ETIKA

Pater Martin von Cochem

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Von den vier letzten Dingen

18B18A1

Von dem Tode.

3.10.2012

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von
Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage.
Landshut, 1859.
Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung.
(J. B. v. Zabuesnig.)  S. 5-9.
Erster Theil.

I.                 Kapitel      Wie erschrecklich der Tod sei.

Ich erachte es für unnöthig, ausführlich die Schrecklichkeit des Todes zu beschreiben, weil dieselbe von vielen bewährten Schriftstellern (Anmerkung ETIKA: um nur gewisse Kirchenväter und -lehrer sowie die Spanier Petrus von Alcántara und Luis von Granada zu erwähnen) genug erklärt worden, und weil auch jeder Mensch an sich selbst empfindet, wie süß ihm das Leben ist, und wie bitter ihm der Tod vorkommt.

Es mag Einer auch noch so alt, oder krank sein, oder es mag ihm sonst noch so übel gehen, so will er doch nicht gerne sterben, und will lieber noch sein elendes Leben so fortführen. Es gibt aber vornehmlich drei Ursachen, warum alle vernünftigen Leute den Tod fürchten.

·       Erstens, weil es dem Menschen angeboren ist, gerne zu leben und ungerne zu sterben, da der Tod wider die Natur des Menschen ist.

·       Zweitens, weil man weiß, wie bitter der Tod ist, und welche unsägliche Schmerzen man bei dem Scheiden der Seele von dem Leibe leiden müsse.

·       Drittens weil Niemand weiß, wohin er nach dem Tode kommt, und wie er in dem strengen Gerichte Gottes bestehen werde.

Von der ersten Ursache will ich nichts weiter reden, weil ein Jeder selbst weiß, wie der Tod seiner Natur ganz und gar zuwider ist.

Von den beiden andern Ursachen aber finde ich nöthig, etwas ausführlicher zu reden, damit Diejenigen, welche gar so sorglos dahinleben, sich doch etwas fürchten lernen möchten, damit sie sich besser vor der Sünde hüten; dann aber auch deßhalb, damit Jeder mit um so größerm Eifer sich zu dem schrecklichen Tode, der ja doch gewiß bei Keinem ausbleibt, bei Zeiten vorbereiten möge, damit er ihn nicht unvorbereitet übereile.

Der Tod ist deßwegen allen vernünftigen Menschen gar so zuwider, weil er so bitter ist, und der menschlichen Natur so große Schmerzen verursacht. Die menschliche Seele ist zwar vielen Aengsten, Schrecken und Traurigkeiten, der Leib vielen Schmerzen, Armseligkeiten und Krankheiten unterworfen; aber dennoch ist unter allen diesen Armseligkeiten des Leibes und der Seele keine so groß, daß sie mit den Peinen des Todes könnte verglichen werden.

Wer um Ehre und Gut kommt, geräth wohl in große Traurigkeit und in großen Verdruß, aber er stirbt doch noch nicht daran. Wer gefoltert wird, muß unsägliche Tormente ausstehen, aber doch stirbt er nicht davon. Denn eines jeden Menschen Natur wehrt sich wider den Tod aus aller Macht, so lange als es ihr immer möglich ist. Wenn sie aber von ihm überwunden wird, so ist es ein gewissen Zeichen, daß ihr solche Gewalt geschehe, welche mit keinen Worten ausgesprochen werden kann.

O Gott! wer mag es erfassen, welche peinliche Schmerzen ein sterbender Mensch leiden muß, ehe ihm der Tod das Herz abstosset, und mit ihm ein Ende macht. O Gott! wer wird uns recht erklären, was für ein schwerer Kampf die schwache Natur mit dem grimmigen Tod zu bestehen hat, ehe sie sich überwunden gibt. Sie bietet alle ihre Kräfte auf, und braucht die äußerste Gewalt, um ihn zu überwinden und von sich fern zu halten.

Hingegen thut der giftige Tod auch sein Aeußerstes, und vermehrt alle Schmerzen des Kranken nach Möglichkeit, damit er ihm das Leben nehme. In diesem Kampfe muß der arme Mensch solche grausame Schmerzen leiden, daß ihm vor Größe der Peinen die Augen einfallen, die Nase spitzig wird, die Glieder erzittern, und das Herz vor Schmerzen sichtbar aufspringt.

In dem Augenblicke dann, wo die bedrängte Seele durch die Gewalt des Todes von dem schmerzhaften Leibe weggerissen wird, entsteht in dem sterbenden Leibe solche gewaltige Marter, als wenn alle Glieder von einander gerissen, und wirklich gefoltert würden.

