ETIKA

Pater Martin von Cochem

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18B18B8

Von den vier letzten Dingen

16.7.2012

Christus am Gerichtstag; Schwere einer Todsünde

S. 56-62

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage. Landshut, 1859. Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung. (J. B. v. Zabuesnig.)

VIII. Kapitel
Warum Christus am Gerichtstage so erschrecklich erscheinen werde;
und von der Schwere einer Todsünde.

Damit nicht irgend Einer meine, es wäre zu viel und zu hart, daß Christus sich nicht bloß den Verdammten, sondern auch den Gerechten in so schreckbarer Gestalt zeige, so will ich hier einige Ursachen anführen, aus denen Jeder wird erkennen können, daß er nicht zu viel thue. Obschon dieser Ursachen viele sind, ja ich möchte sagen, unzählige, so ist doch die wichtigste unter allen die, weil seiner Gottheit durch die vielen Sünden so große Schmach und Unbild zugefügt worden.

Es lehren die Theologen, daß jede Todsünde ein unendliches Uebel in sich begreife, und eine unendliche Schmach zufüge. Wie groß diese Schmach sei, kann keine menschliche Zunge erklären, noch der allerscharfsinnigste Verstand begreifen. Denn weil diese Schmach unendlich ist, so kann sie mit menschlichen Worten, die ja immer endlich bleiben, niemals vollständig erklärt werden. Sie ist größer, als alle menschliche Worte ausdrücken, größer, als alle menschliche Begriffe erfassen können. Ja, wenn ein Engel jetzt anfangen wollte, zu erklären, wie sehr eine Todsünde Gott mißfällt, und welche große Schmach, Schande und Unehre sie ihm zufügt, so würde er mit seiner Erklärung doch in Ewigkeit nicht fertig werden.

Wenn dem nun so ist, woran Niemand zweifeln kann, was für eine unergründliche Bosheit muß dann in einer Todsünde liegen, und was für eine abscheuliche That muß sie dann wohl sein! O mein Gott! welch ein Schmerz muß es dann für dein göttliches Herz sein, wenn eine Todsünde begangen wird. Wie muß sich daher dein göttliches Herz gegen einen Menschen erzürnen, der so eine That zu vollbringen wagt!

Ja es treibt Gott seine Gerechtigkeit an, daß er einen solchen Menschen, welcher eine Todsünde begangen, in demselben Augenblicke mit Leib und Seele dem leidigen Teufel übergebe, und in alle Ewigkeit auf das Allergrausamste peinigen, martern und tormentiren lasse. Damit du aber noch etwas klarer erkennest, wie gerecht dieser Zorn Gottes sei, so muß ich dir etwas deutlicher erklären, wie große Schmach ein jeder Sünder durch eine Todsünde Gott zufüge.

Bilde dir ein, als ob du auf einer Seite die drei göttlichen Personen mit allen Schätzen und Gnaden der Glorie stehen, auf der andern Seite aber den leidigen Teufel mit allen höllischen Strafen und Peinen liegen sähest. In der Mitte aber stünde ein Mensch, sich bedenkend, ob er eine Sünde oder Anfechtung wolle ausschlagen, und dadurch Gott eine unendliche Ehre erzeigen; oder aber ob er in die Sünde einwilligen, und dadurch den Teufel erfreuen, und die ewige Verdammniß verschulden wolle. Williget er nun in die Anfechtung, und begehet die Sünde, so verübt er eine so schreckliche Missethat, daß die Himmel darob erzittern und die Erde sich entsetzen möchte. Denn er thut vor Gott eben so viel, und Gott nimmt´s auch eben auf solche Weise an, als wenn er wirklich diese oder dergleichen gotteslästerliche Worte spräche.

Hörst du, o Gott! ich glaube zwar, daß mich deine Allmacht erschaffen, deine Barmherzigkeit erlöset, deine Gütigkeit zum Kinde angenommen, deine Weisheit regiert, deine Treue bewahrt, und deine Freigebigkeit mir das ewige Leben versprochen habe; hingegen weiß ich auch, daß dieser leidige Satan, dein und mein Hauptfeind, bereit ist, mich alles Guten zu berauben, alle Augenblicke zu erwürgen, in die ewige Verdammniß zu stürzen, und mich dort mit Feuer, Schwefel und Pech und mit allen höllischen Peinen und Tormenten ewiglich zu martern.

