ETIKA 15O3

ÖKUMENE

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14.11.1999

 

Selbsterkenntnis: Ursachen und Folgen der Kirchenspaltung

Handbuch des einfachen Lebens, Kapitel 23

URSACHEN

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ERKENNTNIS DER GNADENGERECHTIGKEIT. Martin Luther schrieb am 8.4.1516 an den Mönch Georg Spenlein: "Ihm lerne lobsingen und an dir selbst verzweifelnd zu ihm sagen: du, Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde. Wenn wir nämlich aus eigenen Mühen und Qualen zur Ruhe des Gewissens eingehen wollen, wozu wäre er dann gestorben? Nein, nur in ihm, durch getroste Verzweiflung an dir und deinen Werken wirst du Frieden finden." (zit. Karl Heim: Das Wesen des evangelischen Christentums, Leipzig 1926, Seite 85)

"Luther sah ein, daß man aus sich heraus kein Gebot erfüllen kann. Er erkannte die Macht der Sünde in sich und erschrak tief vor dem gerechten und strafenden Gott. Höllenqualen habe er damals in sich erduldet, hat er später gestanden. Väterliche Ratschläge seines Ordensoberen Staupitz halfen Luther nicht aus seiner Seelennot. Auch in der Beichte fand er keine Ruhe, bis er schließlich zu der Erkenntnis in sich durchrang, daß die Gerechtigkeit Gottes... eine verzeihende und schenkende, eine Gnadengerechtigkeit für all diejenigen ist, die im Glauben mit Christus verbunden sind" (August Leidl, Katholisches Sonntagsblatt, Bozen, 8.11.1983), daß also "der Mensch aus dem Glauben erlöst würde. Diese Erkenntnis Luthers gilt als die Geburtsstunde der Reformation" (Karl Mittermaier, Dolomiten, Bozen, 8.11.1983). "Luther fand diese Antwort im Römerbrief des heiligen Paulus (,In deiner Gerechtigkeit erlöse mich´). Luther hatte also seinen gnädigen Gott gefunden, wie jeder katholische Christ ihn auch noch heute findet und empfindet." (Leidl aaO)

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DER ABLASSSTREIT. Himmelschreiende Mißstände (auch wenn Traditionalisten dies nicht wahrhaben wollen und sich damit selber schuldig machen gegenüber der Wahrheit) machten eine Reform der katholischen Kirche unausweichlich. "Weil man aber die katholische Reform versäumte, kam die protestantische Reformation... Anlaß war der bekannte Ablaßstreit." (Leidl ebenda) "Das Geschäft mit dem Ablaß - nämlich daß Sündenstrafen durch eine dementsprechende Bezahlung an die Kirche erlassen würden - gipfelte in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts in immer größerem Unfug. Martin Luther sah in dem Ablaßgeschäft weniger den finanziellen Betrug, als daß der Wert der Buße sank. Er sah das religiöse und sittliche Leben bedroht. Immer mehr ärgerte er sich, wie seine Beichtkinder die Beichte und die Reue nicht mehr ernst nahmen und sich außerhalb von Wittenberg die Gnade erkauften." (Mittermaier am angegebenen Ort)

"Gegen diesen Mißbrauch hat sich Martin Luther in seinen 95 Thesen vom Jahre 1517 gewendet. Er hat diese Thesen... an die zuständigen Bischöfe gesandt. Martin Luther hat somit kirchlich korrekt gehandelt. Belastet werden von der Kirchengeschichte die selbstbewußten Bischöfe, die nicht die Zeichen der Zeit zu deuten wußten und dem frommen Mönch aus Wittenberg entweder gar keine Antwort gaben oder einfach auf seine Anliegen - zum Teil eminent katholische Anliegen - nicht eingingen. Eines wollen wir festhalten: Luther wollte nicht mit der Kirche brechen, die Kirche hat mit ihm gebrochen. Im Ökumenismusdekret heißt es: Die Kirchenspaltung ist ,nicht ohne Schuld der Menschen von beiden Seiten entstanden´." (Leidl aaO)

