ETIKA

KURZBOTSCHAFTEN

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13.8.2000

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Eine heilige christliche Kirche

Wladimir Solowjew

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Die Bewahrung der kirchlichen Wahrheit war vornehmlich die Aufgabe des rechtgläubigen Ostens - die Organisation der kirchlichen Betätigung unter der Führung einer in sich einigen und bedingungslos selbständigen geistigen Macht offenbarte sich als die vornehmste Aufgabe des katholischen Westens.

Wir können unter keinen Umständen zugeben, daß diese zwei Aufgaben einander ausschließen, daß eine die andere stört. Im Gegenteil! Sowohl logische Erwägung wie geschichtliche Erfahrung beweisen uns klar und deutlich, daß die Fülle des kirchlichen Lebens gleichmäßige Aufmerksamkeit auf beide Aufgaben verlangt. Wir wissen, daß das allzugroße Überwiegen des westlichen tätigen Grundsatzes in der Kirche zu vielen unnormalen und bedauerlichen Erscheinungen hingeführt hat und noch hinführt.

Wir wissen aber auch, daß dann, wenn dieser tätige Grundsatz fehlt oder ungenügend entwickelt ist, das kirchliche Leben stockt und der Aufbau einer christlichen Kultur nicht erfolgt. Es ist ohne weiteres klar, daß die Ursache des allgemeinen Mißerfolges der christlichen Sache (was den Aufbau einer christlichen Kultur anbetrifft) nicht in dem bewahrenden Christentum des Ostens liegt und auch nicht in dem tätigen Christentums des Westens - vielmehr in ihrer antichristlichen Trennung.

Wir östlichen Christen sind darin im Recht, daß wir für die Heiligkeit der kirchlichen Überlieferung eintreten, die Katholiken sind darin im Recht, daß sie eintreten für die Einheit und Selbständigkeit der kirchlichen Macht.

Schuldig aber sind mehr oder weniger sowohl wir wie jene insofern, als wir nicht die Unzertrennlichkeit dieser Grundsätze in der Fülle des kirchlichen Lebens anerkennen wollen, ihre gleichmäßige Unerläßlichkeit zur Vollendung der Kirche.

Wenn diese aber einmal anerkannt sein wird, wird an Stelle gegenseitigen Verurteilens die Rechtfertigung des einen vor dem anderen treten. Wenn wir das Recht bei dem andern anerkennen, so machen wir damit unser Recht erst völlig zu einem Recht, erreichen wir die Fülle innerer Berechtigung!

Eine solche Umwandlung des eigenen teilweisen Rechtes in ein weltumfassendes Recht ist auch die Grundlage der ökumenischen christlichen Politik.

Wenn die Geschichte uns zu Gegnern machte, so verbessern wir die Geschichte, indem wir unserem geschichtlichen Gegner Gerechtigkeit widerfahren lassen, das heißt wir verbessern die Geschichte durch den christlichen Gedanken, der höher steht als sie.

Indem wir unsere kirchliche Wahrheit voll bewahren, dabei aber auch die Wahrheit des uns fremden Grundsatzes anerkennen, befreien wir unsere Wahrheit von jeder Beimischung selbst der scheinbar berechtigten Selbstüberhebung und Selbstsucht.

Nur auf diesem Wege gelangen wir zu jener religiös-sittlichen Grundstimmung, ohne die eine wahrhafte Vereinigung der Kirchen unmöglich bleibt. Sobald aber nur diese religiös-sittliche Stimmung gegeben ist, vollzieht sich auch sogleich schon die wahrhaftige Vereinigung - und die regelrechten Beziehungen zwischen den Kirchen stellen sich dann ganz von selber ein.

Denn das Gefühl der Solidarität mit dem geschichtlichen Gegner im Namen des höchsten, religiös-sittlichen Interesses bedeutet in unserem Falle gerade das, was einzig und allein nottut; alles andere aber wird ganz von selber kommen.

Verlangt man aber von mir einen praktischen Hinweis darauf, was wir, meiner Überzeugung nach, zu allererst tun müßten zur Vereinigung der Kirchen, so könnte ich nur sagen, daß wir zunächst einmal alle hauptsächlichen strittigen Fragen zwischen den beiden Kirchen von neuem prüfen sollten, nicht zu polemischen und entlarvenden Zwecken, wie das bis jetzt geschah, vielmehr in dem aufrichtigen Wunsch, die gegnerische Seite vollauf zu verstehen, ihr die ganze Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und mit ihr zu einem Übereinkommen zu gelangen in den Dingen, wo es nottut.

Es wird dann nicht nur zu einer sichtbaren Vereinigung zwischen der westlichen und östlichen Kirche kommen, vielmehr auch zur Wiedervereinigung des Protestantismus mit der Kirche.

Denn unsere freie und sittliche Aussöhnung mit dem katholischen Grundsatz der Autorität wird diesem Grundsatz jenen zwangsmäßigen und äußerlichen Charakter nehmen, der die protestantische Bewegung hervorrief.

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