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FRANZISKUS
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Franziskus
begegnet |
Heiter-besinnlicher
Nachtrag zum Jahr des Heiligen aus Umbrien |
Ein
kleines mittelalterliches, idyllisch auf einem Hügel gelegenes umbrisches
Städtchen hatte in den letzten Monaten zwei prominente Besucher: PCI-Chef
Enrico Berlinguer und Bergsteigerkönig Reinhold Messner. Beide befanden sich
auf der Suche nach ihrem Ich und hegten die Hoffnung, der einfältige, aber
weltberühmte Bruder Franziskus könne ihnen dabei einen Fingerzeig geben.
Berlinguer
hatte Glück. Es kam zu einer eindrucksvollen Begegnung, und der mächtige
Kommunistenboß, der ganz zu Unrecht immer als Wolf im Schafspelz dargestellt
wird, in Wirklichkeit aber eher einem Schaf im Wolfspelz ähnelt, vergaß für ein
paar Stunden alle Sorgen mit den innerparteilichen Gegnern vom
Pro-Moskau-Flügel und den gewaltigen Schwund an Stimmen bei den letzten
Parlamentswahlen.
"Setze deine Hoffnungen nicht auf
Menschen", sagte der Heilige zu dem geknickt wirkenden Parteivorsitzenden
und streichelte ihm voll Milde über das Haupt (dazu Karikatur aus
"Il Resto del Carlino") ... (da nicht mehr
aktuell, hier nur der Anfang)
Die
zweite Begegnung, der wir Erwähnung tun wollen, fand auf freier Flur statt
zwischen dem Kirchlein von San Damiano und der Basilika Santa Maria degli
Angeli, in deren Mitte das Portiunkula-Kirchlein steht, der Lieblingsort des
Heiligen. Letzterer hatte also vom Himmelsvater wieder einmal Dispens vom
himmlischen Jubilieren bekommen (wie weiland Coelestina in R. G.
Bindings ganz entzückender Erzählung), denn sein Herr wußte gar wohl,
wie sehr es Franziskus gefiel, von Zeit zu Zeit die Engelsflügel abzulegen und
in die alte, rauhe Kutte zu schlüpfen, um als minderer Ordensmann unter den
Menschen des jetzigen Jahrhunderts zu wandeln.
Und
so erging sich der Ahnvater der franziskanischen Gemeinschaft auf einem Feldweg
unterhalb von Assisi und freute sich des ewigen Lebens. Den Blick hielt er
nicht himmelwärts gerichtet, wie man es von anderen Heiligen weiß, sondern zur
Erde, was praktische Gründe hatte. In Erinnerung an das Wort aus Psalm 21, Vers
7, "Ein Wurm bin ich, kein Mensch", war er in übergroßer Liebe
auch zu diesen winzigen Erdentieren entbrannt.. Stets pflegte er die Würmlein
vom Wege aufzuheben und an dem geschützten Rain niederzulegen, damit sie nicht
von den Füßen der Vorübergehenden zertreten würden. (nach
Thomas von Celano: Leben und Wundertaten des heiligen Franziskus von Assisi)
Außerdem
war der Gottesmann beim Beten seines einfachen Breviers gerade an der Stelle
angelangt, wo es heißt: "Eine Schlinge legten sie auf meinem Pfad und
wollten mich am Boden sehen. Sie gruben vor mir eine Grube, doch sie fielen
selbst hinein." (Prim des Offiziums vom Leiden des Herrn,
zusammengestellt von Franziskus)
Als
Heiliger empfand er natürlich keine Schadenfreude, aber die einschlägigen
Erinnerungen an die Zeit vor 765 Jahren, als er sich mit manchem widerborstigen
Zeitgenossen hatte herumschlagen müssen, waren ihm nicht unangenehm - im
nachhinein betrachtet.
Da,
mitten im Sinnieren, was war das? Ein Stoß, und schon lag er am Boden.
