ETIKA

Alphons Rodriguez

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1.10.2013

18B13H1

Übung der christlichen Vollkommenheit und Tugend

Alfonso Rodriguez, Sevilla 1609. Ein ewiges Vergelt´s Gott an Armin B., der uns dieses Buch geschenkt hat.

Uebung der christlichen Vollkommenheit und Tugend
von Alphons Rodriguez, Priester d. G. J.
Aus dem spanischen Originale übersetzt von Dr. Magnus Jocham.
Erster Theil. Mit hoher oberhirtlicher Genehmigung.
Regensburg. Papier, Druck und Verlag von Friedrich Pustet. 1862. S. 270-273
III. Theil

Von einem Jesuiten dem Jesuiten Bergoglio ins Stammbuch; aus aktuellem Anlass 9/2013. Auch für Eltern nützlich zu lesen.

Achte Abhandlung: Von der brüderlichen Zurechtweisung

1 . Hauptstück. Die Zurechtweisung ist ein Zeichen der Liebe. Welch ein Segen in ihr liege.

Der heil. Bernard sagt (sermo 42. in cantic.):

Es ist ein sicheres Zeichen, daß Gott uns als seine Kinder lieb hat, wenn er uns zurechtweiset und züchtiget.

Die ganze heil. Schrift ist voll von Zeugnissen hiefür. Der Weise sagt:

„Wen der Herr liebt, den züchtiget er, und wie ein Vater an dem Sohne, hat er an ihm sein Wohlgefallen.“ Sprüchw. 3, 12.

„Die ich lieb habe, strafe und züchtige ich,“ spricht der Herr in der Offenbarung. 3, 19.

Und der Apostel schreibt: „Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er, ja er schlägt jeden Sohn, den er aufnimmt … Wo wäre auch ein Sohn, welchen der Vater nicht züchtigte?“ Hebr. 12,6.7.

Darum erklären es die Heiligen als eine der besonderen Wohlthaten und Gnaden, die der Herr einer Seele zu erweisen pflegt, wenn er sie zurechtweiset und ihr eine innere Unruhe im Gewissen verursacht, wo sie eine Sünde oder einen Fehler begeht. Dieß ist ein großes Zeichen der Liebe Gottes und deiner Auserwählung. Denn er will dich nicht ganz verlassen, sondern dich rufen und einladen durch diese Beunruhigung.

Wo du diese Zurechtweisung und diese innere Unruhe nicht mehr erfährst, und dir der Herr keine Züchtigung mehr zusendet, da ist es ein Zeichen seines großen Zornes. Und dieses ist eine der schrecklichsten Strafen, die Gott in diesem Leben je verhängt. Der heil. Bernhard führt hiefür den Ausspruch Gottes durch den Propheten an:

„Es wird zur Ruhe kommen mein Zorn wider dich, und ablassen wird mein Eifer von dir; und ich will ruhig sein und nicht mehr zürnen.“ Ezech. 16, 42.

Und das Wort durch Isaias: „Ich habe geschworen: Ich will dir nicht mehr zürnen und dich nicht mehr schelten.“ Is. 54,9.

„Da siehst du, sagt der heil. Bernard, daß Gott dann noch weit mehr zürnt, wo er nicht mehr zürnt. Hat sein Eifer dich aufgegeben, dann hat auch seine Liebe dich verlassen. Du bist nicht mehr seiner Liebe werth, wo du seiner Strafe unwürdig erachtet wirst.

Wenn nun dieß bei Gott ein Zeichen und Merkmal ist, daß er uns als seine Kinder liebt, so ist es offenbar auch ein Zeichen der Liebe der Obern zum Untergebenen, wenn er ihn in Liebe zurechtweiset und auf die bemerkten Fehler aufmerksam macht, daß er dieselben verbessere.

„Besser ist offene Zurechtweisung, als geheim gehaltene Liebe,“ sagt der Weise. Sprüchw. 27, 5.

Sehr gut ist die innere Liebe, die du zu mir hast; allein sie ist es nur für dich. Mir hilft sie wenig, wenn sie nicht so weit reicht, daß du sie mir im Werke zeigst. Reicht die Liebe des Obern so weit, daß sie mich aufmerksam macht auf den Fehler, den ich nicht sehe und nicht als Fehler erkenne, damit ich mich bessere, so ist es eine weit größere und für mich heilsamere Liebe. Es ist dieß die Liebe in der That, die wahre Vaterliebe, die das Wohl des Kindes will.

