ETIKA D12FA

FRANZISKUS-CHRONIK

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14.12.1998

12F3812

Vom inbrünstigen Gebet der hl. Clara

Der Cronicken der mindern Brüder, das acht Buch, Cap. 12, S. 356ff., 1604

Von dem jnnbrünstigen Gebett der heyligen Clara

Geleich wie die heylige Clara dem Fleisch nach erstorben unnd allerdings den leiblichen Ergetzlichkeiten abgezogen ware: Also bearbeitete sie ohne Underlaß ihr Seel in heyligem Gebett und Göttlichem Lob. Es hatte dise heylige Jungkfraw die Schärpffe jhrer eussersten Begirden in das ewige Liecht gesetzt und eingetruckt unnd zu gleich wie sie von der Vile der weltlichen Behelligungen abgehalten: Also erstrecket sie die Sinn jhrer Seelen desto weitläuffiger und tieffer inn den Einfluß der Göttlichen Gnaden.

Sie bettet mit den Klosterfrawen nach der Complet ein lange Zeit, und die Quellen der Zeheren, so auß jhren Augen flossen, erweckten und erweichten die Hertzen der Gesellin. Wann die Schwesteren sich zu Ruh auff jhre harte Beth legten, alsdann verharrete sie in dem Gebett, die Gnaden deß himlischen Trosts zu empfahen. Wann der Schlaff der anderen sie allein verliesse, legte sie vil malen, wann sie inn dem Gebett war, das Angesicht auff den Boden, begosse denselbigen mit Zeheren, küßte den also lieblich, als ob sie jhren Gespons Christum Jesum by jhr hatte.

Eines mals begabe sich, als die heylige Jungkfraw Nachts Zeit jhre Zeheren vergosse, daß jhr der Engel der Finsternus in Gestalt eines schwartzen Jünglings erschine, sie ermahnete und sagte: Weine nit so starck, du wirst sonst erblinden. Disem antwortet sie: Der kan nit blind seyn, welcher Gott sehen solle. Der Teuffel ward confundiert und verschwande.

Eben selbige Nacht, als sie noch nach der Metten jhr Gebett verrichtet und mit Zeheren übergossen ware, erschine jr der Versucher zum anderen mal unn sagte: Weine nit so starck, dann du wirst dahin kommen, daß dir das Hirn zerschmeltzen und durch die Augen und Naßlöcher außfliessen und dir die Nasen erkrummen wirdt. Die heylige Jungkfraw antwortet: Der mag kein Krümme empfinden, welcher Christo dem Herren dienet. Alsbald ward der Feind verschwunden.

Wie hohe Enderung jrer selbsten sie in der Innbrunst jhres Gebetts empfienge unnd wie lieblich jhr die Göttliche Güte in solcher Freud und Göttlichen Conversation ware, liesse sich mit vilen Zeichen sehen, seytemal wann sie von dem Gebett kame, brachte sie mit grossem Jubel jnnbrünstige und auff dem Altar deß Hertzen erzünte Wort, welche die Hertzen der Schwestern entzündten und ab der grossen Liebligkeit jres Angesichts verwunderen machten. Es hatte ohne Zweiffel der allmächtige Gott sein Liebligkeit diser seiner Tochter bereitet und erzeigte sich eusserlich an dem Leib, welcher Gestalt jnnerlich die Seel voller deß Göttlichen Liechtes ware, lebte auff solche Weis inn diser betrüglichen Welt wunderlich jhrem Gespons Christo Jesu zugethan, unabläßlich voller himlischen Wollusts, und war auff solchem edlen Glückrad durch ein sondere veste Beständigkeit der Tugenten erhalten, und als sie den Schatz der Glori in jhrem jrdischen und fleischlichen Geschirr auff der Nidere der Erden erhielte, verharrete sie mit himlischer Erhebung der Seelen in der Höhe der Himlen.

Dise heylige Jungkfraw hätte im Gebrauch die jungen Klosterfräwlein etwas vor Metten Zeit zu berueffen, sie zu wecken unn zu dem Lob Gottes zu ermahnen, pflegte vil malen, weil die anderen schlieffen, die Lampen anzuzünden, zu der Metten zu leuten in massen, daß inn jhrem Kloster kein Unwillen oder Hinlässigkeit Blatz haben möchte, da der Verdruß unnd Widerwillen deß Gebetts und Dienst Gottes mit rauher Züchtigung und starcken lebendigen Exemplen der heyligen Jungkfrawen außgetriben waren.

 

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