ETIKA

Pater Martin von Cochem

www.etika.com

Von den vier letzten Dingen

19.7.2012

18B18B11

Wie die Gottlosen gerichtet werden

S. 72-78

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage. Landshut, 1859. Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung. (J. B. v. Zabuesnig.)

Ein Höhepunkt der deutschen Literatur. Ob die Liebhaber von Horror-Filmen und Harry Potter, die modernen Hexen usw. wohl noch durch irgend etwas zu erschüttern sind, wenn nicht hier?

XI. Kapitel
Wie die Gottlosen gerichtet werden.

Lieber Christ, was wir jetzt zu betrachten haben, ist über alle Begriffe furchtbar und schrecklich, so daß es kein Mensch hinlänglich zu schildern und zu beschreiben vermag. Denn wer wäre im Stande, sich vorzustellen, was für eine Veränderung in dem Gerichte Gottes vorgehen werde, wenn, nachdem die Heiligen gerichtet sind, nun die verdammten Sünder sammt allen Teufeln vor den göttlichen Richterstuhl geführt werden? Welch ein Schrecken wird die elenden Sünder überfallen, wenn die englischen Posaunen sie vor das strenge Gericht Gottes vorladen! Wie werden sie vor Verzweiflung wüthen und toben! Ja sie werden sich in die Erde zu verkriechen suchen und allen Bergen und Hügeln zurufen, sie möchten über sie fallen, und sie vor dem erzürnten Angesichte des Richters bedecken. Denn das Angesicht des Richters wird ihnen jetzt so schrecklich vorkommen, daß sie glauben, es fahren Blitzstrahlen aus seinen Augen, die sie zerschmettern.

O wie werden dann Jene sich gebärden, die im Leben so tapfer waren im Verspotten der Frommen, im Spötteln über die heiligen Wahrheiten, die ihnen verkündigt wurden, und alles Heilige lächerlich zu machen wußten und dabei thaten, als ob sie Hölle und Teufel nicht fürchteten. Da wird ihnen ihr Großsprechen elendiglich vergehen! Da werden sie zittern und beben diese großen Maulhelden.

Was meinst du, daß der Richter zu ihnen sagen und wie er sie anreden werde!

„O ihr verfluchten Sünder und Sünderinnen, wird er sprechen, o ihr vermaledeite Bösewichter und ehrvergessene Menschen! Ihr seid es, um deren willen ich diesen Gerichtstag angeordnet, und Alles, was im Himmel und auf Erde und unter der Erde lebt, zusammenberufen habe! Ihr seid es, die meinen Zorn entzündet, und mich zur Rache herausgefordert habt! Zu hundert und tausend Malen habt ihr mich beleidigt, ja mit Schimpf, Spott und Hohn mich behandelt, einen Spott mit mir getrieben, als wenn ich ein tauber und stummer Gott wäre.

·       Ihr habt meine Gebote übertreten, meine Drohungen verachtet, meine Strafen verlacht, meine Wohlthaten mißbraucht, meine Worte verfälscht, meinen Gottesdienst verunehret, meine Sacramente gelästert, mein Leiden verflucht, mein Blut verwünscht, und mich mit größtem Muthwillen behandelt.

Diese und dergleichen Schmach habe ich bisher mit unendlicher Geduld ertragen, ich habe dazu still geschwiegen, und euch nach eurem Muthwillen handeln lassen.

Nun aber hat meine Geduld ein Ende, und die Zeit der Rache ist endlich gekommen. Deßwegen will ich nun meinen Zorn über euch ausgießen, und euch meine Gerechtigkeit und meine Macht zu erkennen geben. Nun will ich euch zeigen, wer Derjenige sei, den ihr so verachtet und spöttisch behandelt, und dessen Gebote ihr so muthwillig und so frech übertreten habt. Nun will ich euch zeigen, daß ich euer wahrer Gott und Herr bin, und daß ich bin der gerechte Richter des Himmels und der Erde; ich will eure Schandthaten vor aller Welt offenkundig machen, und euch zum Schimpf und Spott aller Engel und Heiligen machen. Alle Welt soll nun erfahren, was für elende Wichte ihr gewesen seid. Nun will ich euch richten ohne alle Gnade und Barmherzigkeit und will euch strafen nach der ganzen Strenge meiner Gerechtigkeit. Alle Strafen und Uebel, die meine Allmacht erschaffen kann, will ich euch anthun und alle Marter und Pein, die meine Gerechtigkeit fordern kann, will ich euch fühlen lassen.“

