ETIKA

Pater Martin von Cochem

www.etika.com

18B18B2

Von den vier letzten Dingen

14.12.2011

Von der Auferstehung der Toten

S. 28-35
Teil II neu, rot

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von
Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage.
Landshut, 1859.
Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung.
(J. B. v. Zabuesnig.)

Von der Auferstehung der Todten.

Was im vorigen Kapitel gemeldet worden. Möchte vielleicht den Einen oder Andern wenig erschrecken, weil sich ein Jeder die Hoffnung macht, er werde jene Zeit nicht erleben, und glauben könnte, er brauche sich wenig darum zu kümmern, wenn auch die Zeichen vor dem jüngsten Tage erschrecklich sein werden, und könne Jene sich sorgen und kümmern lassen, welche zu jener Zeit leben würden. Wenn dich also, o verstockter Sünder! das nicht erschreckt, was jetzt gemeldet worden ist, so laß dich erschrecken durch das, was jetzt wird erklärt werden, weil dasselbe dich gewiß angeht, und du jedenfalls, wer du auch immer sein magst, dabei sein wirst. Darum lese es aufmerksam, und beherzige es wohl, damit du jetzt schon weißt, was dir künftig unfehlbar widerfahren wird.

Das Erste, was nach dem Ende der Welt geschehen wird, ist die allgemeine Auferstehung der Todten. Es ist dies ein freudiges, aber auch ein erschreckliches Geheimniß. Alle Menschen werden auferstehen, sie mögen sein, wer sie wollen, und gelebt haben, wann und wo sie wollen, auch sogar jene Kinder, welche gleichsam nur einen Augenblick im Mutterleibe gelebt haben.

Durch den Schall der Posaunen wird Gott alle Engel und Menschen, alle Seligen und Verdammten und alle Teufel zum allgemeinen Gerichte berufen lassen. Dies sagt Jesus Christus mit den Worten:

„Und er (der Menschensohn) wird seine Engel mit der Posaune senden, mit großem Schalle; und sie werden seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern zusammenbringen“ (Math. 24, 31).

Und der hl. Paulus schreibt:

„Siehe, ich sage euch ein Geheimniß: Wir werden zwar Alle auferstehen, aber wir werden nicht Alle verwandelt werden. Plötzlich in einem Augenblicke, auf den Schall der letzten Posaune (wird es geschehen); denn erschallen wird die Posaune, und die Todten werden unverweslich auferstehen“ (1. Kor. 15, 51).

Sobald die Erde wird verbrannt, und das Feuer ausgelöscht sein, wird Gott den Erzengel Michael mit einer gewaltigen Posaune senden, welcher so schrecklich, so mächtig, und so furchtbar blasen wird, daß der Posaunenschall durch übernatürliche Gewalt Himmel und Erde durchdringen, und bis in die Hölle hinunter gehört werden wird. Ja es wird dieser Posaunenschall so unnatürlich und entsetzlich sein, daß die Erde davon erzittern, und der Abgrund der Hölle erschüttert wird. Nebst dem heil. Michael werden auch viele andere Engel mit Posaunen an verschiedenen Orten der Welt so gewaltig blasen, daß ob diesem Tone alle Menschen in Schrecken gerathen. Das geht aus den Worten Christi hervor, der da spricht:

„Er wird seine Engel senden mit Posaunen etc.“

Dieser Posaunenschall wird mit durchdringendem Tone rufen:

Stehet auf ihr Todten und kommt zum Gericht! Stehet auf, ihr Todten und kommt zum Gericht! Stehet auf ihr Todten und kommt zum Gericht!