Dies zu beweisen, brauche ich kein anderes Beweismittel, als den eigenen Augenschein, und die tägliche Erfahrung. Denn man sieht es alle Tage, daß ein Leichnam merklich länger ist, als der lebendige Leib war. Was ist die Ursache davon? Der Tod hat ihn gestreckt, sagen die gemeinen Leute. Freilich hat ihn der Tod gestreckt, und so grausam gefoltert, daß gleichsam alle Glieder von einander gerissen worden sind.

Warum das Sterben mit solcher Gewalt geschieht, dies verursacht das Scheiden der Seele vom Leibe. Denn diese Beiden haben einander so lieb, und sind so gern beisammen, daß es ihnen unmöglich scheint, von einander zu scheiden, und sie wollten lieber alles Uebel miteinander ausstehen, als sich trennen. Die Seele weiß wohl, daß sie, wenn sie von ihrem Leibe scheidet, in einen Zustand und in ein Land kommen werde, worin sie ihr Lebtag nicht gewesen ist.

Und der Leib weiß auch, daß er, wenn die Seele von ihm scheidet, weder Leben noch Empfindung behalte, und ein stinkendes Aas den Würmern werden müsse. Deßwegen möchte auch keines von dem andern scheiden, es koste auch, was es wolle, sondern sie möchten beisammen bleiben, und eines möchte die süße Gegenwart des andern genießen bis in Ewigkeit. Ja sie sind so stark zusammen verknüpft, und so fest mit einander verwachsen, daß sie nur mit größter Gewalt und mit den heftigsten Schmerzen von einander getrennt werden können.

So lesen wir in dem Briefe, welchen der heilige Cyrillus, Bischof in Jerusalem, an den heiligen Augustinus geschrieben hat, daß ein vom Tode erweckter Mann ihm unter Anderm Folgendes erzählt habe:

„Da verließ alsbald die Seele meinen Leib, aber so grausam und bitter, daß gewiß kein menschlicher Verstand und Sinn begreifen kann, wie groß die Angst und Pein gewesen, es sei denn, daß er es selbst erfahren habe. Denn würde der menschliche Verstand sich auch alle erdenklichen Aengsten und Schmerzen vorstellen, so würden sie doch im Vergleich mit der Pein, die ich beim Abscheiden der Seele von dem Leibe gelitten, wie Nichts zu schätzen sein.“

Um dies zu beweisen, fuhr er dann fort, indem er zum hl. Cyrillus sprach:

„Du weißt, daß du eine Seele hast, du weißt aber nicht, was sie ist. Du weißt auch, daß es Engel gibt, du weißt aber nicht, wie sie beschaffen sind. Du weißt auch, daß ein Gott sei, du weißt aber nicht, was er für eine Wesenheit ist. So ist es mit allen Dingen beschaffen, die keinen Leib haben. Denn unser Verstand kann diese Dinge nicht begreifen. Deßwegen kannst du auch nicht begreifen, wie ich in einem Augenblicke so große Peinen habe leiden können.“

Dieser vom Tode erweckte Mann gab dem heiligen Cyrillus ein schönes Gleichniß, indem er sagte, daß, obschon er wisse, daß er eine Seele habe, und daß ein Gott sei, er dennoch Nichts weniger wisse, als was die Seele und die Gottheit sei; eben so könne er auch nicht wissen, noch begreifen, was die Seele bei ihrem Abscheiden leide, und wie sie in ein Paar Augenblicken so viele und schwere Peinen ausstehen könne und müsse.

Daraus sieht man dann klar, daß, wenn ein Mensch auch bei seinem Tode wie ein Licht auszulöschen scheint, und von den Umstehenden vermuthet wird, daß er gar keine Pein empfinde, er dennoch im letzten Augenblicke, wenn Seele und Leib von einander scheiden. so grausame Tormente ausstehen muß, dergleichen kein Mensch in seinem ganzen Leben empfunden hat, noch auch mit seinem Verstande begreifen kann. Daß aber Einige ganz sanft zu sterben scheinen, kommt daher, weil ihre Natur von den Schmerzen ganz erschöpft ist, und keine Kräfte mehr hat, sich wider den Tod zu wehren.