Denn liebte dich der Obere nicht wie sein Kind und verlangte er nicht dein Wohl und dein geistiges Fortschreiten, so würde er dich nicht zurechtweisen und auf deinen Fehler aufmerksam machen. Wir sehen dieß ja auch sonst. Trifft ein Vater seinen Sohn über einer muthwilligen That, so weiset er ihn sogleich zurecht und züchtiget ihn, weil es sein Sohn ist, und weil er ihn als seinen Sohn liebt und will, daß er rechtschaffen und wohlgesittet sei. Ist es nicht sein Sohn, der etwas Unrechtes thut, so läßt er ihn gehen. Er sagt und thut nichts, wenn er es auch sieht, denn es ist nicht sein Sohn. „ D e n   soll sein Vater in Aufsicht nehmen und besser ziehen, mich geht es nichts an.“

Aber nicht bloß seine Liebe zu dir als seinem Sohne zeiget hierin der Obere, sondern er offenbaret dadurch auch seine Ueberzeugung, daß du ihn als deinen Vater liebst und von seiner Liebe zu dir und davon überzeugt bist, daß er dieß mit väterlicher Liebe und in seinem großen Verlangen nach deinem Heile zu dir sage. Er offenbaret darin auch die Uerberzeugung von dir, du habest so viel Tugend und Demuth, daß du die Mahnung und Zurechtweisung willig annehmest, denn sonst würde er dir keine Mahnung geben.

Wenn dagegen der Obere nicht so offen und gerade mit dir umgeht, dich nicht aufmerksam macht auf deine Fehler, gegen die man sich im Stillen aufhält und redet, so kommt dieß daher, weil er dich nicht wie einen Sohn liebt, oder weil er weiß, daß du ihn nicht wie einen Vater liebst, oder weil er sich denkt, du habest nicht die Kraft, seine Mahnung und Zurechtweisung willig hinzunehmen. Da fehlt es durchwegs an Liebe und Achtung. Da ist keine wahre Liebe. Aeußerlich kann sie als solche erscheinen, aber es ist keine wahre, sondern nur eine Scheinliebe. Was hilft es dir aber, wenn er dir äußerlich Liebe und Achtung bezeuget, innerlich aber dich für einen mangelhaften und unvollkommenen Ordensmann in diesem und jenem Stücke hält, ohne es zu wagen, dich darauf aufmerksam zu machen? Dieß heißt, zweideutig und verstellt sich benehmen, anders im Herzen gesinnt sein und ein anderes Gesicht zeigen, das Aeußere im Widerspruche mit dem Innern halten.

Dieß ist das Benehmen und die Sprache der Welt. Da geht man so mit einander um. Da getrauen sich die Leute nicht, einander zu sagen, was sie denken. D´rum zeigen sie sich äußerlich anders, als ihnen im Herzen zu Muthe ist. Oft loben sie dich und schmeicheln dir und thun, als wenn sie deine Sachen ganz billigen, innerlich aber denken sie ganz anders, wie es beim Propheten heißt:

„Ihre Reden sind milder als Oel, und dennoch sind es Pfeile.“ Ps. 54, 22.

„Mit dem Munde preisen sie dich, im Herzen aber fluchen sie dir.“ Ps. 61, 5.

„Mit ihren Zungen treiben sie Hinterlist.“ Ps. 5, 11.

„Denn Schlangengift ist unter ihren Lippen.“ Ps. 139, 5.

Bei uns soll ein solches doppelzüngiges Wesen gar nicht vorkommen. Da soll Alles offen und faltenlos erscheinen, denn etwas Anderes kann die Liebe und Eintracht, die wir gelobet haben, nicht vertragen. Hätte ich z. B. einen oder mehrere Fehler an mir, und ich käme gar nicht darauf und erkennete sie nicht als Fehler, ich dächte also auch gar nicht daran, daß die Andern sie bemerken; ja selbst der Obere hätte sie bemerkt und wüßte, daß die Andern daran sich stossen und darüber sich aufhalten; wo wäre da die Liebe, wenn keiner sich fände, der mich darauf aufmerksam machte? –

Unser Vater Franziskus Borgias sagt hierüber sehr gut (epist. ad societ.):

Trügest du deinen Mantel verkehrt, und wärest du rußig im Gesichte, so würde derjenige offenbar dir einen Liebesdienst erweisen, der dich darauf aufmerksam machte, und du würdest ihm dafür dankbar sein. Du würdest es dagegen übel nehmen und als eine Beleidigung ansehen, wenn er es sähe und dich nicht aufmerksam machte. Nun aber haben wir weit mehr Ursache, es so zu nehmen und anzusehen bezüglich der sittlichen Fehler, die unsern Brüdern zum Anstosse sind.