Dieser Ton wird immer mächtiger erschallen und alle Verstorbenen erschrecken, besonders aber die Verdammten in der Hölle mit furchtbarem Entsetzen ergreifen. Der Abgrund der Hölle wird bei diesem Tone sich öffnen, und alle Teufel und verdammten Menschen werden so heulen und wehklagen, so wüthen und toben, daß man meinen könnte, sie würden sich untereinander zerreißen und zerfetzen. O wehe! o wehe uns, O wehe, o wehe uns! werden sie rufen und schreien. Wie wollen wir vor dem Angesichte des erzürnten Richters bestehen können – und wie werden wir die grausame Schande und Pein, die er uns anthun wird, übertragen können? O, könnten wir nur in diesem stinkenden Kerker bleiben, wenn wir auch noch zehnmal mehr Peinen ausstehen müßten! Aber ihr Wünschen wird ganz umsonst sein, und sie werden allesammt, keinen einzigen Menschen noch Teufel ausgenommen, aus der Hölle hervorgehen müssen. Denn der gewaltige Posaunenschall, welcher immer schrecklicher ertönt, wird sie mit übernatürlicher Gewalt aus der Hölle treiben, und jede Seele an den Ort, wo ihr Körper liegt, hinjagen.

Während der englische Posaunenschall in aller Welt erklingt, wird die allgemeine Auferstehung geschehen, an einem Sonntage Morgens frühe. Alsdann werden die Schutzengel auf Geheiß Gottes allen Staub oder sonstigen Ueberbleibsel der menschlichen Leiber, welche hin und her zerstreut worden, zusammenbringen. Dies wird auf so wunderbare Weise geschehen, daß wenn auch der Leib von den Würmern, den Vögeln oder sonst gefressen worden, er dennoch dieselbe Substanz wieder erhält, die er früher besessen hatte.

Es wird also jeder Mensch eben denselben Leib, dasselbe Blut, dieselben Haare, dieselbe Gestalt, die er jetzt hat, wieder bekommen, damit derselbe Leib, mit dem der Mensch jetzt Gutes oder Böses thut, auch in Ewigkeit Gutes oder Böses empfange. Wenn nun jeder Schutzengel alle Theile jenes Leibes, welchen er zu versorgen gehabt, in kurzer Weile wird zusammen getragen haben, alsdann wird durch die Kraft Gottes der Staub in einem Augenblicke wieder zum menschlichen Leibe werden, und ganz unverwesen im Grabe liegen. Die Leiber der Frommen werden ganz schön, lieblich und wohlriechend sein, die Leiber der Verdammten werden ganz abscheulich, und erschrecklich aussehen  und furchtbar stinken.

O lieber Christ, der du dieses liesest, oder lesen hörst, ach betrachte doch mit mir, wie schrecklich dieser Tag der Auferstehung sein werde, und was für ein unergründlicher Jammer und Schrecken in aller Welt entstehen werde. Der allerletzte Tag der Welt, wovon im vorigen Kapitel gemeldet worden ist, war so erschrecklich, daß die Kräfte des Himmelsdarüber erzittert, und alle Elemente darüber zerschmolzen sind. Der jetzige Tag aber, welcher der erste in der Ewigkeit  (Anmerkung ETIKA: Bietet dies Anlass zu manchen Gedanken, die mit der gerechten Dauer des Fegfeuers zusammenhängen?) ist, ist so entsetzlich, daß kein Engel im Himmel ist, welcher seine Erschrecklichkeit genug beschreiben könnte. Höre, wie ihn der Prophet Sophonias (Anmerkung ETIKA: auch Zefanja) beschreibt:

„Nahe ist der Tag des Herrn, der große, nahe ist er und gar sehr beeilt; die Stimme des Tages des Herrn ist bitter, und alsdann wird selbst der Muthigste beängstigt werden. Ein Tag des Zornes – dieser Tag; ein Tag der Angst und Bangigkeit; ein Tag des Verderbens und des Elendes, ein Tag der Finsterniß und Dunkelheit; ein Tag des Nebels und des Sturmgewölkes; ein Tag der Posaune und des Schlachtrufes über die Städte und über die hohen Zinnen. Da bedränge ich die Menschen, daß sie dahinwandeln wie Blinde, weil an dem Herrn sie gesündigt. Auch ihr Silber und Gold wird sie nicht retten können an dem Tage des Zornes des Herrn“ (Kap. 1, 14-18).

