ETIKA

FRANZISKUS HEUTE

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4.2.2004

12F9101

Franziskus begegnet
Reinhold Messner

Heiter-besinnlicher Nachtrag zum Jahr des Heiligen aus Umbrien

Ein kleines mittelalterliches, idyllisch auf einem Hügel gelegenes umbrisches Städtchen hatte in den letzten Monaten zwei prominente Besucher: PCI-Chef Enrico Berlinguer und Bergsteigerkönig Reinhold Messner. Beide befanden sich auf der Suche nach ihrem Ich und hegten die Hoffnung, der einfältige, aber weltberühmte Bruder Franziskus könne ihnen dabei einen Fingerzeig geben.

Berlinguer hatte Glück. Es kam zu einer eindrucksvollen Begegnung, und der mächtige Kommunistenboß, der ganz zu Unrecht immer als Wolf im Schafspelz dargestellt wird, in Wirklichkeit aber eher einem Schaf im Wolfspelz ähnelt, vergaß für ein paar Stunden alle Sorgen mit den innerparteilichen Gegnern vom Pro-Moskau-Flügel und den gewaltigen Schwund an Stimmen bei den letzten Parlamentswahlen.

"Setze deine Hoffnungen nicht auf Menschen", sagte der Heilige zu dem geknickt wirkenden Parteivorsitzenden und streichelte ihm voll Milde über das Haupt (dazu Karikatur aus "Il Resto del Carlino") ... (da nicht mehr aktuell, hier nur der Anfang)

Die zweite Begegnung, der wir Erwähnung tun wollen, fand auf freier Flur statt zwischen dem Kirchlein von San Damiano und der Basilika Santa Maria degli Angeli, in deren Mitte das Portiunkula-Kirchlein steht, der Lieblingsort des Heiligen. Letzterer hatte also vom Himmelsvater wieder einmal Dispens vom himmlischen Jubilieren bekommen (wie weiland Coelestina in R. G. Bindings ganz entzückender Erzählung), denn sein Herr wußte gar wohl, wie sehr es Franziskus gefiel, von Zeit zu Zeit die Engelsflügel abzulegen und in die alte, rauhe Kutte zu schlüpfen, um als minderer Ordensmann unter den Menschen des jetzigen Jahrhunderts zu wandeln.

Und so erging sich der Ahnvater der franziskanischen Gemeinschaft auf einem Feldweg unterhalb von Assisi und freute sich des ewigen Lebens. Den Blick hielt er nicht himmelwärts gerichtet, wie man es von anderen Heiligen weiß, sondern zur Erde, was praktische Gründe hatte. In Erinnerung an das Wort aus Psalm 21, Vers 7, "Ein Wurm bin ich, kein Mensch", war er in übergroßer Liebe auch zu diesen winzigen Erdentieren entbrannt.. Stets pflegte er die Würmlein vom Wege aufzuheben und an dem geschützten Rain niederzulegen, damit sie nicht von den Füßen der Vorübergehenden zertreten würden. (nach Thomas von Celano: Leben und Wundertaten des heiligen Franziskus von Assisi)

Außerdem war der Gottesmann beim Beten seines einfachen Breviers gerade an der Stelle angelangt, wo es heißt: "Eine Schlinge legten sie auf meinem Pfad und wollten mich am Boden sehen. Sie gruben vor mir eine Grube, doch sie fielen selbst hinein." (Prim des Offiziums vom Leiden des Herrn, zusammengestellt von Franziskus)

Als Heiliger empfand er natürlich keine Schadenfreude, aber die einschlägigen Erinnerungen an die Zeit vor 765 Jahren, als er sich mit manchem widerborstigen Zeitgenossen hatte herumschlagen müssen, waren ihm nicht unangenehm - im nachhinein betrachtet.

Da, mitten im Sinnieren, was war das? Ein Stoß, und schon lag er am Boden.

