ETIKA

Pater Martin von Cochem

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18B18B7

Von den vier letzten Dingen

15.7.2012
S. Bonaventura

Wie Christus zu Gericht sitzen wird

S. 51-56

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage. Landshut, 1859. Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung. (J. B. v. Zabuesnig.)

VII. Kapitel
Wie Christus zu Gericht sitzen wird.

Lieber Leser, was jetzt hier beschrieben wird, das lese langsam und aufmerksam, und denke nicht, daß es eine fremde Sache sei, welche dich nicht angeht, sondern sei gewiß, daß du alles Dieses mit deinen leiblichen Augen sehen wirst, und zwar viel tausendmal schrecklicher, als ich es beschreiben kann. Nehme es daher wohl zu Herzen, und bedenke, wie dir zu Muth sein werde, wenn dieser Tag einmal anbricht.

Nachdem Christus auf den Wolken des Himmels, wie auf einem feurigen Wagen mit all der beschriebenen Macht und Herrlichkeit über dem Oelberge angekommen ist, dann wird er in der Luft, und zwar in solcher Höhe, daß er von allen Menschen mit leiblichen Augen gesehen werden kann, stille halten, bis die Engel die Gerichtsstühle in Ordnung gesetzt haben. Hierüber hatte der Prophet Daniel ein Gesicht, welches er mit den Worten ausspricht:

„Ich schaute bis daß Throne aufgestellt waren, und der Alte an Tagen sich gesetzt hatte; sein Gewand war weiß wie der Schnee und die Haare seines Hauptes gleich reiner Wolle; sein Thron Feuerflammen, dessen Räder lodernd Feuer. Ein Strom, feurig und reißend, ging aus vor seinem Antlitze, tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Hunderttausende umstanden ihn; das Gericht setzte sich, und die Bücher wurden aufgeschlagen“ (Kap. 7, 9. 10).

Daniel ward also im Geiste verzückt und sah, wie die höchsten Seraphine dem göttlichen Richter einen Thron auf den Wolken errichteten, und an beiden Seiten desselben noch andere Thronen. Denn zugleich mit Christus werden auch zu Gerichte sitzen seine glorwürdige Mutter und die heiligen Apostel. Dies hat ja Christus seinen Aposteln versprochen, indem er zu ihnen sagte:

„Wahrlich sag ich euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wann des Menschen Sohn auf dem Throne seiner Herrlichkeit sitzen wird, auch auf zwölf Thronen sitzen, und die zwölf Stämme Israels richten“ (Math. 19, 28).

Ja, es sagen die heiligen Väter, daß nicht allein die Apostel, sondern Alle, die um Christi willen Alles verlassen haben, und Christo auf dem Wege der Vollkommenheit nachgefolgt sind, mit ihm zu Gerichte sitzen werden. Es werden daher die heiligen Engel gar viele prächtige Thronen in einem Halbkreis zu beiden Seiten des Thrones Christi hinstellen, wodurch dieser Thron um so besser gesehen werden kann und um so herrlicher erscheint.

Wer aber wäre im Stande zu beschreiben, wie kostbar und herrlich der Thron Gottes sein wird? Im dritten Buche der Könige, Kap. 10, wird erzählt, welch herrlicher Thron von Elfenbein mit kostbarem Golde überzogen und mit wundersamen Verzierungen aller Art der König Salomon für sich habe machen lassen, und nach der Beschreibung desselben wird gesagt, eine solche Arbeit wäre noch nie gemacht worden in allen Königreichen der ganzen Welt. Wenn nun schon der Thron Salomons so kostbar und kunstreich war, wie prächtig wird dann erst der Thron des Königs aller Könige sein, auf dem er in seiner ganzen Herrlichkeit sitzen wird, um die ganze Welt zu richten! Christus selbst nennt Math. 25 diesen Thron den Thron seiner Majestät, auf dem er sich der ganzen Welt zeigen will in all seiner Macht und Herrlichkeit. Wie aber dieser Thron aussehen werde, hast du schon aus den oben angeführten Worten des Propheten Daniel vernommen: „Sein Thron war Feuerflammen, dessen Räder lodernd Feuer.“

Nachdem dieser göttliche Gerichtsthron sammt allen andern Richterstühlen auf den hellglänzenden Wolken wird zubereitet sein, dann wird der König der Glorie, Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, in Begleitung der Seraphine unter dem Schalle vieler Posaunen sich auf denselben niedersetzen. Dann wird auch die glorwürdigste Jungfrau Maria, die Königin des Himmels und der Erde, von den englischen Chören auf den ihr zur Rechten ihres Sohnes bereiteten Thron geführt werden und sich dort niedersetzen. Die englischen Chöre aber werden sich in Ordnung stellen, und auf beiden Seiten den göttlichen Thron umschweben.