Sind dies nicht erschreckliche Worte? Ist dies nicht eine klare und entsetzliche Beschreibung jenes schrecklichen Tages, wenn wir Alle wieder auferstehen werden? Von diesem Tage sagt die katholische Kirche in der Todtensequenz: Der Tag des Zorns, jener Tag wird die Welt in Asche verwandeln. Welcher Schrecken wird entstehen, wann der Richter kommen und alles streng durchforschen wird. Der wunderbare Schall der Posaune wird durch die Gräber aller Welten tönen, und Alle zwingen, vor dem Throne Gottes zu erscheinen.

Stelle dir nun vor, welch ein Jammer es sein wird an jenem Tage, wenn alle Menschen wieder lebendig werden, und aus ihren Gräbern hervorgehen. Der heilige Johannes sagt hierüber in der geheimen Offenbarung:

„Das Meer wird seine Todten, und Alle, die in ihm liegen, herausgeben, und der Todt und die Hölle werden ihre Todten, und Alle, die in ihnen begraben liegen, herausgeben“ (Kap. 20, 13). (Anmerkung ETIKA: Luther-Bibel, Stuttgart, 1987: Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren.)

Also alle, welche in dem Meere und in den Flüssen ertrunken sind, werden wieder lebendig aus denselben hervorgehen, und Alle, die auf den Kirchhöfen begraben sind, werden auferstehen, und Alle, die in der Hölle liegen, werden aus derselben hervorkommen. Es liegen nun aber auf manchem Kirchhofe viel tausend Menschen, ja es liegen in manchem Grabe wohl hundert begraben; diese werden alle auf demselben Kirchhof wieder lebendig werden, und aus denselben Gräbern wieder hervorgehen. Auch, wie grausenhaft wird es ausschauen, wenn auf jedem Kirchhofe so viel tausend Leute aus ihren Gräbern hervorkriechen, und sich dort zusammenstellen. Wie werden da die Auferstandenen auf einmal beim ersten Anblicke ihres Leibes erstaunen! Dieses Staunen wird aber nicht lange dauern, so wird es durch ein anderes verdrängt werden, wenn nämlich die Posaune sie zum Gerichte zitirt, indem sie ruft:

Stehet auf, ihr Todten und kommet zum Gericht! Stehet auf, ihr Todten und kommet zum Gericht!“

II

Der erste Schall der Posaune wird jeden Todten im ersten Augenblicke seines Lebens mit solchem Entsetzen ergreifen, daß, wenn er noch sterblich wäre, er vor Schrecken wieder zurückfallen, und des bittersten gähen Todes sterben würde. Denn sobald er merkt, daß der jüngste Tag da ist, und daß er darum wieder lebendig geworden, damit er vor aller Welt über sein ganzes Leben Rechenschaft geben soll, so wird er vom innersten Grunde seines Herzens erzittern. Je mehr er zu sich kommt, und je mehr ihm klar wird, welche strenge Rechenschaft er werde geben müssen, desto größeres Jammergeschrei wird er erheben.

Wenn nun so viele Tausende auf jedem Kirchhofe so weinen, rufen und heulen, ach Gott, was für ein jämmerliches Geschrei wird das sein? Gewiß ist dieser Tag, nach der Weissagung des Sophonias, ein Tag der Trübsal und Angst, ein Tag des Elendes und der Armseligkeit, und ein Tag des Weinens und Klagens, ja eines solchen Heulens und Klagens, dergleichen vom Anfang der Welt nicht gehört worden ist.

Beherzige dies doch einmal recht ernstlich, mein lieber Christ, und schlage den Gedanken daran nicht so leichtfertig in den Wind! denn es geht ja doch dies Alles dich selbst an, und so gewiß, als du jetzt lebest, so gewiß wirst du alsdann wieder anfangen zu leben. Bilde dir ein, wie du alsdann rufen und schreien, wie du alsdann zittern und zagen werdest.

Wenn du schon fromm bist, und in der Gnade Gottes stirbt, so bist du doch von diesem Jammer nicht ausgenommen, weil an diesem Tage auch die Frommen und Gerechten sich fürchten werden, nach dem Zeugnisse der Kirche, welche sagt: Was will ich Armseliger alsdann sagen? Wen will ich zum Fürsprecher anrufen, weil auch der Gerechte kaum sicher sein wird? Denn die Gerechten selbst werden sich von Herzen fürchten, sie möchten vielleicht vor dem strengen Gerichte nicht bestehen, weil sie wissen und bedenken, wie unergründlich streng das Gericht sein werde, und daß der gerechte Richter weder den Frommen noch den Gottlosen das Geringste übersehen, sondern Alles nach dem Maße der strengsten Gerechtigkeit beurtheilen werde.