Verdutzt schaute Franziskus um sich. Neben ihm rappelte sich etwas hoch. Ein Schlapphut, ein bärtiges Gesicht, ein rotes Halstuch... Jetzt stand sie aufrecht, die Gestalt. Sie trug eine Lederjacke und Röhrenhosen.

Auch Franziskus hatte sich schon gefangen.

"Friede und Heil", grüßte er den Fremden mit scherzhaftem Unterton.

Obwohl der Feldweg fast schnurgerade verlief, war beiden entgangen, daß sie nicht allein spazierengingen. Der eine hatte die Augen gesenkt, der andere den Kopf hoch erhoben und dabei forsche Blicke in Richtung der umgebenden Hügelkette (oder waren es die Wolken?) gerichtet, als ob er dort etwas suche. So war es zu dem Zusammenprall gekommen.

"Wohin des Weges?" fragte der Ordensmann.

"Wenn ich das nur selber wüßte."

"Woher kommst du? Wer bist du?"

"Du kennst mich nicht? Man nennt mich den berühmtesten Bergsteiger der Welt. Ich, Reinhold Messner, habe letztes Jahr drei Achttausender im Himalaya bestiegen, und du kennst mich nicht?"

"Verzeih, aber ich lebe, nun, sagen wir, etwas außerhalb der Welt, habe kein Radio und Fernsehen. Erzähle mir von dir!"

"Ich bin ein Individualist. (R. M. in "tandem", 18.11.1982) Mich lockt der "Grenzbereich Todeszone" Ich suche mein Ich. Irgendwo, auf einem dieser Gipfel wartet es auf mich. Einst hat man mir gesagt, auf den Bergen wohne Gott. Ihn habe ich dort nicht gefunden. Schon die Hälfte aller heiligen Berge der Welt habe ich bestiegen. Ich schreibe ein großes Werk über die heiligen Berge als Sitz der Götter. Diese Arbeit über den "Mythos Berg" wird vielleicht erst in zehn Jahren fertig sein. Mir fehlt noch der Schlüsselberg. Der steht in Tibet und ist unzugänglich. (R. M. in "tandem", Juni 1983) Dort finde ich vielleicht, was ich suche. Bisher war ich auf den Gipfeln immer allein mit mir selbst, und da habe ich mit der Zeit geglaubt, ich selbst..."

Franziskus war während dieser Rede sehr ernst geworden.

"Du solltest dein Ich nicht in Tibet suchen, und Gott, den wirst du auch auf dem heiligsten aller heiligen Berge nicht erspähen, solange du dort hinaufgehst mit verbundenen Augen."

"Verschont mich mit solchen Belehrungen", lautete die etwas unwirsche Antwort. "Ich habe mehr als jeder andere Mensch die Grenzen gesprengt, die dem Menschen gesetzt sind."

"O ihr Menschen", seufzte da Franziskus, "nichts könnt ihr tun, nichts besitzt ihr in dieser Welt, was von Bestand wäre! Was der Mensch vor Gott ist, das ist er und nicht mehr. Selig jener Knecht, der nicht durch seinen Willen hoch erhoben wird und der immer darnach verlangt, den Füßen der anderen unterworfen zu sein. (FA, Ermahnungen, Kapitel 19). Du willst zu hoch hinaus. Geh lieber in dich, werde klein! Auch wir sind diesen Weg gegangen."

"Dein Rat mag gut sein für jeden anderen. Ich aber spüre in mir die Berufung zu noch größeren Taten. Auch bei mir gab es schon Augenblicke, wo ich mich unterordnete - und eine Minute später hatte ich wieder Kraft, daß ich mein vorheriges Unterordnen nicht verstand. Ich bin der Ansicht, daß der andere um jene Kraft, die man selbst verliert, stärker wird. Es gibt ein Wegnehmen der Kraft. Je größer die Gruppe um einen ist, desto mehr kann man herausholen. (R. M. in den Oberösterreichischen Nachrichten, 22. 11. 1983)

"Du hast viele Anhänger?"

