ETIKA

Pater Martin von Cochem

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Von den vier letzten Dingen

18B18A4

Von dem Tode.

26.2.2013

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von
Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage.
Landshut, 1859.
Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung.
(J. B. v. Zabuesnig.)  S. 13-17.
Erster Theil.

IV.            Kapitel   Von der Furcht vor der Hölle.

Ferner macht unsern Tod auch sehr bitter die Furcht vor der Hölle, und die klare Vorstellung von der Ewigkeit. Denn wenn wir gefährlich krank sind, und den Tod vor Augen sehen werden, dann wird die Furcht vor der Ewigkeit unser Herz so bedrängen, daß wir vor Angst grau werden möchten. Ja, weil wir alsdann klar vor Augen sehen werden, daß wir nach wenigen Tagen oder Stunden in die Ewigkeit eingehen müssen, und wir aber ungewiß sind, wie es uns da gehen werde, so wird uns wegen der Angst, wir möchten ewig verloren gehen, der kalte Schweiß ausbrechen.

Diese Angst nimmt immer zu, je näher wir dem Tode kommen, und wird zuletzt so groß, besonders wenn die Anfechtungen des bösen Feindes dazukommen, daß wir meinen werden, wir müßten verzagen. Diese Furcht wird gewaltig vermehrt, wenn wir uns unserer Sünden erinnern, durch welche wir die Hölle so vielmal verdient haben, und wobei wir nicht gewiß sind, ob wir dieselben recht abgebüßt, oder wahre Verzeihung erlangt haben. Höre wie der hl. Papst Gregor diese Furcht in seinem Buche Moral 1. 24. c. 27. beschreibt.

„Ein jeder fromme Mensch, der für sein Heil Sorge trägt, unterläßt nicht, bei sich zu bedenken, wie erschrecklich der zukünftige Richter sein werde; und ist besorgt, ehe er zum Tode kommt, wie er über sein Leben Rechenschaft geben werde. Obschon er alle bösen Werke, die er erkennen konnte, gemieden, so ist ihm dennoch wegen der täglichen Sünden, die er nicht erkennt, sehr bange, weil er weiß, daß er vor einem strengen Richter erscheinen muß. Denn wer will genug bedenken können, wie viele Uebel wir durch unsre unbeständigen Gedanken begehen, indem wir ohne Unterlaß bald Dies bald Jenes in unserm Sinne führen. Es ist zwar leicht, verkehrte Werke meiden; aber gar schwer ist es, von unziemlichen Gedanken sein Herz rein zu erhalten.

Und dennoch steht geschrieben (Micheas 2. Kap.): „Wehe euch, die ihr unnütze Dinge denket.“

Und Psalm 57 heißt es: „In euren Herzen wirket ihr Ungerechtigkeiten.“

Deßwegen fürchten sich die Frommen allzeit vor dem strengen Gerichte Gottes, weil sie wohl wissen, daß auch diese heimlichen Sünden gerichtet werden. Der hl. Paulus schreibt hierüber an die Römer:

„An demselben Tage, wann Gott gemäß meinem Evangelium das Verborgene der Menschen richten wird durch Jesum Christum“ (c. 2, 16.).

Obschon die Gerechten sich allzeit vor Gottes Gericht fürchten, so entsetzen sie sich dennoch am Meisten, wenn sie sehen, daß sie allmählig dem Tode und strengen Gerichte sich nahen und je näher das Gericht herbei kommt, desto größer wird die Furcht.

Daher lesen wir von Christus, daß, als er dem Tode nahe kam, er in Tödesnöthen gerieth, und länger zu beten anfing. Hierdurch wollte er anzeigen, wie es uns in unserem Tode ergehen werde, und was für Schrecken und Aengsten in unserm Gemüthe entstehen, wenn wir durch den Tod dem Gerichte nahen würden.

Nicht umsonst wird sich die arme Seele entsetzen, wenn sie in Kurzem Das finden wird, was sie in Ewigkeit nicht mehr ändern kann. Alsdann werden wir bedenken, wie oft wir in unserm Leben gesündiget haben; alsdann werden wir beherzigen, wie viel Gutes wir unterlassen haben; alsdann werden wir erkennen, daß wir auch die guten Werke nicht ohne viele Unvollkommenheiten vollbracht haben.“

Dies sind die Worte des heil. Papstes Gregorius, welche wohl nicht nur den Sündern, sondern auch den Gerechten einen Schrecken einjagen sollten, besonders, weil der hl. Gregorius sagt, „daß sich sogar fromme Menschen, welche sich keiner Sünde bewußt sind, vor dem strengen Urtheile Gottes fürchten.“ Denn wenn sich schon heilige Leute fürchten, was sollen dann wir arme Sünder thun, die wir uns so vieler Sünden bewußt sind, und alle Tage noch mehr Sünden begehen? Ach Gott! wie wird es uns ergehen?! Ach Gott! wie werden wir bestehen!? Was sollen wir doch nur anfangen, daß wir bei Gott bestehen mögen?