Fürchten sich nun schon die Frommen und Gerechten so sehr, ach wie wirst du armer Sünder dich erst fürchten müssen, der du dein Lebtag so wenig Gutes, und so sehr viel Böses gethan hast?

Darum sieh zu, wie du dein sündiges Leben besserst, und den strengen Richter mit Bußwerken versöhnest. Damit du aber noch besser erkennest, wie es bei der Auferstehung zugeht, und es dir noch tiefer zu Herzen nehmen mögest, so wollen wir es noch etwas klarer beschreiben, wie erstens die Gerechten, und dann wie die Ungerechten auferstehen werden.

Durch den erschrecklichen Schall der Posaunen werden alle Seelen aus dem Himmel herabsteigen, und in Begleitung ihrer Schutzengel an jenen Ort, wo ihr Leib begraben liegt, sich verfügen. Alsdann werden alle Gräber offen stehen (Anmerkung ETIKA: natürlich auch die Urnengräber), und die Leiber unverwesen, jedoch todt in denselben liegen.

Eines jeden heiligen und frommen Menschen Leib wird im Grabe liegen, als wenn er schliefe, blühend, wie eine Rose, wohlriechend, wie eine Lilie, glänzend, wie ein Stern, schön, wie ein Engel, und an allen Gliedern ganz vollkommen und gesund.

Was meinst du nun, daß die Seele denken und sagen werde, wenn sie ihren Leib in solcher Schönheit vor sich wird liegen sehen.

Sei mir gegrüßt! o du mein gebenedeiter Leib, wird sie sprechen, vom Herzen erfreue ich mich, wieder zu dir zu kommen. O du meine geliebte Braut, wie bist du so schön, wie bist du so liebreich, wie bist du so wohlriechend? Darum komme zu mir, ich will dich umfangen und küssen, und zu einem ewigen Bunde mich mit dir vermählen.

Alsdann wird durch Gottes Kraft der Leib mit der Seele vereiniget, und in einem Augenblicke wieder lebendig werden.

O Gott! wie werden da Leib und Seele frohlocken und aufjubeln vor Freude, daß sie nunmehr wieder in so herrlichem Zustande vereinigt sind, nachdem sie beim Tode sich so schmerzlich von einander getrennt hatten. O wie freundlich werden sie sich begrüßen und umfangen! Alsdann wird die Seele zum Leibe sagen:

Sei mir willkommen, mein lieber Leib, mit innigstem Verlangen habe ich mich nach dir gesehnt und mit Begierde habe ich nach diesem Tage geseufzt. Ich bin schon so viele Jahre in der himmlischen Glorie gewesen, und nun will ich dich auch dahin führen, damit wir uns nun auf ewig mit einander erfreuen.

Der Leib aber wird antworten:

Sei auch du mir herzlich willkommen, meine liebe Seele! ich erfreue mich von Herzen, daß ich wieder bei dir bin. Je größer mein Leid war bei unsrer Trennung, desto größer ist nun meine Freude bei unsrer Wiedervereinigung.

Die Seele wird dann weiter zum Leibe sprechen:

„Glücklich bist du zu preisen, mein Leib, daß du mir so treulich gefolgt, und so willig alle Bußwerke verrichtet hast. Gebenedeit seien deine Augen, gebenedeit deine Ohren, gebenedeit sei dein Mund, und gebenedeit seien alle deine Glieder, weil sie sich vom Bösen enthalten, und sich dem Guten so treulich zugewendet haben! Ach nein! wird der Leib erwiedern, vielmehr du bist zu preisen, meine liebe Seele; denn du hast mich ja zum Guten angetrieben und verwendet und vom Bösen mich zurückgehalten Denn ich war ja zu allem Bösen geneigt, und hätte nimmer etwas Gutes gethan, wenn du nicht Tag und Nacht mich dazu angetrieben hättest. Weil du dieses so treulich gethan, und die Ursache meiner Seligkeit bist, darum lobe, preise und benedeie ich dich, und will dich loben, preisen und benedeien in alle Ewigkeit.