"Es werden immer mehr. Wenn ich auch einmal gesagt habe, Nachbeter jeder Art interessieren mich nicht (R. M. in der Südtiroler Volks-Zeitung, 5. 12. 1980), so will ich doch mit ihnen die alten Helden vom Sockel stürzen, denn sie stören mich in meiner Individualität. Heute muß man sich politisch artikulieren. Nur das führt zum Erfolg!"

Franziskus schüttelte den Kopf. "Selig der Mensch, der seinen Nächsten in seiner Unzulänglichkeit erträgt. (Ermahnungen, Kapitel 18) Bevor du daran denken darfst, die anderen zu verbessern, mußt du bei dir selbst beginnen. Es nutzt nichts, den anderen das einfache Leben zu predigen, wenn man sich selbst nicht an die wichtigsten Regeln hält. Liebe Gott und deinen Nächsten, halte seine Gebote, und du wirst finden, was du suchst."

"Gebote?" Der andere zuckte mit den Schultern. "Ich bin ein Anarchist. Soweit das möglich ist, bestimme ich meine Grenzen selbst. (R. M. in der Stuttgarter Zeitung, 30. 10. 1982, dpa-Korrespondentenbericht von Gerhard Mumelter)

"Halt ein. Du weißt nicht, was du redest. Denke daran, daß du nicht immer solche Leistungen vollbringen kannst. Das Schicksal läßt sich nicht ständig herausfordern. Auch du wirst deine Grenzen erkennen müssen. Und mit jedem Tag wirst du älter."

"Über das Alter mache ich mir keine Gedanken, um das jetzige Leben nicht zu verpassen. (StZ 30. 10. 1982) In vier bis fünf Jahren hoffe ich, alle 14 Achttausender auf der Erde bestiegen zu haben. (Dolomiten, 18. 5. 1983) Nächstes Jahr will ich ins Altai-Gebirge. Es liegt zwischen Tibet, der Mongolei und der Sowjetunion. Wenn es so etwas wie den Schneemenschen gibt, dann lebt er dort. (in "tandem", Juni 1983). Weißt du, ich bin ein Sisyphus. Ich muß immer wieder von vorn anfangen. (StZ 30. 10. 1982)"

Unwillkürlich mußte sein Gegenüber lächeln. Sisyphus. Das war das Wort. Der unglückliche Königssohn aus der griechischen Sagenwelt, der einen Felsbrocken auf einen Berg wälzt, von dem der Fels aber, kurz bevor er ganz oben ist, hinabrollt, immer und immer wieder, bei jedem Versuch. Ja, dachte der Weise, das sind die Idole der Massen von heute, die Achttausender wie am Fließband besteigen, die den Schneemenschen nachjagen, die mit Skiern über halsbrecherische Steilwände abfahren, die Aufsehen erregen um jeden Preis, die die verrücktesten Dinge anstellen - aber nicht wissen, wofür sie es tun.

"Arme Dummköpfe", murmelte der Mann aus Assisi vor sich hin, und ein mitleidiges Lächeln überflog seine Züge.

Der andere hate sich bereits entfernt, neuen "Zielen" entgegen; Franziskus aber sprach bei sich den Gruß an die Tugenden:

"Gegrüßet seist du, Königin Weisheit, der Herr erhalte dich mit deiner Schwester, der heiligen reinen Einfalt.
Herrin heilige Armut, der Herr erhalte dich mit deiner Schwester, der heiligen Demut.
Herrin heilige Liebe, der Herr erhalte dich mit deinem Bruder, dem heiligen Gehorsam.

Heiligste Tugenden, euch alle erhalte der Herr."

Und starkes Heimweh ergriff den seligen Vater Franziskus.

le, Dolomiten, 1. 3. 1984

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