Darum müssen wir es als eine große Wohlthat erkennen, daß Jemand ist, der uns mit aufrichtiger Liebe auf die Fehler aufmerksam macht. Wir in unsrer großen Eigenliebe sind gar oft nicht im Stande, diese Fehler zu sehen, oder wir halten sie nicht für Fehler. Die Selbstsucht und Eigenliebe verblendet uns, wie die große Liebe zum Kinde die Mutter so verblendet, daß sie das Häßliche an ihm für schön und das Schwarze für roth hält. So fehlt es auch uns nie an Farben und Gründen, unsere Fehler zu färben und zu verdecken. Darum sagen die Philosophen mit vollem Rechte, der Mensch sei in eigener Angelegenheit kein gerechter Richter. Schon nach den Gesetzen ist ein Richter, der einer Partei befreundet ist, ein verdächtiger Richter. Um wie viel mehr wird dieß beim Menschen in seiner eigenen Angelegenheit der Fall sein, da er sich selber sein bester Freund ist? – Dagegen schaut ein Anderer die Sache mit leidenschaftslosen Augen an, kann somit unsere Fehler weit besser beobachten und ein weit besserer Richter in der Sache sein. Ueberdem sehen vier Augen immer mehr, als zwei.

Plutarch sagt (lib. de utilitate ex inimico), wir sollten uns einen Feind um Geld kaufen, denn die Feinde sagen die Wahrheit. Der Freunde Geschäft ist, dir zu schmeicheln, freundlich zu thun, zu sagen, was du gerne hörst, und an dir nichts zu finden, was nicht ganz recht schiene. So ist heut zu Tage, wie wir so häufig sehen, der Welt Brauch. Gott verwahre, daß so etwas nicht auch in den Orden sich einschleiche. Wir Menschen sind so eitel, daß wir dergleichen Dinge gerne hören und sogar glauben, wo wir doch gerade das Gegentheil thun sollten, wie der Prophet es gethan und ausgesprochen hat:

„Strafen mag mich der Gerechte in Erbarmen und mich züchtigen; das Oel des Frevlers aber soll mir nie salben mein Haupt.“ Ps. 140, 5.

Der heil. Augustin sagt (epist. 147. ad Proculv. episc.), unter dieser freundlichen Salbung des Frevlers sei die Schmeichelei und Schönthuerei zu verstehen. Diese verabscheue der Prophet. Lieber wolle er zurechtgewiesen werden vom Gerechten mit Strenge und mit Erbarmen, als gelobt und geschmeichelt werden mit Kosereien. Diese dienen nemlich nur dazu, einen zu einem noch größern Narren zu machen und ihn noch weiter irre zu führen. Er führt hier die Stelle von Isaias an:

„Mein Volk! die dich selig preisen, die lügen dich an.“ Is 3, 12.

Die aber dich zurechtweisen und ermahnen, erweisen dir eine große Wohlthat.

„Besser sind Wunden vom Liebenden, als trügerische Küsse vom Hassenden.“ Sprüchw. 27,6.

„Besser ist, von einem Weisen zurechtgewiesen, als vom Schmeichelliede des Thoren irregeführt zu werden.“ Pred. 7, 6.

Was brennt, das heilet; alles Andere erschweret nur die Heilung. Wir überreden uns, wir haben keine Fehler, und kümmern uns darum nicht um die Besserung.

Diogenes sagt (Diog. Laert. lib. 6.), um besser zu werden, müsse man entweder einen wahren Freund suchen, der einen ermahne, oder einen harten Feind, der einen tadle. Durch die Mahnung des Einen und den Tadel des Andern komme man dahin, daß man das Laster oder den Fehler, den man an sich habe, ablege. Das Letztere kommt in der Welt vor. Da sagt man einander die Fehler, wenn man in Feindschaft steht. Hier wird dann das Wahre offenbar. Im Orden werden weder die Fehler aus Haß oder Feindseligkeit oder in Starrsinn und aus Scheelsucht gesagt, noch wird aus solcher Ursache Zurechtweisung und Ermahnung ertheilt; sondern dieß Alles geschieht aus aufrichtiger Liebe und aus Verlangen nach dem Heile des Nächsten. Das Erstere haben wir vollständig; denn in unserm Obern haben wir einen treuen wahren Freund, der mit innigster Liebe uns auf unsern Fehler aufmerksam macht. Dieß müssen wir hoch anschlagen und immer denken, er entdecke uns einen Schatz, wann er uns auf einen Fehler aufmerksam macht. Denn weil wir denselben nicht kennen, so würden wir ihn außerdem auch nicht verbessern.

Originaltext

18B -  deutsch 18