ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

www.etika.com
28.9.1999 – 31.1.2016

12F3322

Der Himmelsleiter erste Stufe: Geschmack

Der Cronicken der mindern Brüder, 3. Buch, Cap. 22, 1603

Von dem ersten Grad und Ubung der Betrachtung / Geschmack genant.
Cap. 2.

Der erste Grad der Betrachtung ist derhalben / wie wir gesagt / der Geschmack / von welchem vermeynlich der Prophet David redet / da er sagt (Psal. 33.): Schmecket unnd sehet wie gütig der Herr ist / selig ist der Mensch der inn ihne hoffet. Da redt der Prophet mit den Sünderen / welche gedunckt kein anderen Gewinn / oder Geschmacken dann in dem Weltlichen zu haben.

Schmecket und sehet ihr Sünder / ewere Betrüg / da werdt ihr sehen wie vil ihr auch inn disem Leben verlieret / und gleich wie der erste Grad den Menschen von der Erden auff hebt: Also ist die Ubung dises ersten Grads ein Abhaltung von Sünden / und bösen Weg / den Geschmack der bösen weltlichen Gelüsten zu verlieren / ja dieselben abzuscheuhen und zu hassen / und dardurch die von Gott / einer guten Gewissens Seel ertheylten Geschmacken zu geniessen.

Dannenhero sein Göttliche Maiestät / die den Geschmacken der Creaturen gewohnte Seel inn disem Anfang geistlichen Trost zuschicket / seytemal ohne disen newen Geschmack / als ein empfindliche von Gott dargereichte Manna / ein schwache Seel schwerlich zu den Göttlichen Sachen gezogen werden möchte.

Seynd derhalben die andere Ubungen dises Stands / die wahre Rew / offt erwiderte Beycht / vollkomne Gnugthuung / und tieffeste Erkantnus der eigenen Schuld / Undanckbarkeit / Boßheit / und freffenlichen Vermessenheit wider seinen Gott / von welchen Sachen die Begirden der Göttlichen Gerechtigkeit genug zu thun / in ihme selbsten erwachsen: dann die Gnugthuung der anderen Theylen solle der Mensch allbereit erstattet haben / sich nimmer mehr ersättigen zu seufftzen / zu weinen / unnd (daß er seinen Gott beleydiget) zu berewen / sich also mit grossem Eyffer in die Rach deß Herren / zu der Buß / dem Fasten / dem Casteyen / Disciplinieren / zu der Rauhe und Wacht sich ergeben / sich mit grosser Gedult bemühen / ein solch Gebett (das mehr auß dem Hertzen als Mund außgehe) verrichten.

Seytemal aber dises zu thun / der Büssende sich jeweilen härt / und einer widerwärtigen Natur befindet / bemühet er sich / mit heyligen Gedancken unnd Betrachtungen sein Hertz / durch die Gedechtnus und Geschmack deß Herren zu erweichen / und taugenlich zu machen: als da ist zu gedencken an den Todt / das letste Gericht / unnd dessen Erschröckligkeit / die Höll / und ihre Peinen / an das Paradeiß / und sein Glori / an der Göttlichen Maiestät gemeine und sonderbare Wolthaten und Gnaden / und uber alles an das Leben und Leiden Christi / als die höchste uns erzeigte Gutthat / in welchem all unser Heyl und Hoffnung stehet / dasselbig nie auß den Gedanken zu schlagen.

Und wann der Sünder sich der grossen Undanckbarkeit / so er wider seinen Herren erzeiget / (in dem daß er ihn / so vil inn ihm ist / mit seinen Sünden widerumb gecreutziget / unnd daß er / nach dem er ihn so theur mit seinem rosenfarben Blut / unnd greulichisten Todt erlößt / widerumben (sich dem Teuffel ergebende) mit so grosser Beleydigung seines Gottes / zu Grund gehet) sich erinnert / kan er nit underlassen einen grossen Haß gegen seinen Sünden und Schuld / und Eyffer der Buß zu haben.

Dannenhero auff daß er nit wider von der Straß Gottes abweiche / ihme vil Gedancken unnd Erinnerungen / wie er zu leben habe / schöpffet / sünderet sich ab von müssigen / unnohtwendigen Conversationen / ersteckt die böse Gedancken und Gelüsten / bemühet sich gantz und gar inn Gott zu erheben / den Haß der eignen Affection / die Verachtung der Welt / und sein selbstens zu erhalten.

Disen ersten Gradum hat Christus seinen Diener Franciscum gelernet / als er ihme zu Anfang seiner Bekehrung erschinen / unnd zu ihme gesprochen: Es wäre nohtwendig / daß er seinen Geschmack / so er böß unnd verderbet hatte / verenderte / und daß er ihne von deme schmecken und geniessen lisse / darab er bißhero ein Abscheuhen getragen / und daß ihme alles das jenig bitter wurde / so ihne bißhero lieblich und süß zu seyn geduncket.

Darumben wie grosse Ubung inn diser Separation / wie tieffes Fundament der Buß / und wie hohe Müh er gehabt unnd außgestanden / kan ich inn Wahrheit nit wissen / von welchem Heyligen grössere gefunden werden / und war also ime nohtwendig / seytemal er zu solcher Vollkommenheit auffsteigen / und der Kirche Gottes ein Exempel seyn solte / die Welt zu fliehen / sein Wohnung in den Einödinen / und mitten der finsteren Wäld zu setzen / das Gelt / Gut / und vätterliche Erbtheyl biß an das Hemmet dem Vatter und Verwanten zu ubergeben / sich von Elteren und Freunden / aller Conversation / Sitten / und Leben abzusünderen / damit sich inn Gott zu pflantzen / und dises mit einer solchen Freydigkeit / daß ihme unnoht in die Wüste zu fliehen gewesen / sich desto mehr von der Welt abzuziehen.

Er vergusse ein grosse Menge der Zeheren unnd Seufftzen / empfande das Leiden unseres Herrens Christi Jesu hoch / von welchem er inn so grosser Armut / nackend / und Fasten / unleidenlicher Arbeit / und in so vilen Verschmähungen und Gedult gelebt / daß von denselben in ime die Begird die Buß zu mehren / und stundtlich mehr Ubertrangs / von der Liebe wegen seines Herrens zu gedulden zugenommen.

Dise alle unnd andere Sachen bezierten nit allein sein Seel / und absünderten die von allem empfindtlichem weltlichem Geschmack / und brachten inn ihne ein Ungeschmack aller gegenwärtigen Sachen / sonder verursachten / daß ime hernach die Göttlichen Sachen vil süsser / lieblicher / unnd wolgeschmackter waren.

Und wolte der Herr auch / der ihn in disem Stand allzeit erhalten / und vil malen heimgesucht / ihme noch mehr Arbeit bereiten / und Trübsal zuordnen / damit er in ihme einen strengen / unerschrocknen Haubtmann seiner Büssenden / und ein Exempel der vollkomnen ritterlichen Helden erzeigte / von welchen er gesagt (Matt. 11.): Das Himmelreich leidet Gewalt / und die da Gewalt thun / reissen es zu ihnen / nit die Kleinmütigen und Verzagten.

Index Franziskus - Retour ETIKA Start