Daß kein Schmerz über die Todesschmerzen gehe, sehen wir an Christus unserm Erlöser, und ich habe es in dem Leben Christi, im Kapitel von seinem Tode ausführlich beschrieben. Obschon der göttliche Erlöser in seinem ganzen bittern Leiden unaussprechlich schwere Marter gelitten hat, so sind doch alle diese Peinen mit denjenigen, welche er in seinem Tode gelitten hat, nicht zu vergleichen.

Dieses ist aus den heiligen Evangelisten klar abzunehmen, denn diese melden nicht, daß Christus in seinem ganzen Leiden jemals wegen Größe des Schmerzes geschrieen habe, daß er aber, als er sterben sollte, und ihm der grimmige Tod das Herz entzwei brach, einen solchen Schrei gethan, daß er allen Umstehenden durch Mark und Gebein ging, und einen ungewöhnlichen Schrecken einjagte.

Hieraus ist abzunehmen, daß Christus in seinem ganzen Leiden keinen so großen Schmerz gelitten habe, als eben bei dem Abscheiden seiner allerheiligsten Seele von seinem gebenedeiten Leibe.

Damit wir Menschen einigermassen empfinden möchten, was für einen bittern Tod Christus für uns gelitten habe, so hat er gewollt, daß wir in unserm Sterben die Bitterkeit seines Todes in Etwas verkosten und empfinden sollen, wie dies der heilige Papst Gregorius mit folgenden Worten erklärt:

„Christus hat durch seinen Tod und Kampf unsern Tod und Kampf ausgedrückt, und so gelehrt, daß die Todesnoth die allergrößte Noth sei, dergleichen der Mensch nie gehabt, noch auch haben werde. Gott will, daß der Mensch bei seinem Ende solche große Noth leide, damit er erkenne und lerne, welche große Liebe er zu uns gehabt, und welche unschätzbare Wohlthat er uns erwiesen habe, daß er für uns des bittersten Todes hat sterben wollen. Denn der Mensch hätte sonst die große Liebe Gottes nicht völlig erkennen können, als durch solchen bittern Tod, den auch er, wie Christus versuchen muß.“

Aus diesen Worten des heil. Papstes Gregorius ersehen wir, daß Christus verordnet hat, daß alle Menschen in ihrem Tode die Schmerzen, welche er in seinem Tode für uns gelitten hat, empfinden sollten, damit wir in der That erfahren möchten, welchen bittern Tod er für uns gelitten, und wie schmerzlich er uns erlöset hat.

Wenn also unser Tod dem allerbittersten Tode Christi einiger Massen gleich sein soll, ach wie schmerzlich, ach wie erschrecklich, ach wie grausam wird er dann sein! O, wir arme Menschen, was für einen schweren Kampf haben wir vor uns! Ach, welche gewaltige Tormente warten in unserm Tode auf uns! Man sollte ja meinen, es wäre besser, daß wir nicht geboren wären, als daß wir zu einer solchen Marter geboren worden sind. Es muß aber auf diese Weise der Himmel erworben werden, und wir müssen durch dieses enge Thürlein zum Paradiese eingehen.

Gib dich also willig darein, mein lieber Christ, und fasse einen festen Entschluß, die Bitterkeit deines Todes freiwillig zu leiden, denn es ist eine große Genugthuung des Lebens, welches der Mensch so sehr liebt, sich freiwillig zu ergeben, und die Bitterkeit des Todes mit gutem Willen anzunehmen. Damit dir deine Todesschmerzen desto verdienstlicher werden, so mache jetzt bei dir folgende

Ergebung, den Tod zu leiden.

O gerechter Gott, der du nach dem Falle Adams verordnet hast, daß alle Menschen sterben sollten, und auch gewollt hast, daß viele in ihrem Tode die Schmerzen des Todes deines Sohnes einiger Massen verkosten sollten, siehe! ich unterwerfe mich freiwillig diesem deinem strengen Urtheile, und wiewohl mir das Leben über alle Maßen süß, der Tod aber unsäglich bitter vorkommt, so ergebe ich mich dennoch dirzu Lieb freiwillig in den bittern Tod, und bin bereit zu sterben, wann, wo, wie und auf welche Weise es deiner göttlichen Anordnung wohlgefällt.