Diese oder dergleichen Worte werden den elenden Sündern durch Mark und Bein gehen, und ihre Herzen wie mit tausend Schwertern durchschneiden. Sie werden deßhalb heulen und schreien, daß man meinen möchte, die Felsen müßten sich ihrer erbarmen; aber der Richter wird kein Mitleid mit ihnen haben, und die Heiligen werden sie nicht im Geringsten bedauern, weil die Zeit des Mitleids und Bedauerns vorüber ist, und nun nur mehr die Gerechtigkeit herrscht. Die Heiligen sind nunmehr in der Liebe Gottes so befestigt und Eins mit Gott, daß sie auch nur das denken, wünschen und wollen, was Gott will.

Wie nun Christi die elenden Sünder vor Gericht führen läßt, kannst du auf folgende Weise betrachten. Er wird entweder von dem allerärgsten Sünder, der jemals auf Erden gelebt, anfangen, und so nach und nach bis auf den geringsten fortfahren; oder er wird von Kain, der am ersten gelebt, anfangen, und so einen nach dem, nach der Zeit, in der Jeder gestorben ist, vor Gericht bringen lassen. Derjenige Teufel, der einem jeden Sünder von dem Luzifer zu seinem Verderben zugegeben worden, wird hier der göttliche Gerichtsdiener sein, und jenen Sünder, welchen er verführet hat, vor Gericht stellen und verklagen. Sobald aber Einer vor Gericht geführt werden soll, so wird sein Schutzengel von der Höhe herab dem Teufel zurufen, und auf Gottes Geheiß denselben hinaufzutragen befehlen.

Hier bedenke nun, was für ein unaussprechlicher Schrecken den elenden Sünder überfallen werde, wenn er von dem Engel seinen Namen hört, und er den leidigen Teufel, der ihn hinwegführen soll, daherkommen sieht. O wie wird er an allen Gliedern zittern, o wie wird er vor Angst und Zittern zu vergehen meinen! Er wird sich auf die Erde niederwerfen, sich an die andern Verdammten anklammern, und mit aller Gewalt sich wehren, damit er nicht vor das schreckliche Gericht Gottes geführt werde.

·       Der Teufel aber wird ihn bei den Haaren ergreifen, und ihn unbarmherzig mit großem Geschrei in die Luft führen, und vor dem Richterstuhle Christi niederstellen. Hier wird er anfangen, ihn auf das Grausamste zu verklagen, und vor aller Welt seine Schandthaten zu offenbaren. Ja nicht allein wird ihn der Teufel verklagen, sondern auch der gerechte Gott wird ihm sein Herz und Gewissen so öffnen, daß er selbst und zugleich mit ihm alle Engel und Heiligen, Teufel und Menschen mit Augen die unergründliche Abscheulichkeit seines Gewissens sammt allen seinen Falschheiten, Mißhandlungen und Ungerechtigkeiten, die er von Jugend an bis auf den letzten Augenblick seines Lebens verübt hat, auf´s Klarste sehen werden.

Hier wird er Rechenschaft geben müssen

·       über alle Augenblicke, die er gelebt,

·       über alle Worte, die er geredet,

·       über alle Gedanken, die er gehabt,

·       über alle Pfennige, die er ausgegeben,

·       über alle Bissen, die er gegessen,

·       über alle Tropfen, die er getrunken,

·       über alle Seelen, die er verführt,

·       über alle bösen Anschläge, die er gegeben,

·       über alle bösen Vorsätze, die er gemacht,

·       über alles Gute, das er unterlassen,

·       und endlich über alle Sünden und Laster, die er begangen hat.

Hierbei bleibt nicht das Geringste verschwiegen, nicht die geringste Schande verdeckt, sondern Alles muß allen Engeln und Menschen kundbar werden.

So wird der elende Sünder in größter Schande dastehen, und auf alle diese Anklagen nicht ein einziges Wort antworten können. Er wird glauben, vor Schande und Scham versinken zu müssen. Denn, wenn wir uns schon so sehr fürchten und schämen, wenn wir nur eine einzige Sünde dem Beichtvater offenbaren sollen, o Gott, wie werden wir uns dann erst schämen, wenn alle unsre Schandthaten vor so vielen hunderttausend Menschen offenbar werden?