Ich weiß keinen bessern und leichtern Rath, als eben jenen, welchen Christus selber gegeben hat, da er spricht: „Darum wachet und betet allezeit, damit ihr würdig geachtet werdet, allem Dem zu entgehen, was da kommen wird, und zu bestehen vor dem Menschensohne.“ Luk. 21, 36. Da also Christus uns das Gebet als das beßte und leichteste Mittel an die Hand gibt, so wolle ein Jeder diesem Rathe treulich folgen, und um Erlangung eines seligen Endes den lieben Gott, und seine Mutter, wie auch die lieben Heiligen fleißig anrufen, und ihnen täglich sein letztes Ende vertraulich anbefehlen.

Alles bisher Gesagte wird klar bewiesen durch eine Geschichte, welche sich nach dem Tode des hl. Hieronymus zugetragen hat und uns in den Büchern des hl. Augustinus aufgezeichnet ist.

Es wird darin gemeldet, daß der heil. Cyrillus, Bischof zu Jerusalem, an den heil. Augustinus geschrieben, und ihm berichtet habe, daß drei verstorbene Männer durch Berührung des Bußkleides des heil. Hieronymus auf einmal wieder lebendig geworden, und Wunderdinge von jener Welt erzählt haben. Als alle Drei sich in die Wüste begeben hatten, und dort schwere Bußwerke verrichteten, kam der heil. Cyrillus eines Tages zu Einem derselben und da er ihn bitterlich weinend fand, fragte er ihn um die Ursache seines Weinens. Dieser gab ihm dann zur Antwort:

„Wenn du gesehen hättest, was ich erfahren habe, so würdest du gewiß auch weinen. Denn als die Stunde meines Todes herbei kam, kamen so viele Teufel zu mir, daß sie nicht alle zu zählen waren. Ihre Gestalt war so erschrecklich, daß nichts Schrecklicheres erdacht werden kann. Denn ein jeder Mensch würde lieber in einem heißen Feuer brennen, als dieselben einen Augenblick lang ansehen. Diese vielen Teufel standen um mich herum, hielten mir Alles vor, was ich mein Lebtag gethan hatte, und wollten mich zur Verzweiflung bringen.

Wenn nicht die göttliche Erbarmniß mir zu Hilfe gekommen wäre, so hätte ich ihnen nicht Widerstand thun können. Denn als ich aller Kraft des Geistes beraubt ihren Worten allmählig beistimmen wollte, da erschien der heil. Hieronymus, den ich all mein Lebtag geehrt hatte, vertrieb alle Teufel von mir, und ließ einige Engel bei mir, die mich trösteten.

Ueber eine Stunde kam der heil. Hieronymus wieder, und sprach zu den Engeln und mir: „Kommt geschwind.“ Da verließ alsbald meine Seele den Leib, aber unter solchem Grausen und solcher Bitterkeit, daß gewiß kein menschlicher Sinn und Verstand begreifen kann, wie groß die Angst und Pein war, es sei denn, daß Einer es aus Erfahrung wisse. Denn wenn schon aller menschliche Verstand alle erdenklichen Aengsten und Schmerzen sich vorstellen wollte, so würden sie doch wie Nichts erscheinen, wenn sie mit der Pein, die ich beim Abscheiden meiner Seele von dem Leibe gelitten habe, sollten verglichen werden.“

Dies zu beweisen, sprach er dann weiter zum heiligen Cyrillus:

Du weißt, daß du eine Seele hast, du weißt aber nicht, von welcher Beschaffenheit sie ist; du weißt auch, daß ein Gott ist, du weißt aber nicht, was für eine Wesenheit er ist. Deßgleichen weißt du auch, daß es Engel gibt, du weißt aber nicht, wie sie beschaffen sind. So ist es mit allen andern Dingen, die keinen Leib haben; unser Verstand kann diese Dinge nicht begreifen. So kann auch unser Verstand nicht begreifen, wie ich in  e i n e m  Augenblicke so große Peinen habe leiden können. Hierauf wurde meine Seele, nachdem sie von dieser Qual und Pein befreit war, auf unaussprechliche Weise in  e i n e m  Augenblicke vor die Gegenwart des göttlichen Richters gebracht; wer sie aber hingebracht, oder wie sie hingebracht wurde, das weiß ich nicht.