Also werden diese Beiden einander von ganzem Herzen glücklich preisen, und sich unaussprechlich mit einander erfreuen.

Der liebe Schutzengel, welcher bei einem jeden Seligen ist, wird ihm auch Glück wünschen, und sich mit ihm wegen seiner fröhlichen Auferstehung erfreuen. Auf diese Weise werden also überall, wo Leute begraben liegen, die Gerechten zuerst auferstehen, und mit ganz schönen, gesunden und wohlriechenden Leibern aus ihren Gräbern hervorgehen.

Daß dieselben vor den Verdammten auferstehen werden, bezeugen die Worte Christi:

„Verwundert euch nicht darüber, denn es kommt die Stunde, in welcher Alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Menschensohnes hören werden. Und die Gutes gethan haben, werden hervorgehen zur Auferstehung des Lebens; die aber Böses gethan haben, zur Auferstehung des Gerichtes“ (Joh. 5, 28).

Wenn nun auf jedem Kirchhofe so viele fromme Menschen, welche an einem Orte gewohnt, und einander gekannt haben, in einem Augenblicke wieder lebendig geworden, und auf einmal sich da bei einander sehen, so kannst du dir leicht denken, wie sie da staunen und sich verwundern, wie sehr sie sich miteinander freuen, wie herzlich sie sich begrüßen, wie innigst sie einander Glück wünschen werden. O, daß doch auch ich unter der Zahl jener so glücklichen sein möchte!

Nach der Auferstehung der Frommen wird alsbald die Auferstehung der Bösen folgen, aber auf eine ganz andere Weise. Auf jedem Kirchhofe werden alle jene verdammten Seelen zusammen kommen, deren elende Leiber daselbst begraben liegen. Zugleich mit denselben werden eben so viele Teufel kommen, und zwar jene Teufel, welche einer jeden Seele Tag und Nacht nachgegangen, und sie zur Verdammniß gebracht haben. Diese Teufel werden die Seele zu dem Grabe führen, worin ihr Leib liegt, und sie zwingen, denselben wieder anzunehmen.

Wenn nun aber die Seele ihren Leib erblicken wird, so wird sie vor dessen Abscheulichkeit so erschrecken, daß sie lieber wieder in den Abgrund der Hölle fahren, als in diesen Leib eingehen wollte. Eines jeden Verdammten Leib wird zwar alle Glieder haben, sogar wenn ihm Eines gemangelt hätte, würde es ersetzt werden; aber diese unseligen Leiber werden so abscheulich, so stinkend und ungestaltet sein, daß sie mehr den Teufeln als den Menschen gleichen. Wenn nun aber die verdammte Seele ihren verfluchten Leib in solcher Abscheulichkeit sehen wird, was meinst du, daß sie sich entsetzen, was meinst du, daß sie sagen werde?

O du in Ewigkeit vermaledeiter Leib, wird sie sagen, soll ich mich denn wieder mit dir vereinigen, da ich doch lieber in das giftigste und abscheulichste Thier eingehen wollte, als mich mit dir wieder zu vereinigen.

Sie wird sich auch nach aller Möglichkeit sperren und wehren, aber durch göttliche Gewalt gezwungen, muß sie ihren Leib wieder annehmen.

Sobald nun der Leib durch diese Vereinigung wieder lebendig geworden, und sich in so elender Gestalt befinden, und in Ewigkeit verdammt zu sein erkennen wird, o Gott! wer will aussprechen, ja wer vermags auch nur zu denken, wie sich da der Verdammte stellen wird? Er wird schreien:

O wehe mir! und in alle Ewigkeit wehe! Verflucht sei die Stunde, in der ich empfangen, und verflucht der Tag, an dem ich geboren worden!