Bedenke, wie sich eine schamhafte Frau schämen würde, wenn man sie auf einem großen Platze vor der ganzen Stadt entblößen, und so nackt hinstellen würde. Fürwahr, diese arme Frau würde vor lauter Scham versinken und des Todes sterben. Wenn man sie aber nicht nur entblößen, sondern auch vor dem ganzen Lande vieler schändlicher Laster, als Unzucht, Ehebruch und dergleichen fälschlich bezichtigen würde, wie würde sich dieselbe dann erst schämen!

Nun ist aber gewiß, daß kein Mensch jemals auf Erden gelebt hat, der ein solches Schamgefühl gehabt hätte, wie es jeder Sünder beim letzten Gerichte haben wird. Denn wenn jetzt auch sehr Viele auf Erden nicht sehr schamhaft, sondern unverschämt sind, so wird ihnen doch der strenge Richter durch seine göttliche Allmacht solche Schamhaftigkeit eingießen, wie man sich dieselbe jetzt nicht vorstellen kann. Er wird ihnen ihre äußerlichen und innerlichen Augen öffnen, daß sie nicht nur die schändliche Abscheulichkeit ihres nackten Leibes, sondern auch die abscheuliche Schändlichkeit ihrer sündhaften Seele, und die ganze ekelhafte Unflätigkeit aller begangenen Sünden klar sehen und erkennen werden. Hiebei wird sie dann eine so große Scham überfallen, daß, wenn sie noch sterblich wären, sie keinen Augenblick mehr würden leben können, sondern vor Scham des bittersten gähen Todes sterben müßten.

Nebst dieser unaussprechlichen Schamhaftigkeit wird ein jeder Verdammte noch eine neue Angst, und neue Schmerzen ausstehen müssen beim Anblicke des Angesichtes des erzürnten Richters und beim Anhören des schrecklichsten Verweises, den er ihm geben wird. Denn nachdem der Teufel alle Sünden des Einzelnen nacheinander aufgezählt, und der Schutzengel darüber Zeugniß abgelegt hat, wird der erzürnte Richter alle Heiligen, die neben ihm auf den Richterstühlen sitzen, fragen, was sie hierüber denken, und was für einer Strafe ein so gottloser Bösewicht würdig sei. Diese aber werden einhellig die gerechte Strafe über ihn aussprechen, und ihn der ewigen Verdammnis würdig erklären.

Darauf wird Christus den elenden Sünder mit einem solchen strafenden Blicke anschauen, daß der elende Mensch vor Schrecken und Angst, wenn´s möglich wäre, versinken müßte. Er wird ihm auch einen so schmerzhaften Verweis geben, daß er nicht wissen wird, wohin er schauen und sich verkriechen soll. Kurz, dieser Vorgang des Verdammten vor dem Richterstuhle Christi ist so schrecklich, daß wenn man auch sagt, was man immer wolle, und darüber schreibe, was man schreiben wolle, man dennoch nicht den tausendsten Theil von dem gesagt oder geschrieben hat, was da wirklich Statt findet, und was ein jeder Sünder und jede Sünderin da wird zu leiden haben.

Denn weil Gott in allen seinen Werken und Eigenschaften unendlich groß ist, so wird er auch hier seine Allmacht, seine Majestät, seine Strafgerechtigkeit in unendlicher Weise zeigen. So wie aber das, was unendlich ist, mit keinem Gedanken erfaßt, und mit keinen Worten beschrieben werden kann, so ist es auch nicht möglich, jene Schande und jene Angst und jenen Schmerz zu beschreiben, die jeder Sünder vor Christi Richterstuhl wird ausstehen müssen.

Nachdem der erzürnte Richter dem Sünder alle seine Sünden und Schandthaten und Ungerechtigkeiten vorgehalten und vorgeworfen hat, dann wird er den Fluch über ihn aussprechen und das Verdammungsurtheil über ihn fällen und mit einer Stimme, die ihm durch Mark und Bein gehen wird, zu ihm sprechen:

Gehe hinweg, du Vermaledeiter, in das ewige Feuer, welches bereitet ist dem Teufel und allen seinen Engeln. Denn du hast in deinem Leben nicht mir, sondern dem Satan gedient, darum sollst du nun auch in alle Ewigkeit nicht bei mir im Himmel, sondern bei ihm in der ewigen Verdammniß wohnen.“

Sobald Christus diese Worte ausgesprochen, wird aus jener Wolke, auf der sein göttlicher Thron ruhet, ein gewaltiger Blitz herausschlagen, und den verurtheilten Sünder samt dem Satan mit aller Gewalt zur Erde hinunterschlagen. Hierüber heißt es im Buche der Weisheit:

„Und sie fallen dann ehrlos darnieder, und sind in Schmach bei den Todten die Ewigkeit hindurch; ja er wird sie zerschmettern, die Aufgeblasenen, lautlos, und wird sie losrütteln aus den Fundamenten, uns bis auf das Letzte werden sie ausgerottet werden, dann werden sie sein in Wehen, und ihr Andenken ist dahin. Sie kommen verzagt zur Abrechnung ihrer Sünden, und ihre Missethaten werden sie überführen.“ (Kap. 4, 19).