Der Anblick des auf seinem Throne sitzenden Richters wird so ergreifend sein, daß außer Maria, der Mutter Jesu, alle Kreaturen, die Engel und Heiligen sowohl wie die Teufel und Verdammten, davor erzittern werden. Daß aber auch die Engel sich fürchten und erzittern werden, sagt der hl. Augustin, indem er spricht:

„Wenn Christus sagt, daß die Kräfte des Himmels erschüttert werden, so meint er damit auch die Engel; denn auch sie wird Furcht und Zittern ergreifen, weil das Gericht so schrecklich sein wird, daß es auch von den Engeln wird gefürchtet werden. Denn wie, wenn ein Fürst Gericht hält, sich nicht bloß die Verbrecher, sondern auch die Beamten wegen des erzürnten Angesichtes des Richters fürchten, so werden auch, wenn das menschliche Geschlecht wird gerichtet werden, sich die himmlischen Beamten entsetzen, und wegen der furchtbaren Zubereitung des Richters in schrecklicher Furcht erzittern.“

Mit diesen Worten des hl. Augustin stimmt auch überein der hl. Chrysostomus, indem er spricht:

„Alsdann wird Alles mit Staunen, Furcht und Schrecken erfüllt sein, da auch die Engel eine große Angst ergreifen wird. Ja nicht allein die Engel, sondern auch die Erzengel und Thronen, und Mächte der Himmel werden sich fürchten, weil ihre Mitdiener Rechenschaft geben müssen über Alles, was sie auf dieser Welt vollbracht haben.“

Eben auf solche Weise redet auch der heiligen Bonaventura, der heilige Thomas und der heiligen Ephrem sammt allen andern Auslegern der heiligen Schrift, welche einhellig dafür halten, daß auch die lieben Engel am jüngsten Tage in Angst und Schrecken gerathen werden.

Wenn nun aber nach Meinung der heiligen Väter alle Chöre der Engel wegen des erschrecklichen Anblickes des Richters sich fürchten werden, wie viel mehr werden dann die lieben Heiligen sich fürchten, welche vor dem Richterstuhle Christi erscheinen, und von allem ihrem Thun und Lassen scharfe Rechenschaft geben müssen. Im Buche Job c. 26, 11, lesen wir:

„Des Himmels Säulen zittern, und entsetzen sich bei seinem Drohen.“

Unter diesen Säulen des Himmels verstehen die Schriftausleger die Heiligen Gottes. Daß sich die Heiligen fürchten werden, geht klar aus den Worten der Offenbarung des hl. Johannes hervor. Nachdem der heil. Johannes beschrieben hat, wie ihm Christus als Richter erschienen, sagt er:

„Und als ich ihn gesehen hatte, fiel ich zu seinen Füßen, wie todt; und er legte seine Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht, ich bin der Erste und der Letzte“ (Kap. 1).

Wenn nun der geliebte Jünger Christi, der hl. Johannes, beim Anblicke seines geliebten Meisters, der dazu nicht gekommen, ihn zu richten, sondern zu trösten, so sehr erschrack, daß er wie todt niederfiel und vor Schrecken nicht eher aufstehen konnte, bis ihn Christus freundlich anredete und tröstete, wie werden sich dann wohl am jüngsten Gerichtstage die lieben Heiligen entsetzen, wenn sie Christus in einer weit schrecklichern Gestalt, als der hl. Johannes, sehen und vor ihm als ihrem rechtmäßigen Richter über ihr ganzes Leben werden Rechenschaft geben müssen! Gewiß wird alle Heiligen beim Anblicke des erzürnten Angesichtes Christi solche große Furcht befallen, daß sie, gleich wie es dem hl. Johannes widerfahren, vor Schrecken zu Boden fallen möchten.

Nun mache den Schluß, o armer Sünder! wie es dann erst den Verdammten ergehen werde, und dir, wenn du in ihrer unglückseligen Zahl dich befinden solltest, wenn schon die lieben Engel und Heiligen an jenem Tage bei der Ankunft des Richters von Herzen erschrecken werden. Ach, wer will´s aussprechen! ach, wer kann´s erfassen! was die leidigen Teufel sammt allen verfluchten Sündern alsdann für Angst und Schrecken überfallen werde, wenn sie den furchtbaren Richter auf dem Throne seiner Majestät sitzen sehen werden, welcher seinen Grimm über sie ausgießen, und sie alle in Ewigkeit verdammen wird? Es wird sie allesamt ein solcher übernatürlicher Schrecken auf einmal überfallen, daß sie an Leib und Seele erbeben wie das Laub an den Bäumen, wenn ein Sturmwind dadurch hinweht.