Dies Alles weiß und glaube ich fest, und habe es von Andern vielmal gehört und erfahren. Dennoch, weil der Satan mich jetzt anficht, mir einen unkeuschen, rachgierigen, neidigen, boshaften Gedanken eingibt, so ist es mir viel lieber, mich bei diesem Gedanken zu belustigen, und dadurch die ewige Strafe zu verschulden, als den Gedanken ausschlagend den Himmel sammt allen geistlichen Gütern zu verdienen. Ich wende mich daher freiwillig von dir ab, o Gott! und kehre mich dem leidigen Teufel zu und es ist mir viel lieber, ihm, als dir die Ehre zu geben.

Ob du mir schon, o Gott! den Himmel verheißest, und ich vom Teufel nur die Hölle zu erwarten habe; ob du mir schon deine Gnade versprichst, und der Teufel nur seinen Fluch für mich hat; ob du mir schon deine Liebe anbietest, und ich vom Teufel nur Haß erfahren werde; obschon du mir ewige Wonne geben willst, und der Teufel nur ewige Pein: so ist mir doch die Lust des Bösen lieber, als alle Lust des Himmels. Auch achte ich es für ein größeres Gut, die Sünde zu begehen, als die Ruhe meines Gewissens zu behalten. Deßwegen verlasse ich dich, o Gott; ich verstosse dich, o Gott! dem Teufel aber übergebe ich mich, dem Teufel unterwerfe ich mich, dem Teufel schenke ich mich mit Leib und Seele.

Obschon du mein Gott und mein Herr bist; obschon du die Sünde so strenge verbietest; ob du schon durch die Sünde unendlicher Weise erzürnt wirst; so achte ich darauf nichts und bin bereit, dir diese unendliche Schmach zuzufügen, ja, wenn ich es vermöchte, so würde ich dich blind machen, damit du meine Sünde nicht sähest; ich würde dir deine Weisheit nehmen, damit du sie nicht strafen könntest; ich würde dir deine Heiligkeit nehmen, damit du sie gutheißen müßtest. Ja ich wollte den Teufel sammt allen Verdammten wider dich anreizen, daß sie dich von deinem himmlischen Thron herabstossen, und deiner Gottheit berauben möchten. Alsdann wollte ich meine Sünde auf deinen Thron setzen, und dieselbe für meinen Gott anbeten; dieselbe wollte ich lieben, derselben genießen, und in derselben mich ewig belustigen.

Sind das nicht schreckliche Worte! Sind dies nicht die allergrausamsten Gotteslästerungen! Und dennoch thut dies ein jeder Sünder, der in eine Todsünde williget, oder dieselbe in der That vollbringt. Obschon er diese giftigen Worte nicht mit dem Munde spricht, so thut er´s doch im Werke, und Gott nimmt es eben so auf, und geschieht ihm eben so große Unehre, als wenn er dieses Alles wirklich vollbrächte, oder mit dem Munde ausspräche.

Hieraus kannst du nun doch einigermaßen erkennen, was für eine Bosheit in einer jeden Todsünde liegt, und was für eine grausame Schmach der Sünder Gott zufüge, der eine Todsünde begeht. Aber hierbei bleibt´s noch nicht, sondern noch viel höher steigt die Bosheit eines solchen gottlosen Sünders. Denn neben der Verachtung Gottes des Vaters, verachtet er auch den Sohn, und spricht bei der Ausübung seiner Sünde gleichsam zu ihm:

Du, o Christus! bist zwar für mich Mensch geworden, du hast mich drei und dreißig Jahre als ein verlornes Schaf gesucht; hast für mich Hunger, Durst, Hitze, Kälte und alles Uebel gelitten; ‒ der leidige Satan aber hat nicht nur nichts Dergleichen für mich gethan, sondern gehet mir auch Tag und Nacht nach, mich zu verfolgen, zu verderben, und zu verschlingen; dennoch will ich lieber in die Sünde willigen, und ihm den größten Wohlgefallen thun, als dieselbe ausschlagen, und dich sammt allen Engeln erfreuen.

Du, o Christus! bist um meinetwillen mit Füßen getreten, mit Speichel beschmutzt, mit Geißeln zerfetzet, mit Dörnern gekrönet, mit Nägeln angeheftet, und mit der allerbittersten Marter getödtet worden; aber dennoch achte ich dies Alles nicht, und erweise dir keinen Dank dafür; ja obschon ich weiß, daß ich dich mit meiner Sünde noch einmal geistlicher Weise martere, so will ich dennoch dieselbe thun, und dich auf ein Neues geißeln, kreuzigen und tödten. Ich will dich auf ein Neues zu Boden werfen, mit Füßen treten, mit den Haaren schleifen, mit Speichel verunstalten, deine Wunden erneuern, und dein heiliges Blut mit Füßen treten. Hingegen will ich den leidigen Satan an deiner Statt ehren, seinen Willen erfüllen, seiner Eingebung folgen, und ihm wie meinem liebsten Freunde, die höchste Liebe und Freude verursachen.

