ETIKA

GOTTES REICH

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24.9.1999

15H9

Der Himmel der Himmel

Kritik an Augustinus

Der heilige Franziskus zitiert in seinem einfachen Brevier aus den Psalmen:

Lobsinget Gott, der aufsteigt über den Himmel des Himmels von Anbeginn. (Matutin an Sonntagen)

Loben sollen ihn die Himmel und die Erde, das Meer und alles, was sich darin bewegt. (Matutin im Advent)

Erhebe Dich, Gott, über die Himmel, und Deine Ehre über alle Welt. (Prim, Vesper)

Der heilige Augustinus untersucht den Begriff Himmel in seinen "Bekenntnissen" immer wieder von neuem mit philosophischer Gründlichkeit. Er bleibt allerdings Philosoph und wird nicht Kind.

Weil er den Begriff Himmel nicht annehmen will wie ein Kind, zerlegt er die Himmel mit dem Seziermesser:

Zwölftes Buch II.2.

Wo aber, Herr, ist der Himmel des Himmels, von dem wir im Psalmwort vernahmen: Der Himmel des Himmels gehört dem Herrn: Die Erde aber gab er den Menschenkindern? Wo ist der Himmel, den wir nicht sehen, dem gegenüber all das hier, was wir sehen, Erde ist? Denn die ganze Körperwelt hier, die nicht überall als ganze ist, hat zwar bis zum Letzten, bis zu unserer Erde in ihrer Trägerfunktion, schöne Gestalt angenommen, aber im Vergleich zum Himmel des Himmels ist auch der Himmel unserer Erde nur Erde. Diese beiden gewaltigen Körperwelten heißen im Vergleich zu dem von jeglicher Beschaffenheit freien Himmel, der dem Herrn und nicht den Menschenkindern zugehört, in durchaus berechtigter Weise ,Erde´.

Augustinus zerpflückt die Himmel mit seinen menschlichen Denkschablonen und behauptet, der Himmel der Himmel sei von jeder Beschaffenheit frei, während unser Himmel nur Erde sei. Wie kann er mit seinen menschlichen Augen und seinem menschlichen Gehirn ausschließen, daß der Himmel der Himmel eine Gestalt hat? Wie kann er wissen, daß der eine Himmel Erde und nur der andere Himmel wirklicher Himmel ist? Die Kategorien, in denen er selbst denkt, legt er dem Schöpfer zugrunde. Sind dessen Dimensionen nicht vielleicht über alles erhaben, was wir zu denken vermögen?

So menschlich beschränkt argumentiert Augustinus auch, wenn er unseren Himmel als körperlich und den Himmel der Himmel als rein geistig festlegt.

Den Himmel dieser Erde und dieses Meeres habe Gott am dritten Tag gemacht, doch den Himmel des Himmels habe er "vor allen Tagen" gemacht (VIII.8.) Und dieser sei eine "geistige Kreatur":

Denn ohne Zweifel ist der Himmel des Himmels, den du im Ursprung gemacht hast, eine geistige Kreatur (creatura aliqua intellectualis), die, obwohl keineswegs dir, dem Dreieinen, gleichewig, dennoch an deiner Ewigkeit teilhat; angesichts der Wonne, dich in glückseligster Weise zu betrachten, hält sie ihre Veränderlichkeit gar sehr in Schranken; indem sie dir, seit sie gemacht worden ist, ohne jedes Abgleiten treu ergeben ist, erhebt sie sich über all den flüchtigen Wechsel der Zeiten. (IX.9.)

Und was, wenn im Jenseits Geist und Körper auf göttliche Art ineinander übergehen, wenn eine neue, höhere Dimension entsteht, die zwar Geist ist, aber das Körperliche nicht ausschließt? Heißt es doch: Gott schuf den Menschen ihm zum Ebenbild, zum Bilde Gottes schuf er ihn? Und wir glauben ja auch nach unserem Credo an die Auferstehung des Fleiches beziehungsweise des Leibes. Lassen wir uns im Himmel überraschen.
Man sehe uns nach, wenn wir die theologischen Feinheiten nicht beherrschen, ja nicht einmal die nötigen Grundkenntnisse haben. Aber was uns im Jenseits bevorsteht, geht alle Menschen an, und Gott kann nicht daran gelegen sein, daß nur wenige Studierte wissen, was auf uns alle zukommt. So sind wir gezwungen, uns mithilfe der wenigen Gaben, die wir haben, im Irrgarten der Meinungen zurechtzufinden. Allzuvieles in den Büchern der Gelehrten ist unverständlich, doch sind wir Kinder Gottes alle zur Vollkommenheit berufen.

Augustinus schildert dann die geistige Kreatur "Himmel der Himmel" als Wohnstatt Gottes:

Glückselig eine solche Kreatur, sollte es sie denn geben, indem sie deiner Glückseligkeit fest verbunden ist, glückselig sie, wenn du für immer in ihr wohnst und sie erleuchtest! Ich jedenfalls finde nichts, was ich lieber ,Himmel des Himmels, dem Herrn zu eigen´ nennen zu dürfen glaube als diese deine Wohnstatt, die auf dich, den Freudenspender, schaut, ohne abtrünnig auf anderes aus zu sein, als den reinen Geist, der in völliger Eintracht durch das feste Band des Friedens eins ist mit den heiligen Geistern, den Bürgern deines Staates in den Himmelsbereichen über den Himmelsregionen hier. (immer noch das Zwölfte Buch, (XI.) 12.)

Und in XIII.16. nennt Augustinus den Himmel des Himmels "den geistigen Himmel". Wenig später präzisiert er:

Das ist die Wohnstatt Gottes, der keine irdische und keine himmlische Körpermasse eignet, sondern die geistig ist und an deiner Ewigkeit teilhat, weil ewig makellos. (19.)

Verzeih, lieber Augustinus, aber wie kannst du solche Dinge ausschließen? Gott ist doch so unbegreiflich groß, umfaßt alles, und aus welchem Grund sollte man ausgerechnet von seiner Wohnstatt jegliche himmlische Körpermasse abtrennen?
Wir haben dich sicher nicht verstanden. Aber uns geht es doch darum, daß uns der Glaube an den Himmel, das Paradies, das Einssein mit Gott im Himmel, auf das wir unser ganzes Leben ausrichten sollen, nicht geraubt wird.

Mit dem hl. Franziskus und mit Girolamo Savonarola und wohl vielen anderen Heiligen versuchen wir, alles Komplizierte zu vereinfachen, weil die Wahrheit einfach ist, weil Gott einfach ist. Und was ist wohl einfacher: der Himmel der Theologen und Philosophen, wie ihr ihn beschreibt, oder der Himmel der Kinder, wie ihn Jesus und die Bibel beschreiben?

Wir werden jedenfalls weiter forschen in den Schriften der Heiligen und Weisen.

*

Glücklich sind wir, daß wir gleich anschließend bei Petrus von Alcántara eine Stelle aus Augustinus´ Werk De Civitat. Dei, lib. 22, cap. 30 gefunden haben, in der der Himmel als Ort so herrlich beschrieben wird.

Literatur:

Aurelius Augustinus, Bekenntnisse (Confessiones)
Reclam Taschenbuch 2792 , Stuttgart 1989

De Civit. Dei

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