·       Sie werden sich noch um so viel mehr vor diesem erzürnten Angesichte Christi, als vor den allerschrecklichsten höllischen Gespenstern und teuflischen Gestalten entsetzen, als der Erschaffer dem Geschöpfe vorgeht, und als der göttliche gerechte Zorn für sie schrecklicher ist, als der Zorn der Teufel.

Kein menschlicher Verstand ist daher im Stande, den Schrecken der Verdammten zu begreifen, weil er alle Begriffe übersteigt. Wenn wir aber einmal dorthin kommen werden, alsdann werden wir erfahren, was ich jetzt nicht beschreiben kann, und werden empfinden, was wir uns jetzt nicht einmal vorstellen können.

Damit du dir aber einen kleinen Begriff davon machen kannst, wie sehr die Verdammten sich beim Anblicke des Richters entsetzen werden, so will ich dir noch anführen, wie die hl. Schrift den Anblick des Richters schildert. Erstlich spricht hierüber der hl. Johannes in seiner Offenbarung Kap. I:

„Ich sah den Menschensohn angethan mit einem langen Kleide und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel; sein Haupt und seine Haare waren weiß wie Wolle und Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen, und seine Füße glichen einem Messing, wie wenn es im Ofen glühte, und seine Stimme dem Rauschen vieler Wasser; und aus seinem Munde ging ein zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht war wie die Sonne, wenn sie leuchtet in ihrer Kraft.“

Und Kap. 19, 12. heißt es: „Und auf seinem Haupte waren viele Kronen. Er war angethan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war. Er tritt die Kelter des grimmigen Zornweines Gottes, des Allmächtigen. Auf seinem Kleide und seiner Hüfte ist geschrieben: König der Könige, und Herr der Herren.“

Stelle dir nun, mein lieber Christ, den hier geschilderten Anblick des göttlichen Richters recht lebhaft vor, und du wirst wohl leicht begreiflich finden, daß wir erschrecken werden, wenn wir ihn als unsern Richter sehen werden, und wenn sich erfüllt, was der Psalmist Ps. 49 sagt:

„Feuer lodert auf von seinem Angesichte, und rings um ihn ist heftiger Sturm. Er ruft den Himmel droben und die Erde, zu richten sein Volk.“ Und Ps. 96; „Feuer geht vor ihm her, und versengt ringsum seine Feinde. Seine Blitze leuchten auf dem Erdkreise; es schauet die Erde und erbebet. Berge schmelzen wie Wachs vor dem Angesichte des Herrn, vor dem Antlitze des Herrn die ganze Erde. Die Himmel verkünden seine Gerechtigkeit, und alle Völker schauen seine Herrlichkeit.“

Bedenke nun wie bei solchem Anblicke den Verdammten zu Muth sein wird. Ach! wie werden sie sich entsetzen, und erstarren vor Angst und Bangen. Sie wissen ja recht gut, welches ihr schreckliches Loos sein wird. Sie werden dann schreien:

„O ihr Berge fallet über uns; ihr Hügel bedecket uns!“

Ja, sie werden sich verkriechen wollen in den Erdboden, aber es wird ihnen nichts helfen. Das wird ein Zustand sein, für den es keinen menschlichen Begriff gibt.

Wann nun der Richter auf den Thron seiner Majestät sitzen wird, alsdann werden Alle, welche im Thale Josaphat gegenwärtig sind, Engel und Teufel, Selige und Verdammte, durch göttliche Kraft gezwungen, niederfallen und Christus anbeten müssen, wie der hl. Paulus im Briefe an die Römer Kap. 14, 10 schreibt:

„Wir alle werden stehen vor dem Richterstuhle Christi, denn es ist geschrieben: So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr, vor mir werden sich alle Knie beugen, und alle Zungen werden Gott bekennen.“

O Gott! welch ein Anblick wird es sein, wenn so viele hundert tausend Millionen Menschen und so viele tausend Millionen Teufel in sichtbarer Gestalt auf einmal plötzlich zu Boden fallen, und wider ihren eigenen Willen Christus werden anbeten, und für ihren wahren Gott und rechtmäßigen Richter anerkennen müssen. O Gott! wie werden die armen Teufel und Verdammten, auf ihren Knieen liegend, ihre Angesichter zur Erde niedersenken und sich nicht getrauen, ihre Augen zu erheben, und das erzürnte Angesichte des Richters anzuschauen. O wie werden sie heulen und brüllen, wie werden sie so voller unsäglicher Angst und Schrecken sein! Sie wollten gern in die Erde hineinkriechen, wenn es ihnen nur möglich wäre; ja sie wollten sich lieber in den allertiefsten höllischen Abgrund hinabstürzen, wenn sich die Erde nur unter ihren Füßen aufthun wollte. Aber da hilft Nichts; sie müssen das Gericht abwarten.