Sind dies nicht abermals gotteslästerliche Worte? Ist dies nicht die höchste Undankbarkeit eines Sünders gegen seinen Erlöser und Seligmacher. Wer sollte meinen, daß es einen Christen auf Erden gäbe, der seinem getreuesten Heiland solche Untreue erweisen, und solche Schmach anthun und solche Undankbarkeit erzeigen könnte? Und doch gibt es derer viele Tausend, welche diese Schmachworte, wenn auch nicht mit Worten, doch durch die That, aussprechen.

Drittens wendet sich der vermessene Sünder auch zum heiligen Geist, und lästert ihn im Werke, als wenn er mit Worten zu ihm spräche:

Du, o heiliger Geist, hast zwar meine Seele geheiliget, sie mit dem Blute Christi abgewaschen, mit deinen Gnaden geziert, mit den heiligen Sacramenten gespeiset, mit deinen Einsprechungen zum Guten ermahnt, mit deiner Gottheit bewohnet und sie zu deiner lieben Braut auserwählet, ja du bittest mich noch in diesem Augenblicke, daß ich deiner und meiner schonen, und in die Sünde nicht einwilligen solle. Aber ich achte alle deine Ermahnungen nicht, ich achte deine Wohlthaten nicht, ich achte deine treuherzige Liebe nicht, sondern will freiwillig in die Sünde einwilligen, will dich aus meinem Herzen treiben, weil meine Seele mit dem Aussatze schlagen, vergiften, mit teuflischem Koth besudeln, zum Gräuel Gottes und aller Heiligen machen, und sie dem leidigen Satan zu einer Braut übergeben, das Ebenbild Gottes besudeln, deine göttlichen Gaben mit Füßen treten, dich auf´s Höchste beleidigen und betrüben, und aus lauter Bosheit, gleichwie die Juden und Heiden gethan, einen grausam Gottesmord begehen.

Ich weiß, daß deine heilmachende Gnade so kostbar ist, daß auch der geringste Theil derselben mehr werth ist, als ganze Berge von Gold und Silber; und dennoch ist mir eine augenblickliche Wollust viel lieber, als alle Stufen deiner Gnade, so du mir bisher gegeben. Ich weiß, daß deine heiligmachende Gnade so vortrefflich ist, daß Christus dieselbe wie einen verlorenen Edelstein drei und dreißig Jahre lang gesucht, in dem tiefen Meer seines bittern Leidens gefunden, mit seinem Blut abgewaschen, und uns Menschen in der heiligen Taufe geschenkt hat; aber dennoch achte ich dieses so kostbare Kleinod viel weniger als meine Sünde, und damit ich mich an derselben belustigen könne, bin ich sogar bereit, dasselbe vor die Säue zu werfen, mit Koth zu besudeln, mit Füßen zu treten, und ganz und gar zu vernichten.

Ich weiß, daß deine heiligmachende Gnade so edel ist, daß eine jede Seele, welche dieselbe besitzt, eine Tochter Gottes des Vaters, eine Schwester Gottes des Sohnes, eine Braut des heiligen Geistes, ein Thron der hochheiligen Dreifaltigkeit, ein Tempel Gottes, eine Erbin der ewigen Seligkeit, und eine Freundin aller Engel und Heiligen ist; und dennoch schätze ich alle diese Vortrefflichkeiten weniger, als die geringe Freude, welche ich bei der Erfüllung meines Willens empfinde. Damit ich diese Belustigung genießen könne, so sage ich hiemit aller Freundschaft Gottes, und aller Heiligen ab, und mache mich freiwillig zur Ehebrecherin des Teufels und aller höllischen Geister.

Siehst du nun, o Sünder! wie schrecklich eine Sünde ist? Siehst du nun, wie erschrecklich die Bosheit des Sünders ist? Siehst du nun, wie unendlich die Schmach und Verachtung Gottes ist? Meinst du nun noch nicht, daß Gott billige Ursache habe, unendlicher Weise über die Sünde zu zürnen und den Sünder mit seiner Sünde ewiglich zu vermaledeien? Denn wenn schon eine einzige Todsünde Gott eine so große Schmach zufügt, o was für furchtbare Schmach werden ihm dann so viele hunderttausend Todsünden zufügen! Es sind vom Anfang der Welt viel hunderttausend Millionen Todsünden geschehen, und es geschehen gewiß noch alle Tage und Nacht in der weiten Welt mehr als zehnmal hunderttausend erschreckliche Todsünden; ja es vergeht wohl kein Augenblick, in welchem nicht die Todsünden zu Hunderten geschehen, und sowohl von Christen, als von den Juden und Heiden begangen werden.