Wenn dann der verfluchte Sünder auf jene schreckliche Weise vom göttlichen Richter verstoßen und hinabgeschleudert worden ist, dann wird er auf´s Neue zu jammern und zu heulen beginnen.

O wehe mir! o wehe mir! wird er rufen. So bin ich denn nun auf ewig verdammt! So muß ich denn nun wirklich ewig brennen im höllischen Feuer! So werden denn nun in alle Ewigkeit die Teufel und alle Verdammten meine Gesellschaft sein! O Ewigkeit! o Ewigkeit! so werde ich dann verdammt sein und bleiben, so lange Gott Gott sein wird. O wehe! wehe! und tausendmal wehe über mich ewig Unglücklichen!

Er wird Himmel und Erde um Barmherzigkeit anrufen, aber umsonst. Die Zeit der Barmherzigkeit ist vorüber und er hat sie nicht benützt, und so ist sie ewig vorüber. So wird er dann in rasende Verzweiflung fallen. Je mehr aber einer gesündigt hat, desto schrecklichere Vorwürfe wird er empfangen und desto strenger wird er dann gerichtet werden.

Hier bedenke ein wenig, wie es dann dem Pilatus ergehen werde, der Christum ungerecht verurtheilt; und dem Annas, und Kaiphas, welche ihn zum bittersten Tode gebracht haben. Ach! wie wird es den (Anmerkung ETIKA: richtiger und genauer wäre jenen) Juden ergehen, die Christus verspottet, verspieen, und mit Füßen getreten haben; und ach; wie wird´s den Heiden ergehen, welche Christum gegeißelt, gekrönet und gekreuziget haben.

Ach! wie wird´s den heidnischen Kaisern ergehen, welche die heiligen Apostel und Jünger Christi so grausam gemartert haben (Anmerkung: eine Antwort gibt Vicente F. Delmonte in seinem 2007 erschienen Roman „Jedem nach seinen Taten“ im Kapitel Zirkusnostalgie); und ach! wie wird´s jenen Tyrannen ergehen, welche so viel christliches unschuldiges Blut vergossen haben.

Ach! wie wird´s den Ketzern ergehen, welche den Glauben Christi verfälscht und seine heilige Kirche bekämpft haben.

Ach! wie wird´s den bösen Christen ergehen, welche den Namen Christi entehrt, und sein heil. Blut und die Sacramente gelästert haben.

Ach! wie wird´s Denen ergehen, welche durch ihr böses Beispiel, oder durch ihre süßen Worte Andere verführt, und zur Sünde gebracht haben.

Ach! wie wird´s den Aeltern ergehen, welche durch nachlässige Erziehung ihrer Kinder Ursache sind, daß diese verdammt worden sind.

Ach! wie wird´s allen Menschen ergehen, welche auf irgend eine Weise Ursache sind, daß eine Seele verloren gegangen, wofern sie diese Sünden nicht hinreichend abgebüßt, und den göttlichen Zorn versöhnt haben.

Denn an jenem Tage wird jeder arme Sünder, welcher durch Verführung eines Andern in die Hölle kommt, mit grausamer Stimme Rache wider jenen rufen, der Ursache an seiner Verdammniß ist. Alsdann werden wir alle mit unsern Ohren hören, wie manches Kind wider seine Aeltern klagend ausrufen wird:

„Gerechtester Richter! ich rufe Rache und Gerechtigkeit wider meine Aeltern, weil sie die einzige Ursache meiner ewigen Verdammniß sind. Hätten sie mich besser erzogen, hätten sie mich von den Sünden abgehalten, wären sie mir mit gutem Beispiele vorgegangen, so wäre ich nimmer in dieses große Elend gekommen.“

Ein Anderer wird sagen:

„Ich rufe Rache über meinen Beichtvater, weil dieser allein die Schuld an meinem Unheil trägt. Hätte er mich besser ermahnt, ernstlicher gestraft, und eifriger angetrieben, so wäre ich dem Teufel nimmer anheimgefallen.“

Ein Anderer wird sagen:

„Ich rufe Rache über meine bösen Kameraden, weil diese mich zur Sünde und Schande gebracht haben. Hätten diese mich nicht verführt, hätten sie mich nicht zur Sünde angereizt, hätten sie mich nicht vom Guten abgehalten, ich hätte mein Lebtag nimmer so viel Böses gethan, als ich nun leider begangen habe.“

Was meinst du, daß der Richter auf diese gerechten Klagen antworten werde? Willst du es wissen, so lese das 33. Kap. Ezechiels, wo es Gott schon vor zweitausend Jahren vorhergesagt hat. Dort heißt es nämlich, daß, wenn Einer, der die Pflicht dazu hat, einen Sünder nicht warnt, der Böses thut, und der Sünder in seinen Sünden stirbt, Gott das Blut des Sünders von der Hand des Andern fordern werde. Wenn also Derjenige in die Rache Gottes fällt, welcher einen Andern nicht von Sünden abgehalten hat, ach Gott! wie wird´s dann Dem ergehen, welcher einen Andern vom Guten abgeführt, und zu den Sünden angereizt hat. Ach! ach! wie wird´s jenem armen Menschen ergehen, der auf irgend eine Weise Ursache ist, daß eine Seele, die Christus mit seinem theuern Blute erkauft, dem Teufel anheimgefallen ist.

Endlich bedenke, wie es dir ergehen werde, o du armer Sünder oder Sünderin! die du dieses liesest, wenn unter andern die Reihe an dich kommen, und der Satan dich zum Richterstuhl Christi hinaufführen wird. Ach Gott! was für ein Schrecken wird dich erfassen, wenn der abscheuliche Höllenhund mit seinen spitzigen Klauen dich anpacken, und dich grimmiger Weise durch die Luft schleppen wird. Acht Gott! wie wirst du dann an Leib und Seele erzittern, wenn du so viel strenge Richter in höchster Majestät um den Thron Christi sitzen, und dich mit erzürnten Blicken wirst anschauen sehen! Ueber Alles aber wird dich das Angesicht Christi, und dein sündhaftes Gewissen so gewaltig erschrecken, daß dir alle Haare gen Berg stehen, alle Glieder erzittern, alles Geblüt erstarren, und alle Kräfte entfallen werden. Keine solche Angst und Noth hast du all dein Lebtag ausgestanden, und wirst auch in der zukünftigen langen Ewigkeit dergleichen nicht mehr auszustehen haben. Denn, was nur immer Erschreckliches gedacht werden kann, ist mit dieser Angst nicht zu vergleichen.

Gleich darauf wird dein allerärgster Feind, der höllische Satan, dem du jetzt so viel zu Liebe thust, anfangen, dich auf das Allerärgste zu verklagen, und alle deine Schandthaten vor aller Welt zu offenbaren. O du armer Sünder! wie wird dir alsdann zu Muthe sein? Wo willst du vor Scham deine Augen hinwenden, wenn alle heimlichen Sünden, die du dein Lebtag keinem Menschen gesagt, hier an den Tag kommen, und wenn dein höllischer Feind des Verklagens schier kein Ende machen will, nach dem Zeugniß des heil. Bernhard, der sagt:

„Du wirst angeklagt werden in vielen und großen Stücken, in vielen und unzählbaren Lastern; nicht allein in den großen, sondern auch in den kleinen, nicht in zweifelhaften, sondern in gewissen; nicht mit einer kurzen, sondern sehr langen Anklage, und zwar so lang, als lang dein Leben gewährt hat.“

·       Hier bedenke, o Sünder! was für eine Schande es für dich sein wird, wenn alle deine Gedanken, Worte und Werke, und auch alle Weise und Manier, auf welche du deine bösen Werke verrichtet hast, vor deinem Vater und deiner Mutter, vor deinen Freunden und Bekannten, vor Denen, welche so viel auf dich gehalten haben, ja vor aller Welt offenbar werden.

Es ist keine leibliche Pein der Hölle damit zu vergleichen, und kann sich auch kein Mensch, wenn er schon einen englischen Verstand hätte, diese Schmach vorstellen. Denn gleichwie du mit deinen Sünden Gott eine unendliche Schmach zugefügt hast, also wird dir auch Gott gleichsam eine unendliche Scham eingießen, und dich vor allen Engeln und Menschen so zu Schanden machen, daß du lieber tausendmal den Tod, als diese Schmach ausstehen wolltest.

