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FRANZISKUS-CHRONIK

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18.6.2001
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12F3707

Wie Bruder Egidius die Keuschheit geliebt

Der Cronicken der mindern Brüder, das sibent Buch, Cap. 7, 1604

 

Wie Bruder Egidius die Reynigkeit der Keuschheit geliebet.

Cap. 7.

Diser heylige Vatter casteyet und züchtiget unabläßlich sein Fleisch / solches dem Geist underthänig zu machen / damit daß er den Glantz der Keuschheit inn seiner Seelen erhalten möchte.

 

Asse derhalben nit mehr dann ein mal deß Tags / unnd dasselb wenig / unnd spat / sagte das Fleisch wäre gleich wie das Schwein / welches mit grosser Begird dem Kot zulauffte / im selben sich belustigte unnd erfrewete / oder wie der Widhopff / der sein gantz Leben in dem Kot verzehrte: und daß das Fleisch der dapfferste Kriegsmann wäre / so der Feind uns zu bestreiten gegeben hätte / erzeigte also mit disen und anderen dergleichen Worten / wie grosser Feind er der boßhafftigen Neigungen der Empfindtligkeit / unnd Freund der englischen Keuschheit wäre.

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Als er zu Spoleti wohnte / hörete er ein Stimm gleichsam eines Weibs / so ihme rueffte / welche von dem Teuffel als ein Subiectum seiner Versuchung erdichtet warde / welche dermassen in ihme zuname / daß er sich mit den höchsten Versuchungen / so er je gehabt / umbgeben befande / dero er doch / als ein dapfferer Ritter Christi / erstlich mit der Disciplin deß Leibs / und dann mit dem Gebett und angehengten Zeheren und Seufftzen widerstunde / unnd darmit den Feind uberwande / und mit der Hilff Gottes vertribe.

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Ein Priester deß Ordens ward durch fleischliche Anfechtung von dem Feind sehr geplaget / und weil ihme kein Betten / Fasten / oder Abbruch nichts helffen wolte / sagt er bey ime selbsten:

O möchte ich  Bruder Egidium sehen / und ihme dise meine Noht klagen / bin ich gewiß / er wurde mir helffen.

Dieweil er aber zimlichen weit von ihme ware / möchte er die Erlaubnus zu ihme zu kommen nit erlangen.

 

Einer Nacht in dem ersten Schlaff erschine ihme  Bruder Egidius / oder inn dessen Gestalt der Engel / darob der Bruder sehr erfreut / ihme sein grosse Versuchung ordenlich erzehlte / und seiner Hilff und Rahts begerte. Darauff Bruder Egidius zu ihme sagte:

Sag mir an Bruder / was thätest du einem Hund der dich beissen wolte?

Der Bruder antwortet:

Ich wolte in von mir treiben.

Gehe hin / sprach er / thu dem Versucher auch also / so will ich Gott für dich bitten / daß er dich erledige.

Als nun der Bruder erwachte / befande er sich der Versuchung entlediget / unnd wol getröstet.

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Etliche andere Brüder / so dermassen durch allerley Versuchungen angefochten / daß sie gleich auß dem Orden zu tretten vermeynten / seynd durch die Wort und Gebett Bruders Egidij erlößt worden.

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Ein anderer Bruder kame mit grossen Freuden und Frolocken / wegen einer Victori / so er wider die fleischlich Versuchung erlangt / ihne zu besuchen / welche war / daß  als er ihme ein Weibsbild nachgehen hätte gehört / unnd ihme die fleischliche Begirden auffgestigen waren / unnd je näher sie zu ihme nahete / je mehr solche zugenommen / wäre er doch fürüber gangen / und sie wol beschawet / unnd der Versuchung entlediget worden. Deme sagte der heylige Bruder / und fragte:

Ob das Weib alt oder jung gewesen.

Der antwortet.

Alt unnd ungestalt.

So ists kein Wunder, / sagt der heylig Mann / daß die Versuchung so bald vergangen / du solst wissen / daß du nit uberwunden / sonder verloren / dann der Sig in dem gestanden / daß du / als du fürüber gangen / sie nit angesehen haben soltest / und ist solches das beste und sicherste Mittel in dem Streit deß Fleisches: hüte dich derhalben ein ander mal / daß dir / wann du ein junge unnd schöne ansehest / nir ärgers mit Schand unnd Schmach widerfahre.

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