Ach Gott! warum wissen doch die sterblichen Menschen nicht, was ihnen widerfahren werde! Gewiß würden sie, wenn sie es wüßten, nicht so oft und schwer sündigen. Hier konnte keine Sünde, welche ich jemals begangen hatte, dem Richter verborgen sein, weil Alles, was ich mein Lebtag gethan hatte, allen Gegenwärtigen so klar erschien, als wenn es eben jetzt gerade geschehe, so daß sogar der geringste Gedanke von Allen erkannt wurde.

Hier bedenke nun Einer, in welchen Aengsten ich war; hier beherzige Einer, welche Schrecken mich überfielen. Es stand die ganze Menge der Teufel da, und legte Zeugniß über meine begangenen Sünden ab, und sie gaben sogar die Zeit, den Ort, und die Weise an, wie ich gesündiget hatte.

Ich aber stand da, und konnte Nichts wider das, was mir vorgeworfen wurde, antworten, weil ich durch mein eigenes Gewissen überzeugt war. Ach Gott! was soll ich sagen? mit welchen Worten soll ich erklären, wie mir damals zu Muthe war? Wenn ich daran denke, so erzittert jetzt noch mein ganzes Herz. Ich wußte nicht, welches Urtheil über mich ergehen würde, konnte mir aber wohl vorstellen, daß es nicht gut ausfallen könnte. Denn meine begangenen Sünden sammt allen Teufeln riefen Rache über mich, und es erschien mir kein einziges gutes Werk, dessenwegen ich Barmherzigkeit hätte hoffen können. Es schrieen daher alle Gegenwärtigen, daß ich der Strafe würdig wäre, und daß mich der gerechte Gott verdammen sollte.

Als nun Nichts mehr übrig war, als daß das Urtheil gesprochen werden sollte, siehe, da kam der heilige Hieronymus und bat, Gott wolle das Urtheil aufschieben, und mich ihm schenken wegen der Ehrerbietung und Andacht, die ich zu ihm getragen habe. Nachdem Dieses bewilligt worden, führte er mich zur Hölle, daß ich sie sehen sollte, und zum Fegfeuer, damit ich es erfahren sollte, um hernach davon Zeugniß geben zu können. In diesem Fegfeuer bin ich solange gelegen, bis ich vom Tode auferweckt worden bin, und habe solche Tormenten gelitten, die kein menschlicher Verstand sich einbilden kann.“

Anmerkung ETIKA: Vergleiche den Roman „Jedem nach seinen Taten“ sowie das Gedicht von Rainer Lechner „Die Helden von Fukushima“, für welche Gerechte gebetet haben und die sich jetzt im „Raum der Hoffnung“ aufhalten (im soeben erschienenen Gedichtband „Empor aus der Scheinwelt“), und dessen Erfahrungsbericht „Fegfeuer auf Erden – Ich war in der Unterwelt“.

Aus dieser denkwürdigen Geschichte kann Jeder klar abnehmen, wie es ihm bei seinem Tode ergehen werde, so daß sich Keiner eines gelinden Todes zu getrösten hat, sondern gewiß glauben muß, daß er in seinem Tode mehr leiden werde, als er all sein Lebtag gelitten hat. Darum können wir wohl mit dem heiligen Paulus sprechen: „Ach, ich unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes.“ Wir sollten aber auch wohl oft zu Gott sprechen:

O gerechter und strenger Gott! welche schwere Strafe hast du uns Menschen auferlegt, daß wir so erbärmlicher Weise von dieser Welt abscheiden, und in so großem Leid und so großen Aengsten sterben müssen. Herr! ich nehme alle diese Aengsten und Schmerzen, die mir in meinem Tode begegnen werden, zur Strafe für meine Sünden an, und erbiete mich, alle diese Nöthen zu deiner Ehre mit Geduld zu ertragen. Wenn ich vielleicht in meiner letzten Krankheit nicht könnte, so opfere ich dir jetzt für allemal, was ich in meinem Tode leiden werde, in Vereinigung und zur Verehrung des bittern Leidens Christi Alles auf, und bitte dich, du wollest dies mein künftiges Leiden so annehmen, wie du die Schmerzen aller deiner Martyrer angenommen hast. Denn ich begehre ja dasselbe mit solcher Meinung zu leiden, wie jene alle ihre Peinen dir zu Lieb gelitten haben. Diese meine Begierde und Meinung wünsche ich täglich und stündlich zu erneuern, und sie endlich in der That zu deiner größern Ehre auszuführen. Verleihe du mir hiezu deine göttliche Gnade, und hilf mir meinen guten Vorsatz in´s Werk setzen. Amen.

In Originalschreibweise.

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