"Was Luther trieb, sich zunächst mit Briefen an die Kirchenleitung zu wenden, und dann zu einer akademischen Verhandlung über den Wert der Ablässe einzuladen, das war nicht irgendein Angriff auf eine kirchliche Einrichtung oder ein kirchliches Dogma. Nein, es war die Angst des Seelsorgers um das Heil von Menschenseelen, die durch einen Mißbrauch in die größte innere Gefahr gebracht worden waren. Luther wandte sich gegen ein gefährliches Mißverständnis, das nach seiner Überzeugung ganz gegen den Willen der Kirche und des Papstes über die Bedeutung des Ablasses durch die Schuld gewissenloser Ablaßprediger aufgekommen war. Nach dem kirchlichen Recht, das war Luthers Überzeugung, bezieht sich dieser Ablaß nur auf das kirchliche Disziplinarverfahren, das für dieses Erdenleben gilt... Aber nun war... das Mißverständnis aufgekommen..., der Papst könne gegen Ablaßgeld einem Menschen das Himmelstor aufschließen, man könne also für sich und seine verstorbenen Angehörigen die Seligkeit kaufen...Das ewige Schicksal von Menschenseelen war ein Handelsartikel geworden, der zu bestimmten Tagespreisen zu haben war... Anfang 1514 tat sich das Bankhaus Fugger förmlich als Ablaßagentur auf und machte dabei ein Riesengeschäft... Eine Kirche, der Seelen anvertraut sind, kann nichts Schlimmeres tun, als wenn sie die Menschen über den Ernst der Lage täuscht, in der sie sich angesichts des Todes befinden, wenn sie die ihr anvertrauten Menschen in den Traum einwiegt, sie seien gesichert, während sie in Wahrheit auf dem besten Wege sind, ewig verloren zu gehen... Die Kirche hat nur eine Antwort auf Luthers Appell gefunden. Sie leitete sofort den Ketzerprozeß gegen ihn ein, der drei Jahre dauerte und schließlich damit endigte, daß der Wittenberger Professor durch die Kirche und das Reich geächtet wurde." (Karl Heim aaO 17 - 20)

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ALLGEMEINE MISSSTÄNDE. "Martin Luther wollte für die Kirche Reformen durchsetzen, spalten wollte er die Kirche nicht. Doch der Stein, den er mit diesem Wunsch ins Rollen gebracht hatte, kam erst zum Stillstand, als die Einheit der Kirche des Westens zerbrochen war. Ein Prozeß, unter dem die Kirche selbst am meisten litt, auch wenn es nach außen vielleicht nicht so schien. Wäre dies anders gewesen, dann hätte Papst Hadrian VI., ein Niederländer, durch seinen Legaten Chieregati auf dem Reichstag zu Nürnberg nicht erklären lassen: "Wir bekennen aufrichtig, daß Gott diese Verfolgung seiner Kirche geschehen läßt wegen der Sünden der Menschen, besonders der Priester und Prälaten..." (Karlheinz Schuh im Kath. Sonntagsblatt Bozen 15.1.1984)

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POLITISCHE HINTERGRÜNDE. "Die christlich-abendländische Völkergemeinschaft war in Auflösung begriffen... Die deutschen Fürstbischöfe waren in ihrer Mehrzahl mehr Fürsten als Bischöfe." (Leidl aaO) "Das tatsächliche Endergebnis der Glaubensspaltung, wie es seit dem Westfälischen Frieden vorlag, war eine Folge politischer Ereignisse." (Karl August Meißinger: Glauben und tun - Ein Luther-Brevier, München 1947, S. 34)

FOLGEN

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ERKALTETE LIEBE. "Man hat sich nicht mehr verstanden. Man hat aufgehört, sich als Brüder zu fühlen und sich als Brüder zu behandeln. Man hat die Liebe erkalten lassen. Man hat sich im Widerstand gegen den andern verhärtet. Man hat die Unterschiede unterstrichen und vergrößert. Man hat sich eingekapselt. Man hat auf der Ebene der Kirchen eine tatsächliche Trennung rechtfertigen wollen, die ausschließlich oder fast ausschließlich durch nichttheologische Faktoren hervorgerufen worden ist... Man muß jetzt wiederherstellen, was diese Jahrhunderte zerrüttet haben." (Augustin Kardinal Bea im Herder-Taschenbuch 269 "Friede zwischen Christen", Freiburg 1966, S. 64)

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VERPASSTE GELEGENHEIT. "Luther war eine sehr große Gelegenheit (zur Erneuerung), welche die Kirche aber verloren hat (wie es andrerseits Savonarola war, und vorher noch die Anklagen eines Peter Damiani, einer Caterina von Siena, eines Bernhard von Siena, einer Brigitte von Vadstena)." (Giovanni Ricci, "L´Adige", Trient, 9.11.1983)

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RUFER ZUR ERNEUERUNG. "Als Zeuge des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistlichen Erneuerung" hat die "Gemeinsame Evangelisch-lutherische/Römisch-katholische Kommission" den Reformator Martin Luther gewürdigt. (Dolomiten, Bozen, 26.5.1983)

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DAS GROSSE ÄRGERNIS. "Die Spaltung der Christenheit ist das große Ärgernis für die Welt, ist der entscheidende Grund, warum die Welt nicht mehr an die Botschaft Jesu Christi glaubt..." (Leidl aaO)

 

 

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