Die Seele aber wird sagen:

O du vermaledeiter Leib, ich habe schon viele hundert Jahre in der Hölle gebrannt, und werde nun wieder mit dir hinunter müssen, ewiglich zu brennen! An allem diesem Unheile bist du allein Schuld, weil du mir nicht hast folgen wollen, wenn ich dir Gutes gerathen habe. Darum bist du verflucht, und wirst in alle Ewigkeit verflucht sein! Verflucht seien deine Augen, verflucht deine Ohren, verflucht sei dein Mund, verflucht seien deine Glieder, verflucht sei dein Herz, und verflucht sei Alles, was in und außer dir ist! O wehe mir armen Seele! O wehe mir und in alle Ewigkeit wehe! In dieses ewige Elend bringst du mich, o du verfluchter Leib, darum sei die Stunde und der Tag verflucht, an welchem ich das Erstemal mit dir verbunden worden.

Der Leib aber wird erwiedern:

O du vermaledeite Seele, wie darfst du mich verfluchen, da doch du an allem diesem Elende schuldig bist! Denn du hättest mich besser regieren, und vom Bösen abhalten sollen, weil du mir darum von Gott gegeben warst; du hast dich aber lieber mit mir an der Sünde ergötzen, als mit mir in Trauer leben wollen. Darum sei von mir und allen Teufeln in Ewigkeit vermaledeit, weil du mich und dich in die ewige Verdammniß gebracht hast! Verflucht sei dein Verstand, Gedächtniß und Wille, und verflucht seien alle deine Kräfte, Sinne und Anschläge! Denn nicht ich, sondern du bist meines Verderbens einzige Ursache, und um deinetwillen muß ich nun in alle Ewigkeit verdammt sein!

So werden also Leib und Seele einander grausam verwünschen, verfluchen und vermaledeien, und werden in alle Ewigkeit die allerärgsten, erbittertsten Feinde bleiben. Wenn Eins das Andere zerreißen könnte, würden sie es gern thun; und wenn Eines das Andere auf die grausamste Weise umbringen könnte, wäre es ihre größte Freude. Weil sie aber dies nicht thun können, sondern ewig beisammen bleiben müssen, so ist es ihnen bitterer, als die Hölle, und sie wollten lieber doppelte Pein ausstehen, wenn sie nur nicht beisammen sein müßten.

Auf diese Weise werden alle Leiber der Verdammten auf allen Kirchhöfen und Orten der Welt wieder lebendig werden, und aus ihren Gräbern auferstehen. Weil nun aber auf allen Kirchhöfen viel tausend Menschen begraben worden,  und unter diesen vielen tausend Menschen der größte Haufen verdammt sein wird, so stelle dir einmal vor, was für ein Jammer, was für ein Elend, was für ein Gräuel und was für ein Grausen auf allen Kirchhöfen sein werde.

Du möchtest vielleicht fragen, auf welche Weise mancher Kirchhof so viele Leute werde fassen können? Du sollst aber wissen, daß alsdann weder Haus noch Mauer, noch Berg mehr stehen werde, sondern Alles gleich und eben sein wird. Darum werden alle auferstandenen Menschen, sowohl die Frommen, als die Bösen, wohl Raum haben, um bei einander zu stehen.

Stelle dir nun auch vor, was wohl diese armen Menschen bei ihrer ersten Zusammenkunft sagen, und wie sie sich gegen einander verhalten werden. Es werden daselbst Männer und Weiber, Brüder und Schwestern, Aeltern und Kinder, ja lauter Verwandte und Bekannte beisammen stehen, welche in derselben Stadt oder im nämlichen Dorfe gewohnt, und einander von Kindheit auf gekannt haben. Sie werden aber alle nackt und bloß dastehen, und nicht einen Faden haben, ihre Blöße zu bedecken. Deßwegen werden sie sich unendlich vor einander schämen, besonders aber Diejenigen, welche mit einander gesündiget, und welche ihren Ehestand nicht nach Gebühr in Ehren gehalten haben.

