ETIKA

ÖKUMENE / URSACHEN DER KIRCHENSPALTUNG

http://www.etika.com
14.11.1999

15O3A2F

Papst - Fugger - Ablaßgeschäft: Als die Kirche abhängig vom Großkapital war

Dr. Karl Heim (Professor an der Universität Tübingen): Das Wesen des evangelischen Christentums, Leipzig 1926, Seiten 17ff.

Alle 95 Thesen (Luthers) sind von der Überzeugung getragen, die er zuletzt These 91 noch einmal dahin zusammenfaßt: "wenn der Ablaß nach Sinn und Geist des Papstes gepredigt würde, so würden alle diese Einwände sich von selbst auflösen oder sie bestünden überhaupt nicht."

"Der Papst", sagt er These 48, "würde auch ein frommes Gebet für ihn selbst höher schätzen als das Geld, das der Ablaßkäufer ihm zahlt".

Oder These 50: "Man soll die Christen lehren, daß, wenn der Papst der Ablaßprediger Schinderei wüßte, er lieber wollte, daß Sankt Peters Münster zu Pulver verbrannt würde, als daß es sollte mit Haut, Fleisch und Bein seiner Schafe erbaut werden."

Was Luther trieb, sich zunächst mit Briefen an die Kirchenleitung zu wenden, und dann zu einer akademischen Verhandlung über den Wert der Ablässe einzuladen (die denkbar unauffälligste Form, die gewählt werden konnte), das war nicht irgendein Angriff auf eine kirchliche Einrichtung oder ein kirchliches Dogma.

Nein, es war die Angst eines Seelsorgers um das Heil von Menschenseelen, die durch einen Mißbrauch in die größte innere Gefahr gebracht worden waren. Luther wandte sich gegen ein gefährliches Mißverständnis, das nach seiner Überzeugung ganz gegen den Willen der Kirche und des Papstes über die Bedeutung des Ablasses durch die Schuld gewissenloser Ablaßprediger aufgekommen war.

Nach dem kirchlichen Recht, das war Luthers Überzeugung, bezieht sich dieser Ablaß nur auf das kirchliche Disziplinarverfahren, das für dieses Erdenleben gilt. Es handelt sich nur um den Erlaß von Satisfaktionen, die laut der kanonischen Gesetze den öffentlichen Sündern aufgelegt werden. Angesichts des Todes erlischt alles menschliche Recht, auch alles kirchliche Recht. Luther berief sich ausdrücklich darauf, in der "instructio summaria" des Erzbischofs Albrecht von Mainz sei erklärt, der Papst könne nur per modum suffragii, also durch Fürbitte auf das Los der Seelen im Fegefeuer einwirken. Die Rechtsgewalt des Papstes ist somit auf die Seelenführung im Diesseits beschränkt. Das, was im Jenseits mit einer Menschenseele geschieht, entscheidet nur Gott. Kein Mensch kann das ewige Schicksal eines anderen Menschen bestimmen, auch der Papst nicht.

Der Papst kann also nur, wie er selbst demütig sagt, als Hirte für die ihm anvertraute Herde beten. Aber nun war ganz gegen die Absicht der Kirchenleitung das Mißverständnis aufgekommen, durch Schuld gewissenloser Ablaßkrämer, der Papst könne gegen Ablaßgeld einem Menschen das Himmelstor aufschließen, man könne also für sich und seine verstorbenen Angehörigen die Seligkeit kaufen.

Damit war das Schlimmste geschehen, was auf religiösem Gebiet geschehen kann. Das ewige Schicksal von Menschenseelen war ein Handelsartikel geworden, der zu bestimmten Tagespreisen zu haben war. Bei gewissen Jubiläen war es sogar weit unter Tagespreis zu haben. Es ließ sich also ein lukratives Geschäft damit machen.

Luther glaubte, man brauche diesen seelengefährlichen Ungug, den auch jeder gute Katholik aufs tiefste bedauert, nur aufzudecken und die Kirchenleitung darauf aufmerksam zu machen, dann werde er sofort abgestellt werden. Seine Person und Stellung war dabei ganz Nebensache. Er war nur derjenige, der zufällig den Feuerbrand zuerst bemerkt hatte, der im Hause der Kirche ausgebrochen war, und der es nun für seine Pflicht hielt, Lärm zu schlagen und Sturm zu läuten, damit die Feuerwehr komme, ehe es zu spät sei. Er sagt am Schluß seines Briefes an den Erzbischof von Mainz, er glaube durch diesen Hinweis seinem durchlauchtigsten Bischof einen geringen, aber treuen Dienst zu tun.

Es war ein banger, schicksalsschwerer Augenblick in der deutschen Geschichte, als Luthers Briefe abgegangen waren und der Thesenanschlag erfolgt war und alles gespannt auf die Entscheidung der Kirche wartete. Ungeheures hing von dieser Antwort ab. Man konnte die Sache nicht auf ein dogmatisches Geleise schieben; die Frage war so klar gestellt, daß nur ein Entweder-Oder möglich war. Der Fall lag anders als früher bei Huß oder Wiclif. Damals war eine dogmatische Lehrfrage berührt. Jetzt handelte es sich um einen seelengefährlichen Mißbrauch einer anerkannt kirchlichen Einrichtung, dem gesteuert werden mußte. Von der Antwort, die die Kirche auf Luthers Frage gab, hing die Geschichte Deutschlands und die Geschichte der Kirche auf Jahrhunderte ab.

