Ordnung und Staffel der heylige Geist die seinen zu so hoher Vereinigung mit Gott zu erheben pflege.

Derohalben (nach der Lehr deß heyligen Augustini) zu mercken / daß die Menschen zweyerlei Fundament haben: Das ein der Verderbung / so da ist die eigen Liebe: und das ander deß Heyls / so da ist die Liebe Gottes:

Oder aber sie haben zweyerlei End: Etliche in Gott / und etliche in ihnen selbsten / alle ihre Werck für sich selbsten richtende / und in dem Mittel diser beyden End stehet unser Willen / welcher da ist / wann er sich durch Liebe zu Gott bekehrt / selbigem zu seinem End nimbt / so weit er sich von den Creaturen / und sich selbsten absündert / so vil mehr nahet er sich / durch Mittel der Gehorsame und Liebe / zu Gott / und mag mit Göttlicher Hilff zu vollkomner Verachtung und Verlaugnung seiner selbsten gelangen / und sich aller dings in die Liebe Gottes (welche unser End ist / und inn welcher alle unsere Vollkommenheit und Heyligkeit stehet) transformieren.

Dise Regel hat uns unser Herr und Meister Christus Jesus in seinem heyligen Evangelio verlassen / da er sagt: (Matt. 16.) Wer mir nachfolgen will / der verlaugne sich selbsten / ersehe sich inn seiner falschen Erkantnus / mit welcher er groß zu seyn vermeynt / hasse und sterbe ihme selbsten / auff daß er mich erkennen / lieben / und in mir / und ich in ihme leben könde / und wie es dem Feur uber sich zu steigen natürlich / also ist es natürlich / der freyen und von der eignen und natürlichen Affection entledigten Seelen auffzusteigen / und in Gott / welches ihr eigen Ort ist / inn welchem sie vollkommenlich / ewig / und seligklich zu ruhen erschaffen / erhebt zu werden.

Unnd zu gleich wie es natürlich / daß der Stein wegen seiner Schwere das Centrum suche: Also ist es natürlich, / daß diß mit eigner unnd der Creaturen Liebe beschwerte und beladne Hertz wegen seiner Unschuld inn die Höll abfalle und versincke.

Derohalben die Seel / demnach sie all ihr End inn Gott gesetzt / und zu dem Thron der Gnaden deß wahren Salomonis Christi (welcher als ein fridlibender unnd lieblicher König) / zu der Rechten deß Vatters sitzet / unnd in welchem alle die Begirden der Englen und Heyligen erfült werden ) auffzusteigen begert / die betrachte die Leiter Jacobs / welcher Höhe den Himmel berürt / und auff daß er desto sicherer und ordentlicher auffsteige / kan er siben underschidliche Stafflen brauchen / welcher von dem Ubertino also gesetzt seynd:

1.   Der erste Staffel ist der Gustus oder Geschmack /

2.   der ander die Begird /

3.   der dritte die Benügung /

4.   der viert Erhebung oder geistliche Verzuckung /

5.   der fünfft die Sicherheit /

6.   der sechst die Ruh oder Stille /

7.   unnd der sibent der Namen / Gott weißt ihn.

Die Erkantnus derhalben diser Stafflen und Ubungen / erlangen wir mehr durch dero Würckung und Werck / (wie das jenig anderer geistlichen Sachen) dann durch sie selbsten / seytemal sie durch die Göttliche Augen gesehen / welchen alles / in sonderheit aber dise seine gütige Würckungen unnd Gnaden offenbar seynd.

Dannenhero die Seel / die in denselben zunemmen / und Nutz schaffen solle / wie bessers Gesicht sie wirdt haben / ihre Schwachheit und Schuld zu erkennen / sich zu bekehren / und in ihr selbst Ertödtung zu verharren / unnd sich inn Wercken der Liebe zu üben / desto weniger wirdt sie sehen ihre Augen in den Grad oder Höhe ihrer Vollkommenheit zu setzen / sonder derselben Sorg Gott allein lassen / und sich allein in ihrer Erniderung bemühen.

Welcher aber gleichwol nur geringen Verstand unnd Erkantnus der Sachen deß Geists haben wirt / der wirt gar wol erkennen mögen / daß von der Sorgtragung deren Dingen / nemmlich der Bemühung der Vollkommenheit / die Gott allein berüren / nichts nit zu der Ertödtung seiner selbsten diene unnd nutze.

Darauß dann erfolget / daß so wenig der wahren Geistlichen / und die dises Namens würdig / ob gleichwol vil / die solches wegen irer Profession oder Ubung zu seyn praetendieren / gefunden werden.

Erste Stufe der Himmelsleiter - Index Franziskus