ETIKA

FIORETTI - BLÜMLEIN

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11.8.2002

12F425

Wie Franziskus denjenigen heilte, der an Seele und Leib aussätzig war

Verdeutscht von Franz Kaulen

 

Derweil Christi wahrer Jünger, unser lieber Herr Sankt Franziskus, in diesem elenden Leben ging, tät er mit ganzer seiner Kraft sich bemühen, Christum als vollkommenem Meister zu folgen; und geschah es derowegen zum öftern durch göttliche Wirksamkeit, daß, wem er den Körper heilte, demselben Gott der Herr die Seele in der nämlichen Stunde heilte, als man auch liest von Christo.

 

Und dieweil er nicht bloß willentlich den Aussätzigen diente, sondern darzu des weitem geboten hatte, es sollten die Brüder seines Ordens, wo sie in der Welt gingen oder stünden, den Aussätzigen dienen durch die Liebe Christi, als welcher für uns wollte aussätzig erachtet werden, geschah es zu einem Male also: an einem Orte, nahe bei demjenigen, wo damals Sankt Franziskus verweilte, dienten die Brüder im Spittel den Aussätzigen und den Siechen, und lag darinnen ein Aussätziger also ungeduldig und also unverträglich und ungefüge, daß männiglich für sicher hielt, und es war auch so, er wäre besessen vom bösen Geist; inmaßen er tät mit Worten und mit Schlägen gar unhold jeglichen, so ihm diente, mißhandeln; und was schlimmer ist, so lästerte er schimpflicher Weise Christus den Gebenedeiten und seine allerheiligste Mutter, die Jungfrau Maria, also daß in keiner Weise zu finden war, wer ihm hätte dienen können noch wollen.

 

Und obschon die Brüder bemüht waren, die eigenen Beleidigungen und Grobheiten geduldig zu tragen, um das Verdienst der Geduld zu mehren; so konnten nichtsdestominder ihre Gewissen nicht tragen, was Christo und seiner Mutter geschah; beschlossen daher allzumal, besagten Aussätzigen zu verlassen; jedennoch gedachten sie es nicht zu tun, ehebevor sie es nach der Ordnung Sankt Franzisko angezeigt, so damals in einem nahen Kloster sich verhielt.

 

Und wie sie es ihm angezeigt, geht der gute Sankt Franziskus von dannen zu selbigem ungefügen Aussätzigen; und da er zu ihm kommt, grüßt er ihn, sagend:

 

"Gott gebe dir Frieden, mein allerliebster Bruder."

 

Sprach der Aussätzige dawider:

 

"Was für Frieden kann ich von Gott gewinnen, der mir den Frieden genommen hat und jegliches Gut, und hat mich ganz faul und stinkend gemacht?"

 

Und Sankt Franziskus sagte:

 

"Mein Sohn, habe Geduld, anerwogen die Schwachheiten der Leiber uns in dieser Welt von Gott gegeben werden zum Heile der Seele, dieweil sie von großem Verdienst sind, so sie geduldiglich getragen werden."

 

Antwortet der Kranke:

 

"Und wie mag ich geduldig die beständige Pein tragen, die mich beschwert Nacht und Tag? Und bin nicht bloß beschwert von meinem Siechtum; vielmehr schlimmer tun mir die Brüder, die du mir gegeben, daß sie mir dienten, und dienen mir nicht, als sie sollen."

 

Da vermerkte Sankt Franziskus durch Gottes Offenbarung, daß sotaner Aussätziger war vom bösen Geist besessen, und ging hin und hub an zu beten und tät Gott den Herrn andächtig für ihn bitten. Und nach getanem Beten kehrt er wieder zu ihm und spricht also:

 

"Mein Sohn, ich will dir selber dienen, sintemalen du mit den andern nicht zufrieden bist."

 

Spricht der Kranke:

 

"Solches gefällt mir wohl; aber was wirst du mir mehr tun können, denn die andern?"

 

Antwortet Sankt Franziskus:

 

"Was immer du begehrest, will ich tun."

 

Spricht der Aussätzige:

 

"Ich will, daß du mich waschest ganz und gar, dieweilen ich so gar übel stinke, daß ich mich selber nicht kann tragen."

 

Da hieß Sankt Franziskus alsobald Wasser wärmen mit viel wohlriechenden Kräutern; dann zieht er ihn aus und hebt an, ihn zu waschen mit seinen Händen, und ein anderer Bruder reicht das Wasser. Und durch Gottes Wunder, wo Sankt Franziskus mit seinen heiligen Händen rührte, verging der Aussatz, und das Fleisch war vollkommen genesen. Und ebenmäßig, wie das Fleisch begann zu heilen, so begann auch die Seele zu gesunden. Derohalben wie der Aussätzige sah, daß er anfing zu genesen, hub er an große Zerknirschung zu haben und Reue ob seinen Sünden; und begann bitterlichst zu weinen, also daß, während der Leib auswendig durch Waschung des Wassers vom Aussatz rein ward, die Seele sich innerlich reinigte von der Sünde durch Besserung und durch Tränen. Und nachdem er vollendiglich genesen, beides, am Körper und an der Seele, gab er demütiglich sich schuldig und sprach weinend mit lauter Stimme:

 

"Weh über mich, so ich wert bin der Hölle, durch die Unbilden und Schmähungen, die ich den Brüdern getan und gesagt, und durch die Ungeduld und Lästerung, so ich entgegen Gott geübt";

 

blieb demnach durch vierzehn Tage in bitterm Weinen ob seinen Sünden und im Flehen um Erbarmung bei Gott, und beichtete dem Priester sämtliches. Und der liebe heilige Franziskus, da er solch merkliches Wunder sah, das Gott der Herr durch seine Hände gewirkt hatte, tät Gott Dank sagen und schied von dannen, und ging in gar fern entlegene Länder, maßen er durch Demut jeglichen Ruhm fliehen wollte und suchte in jeglichem seinem Tun bloß die Ehre und den Ruhm Gottes und nicht seinen eigenen.

 

Danach, wie es Gott gefiel, ward besagter Aussätziger, so an Leib und Seele genesen, nach vierzehn Tagen seiner Buße krank an anderm Siechtum; und wohl gerüstet mit den kirchlichen Sakramenten, starb er heiligmäßig. Und da seine Seele ins Paradies fuhr, erschien sie in den Lüften dem heiligen Franziskus, so in einem Walde dem Gebet oblag, und sprach sie zu ihm:

 

"Kennst du mich?"

 

Sprach Sankt Franziskus:

 

"Wer bist du?"

 

"Ich bin der Aussätzige, den Christus der Gebenedeite durch deine Verdienste geheilt hat, und gehe ich heute ein zum ewigen Leben; darob tu ich Gott Dank sagen und dir. Gebenedeit sei deine Seele und dein Leib, und gebenedeit deine heiligen Worte und deine Werke, darum, daß durch dich viele Seelen in der Welt werden selig sein; und wisse, daß kein Tag in der Welt ist, an welchem die heiligen Engel und die andern Heiligen Gott nicht Dank sagen ob der heiligen Früchte, die du und dein heiliger Orden tragt in unterschiedlichen Teilen der Welt. Und derowegen sollst du getrost sein und Gott dem Herrn danken und von ihm gesegnet bleiben."

 

Und nach sotanen Worten fuhr er von dannen zum Himmel, und Sankt Franziskus blieb gar viel getröstet.

 

Aus: St. Franziszi Blütengärtlein „Fioretti“
Verdeutscht von Franz Kaulen
Verlag der Buchgemeinde Bonn am Rhein 1926, Seite 66 - 68

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