Die Entscheidung war der Kirche allerdings durch einen traurigen Umstand erschwert. Das war die Abhängigkeit der Papstkirche vom Großkapital und von der fürstlichen Weltmacht. Schon seit den Tagen Alexanders VI. hatte das Bankhaus Fugger nach und nach fast den ganzen Verkehr der Kurie mit Deutschland, Polen und den skandinavischen Staaten an sich gerissen. Seit 1507 flossen von den Ablässen, die für Erneuerung von Kirchen und andere fromme Zwecke gegeben wurden, 33 1/3 % in die päpstliche Kasse.

Anfang 1514 tat sich das Bankhaus Fugger förmlich als Ablaßagentur auf und machte dabei ein Riesengeschäft. Sie erwarb von der Kurie das Recht, überall in Deutschland den Interessenten päpstliche Ablässe anzubieten, aber mit dem geheimen Vorbehalt, daß der Reinertrag zur Hälfte an die Kurie abgeführt würde. Den jungen 23jährigen Hohenzollern Markgraf Albrecht von Brandenburg bestätigte der Papst Leo X. 1514 gegen entsprechendes Dispensgeld als Erzbischof von Mainz, Erzbischof von Magdeburg und zum Administrator des Bistums Halberstadt. Diese Vereinigung von drei Bistümern in einer Hand bedurfte des Dispenses. Um das Geld einzubekommen, verkündigte der Papst am 31. März 1515 für diese Gebiete, nämlich das Erzbistum Mainz, Magdeburg und die brandenburgischen Lande einen vollkommenen Ablaß. Es wurde bekanntgemacht, der Ertrag solle allein für den Bau der Peterskirche verwendet werden. Aber in Wahrheit wurde das Geld nach einer Abmachung vom August 1514 insgeheim zur Hälfte dem jungen Hohenzollern überwiesen. (vgl. Böhmer, Luther im Licht der neueren Forschung, Teubner 1918, Seite 86).

Das waren die starken finanziellen Fesseln der Kirche. Aber alle diese Bindungen, so schwer sie waren, konnten für eine Kirche, die sich ihrer hohen Aufgabe an den Völkern bewußt war, kein Grund sein, einen Mißbrauch zu dulden, der die Seelen in Todesgefahr brachte. Denn eine Kirche, der Seelen anvertraut sind, kann nichts Schlimmeres tun, als wenn sie die Menschen über den Ernst der Lage täuscht, in der sie sich angesichts des Todes befinden, wenn sie die ihr anvertrauten Menschen in den Traum einwiegt, sie seien gesichert, während sie in Wahrheit auf dem besten Wege sind, ewig verloren zu gehen. Angesichts dieser schwersten Todesgefahr, in die man Menschen überhaupt bringen kann, durfte das Geld wirklich keine Rolle spielen. Das Heil der Menschen, die der Kirche anvertraut waren, war wirklich wichtiger als die 10 000 Dukaten, die der junge hohenzollernfürst brauchte, und das Kapital des Bankhauses Fugger.

Wenn etwas vom Geist Jesu und der Apostel in der damaligen Kirchenleitung gewesen wäre oder auch nur etwas vom Geist der großen Kirchenlehrer der alten Zeit, so hätte die Antwort auf Luthers Frage nicht zweifelhaft sein können. Es hätte sich nur e i n e Stimme erheben dürfen: Gott sei Dank, daß uns dieser Mönch auf die furchtbare Gefahr aufmerksam gemacht hat, in der die Kirche schwebte...

Die angstvolle Frage hätte lauten müssen: Wohin ist es mit der Kirche gekommen, daß so etwas überhaupt möglich war! Lieber wollen wir mit leeren Kassen arbeiten und den ganzen päpstlichen Hofstaat mit seinen 10 000 Schreibern abbauen und alle unsere Beziehungen mit den Mächten dieser Welt abbrechen, als daß dieser Skandal noch einen Augenblick so weiter geht, durch den wir täglich das Heil von Menschen aufs Spiel setzen.

Die Kirche hat nur eine Antwort auf Luthers Appell gefunden. Sie leitete sofort den Ketzerprozeß gegen ihn ein, der drei Jahre dauerte und schließlich damit endigte, daß der Wittenberger Professor durch die Kirche und das Reich geächtet wurde."

Man muß sich diese altbekannten Tatsachen immer wieder aufs neue ins Gedächtnis zurückrufen, um zu sehen: Der Anlaß zur Kirchenspaltung war nicht irgendeine ketzerische Anschauung, die die Kirche nicht dulden konnte, oder eine Unbotmäßigkeit gegen die Kirchenleitung. Das alles ist erst später gekommen.

(Karl Heim: Das Wesen des evangelischen Christentums, Kapitel II. Die Ursache der Kirchenspaltung, Verlag Quelle & Meyer, Leipzig, 1926, 17 - 21)

Ergänzung: Im Konstanzer Großdruckkalender, Blatt vom 4. Juni 1992, fanden wir folgende Mitteilung:

Von all meinen theologischen Lehrern hat mich Professor Karl Heim am meisten beeindruckt. Nicht durch sein umfassendes Wissen auf vielen Gebieten, auch nicht durch seinen klaren Vortrag und seine bilderreiche Sprache, sondern durch seine demütige Grundhaltung, die sich gütig jedem zuwandte, der ihn ansprach.

Ursachen der Kirchenspaltung - - - Index 1- - - - Retour ETIKA Start - - - - -