Verdutzt
schaute Franziskus um sich. Neben ihm rappelte sich etwas hoch. Ein Schlapphut,
ein bärtiges Gesicht, ein rotes Halstuch... Jetzt stand sie aufrecht, die
Gestalt. Sie trug eine Lederjacke und Röhrenhosen.
Auch
Franziskus hatte sich schon gefangen.
"Friede und Heil", grüßte er den Fremden
mit scherzhaftem Unterton.
Obwohl
der Feldweg fast schnurgerade verlief, war beiden entgangen, daß sie nicht
allein spazierengingen. Der eine hatte die Augen gesenkt, der andere den Kopf
hoch erhoben und dabei forsche Blicke in Richtung der umgebenden Hügelkette
(oder waren es die Wolken?) gerichtet, als ob er dort etwas suche. So war es zu
dem Zusammenprall gekommen.
"Wohin des Weges?" fragte der Ordensmann.
"Wenn
ich das nur selber wüßte."
"Woher kommst du? Wer bist du?"
"Du
kennst mich nicht? Man nennt mich den berühmtesten Bergsteiger der Welt. Ich,
Reinhold Messner, habe letztes Jahr drei Achttausender im Himalaya bestiegen,
und du kennst mich nicht?"
"Verzeih, aber ich lebe, nun, sagen wir, etwas
außerhalb der Welt, habe kein Radio und Fernsehen. Erzähle mir von dir!"
"Ich
bin ein Individualist. (R. M. in "tandem", 18.11.1982) Mich
lockt der "Grenzbereich Todeszone" Ich suche mein Ich. Irgendwo, auf
einem dieser Gipfel wartet es auf mich. Einst hat man mir gesagt, auf den
Bergen wohne Gott. Ihn habe ich dort nicht gefunden. Schon die Hälfte aller heiligen
Berge der Welt habe ich bestiegen. Ich schreibe ein großes Werk über die
heiligen Berge als Sitz der Götter. Diese Arbeit über den "Mythos
Berg" wird vielleicht erst in zehn Jahren fertig sein. Mir fehlt noch der
Schlüsselberg. Der steht in Tibet und ist unzugänglich. (R. M. in
"tandem", Juni 1983) Dort finde ich vielleicht, was ich suche. Bisher war
ich auf den Gipfeln immer allein mit mir selbst, und da habe ich mit der Zeit
geglaubt, ich selbst..."
Franziskus
war während dieser Rede sehr ernst geworden.
"Du solltest dein Ich nicht in Tibet suchen,
und Gott, den wirst du auch auf dem heiligsten aller heiligen Berge nicht
erspähen, solange du dort hinaufgehst mit verbundenen Augen."
"Verschont
mich mit solchen Belehrungen", lautete die etwas unwirsche Antwort.
"Ich habe mehr als jeder andere Mensch die Grenzen gesprengt, die dem
Menschen gesetzt sind."
"O ihr Menschen", seufzte da Franziskus,
"nichts könnt ihr tun, nichts besitzt ihr in
dieser Welt, was von Bestand wäre! Was der Mensch vor Gott ist, das ist er und
nicht mehr. Selig jener Knecht, der nicht durch seinen Willen
hoch erhoben wird und der immer darnach verlangt, den Füßen der anderen
unterworfen zu sein. (FA, Ermahnungen, Kapitel 19). Du willst
zu hoch hinaus. Geh lieber in dich, werde klein! Auch wir sind diesen Weg
gegangen."
"Dein
Rat mag gut sein für jeden anderen. Ich aber spüre in mir die Berufung zu noch
größeren Taten. Auch bei mir gab es schon Augenblicke, wo ich mich unterordnete
- und eine Minute später hatte ich wieder Kraft, daß ich mein vorheriges
Unterordnen nicht verstand. Ich bin der Ansicht, daß der andere um jene Kraft,
die man selbst verliert, stärker wird. Es gibt ein Wegnehmen der Kraft. Je
größer die Gruppe um einen ist, desto mehr kann man herausholen. (R. M. in
den Oberösterreichischen Nachrichten, 22. 11. 1983)
"Du hast viele Anhänger?"