Hier bedenke, o armer Sünder! wie dir zu Muthe sein würde, wenn du unter der Zahl der armseligen Verdammten sein solltest, und wie du dich verhalten würdest, wenn du deinen erzürnten Richter in solcher Gestalt ansehen solltest. Ach Gott! was für Schrecken und Angst dich erfassen! Denn dieser Schrecken wird nicht natürlich, sondern ganz übernatürlich und über alle menschliche Kräfte sein, weil der höchste Gott durch seine unendliche Allmacht denselben so gewaltig in dir vermehren wird, daß dir nicht allein das Herz im Leibe mit aller Gewalt klopfen wird, sondern auch alle Haare gen Berg stehen, und alle Glieder gewaltthätiger Weise erzittern und erbeben werden.

Der hl. Vinzentius Ferrerius erzählt von einem ausgelassenen Jüngling, daß er einmal zu Nachts geträumt habe, er stehe vor dem Richterstuhle Gottes, und müsse über sein ausgelassenes Leben Rechenschaft ablegen. Dabei ergriff ihn nun ein solcher Schrecken, daß er am andern Morgen ganz grau geworden.  Wenn nun diesem Jüngling das jüngste Gericht solchen Schrecken verursachte, obwohl er es nur im Träume sah, daß seine Haare grau wurden, was wird dann wohl dir und mir widerfahren, wenn wir einmal wirklich mit Leib und Seele dem schrecklichen jüngsten Gericht beiwohnen, und mit unsern leiblichen Augen den erzürnten Richter sehen werden?

O glorwürdiger Beherrscher des Himmels und der Erde, Jesus Christus! mit tiefster Demuth und Ehrerbietung falle ich vor dir nieder; und im Namen aller Engel und Menschen, welche durch deine Allmacht am jüngsten Tage versammelt sein werden, bete ich dich an, verehre und benedeie ich dich! Ich erkenne und bekenne, daß du seiest der wahre allmächtige Sohn Gottes, welchem der ewige Vater Gewalt gegeben hat, zu richten die Lebendigen und die Todten. Deßwegen falle ich jetzt willig vor dir nieder, gleichwie ich an jenem Tage mit allen Engeln, Menschen und Teufeln, durch deine Allmacht genöthigt,  vor dir als meinem wahren Richter werde niederfallen müssen. Mit tausendmal größerer Ehrfurcht, als ich dich alsdann anbeten werde, wünsche ich dich jetzt anzubeten, und mich aus wahrer Ehrerbietung vor dir meinem Gott bis in den Abgrund der tiefsten Demuth zu versenken.

In diesem Abgrunde meiner Nichtigkeit liegend, rufe ich zu dir in den höchsten Himmel hinauf, und bitte mit reuevollem Herzen um ein gnädiges Urtheil.

O gerechter Richter, Christus Jesus! schaue von deinem göttlichen Throne auf mich armen, bis in den Abgrund gedemüthigten Sünder gnädigst herab, und um deiner unendlichen Barmherzigkeit willen lasse mir Barmherzigkeit zu Theil werden! Jetzt in der Zeit der Gnaden bitte ich um Gnade, damit ich in jener Zeit der strengsten Gerechtigkeit nicht möge verdammt werden. Ich weiß, daß ich vor deinem strengen Gerichte nicht werde bestehen können, da deine Gerechtigkeit mich zur ewigen Verdammniß verurtheilen müßte; doch weiß ich auch, daß, wenn ein Sünder zur Zeit der Gnade mit wahrer Reue um Erbarmen fleht, du ihm dieselbe nicht versagen könnest noch wollest. Deßwegen bitte ich vom Grunde meines Herzens mit aller Demuth und Barmherzigkeit, und um deines bittern Leidens willen um Verzeihung meiner Sünden, und um ein gnädiges Urtheil zum ewigen Leben an jenem großen Tage des Gerichtes.   Amen.

In Originalschreibweise

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