ETIKA
18B12

Alphons Rodriguez:
Übung der christlichen Vollkommenheit und Tugend

www.etika.com
Prof. Alfonso Rodriguez, Sevilla 1609. - Verlag Pustet, Regensburg, 1862

II. Teil. I. Abhandlung

Von der Abtödtung

Dank an A. B.
S. 11f

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Zeichen des Zornes Gottes

15.3.2016

I . Abhandlung. Von der Abtödtung.

3. Hauptstück. Sendet Gott einem Menschen keine Anlässe zur Abtödtung, so ist es ein Zeichen seines größten Zorns.

Zu den größten Strafen Gottes gehört es, wenn er einen Menschen seinen Gelüsten und Begierden hingibt und ihn denselben nachlaufen läßt.

Zum bessern Verständnisse der Nothwendigkeit, unser Fleisch sammt seinen Gelüsten zu ertödten, und zur Aufforderung, die Waffen gegen diesen Feind zu ergreifen, trägt viel bei die gründliche Erkenntniß der Bosheit dieses Feindes.

·        Dieser Feind ist der Art, daß die Heiligen es als eine der größten Strafen Gottes und der schrecklichsten Offenbarung seines Zornes erklären, wenn er den Sünder in die Hände dieses Feindes übergibt und ihn den Gelüsten und Begierden ausliefert, gleichsam in die Hände der grausamsten Henker.

Viele Stellen der heil. Schrift handeln von diesem Gerichte Gottes. So jenes Wort des Propheten:

„Mein Volk hörte nicht auf meine Stimme, und Israel merkte nicht auf mich. Und ich überließ sie den Gelüsten ihres Herzens; sie gehen dahin nach ihren Plänen.“ Ps. 80, 12.

Und der Apostel Paulus beschreibt uns das Gericht des Herrn über jene stolzen Philosophen der Heiden, indem er sagt:

„Nachdem sie Gott erkannt hatten, verehrten sie ihn nicht als Gott, noch dankten sie ihm; sondern sie wurden eitel in ihren Gedanken, und ihr verirrtes Herz versank in Finsterniß …. Darum gab sie Gott dahin in die Gelüste ihres Herzens, in Unlauterkeit, so daß sie unter einander ihre eigenen Leiber schändeten.“ Röm. 1, 21.24 (Zusatz von ETIKA: 27 … haben Mann mit Mann Schande getrieben …)

Die Strafe, womit sie der Herr züchtigte, war diese, daß er sie hingab an ihre Gelüsten und Begierden, gleichsam in die Hände der grausamsten Peiniger. Der hl. Ambrosius bemerkt hier, dieses Hingeben von Seite Gottes, von dem die Schrift an mehreren Stellen redet, sei nicht so zu verstehen, als wenn Gott einen Menschen zum Bösen reizte oder ihn direkt sündigen hieße; sondern er lasse nur zu, daß diese Gelüsten und bösen Begierden, die sich innerlich im Herzen schon eingenistet haben, an´s Licht treten und mit Hilfe und Anstachelung des bösen Feines im Werke sich offenbaren.

Aus dem Folgenden ersieht man recht klar, wie groß diese Strafe sei. Der Apostel zeigt nemlich das Schreckliche dieser Züchtigung an jenen stolzen Philosophen und ihrer Mißhandlung von Seite jenes grausamen Feindes, dem sie Gott übergeben hat. Man kann es nicht aussprechen und nicht in Worte fassen, zu welch äußerstem Verderben er sie hinriß. Er stürzte sie in alle Arten von Sünden und ruhte nicht, bis er sie in die unflätigsten, häßlichsten, fluchwürdigsten und namenlosen Sünden verführt hatte. „Er gab sie dahin in die schändlichen Begierden.“ Röm. 1, 26. Wehe dir, wie wird dieser dein Feind, diese wilde, ungezähmte Bestie mit dir umgehen, wenn du dich einmal seiner Gewalt hingibst! Der hl. Ambrosius sagt:

Wer seine Begierden nicht zu beherrschen weiß, der wird wie ein wildes Pferd fortgerissen, hin und her gewälzt, niedergeworfen, zerfleischt und gequält.“ (lib. 3. de virgin.)

Wie ein ungebändigtes, wüthendes Pferd seinen Reiter von Morast zu Morast, von Schlucht zu Schlucht hinschleppt, bis es mit ihm in den Abgrund stürzt, eben so wird auch dein Gelüsten mit dir umgehen, wenn du es nicht zu bezähmen, zu ertödten und zu beherrschen weißt.

Es wird dich von einer Sünde in die andere, von einem Laster in´s andere stürzen und nicht ruhen, bis es dich in die schwersten Verbrechen verwickelt und in die tiefste Hölle gestürzt hat. Darum heißt es in der Schrift:

„Deinen Gelüsten gehe nicht nach, und wende dich weg von deinem Willen. Wenn du gewährest deiner Seele ihre Gelüste, so wird sie dich machen zum Spotte deiner Feinde.“ Sir. 18, 30. 31.

Es gibt keine größere Festlichkeit für die bösen Geister, unsere Feinde, als wenn sie uns unseren Begierden und Gelüsten nachlaufen sehen; denn diese können uns größeres Verderben bereiten, als die ganze Hölle vereint es nicht vermöchte.

Darum betete der Weise so flehentlich zu Gott, er möchte ihn doch verschonen mit dieser Zuchtruthe und Strafe.

„O Herr, Vater und Gott meines Lebens, gib mich nicht preis der Willkür derselben (der Gelüste) … Nimm von mir des Bauches Gelüsten, und der Unzucht Begierlichkeit erfasse mich nicht, und einer unverschämten und zügellosen Seele gib mich nicht preis.“ Sir. 23, 4. 6.

Mit Grund behaupten die heiligen Lehrer, es gebe kein sicherers Zeichen des göttlichen Zornes, als wenn er den Sünder nach dem Belieben und Wohlgefallen seines Gaumens wandeln und seinen Gelüsten und Begierden nachlaufen lasse.

Läßt der Arzt den Kranken schon schon Alles essen und trinken, was er nur will, so ist dieß ein Zeichen des Todes; der Arzt erklärt ihn damit als einen Rettungslosen. So handelt Gott mit dem Sünder, wenn er recht sehr erzürnt ist über ihn; er läßt ihn jetzt thun, was er will. Was wird aber der so schwache, so sehr zum Bösen geneigte Mensch anderes wollen, als was ihm schadet und den Tod bringt? Daraus kann man auf den unseligen und gefahrvollen Zustand derjenigen schließen, denen die allseitige Erfüllung ihres Eigenwillens als die höchste Glückseligkeit und Freude gilt.

deutsch 18