Diese Scham wird durch Gottes Anordnung so groß sein, daß sie lieber in der Hölle brennen, als solche Schande ausstehen wollten. Sie werden auch allesamt so abscheulich riechen und stinken, daß sie vor unerträglichem Gestank verschmachten müßten, wenn sie noch sterblich wären. Ihre Leiber werden so häßlich, abscheulich und ungestaltet aussehen, daß Einem vor dem Andern wie vor dem höllischen Teufel grausen wird. Unter ihnen werden eben so viele leidige Teufel, als ihrer selbst sind, in allerhand abscheulichen Gestalten stehen, und sie durch ihre Grausamkeit noch heftiger erschrecken und zur noch größern Verzweiflung bringen.

Ach Gott! was für ein Jammer wird da sein! Ach Gott! ach Gott! was für ein unendliches Elend wird da zu sehen und zu hören sein! Gedenke, o armer Sünder! der du dieses liesest oder hörest, wenn du Einer aus der Zahl dieser Verdammten sein würdest, was du denken, was du sagen, was du klagen, was du thun, und wie du dich verhalten und stellen würdest. Sage, würdest du nicht rufen, heulen, schreien, weinen, seufzen, klagen, zittern und zagen, ja vor unaussprechlichem Herzeleide Löcher in die Erde graben, und dich in dein voriges Grab wieder verkriechen wollen. Würdest du dich nicht so furchtbar, so entsetzlich und so verzweifelt stellen, daß dein Herz im Leibe, wenn´s noch sterblich wäre, dir vor lauter Kümmerniß zerspringen müßte. Ach wie werden Mann und Weib, Bruder und Schwester, Verwandte und Bekannte sich beklagen und wie werden sie mit untröstlichem Herzenleide zu einander sagen:

Ach! Ach! was haben wir gethan! ach! ach! was haben wir gethan! O wehe uns Elenden! O wehe uns Elenden! Haben wir nun diesen Tag unserer unglücklichen Auferstehung erleben müssen, an dem wir nun ewiglich mit einander verdammt werden sollen. O wehe uns! Und abermals wehe! O wehe uns! und in alle Ewigkeit wehe! Ach wären wir doch nimmer geboren worden! Verflucht sei der Tag, an dem wir empfangen worden sind! Verflucht und vermaledeit sei die Stunde, in welcher wir zu Menschen geworden sind! Verflucht seist du mein Weib, weil du mich zur Sünde gebracht hast! Verflucht seid ihr meine Kinder, die ihr mich zur Verdammniß gebracht habt! Verflucht seid ihr meine Freunde und Bekannte, die ihr meines Unheils Ursache seid; und in alle Ewigkeit verflucht seid ihr Alle, die ihr mit mir gelebt und gesündiget habt!

Auf diese und dergleichen Weise werden die armen verdammten Sünder klagen, heulen und fluchen, und sich und Alle, die irgend eine Schuld an ihrem elenden Zustande tragen, verwünschen und vermaledeien.

Beherzige dies abermal, o elender Sünder, und laß dein verstocktes Herz dadurch erweicht werden! Wenn du über den Kirchhof gehest, besonders an dem Orte, wo du wohnhaft bist, so stelle dir vor, wie du über eine kurze Zeit daselbst wirst begraben werden, und wie du einstens daselbst wieder auferstehen wirst. Gedenke, wie du dann auf demselben Kirchhofe nackt und bloß unter dem großen Haufen der Todten stehen, und was du alsdann für ein elendes Geschrei führen, und wie erbärmlich du dich stellen werdest. Benütze dann die kurze Zeit, die du noch zu leben hast, so, daß du unter die Zahl der Seligen, und nicht unter dem großen Haufen der Vermaledeiten stehen könnest. So oft du über den Kirchhof gehest, so seufze aus der Tiefe deines Herzens, und sprich in deinem Herzen:

O allergütigster Herr Jesu! ich bitte dich durch dein bitteres Leiden und Sterben, und durch das jüngste Gericht, welches du über die ganze Welt halten wirst, verleihe mir die Gnade, so zu leben, daß ich eine fröhliche Auferstehung erlangen möge. Amen.

Ende des II. Kapitels

In Originalschreibweise meist sogar mit den Fehlern; aber nicht gescannt, sondern abgeschrieben.

Index 18 B ETIKA-Bibliothek