"Es
werden immer mehr. Wenn ich auch einmal gesagt habe, Nachbeter jeder Art
interessieren mich nicht (R. M. in der Südtiroler Volks-Zeitung, 5. 12. 1980), so will
ich doch mit ihnen die alten Helden vom Sockel stürzen, denn sie stören mich in
meiner Individualität. Heute muß man sich politisch artikulieren. Nur das führt
zum Erfolg!"
Franziskus schüttelte den Kopf. "Selig der
Mensch, der seinen Nächsten in seiner Unzulänglichkeit erträgt. (Ermahnungen,
Kapitel 18) Bevor du daran denken darfst,
die anderen zu verbessern, mußt du bei dir selbst beginnen. Es nutzt nichts,
den anderen das einfache Leben zu predigen, wenn man sich selbst nicht an die
wichtigsten Regeln hält. Liebe Gott und deinen Nächsten, halte seine Gebote,
und du wirst finden, was du suchst."
"Gebote?"
Der andere zuckte mit den Schultern. "Ich bin
ein Anarchist. Soweit das
möglich ist, bestimme ich meine Grenzen selbst. (R. M. in der Stuttgarter
Zeitung, 30. 10. 1982, dpa-Korrespondentenbericht von Gerhard Mumelter)
"Halt ein. Du weißt nicht, was du redest. Denke
daran, daß du nicht immer solche Leistungen vollbringen kannst. Das Schicksal
läßt sich nicht ständig herausfordern. Auch du wirst deine Grenzen erkennen
müssen. Und mit jedem Tag wirst du älter."
"Über
das Alter mache ich mir keine Gedanken, um das jetzige Leben nicht zu
verpassen. (StZ 30. 10. 1982) In vier bis fünf Jahren hoffe
ich, alle 14 Achttausender auf der Erde bestiegen zu haben. (Dolomiten,
18. 5. 1983) Nächstes Jahr will ich ins Altai-Gebirge. Es liegt zwischen
Tibet, der Mongolei und der Sowjetunion. Wenn es so etwas wie den
Schneemenschen gibt, dann lebt er dort. (in "tandem", Juni
1983). Weißt du, ich bin ein Sisyphus. Ich muß immer wieder von vorn
anfangen. (StZ 30. 10. 1982)"
Unwillkürlich
mußte sein Gegenüber lächeln. Sisyphus. Das war das Wort. Der unglückliche
Königssohn aus der griechischen Sagenwelt, der einen Felsbrocken auf einen Berg
wälzt, von dem der Fels aber, kurz bevor er ganz oben ist, hinabrollt, immer
und immer wieder, bei jedem Versuch. Ja, dachte der Weise, das sind die Idole
der Massen von heute, die Achttausender wie am Fließband besteigen, die den
Schneemenschen nachjagen, die mit Skiern über halsbrecherische Steilwände
abfahren, die Aufsehen erregen um jeden Preis, die die verrücktesten Dinge
anstellen - aber nicht wissen, wofür sie es tun.
"Arme Dummköpfe", murmelte der Mann aus
Assisi vor sich hin, und ein mitleidiges Lächeln überflog seine Züge.
Der
andere hate sich bereits entfernt, neuen "Zielen" entgegen;
Franziskus aber sprach bei sich den Gruß an die Tugenden:
"Gegrüßet seist du, Königin
Weisheit, der Herr erhalte dich mit deiner Schwester, der heiligen reinen
Einfalt.
Herrin heilige Armut, der Herr erhalte dich mit deiner Schwester, der heiligen
Demut.
Herrin heilige Liebe, der Herr erhalte dich mit deinem Bruder, dem heiligen
Gehorsam.
Heiligste Tugenden, euch alle erhalte der
Herr."
Und
starkes Heimweh ergriff den seligen Vater Franziskus.
le, Dolomiten, 1. 3.
1984
Bahro - Messner - Abgründe
am Nanga Parbat
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