ETIKA

FRANZISKUS-CHRONIK

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8.7.2003 – 5.2.2016

12F3323

Der Himmelsleiter zweite Stufe: "Begierde"

Der Cronicken der mindern Brüder, 3. Buch, Cap. 23, 1603

Von dem anderen Grad zu der Vollkommenheit zu kommen / genant Begird

Der ander Grad ist die Begird / dann wie der heylig Gregorius sagt / wann die Göttliche Sachen geschmäckt werden / so werden sie begert / wann sie aber nit geschmäckt / scheinen sie ungeschmackt.

Das Widerspil ist in den Weltlichen / deren Bestes die Begird ist. Auß disem Geschmack / und der Prob der Göttlichen Liebligkeit / erwachßt inn der Seelen ein solcher Hunger und Durst / daß solche kein Creatur / oder zeitlicher Trost / dann allein Gott / den sie liebet / ersättigen oder benügen kan:

Und dieweil sie noch nit kan / oder verdient die Speiß der grossen zu erlangen / ihre Schwachheit unnd Geringe der Verdiensten erkennende / verbleibt sie von den zeitlichen Sachen außgehüngert / und sucht die Broßman der Taffel ihres Herrens und Erlösers / solche auff der Erden auffklaubende / ihr Leben / Conversation / Exempel / und Werck betrachtende:

Sie sucht sie gleichfals in dessen Creaturen / da sich seine Fußstapffen unnd Erkantnus sehen lassen: so wol auch inn heyliger Geschrifft / da sie vil klare Bezeugnussen von ihrem Herren findet / hört vil malen sein Stimm / und sicht sein Gegenwärtigkeit / unnd ist disem Stand geleich / von dem die Braut in dem Cantico gesagt (Cant. 5.): Ich bitt euch / wann ihr meinen Liebhaber findet und sehet / so sagt ihm / daß ich vor Liebe kranck lige.

In disem Stand erzeigt sie gleicher Weiß die Einfältigkeit inn den Wercken unnd Worten / durch den Exceß und Innbrunst der newen Begirden / welches da ist ein vollkomne geistliche Liebligkeit.

Auß disen Begirden (wann sie wahrhafftig seynd) entspringen die Nachfolgung deß Lebens Christi Jesu / und so vil müglich / seiner Demut / auff daß er könde gefunden und besessen werden.

Unnd darumben wirdt Christus der Weg oder Strassen genant / damit wir durch denselben wandlen / die Schritt seynd / wie er selbst sagt / Demut / Sanfftmütigkeit / Gedult / Liebe / Gebett / unnd letstlich sein Creutz und Leiden (Ioan. 13.) / dann der Knecht ist nit grösser dann der Herr / noch der Jünger als der Meister.

Dises ist die Summ so geredet und geschriben kan werden: dises ist das Liecht deß Göttlichen Willens / und in welchem die Weiß und Lection der wahren Weißheit stehet: dises ist der sicherste / kurtzeste / unnd gewisseste Weg / so wir gehen könden / welchen uns gefunden und gewisen hat der höchste Meister der Wahrheit / welchen er gegangen / und uns Menschen zu gehen underwisen / und gezeigt hat.

Gedencke keiner zu Nachfolgung Christi Jesu / einen geraderen / richtigeren Weg Gott die wahre Liebe zu erlangen / dann disen der Müseligkeiten zu erfinden.

Dise Ubung stehet inn dreyen Puncten:

1.  Der erste / von Gott dem Allmächtigen von Hertzen zu begeren die Erkantnus seiner tödtlichen unnd läßlichen Lasteren / wie auch derselben innerlichen Schmertzen / die Absünderung aller Gelegenheiten der tödtlichen Sünden / und Abziehung deß Gemüts von allem Weltlichen.

2.   Der ander Puncten ist / seines Nächsten Heyl / für welchen Christus Jesus gelitten / wie das sein selbsten / leiblicher und geistlicher Weiß zu begeren / in dem Gebett für Feind unnd Freund / unnd alle andere / nach dem Befelch Gottes / zu betten.

3.   Der dritte Puncten ist / mit einem steiffen Fürsatz zu begeren / dem Leben Christi Jesu / seiner Conversation / so wol mit dem Leib als dem Geist nachzufolgen / unnd von Gott zu begeren / er wölle ihne seinem Sohn vereinigen / und in seinen Hertzen nichts anders / als Christum Jesum den gecreutzigten erhalten / und die jenigen Tugenten / die sie vast Christo gleichförmig machen / als da seynd Armut / Demut / und Reynigkeit zu suchen / dann also in Ubung diser Tugenten erwachßt die wahre und eyfferige Begird / und wahrer Durst der Liebe Christi Jesu unsers Erlösers / und wirt uns die Ubung nit mühlich / das verhoffte / begerte / und erwünschte Gut zu erlangen.

Zu disem Grad ist der glorificierte Vatter Franciscus auffgestigen / als er mit innbrünstiger / unabläßlicher Begird seinen geliebten Herren gesucht / unnd ihme die Evangelische Vollkommenheit / und Apostolische Leben geoffenbaret warde / und gleich (als ob er eben selbiges mal anfienge) mit einem einigen Creutz weiß geschnitnen Habitu bedeckt worden / seytemal er nichts anders / als Christum Jesum den gecreutzigten begerte / und Jesu dem Erlöser in Armut / Demut / und Verachtung nachzufolgen sich nit ersättigen köndte / und nit heylig / und demütig / sonder gering / und ein Sünder geachtet zu werden wünschte:

Alsdann erfrewete er sich / und frolockete / wann er veracht und gering geschetzt warde / betrübte sich entgegen hoch / wann er geehret warde.

Und gleich wie andere Menschen ihre Feind allezeit zu hassen und zu verfolgen pflegen: Also entgegen liebet er auß gantzem Hertzen die jenigen / so ihne verfolgten / hassete sich selbsten als einen Todtfeind zum höchsten / erkante wol daß der Sathanas und Welt / als unsere höchste Haubtfeind / mit unseren eignen Waffen / und eytelen Begirden uns bestritten und bekriegten / da wir doch (wann wir uns selbst uberwinden) selbsten von unseren höchsten und greulichsten Feinden / den Sig und Triumph erlangen wurden.

Bemühete sich auch durch das Exempel aller Tugenten / mit dem Eyffer deß Heyls der Seelen / (für welche Christus gelitten) selbige zu dem Stand der Evangelischen Vollkommenheit zu bringen.

Erzuge und übte seine Brüder in nichtem anderen / dann in der Nachfolgung und Durst der Armut / Demut / und Gedult Christi Jesu / und Betrachtung seines Leidens / seytemal er wißte / daß wie mehr wir Tugenten haben / je mehr wir Nutz inn dem Gebett schaffen wurden.

Dise waren seine Ceremonien und Tödtungen / dises die Gebäw und Ubungen seines ersten Ordens / Christum inn steter Strenge / Abstinentz / und Gebett zu finden / und seine heyligiste Wunden in seinem Leib: mit Behelligung und Ubung der strengen Armut zu finden / und ubert( r )affen also mit selber Unschuld und reynen Christlichen Einfalt die jenigen / welche sich allein mit eusserlichen Ceremonien / den Weg der Vollkommenheit dardurch anzunemmen / anthäten / und strafften die / welche mit gedachten Ceremonien allein ihr Unvollkommenheit zu bedecken / sich eusserlich bekleidten.

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