Ich erwähle keine besondere Zeit, noch einen besondern Ort, noch eine gewisse Krankheit, noch auch eine gewisse Art des Todes, sondern dieses Alles stelle ich deinem göttlichen Wohlgefallen anheim, und bin mit deinem gerechtesten Willen ganz vollkommen zufrieden. Weil du auch deßwegen den menschlichen Tod so bitter gemacht hast, damit wir empfinden möchten, was für einen bittern Tod dein geliebter Sohn für uns gelitten habe, so bin ich auch dessen von ganzem Herzen zufrieden, ja ich freue mich, daß ich, weil ich in meinem Leben nicht empfinden kann, wie schmerzlich mein Heiland mich erlöset hat, zum Wenigsten in meinem Tode an Leib und Seele erfahren kann, was für einen bittern Tod mein geliebtester Jesu für mich gelitten hat.

Deßwegen nehme ich zu Ehren seines bittersten Leidens und Sterbens jetzt freiwillig alle Schmerzen an, die ich in meinem Tode werde zu leiden haben, und erbiete mich, dieselben mit möglichster Standhaftigkeit zu ertragen (Anmerkung ETIKA: vgl. aber die kürzlich veröffentlichte Stelle bei Franziskus, der sich wie wir beklagt, dass ihm die Schmerzen die Kraft zum Gebet nähmen).

Ja, wenn es mir möglich wäre, noch mehrere Marter in meinem Tode zu leiden, so wollte ich sie herzlich gerne über mich nehmen, und dich auch bitten, daß du mir meine Todesschmerzen vergrößern wollest, damit ich nur desto mehr für meinen liebsten Jesus leiden könne (Anmerkung: der in diesem Augenblick den ganzen Leib erschütternde Husten bei einem mutmaßlichen Nierenriss mit Atembeschwerden und Rückenschmerzen macht dem Abschreiber diesen Gedanken nicht übermäßig sympathisch).

Laß dir meinen ernstlichen Willen gefallen, und verleihe mir Gnade, meine Todesschmerzen mit möglichster Geduld zu ertragen. Amen.

 

Anmerkung der Apostel der letzten Zeiten AIHS

Wir halten es für wahrscheinlich, daß der Todesschmerz zwar überaus groß sein wird, dass es aber Abstufungen gibt. So lesen wir bei Franziskus im Brief an die Gläubigen, dass große Sünder im Tode besonders gepeinigt werden:

„Alle sollen es aber wissen, wo immer und wie immer ein Mensch in schwerer Sünde ohne Genugtuung stirbt, dabei Genugtuung leisten könnte und sie nicht leistet, daß der Teufel seine Seele unter solchem Schmerz und solcher Qual aus dem Körper reißt, wie sich niemand vorstellen kann, der es nicht selbst verspürt hat.“ (auch im Handbuch des einfachen Lebens, ETIKA 2000, S. 17)

Wer will, vergleiche obigen Text des Kapuzinerpaters Martin von Cochem (1634-1712, unglaublich seine Strenge, er ist Weltspitze, und wir würden uns sehr auf ein Zusammentreffen mit Seinesgleichen freuen, um nur den hl. Petrus von Alcántara zu nennen, ganz zu schweigen von unseren Büßerinnen in Südtirol, im Trentino, in Peru usw.); siehe auch den Roman von Vicente F. Delmonte: Jedem nach seinen Taten, 2007, S. 44ff, im Handel erhältlich) mit folgender Stelle aus der Franziskus-Chronik von 1603:

„Als er (Franziskus) diß gesagt / … ist die heyligiste Seel (wie er begert) / mit den Händen deß Herren genommen / von dem Kercker deß eignen Fleischs abgescheiden / unn in die Himlen getragen worden …“ (Der Cronicken der mindern Brüder, das ander Buch, Cap. 70, Konstanz, S. Bonaventura, S. 550)

Ähnlich die hl. Teresa von Avila:

„Mir scheint, für die Gottgetreuen ist nichts leichter, als sterben; der Tod befreit sie ja von ihrem Kerker (Anmerkung: auch vom E.b., s. z. B. 3X9C) und führt sie in die ewige Ruhe ein.“ (Leben, 38. Kapitel; Teresien-Jahr, Graz, 1890, 2. Februar, S. 34)

Vergleiche den Sonnengesang des Franziskus und unser Gebet: Bruder Tod (von der Titelseite aus, uns bleibt wenig Zeit, die Links zu suchen).

Auch erinnern wir an die Strafen im Fegefeuer sowie die Leiden, die Menschen während ihres Lebens verdient oder unverdient ertragen müssen. Vielleicht wird etwas davon angerechnet und der Todesschmerz entsprechend gemildert. Dies gibt uns unser Gerechtigkeitsgefühl ein.

Rainer Lechner AIHS, 3.10.2012, am Todestag des hl. Franziskus, 1226.

 

 

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