Hierüber spricht der heil. Chrysostomus:

„Wenn jetzt alle deine Heimlichkeiten allen Menschen sollten offenbar werden, wie würdest du vor Scham bestehen können? Wolltest du nicht lieber von der Erde verschlungen, als vor so vielen Menschen beschämt werden? Was wird dir dann geschehen, wenn alle deine schändlichen Sünden auf einem so hohen Orte, vor so vielen bekannten und unbekannten Menschen an den Tag kommen werden? Fürwahr! du hast nicht so unsträflich gelebt, daß Nichts an dir zu tadeln wäre, sondern du hast so viele unnütze Dinge gethan und gedacht, daß du für alle Güter der Welt nicht haben wolltest, daß es alle Menschen wissen sollten. Ach! wie wirst du dich dann erst an jenem Tage schämen, wenn du allein vor dem strengen Richter im Angesichte so vieler Millionen Engel, Menschen und Teufel dastehen, und über alle deine Sünden verklagt werden wirst. Wo wirst du deine Augen hinwenden? Wie wirst du dich verhalten, während dir alle deine Schandthaten vorgehalten werden? Gott spricht hierüber durch den Propheten Nahum: „Siehe, ich bin wider dich, spricht der Herr der Heerschaaren, und werde aufdecken deine Scham vor deinem Angesichte, und zeigen allen Völkern deine Blöße, und Königreichen deine Schande“ (Kap. 3, 5).

Was Raths hier, o armer Sünder!? Was Raths, o arme Sünderin? Es gibt keinen andern und bessern Rath, als daß du

·       deine Sünden schmerzlich bereuest und darüber seufzest,

·       sie aufrichtig beichtest und

·       durch Bußwerke sühnest und

·       mit wahren Reuethaten abwaschest.

Denn alsdann werden sie am jüngsten Tage nicht mehr abscheulich, sondern gereiniget erscheinen, und dir nicht mehr zur Schande, sondern wegen der Bußwerke zur Ehre gereichen. Spreche daher oft mit möglichster Andacht folgendes

G e b e t .

O du gerechtester Richter, Christus Jesus! ich boshafter Sünder habe deine göttliche Majestät so vielmal, so schwer und so boshaft beleidiget, daß ich nicht weiß, wie ich es ganz bereuen soll. O mein Gott! was wird es für eine Schande sein, wenn alle meine Missethaten beim jüngsten Gerichte an den Tag kommen sollen. O mein Gott! was wird es für ein Gräuel sein, wenn alle Menschen meine schrecklichen Abscheulichkeiten mit Augen sehen werden, und wie werden sich alle Menschen, die mich jemals gekannt haben, an mir ärgern, wenn sie sehen und hören werden, wie viel hundert, ja wie viel tausend abscheuliche Sünden ich begangen habe. O wie werden sie mich verspotten und mich schelten! O wie werden sie mich verfluchen und vermaledeien! O wie werden sie sich verwundern und entsetzen und ausrufen:

O du schändlicher Bösewicht, sollten wir dies von dir gemeint haben? Sollten wir dies von dir geglaubt haben, als du dich für so fromm ausgabest, und so heilig und andächtig stelltest? O du gottloser Schalk! wie hast du uns betrogen! O du falscher Gleißner, wie hast du uns verführt!

Dies und Dergleichen werden alle meine Bekannten von mir sagen, und mit großem Abscheu mich verfluchen. O mein Gott! was Raths? O Christus Jesus! was Raths? Soll ich dich bitten, daß du mich nicht so beschämen lassest, so wäre ich ja sehr vermessen, weil ich ja durch meine Sünden diese Schmach und noch größere verdient habe. Denn weil ich deiner unendlichen Majestät mit einer jeden Sünde eine unendliche Schmach zugefügt habe, so ist es ja die höchste Billigkeit, daß du mich zur gerechten Rache unendlicher Weise beschämt und verachtet werden lässest.

Aber, o mein Gott, ich will mich von jetzt an ganz bekehren und eifrige Bußwerke verrichten, damit ich nicht ewig beschämt werde. Ich will machen, daß, wenn alle meine Sünden und Abscheulichkeiten vor allen Engeln und Menschen offenbar werden, auch meine Buße ihnen bekannt werde, die ich zur Genugthuung für dieselben auf mich genommen. O mein allbarmherziger Gott! so sei mir denn gnädig und verleihe mir deine Gnade, damit ich den gemachten Vorsatz auch in´s Werk zu setzen im Stande sein möge.      Amen.

 

In Originalschreibweise

Index 18 B ETIKA-Bibliothek