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8.4.2001

18LC1

Des Heilands Kreuz - unser Kreuz

K. Hesselbacher, in: Pfarrer Gustav Hofelich: Wer nur den lieben Gott läßt walten, St. Gallen o. J.

Christus hat gelitten für uns und uns ein Vorbild gelassen.
1. Petr. 2,21

Es war Passionszeit. Der Lehrer erzählte den Kindern von Jesu Leidensgang hinauf nach Jerusalem. Sein Herz war ihm warm dabei, die Kinder fühlten´s ihm ab.

"So lieb hat der Heiland uns gehabt, denkt euch, so lieb, daß er sich für uns hat ans Kreuz nageln lassen."

Und dann fragte er die Kinder nach dem, was er erzählt hatte.

Auch die Philippine in der letzten Bank fragte er, das Mädchen mit den flachsblonden Haaren.

"Warum hat der Herr Jesus sich geißeln und töten lassen? "

Aber das Binchen wurde blutrot, wickelte den Schürzengipfel um die Finger und blickte den Lehrer hilfeflehend an - wie immer, wenn er sie etwas fragte.

"O Kind!" klagte der Lehrer, der so gern auch an die Unbegabtesten etwas "hinbringen" wollte, "wann wirst du einmal etwas verstehen? Will denn in dir nicht ein einziges Lichtlein aufleuchten?" -

Ein paar Jahre waren seitdem vergangen. Das Binchen ist längst aus der Schule und im Dienst in der Stadt.

Da kommt´s plötzlich heim und ist so bleich und hustet, und der Husten will nicht weichen.

Nach zwei Monaten liegt es im Bett und kann nicht wieder aufstehen.

Der Lehrer besucht seine ehemalige Schülerin. Kaum erkennt er sie, so spitz sind die Leidenszüge in dem todblassen Gesicht.

"Binchen, wie geht´s ?"

Die Mutter, die das Sacktuch vor die Augen gedrückt hat, schluchzt: "Keine Stund´ in der Nacht kann´s mehr schlafen. Den Husten bringt´s nicht mehr heraus - einen Stein könnt´s erbarmen."

"Mutter, mußt nicht greinen", sagte das Binchen.

"Wenn du weinst, tut mir´s weher als mein Husten. Mir geht´s gar nicht schlecht. Wissen Sie, Herr Lehrer, wie ich konfirmiert worden bin, hat mir der Herr Pfarrer ein Bild geschenkt: Christus am Kreuz. Er hat gesagt, ´s sei von einem berühmten Maler gemacht, der auch den Luther recht lieb gehabt hat. Die Mutter stellt abends das Nachtlicht so, daß man das Bild noch sieht. Und wenn der Husten kommt und ich mein´, ich müßt ersticken, dann guck´ ich auf das Bild. Und wenn drüben auf dem Kirchturm es anfängt zu schlagen und ich zähl´,drei Uhr´ und ich will denken, ach Gott, wird´s heute gar nimmer Tag? - dann guck´ ich wieder auf das Bild. Dann ist mir´s grad, als tät´ der Heiland mich anschauen und sagen: ,Binchen, hab´ Geduld! Ich hab´s noch viel schwerer gehabt als du. So viel hab´ ich für dich ausgestanden - willst du nicht die paar Stunden still liegen?" Und dann wird mir´s allemal ganz leicht."

Da hat der Lehrer dem Binchen die Hand gegeben und hat lange nichts mehr sagen können.

Und wie er heimgegangen ist, hat er sich an die Stunde erinnert, in der das Binchen so hilflos dagestanden ist und nicht gewußt hat, warum der Heiland sich hat kreuzigen lassen

"Das allerdummste Kind war´s; ich habe beinah´ an ihm verzweifeln wollen - und jetzt bin ich an seinem Bett gesessen wie ein Schüler, und das Herz hat mir gezittert bei dem Gedanken, ob ich wohl so gut wie das Binchen einmal lernen werde, was das Kreuz des Heilandes für mich bedeutet."

Viele gescheite Köpfe, die meinen, sie hätten die ganze Welt ausstudiert, hätten bei dem Binchen in die Schule gehen können und das Allergrößte, Allerschwerste und Allerschönste lernen dürfen: des Heilands Kreuz - unser Kreuz!

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