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ETIKA
D12FA |
FRANZISKUS-CHRONIK |
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12F3323 |
Der
Himmelsleiter zweite Stufe: "Begierde" |
Der Cronicken der mindern Brüder, 3. Buch, Cap. 23, 1603 |
Von dem anderen Grad zu der
Vollkommenheit zu kommen / genant Begird
Der
ander Grad ist die Begird / dann wie der heylig Gregorius sagt / wann die
Göttliche Sachen geschmäckt werden / so werden sie begert / wann sie aber nit
geschmäckt / scheinen sie ungeschmackt.
Das
Widerspil ist in den Weltlichen / deren Bestes die Begird ist. Auß disem
Geschmack / unn der Prob der Göttlichen Liebligkeit / erwachßt inn der Seelen
ein solcher Hunger und Durst / daß solche kein Creatur / oder zeitlicher Trost
/ dann allein Gott / den sie liebet / ersättigen oder benügen kan:
Und
dieweil sie noch nit kan / oder verdient die Speiß der grossen zu erlangen /
ihre Schwachheit unnd Geringe der Verdiensten erkennende / verbleibt sie von
den zeitlichen Sachen außgehüngert / unn sucht die Broßman der Taffel ihres
Herrens und Erlösers / solche auff der Erden auffklaubende / ihr Leben /
Conversation / Exempel / unn Werck betrachtende:
Sie
sucht sie gleichfals in dessen Creaturen / da sich seine Fußstapffen unnd
Erkantnus sehen lassen: so wol auch inn heyliger Geschrifft / da sie vil klare
Bezeugnussen von ihrem Herren findet / hört vil malen sein Stimm / und sicht
sein Gegenwärtigkeit / unnd ist disem Stand geleich / von dem die Braut in dem
Cantico gesagt: Ich bitt euch / wann ihr meinen Liebhaber findet und sehet / so
sagt ihm / daß ich vor Liebe kranck lige.
In
disem Stand erzeigt sie gleicher Weiß die Einfältigkeit inn den Wercken unnd
Worten / durch den Exceß und Innbrunst der newen Begirden / welches da ist ein
vollkomne geistliche Liebligkeit.
Auß
disen Begirden ( wann sie wahrhafftig seynd) entspringen die Nachfolgung deß
Lebens Christi Jesu / unn so vil müglich / seiner Demut / auff daß er könde
gefunden und besessen werden.
Unnd
darumben wirdt Christus der Weg oder Strassen genant / damit wir durch
denselben wandlen / die Schritt seynd / wie er selbst sagt / Demut /
Sanfftmütigkeit / Gedult / Liebe / Gebett / unnd letstlich sein Creutz und
Leiden (Ioan. 13.) / dann der Knecht ist nit grösser dann der Herr / noch der
Jünger als der Meister.
Dises
ist die Summ so geredet und geschriben kan werden: dises ist das Licht deß
Göttlichen Willens / und in welchem die Weiß unn Lection der wahren Weißheit
stehet: dises ist der sicherste / kurtzeste / unnd gewisseste Weg / so wir
gehen könden / welchen uns gefunden und gewisen hat der höchste Meister der
Wahrheit / welchen er gegangen / und uns Menschen zu gehen underwisen / und
gezeigt hat.
Gedencke
keiner zu Nachfolgung Christi Jesu / einen geraderen / richtigeren Weg Gott die
wahre Liebe zu erlangen / dann disen der Müseligkeiten zu erfinden.
Dise
Ubung stehet inn dreyen Puncten:
1. Der erste
/ von Gott dem Allmächtigen von Hertzen zu begeren die Erkantnus seiner
tödtlichen unnd läßlichen Lasteren / wie auch derselben innerlichen Schmertzen
/ die Absünderung aller Gelegenheiten der tödtlichen Sünden / und Abziehung deß
Gemüts von allem Weltlichen.
2. Der ander
Puncten ist / seines Nächsten Heyl / für welchen Christus Jesus gelitten
/ wie das sein selbsten / leiblicher und geistlicher Weiß zu begeren /
in dem Gebett für Feind unnd Freund / unnd alle andere / nach dem Befelch
Gottes / zu betten.
3. Der
dritte Puncten ist / mit einem steiffen Fürsatz zu begeren / dem Leben
Christi Jesu / seiner Conversation / so wol mit dem Leib als dem Geist
nachzufolgen / unnd von Gott zu begeren / er wölle ihne seinem Sohn
vereinigen / und in seinen Hertzen nichts anders / als Christum Jesum den
gecreutzigten erhalten / und die jenigen Tugenten / die sie vast Christo
gleichförmig machen / als da seynd Armut / Demut / und Reynigkeit zu suchen /
dann also in Ubung diser Tugenten erwachßt die wahre und eyfferige Begird / und
wahrer Durst der Liebe Christi Jesu unsers Erlösers / und wirt uns die Ubung
nit mühlich / das verhoffte / begerte / und erwünschte Gut zu erlangen.
Zu
disem Grad ist der glorificierte Vatter Franciscus auffgestigen / als er mit
innbrünstiger / unabläßlicher Begird seinen geliebten Herren gesucht / unnd
ihme die Evangelische Vollkommenheit / und Apostolische Leben geoffenbaret
warde / und gleich (als ob er eben selbiges mal anfienge) mit einem einigen
Creutz weiß geschnitnen Habitu bedeckt worden / seytemal er nichts anders / als
Christum Jesum den gecreutzigten begerte / und Jesu dem Erlöser in Armut /
Demut / und Verachtung nachzufolgen sich nit ersätigen köndte / und nit heylig
/ und demütig / sonder gering / und ein Sünder geachtet zu werden wünschte:
Alsdann
erfrewete er sich / und frolockete / wann er veracht und gering geschetzt warde
/ betrübte sich entgegen hoch / wann er geehret warde.
Und
gleich wie andere Mernschen ihre Feind allezeit zu hassen und zu verfolgen
pflegen: Also entgegen liebet er auß gantzem Hertzen die jenigen / so ihne
verfolgten / hassete sich selbsten als einen Todtfeind zum höchsten / erkante
wol daß der Sathanas und Welt / als unsere höchste Haubtfeind / mit unseren
eignen Waffen / und eytelen Begirden uns bestritten und bekriegten / da wir
doch (wann wir uns selbst uberwinden) selbsten von unseren höchsten und
greulichsten Feinden / den Sig unn Triumph erlangen wurden.
Bemühete
sich auch durch das Exempel aller Tugenten / mit dem Eyffer deß Heyls der
Seelen / (für welche Christus gelitten) selbige zu dem Stand der Evangelischen
Vollkommenheit zu bringen.
Erzuge
und übte seine Brüder in nichtem anderen / dann in der Nachfolgung unn Durst
der Armut / Demut / unn Gedult Christi Jesu / und Betrachtung seines Leidens /
seytemal er wißte / daß wie mehr wir Tugenten haben / je mehr wir Nutz inn dem
Gebett schaffen wurden.
Dise
waren seine Ceremonien und Tödtungen / dises die Gebäw und Ubungen seines
ersten Ordens / Christum inn steter Strenge / Abstinentz / und Gebett zu finden
/ und seine heyligiste Wunden in seinem Leib: mit Behelligung und Ubung der
strengen Armut zu finden / und ubertaffen also mit selber Unschuld und reynen
Christlichen Einfalt die jenigen / welche sich allein mit eusserlichen
Ceremonien / den Weg der Vollkommenheit dardurch anzunemmen / anthäten / und
strafften die / welche mit gedachten Ceremonien allein ihr Unvollkommenheit zu
bedecken / sich eusserlich bekleidten.