ETIKA D12FA

FRANZISKUS-CHRONIK

www.etika.com
18.6.2001
Links auch für UNIX

12F3633

Mittel wider die Versuchung

Der Cronicken der mindern Brüder, das sechste Buch, Cap. 33, S. 193ff., 1603

Von dem Mittel, so Bruder Giuniper wider die Versuchung der Empfindtligkeit gebraucht, und seinem Cilicio oder Bußkleid.

Eines mals als Bruder Egidius, Ruffinus, Simon und Giuniperus inn einer geistlichen Conversation bey sammen waren, sagte Bruder Egidius zu den Gesellen: Geliebte Brüder, wie bewaffnet jhr euch wider die Versuchungen der Empfindtligkeit?

Bruder Simon von Assisi antwortet: Ich betrachte die Ungestalt der Sünd unnd wie abscheulich solche nit allein vor Gott, sonder den Menschen seye, welche wie böß sie auch seyen, sich verbergen, und solche zu verdecken begeren, damit sie solche begehend nit gesehen werden. Von diser Betrachtung entspringt in mir ein Abscheuhen unnd Mißfallen der Sünd, welches mich von der Versuchung erlediget.

Bruder Ruffinus sagte: Und ich, wann ich von diser Sünd angefochten wird, so knie ich auff den Boden und rueffe zu Hilff mit vilen Zehern (Anm.: Zähren, Tränen) die Göttliche Güte unn die glorificierte Jungfraw, verharre so lang, untzt ich mich entlediget befinde.

Darauff sagte Bruder Giuniperus: Und ich, wann ich empfinde, daß solche teufflische Versuchungen eingehen unnd sich der Empfindtligkeit zunahen wöllen, versperre ich alsbald die Thüren deß Hertzens und setze gute Wacht heyliger Gedancken und Begirden (Anm.: Absichten) zu Guardi der Vestung, darinn die Seel wohnet, unnd wann die Feind herzu nahen zu den Vorstätten der Statt und Thoren, und den Anlauff thun wöllen, so rueff ich als der Hauptmann denen noch von jnnen heraus mit heller Stimm zu und sage: Ziecht weiter, ziecht weiter, die Vestung ist besetzt, jhr möget nit herein kommen: lasse also dises so lose Gesind niemalen den Posseß einnemmen, seytemal jr Practick und Gemeinsame gar zu schädlich, darvon der Feind also letstlich uberwunden und mit Schanden abzeucht.

Welches als Bruder Egidius gehört, sagt er: Ich halts mit Bruder Giunipero und seinen Waffen, dieweil sie sicher seynd, dann mit diser Sünd streitet der Mensch durch die Flucht zum sichersten, dann die verrähterische Gelüsten, so inn dem Fleisch wohnen, empfinden eusserlich inn der Empfindtligkeit des Leibs ein so groß und starck Kriegsheer von dem Teuffel zu seiner Hilff wider die Seel geworben, daß die Gefahr groß und der Sig seltzam, also daß vil sicherer ist, disen Verrähter und heimische Sünd in das Hertz niemalen eingehen zu lassen.

Als Bruder Giuniperus eines mals wegen leichtfertigen Redens (dieweil es die Porten, daruß aller Geist der Andacht und Gebetts außgehet) gestrafft worden, hat er sechs Monat das Silentium oder Stille gehalten, name jme für den ersten Tag zu schweigen zu Ehren Gottes Vatters, den anderen deß Sohns, den dritten deß heyligen Geists, den vierten der Himmelkönigin unnd also täglich von anderer Heyliger oder Heyligin wegen, wie er denn auch sonsten wenig und solches allein von geistlichen Sachen redte: Dann wie er nit mögen schmeichlen unnd geschmeichlet werden: Also thate er nichts anderes als von GOTT reden, wolte als ein Religios, der er vollkommen inn der Demut ware, vil liber hören unnd lernen, dann mit Worten oder eusserlichen Zeichen der Heyligkeit underweisen.

Moderne Übersetzung - Franziskus-Übersicht - Index 1