Wenn nun schon eine einzige Todsünde Gott unendlicher Weise erzürnt, ach wie heftig, ach wie schrecklich, ach wie unergründlich werden dann so viel hunderttausend, ja viel tausendmal tausend Millionen Todsünden den gerechten Gott erzürnet, beleidiget und betrübt haben! Ach wie viele schreckliche Unehren, Schmach, Verachtungen, Unbilden und Ungerechtigkeiten werden sie ihm wohl zugefügt haben! All dieser Zorn, Haß, Rache, Unbild und Schmach, die sich vom Anfang der Welt im Herzen Gottes gesammelt, und täglich unglaublicher Weise vermehrt haben, liegen noch in demselben Herzen versammelt, und vermehren sich noch mit jedem Tage, bis der Zorn der göttlichen Strafgerechtigkeit sich endlich ergießt.

Diese endliche und vollkommene Ausgießung des Zornes Gottes wird nicht eher geschehen, als bis auf den jüngsten Tag, weil jetzt das Opfer der heiligen Messe und die große Fürbitte der lieben Heiligen denselben noch zurückhalten. Wenn er nun aber am jüngsten Tage so groß sein wird, daß er nicht mehr einzuhalten ist, so kannst du dir denken, daß der volle Ausbruch furchtbar sein wird.

·       Der Zorn Gottes ist nicht geringer, als die Barmherzigkeit Gottes, sondern gleichwie die Barmherzigkeit Gottes unendlich ist, so ist auch der Zorn unendlich.

Wenn nun der gerechte Gott an jenem Tage diesen seinen unendlichen Zorn auf einmal über die verfluchten Sünder ausgießen wird, ach! wer will´s begreifen können, wie furchtbar und schrecklich das sein wird! Der Psalmist spricht (Ps. 89.):

„Wer kennet deines Zornes Stärke, und mag aus Furcht vor dir deinen Grimm bemessen?“

Ach weder der (sic) Cherubim noch die Seraphim, noch alle himmlischen Kräfte erkennen völlig die Stärke dieses unendlichen göttlichen Zorns, vielweniger können sie vor Furcht auch nur den kleinsten Theil desselben aussprechen. Aber am jüngsten Tage werden wir Alle denselben, so viel uns zu fassen möglich ist, mit unsern Augen sehen, und zu unserm größten Herzenleid in der That erfahren.

O wehe alsdann uns Armen! O wehe alsdann uns elenden Sündern! Alsdann werden wir erst recht erkennen, was wir gethan, und wie schrecklich wir die allerhöchste Majestät mit unsern schweren Sünden beleidiget haben. Alsdann werden wir mit Zittern an Leib und Seele erfahren, wie der brennende göttliche Zorn aus dem Herzen Jesu Christi mit unendlicher Gewalt ausbrechen, und nicht anders als wie ein entzündeter feuriger Fluß sich über uns arme Sünder ausgießen werde.

Dieser Zorn Gottes wird so unendlich groß sein, daß weder die Mutter Gottes, noch alle Engel und Heiligen zusammen denselben auch nur im Geringsten werden mildern oder einhalten (Anm.: aufhalten) können, sondern er wird dann ohne alle Barmherzigkeit Allen nach dem Maaße der strengsten Gerechtigkeit vergelten, einem Jeden nach dem Maße seiner Sünden.

Höre, was der gerechte Richter selbst von seinem Zorne durch den Propheten Ezechiel redet:

„Du Menschensohn, jetzt kommt das Ende über dich, und ich entfeßle meinen Grimm gegen dich, und halte Gericht über dich gemäß deiner Wege, und stelle dir gegenüber alle deine Gräuel. Und nicht wird mein Auge deiner schonen, und ich werde mich nicht erbarmen, sondern will dich verurtheilen nach deinen Missethaten, und deine Gräuel sollen mitten unter dir sein, damit ihr erkennet, daß ich der Herr bin“ (Kap. 7.).

Sind das nicht furchtbare Worte? Ist das nicht eine schreckliche Drohung? Und sie wird gewiß in Erfüllung gehen; denn Gottes wahrhaftiger Mund hat sie gesprochen.

Ach wehe dir, o armer Sünder! Ach wehe dir, o arme Sünderin! Wie wird dir´s doch gehen, wenn der erzürnte Richter allen seinen Zorn über dich ausgießen wird! Wie wirst du bestehen, wenn der strenge Richter dich im Geringsten nicht schonen, noch die geringste Barmherzigkeit erzeigen wird! Ach, ach! was für ein Jammer wird das werden! Ach Gott! was für ein strenges Gericht wird das sein! O wehe dir! O wehe dir! Was willst du thun, was willst du beginnen? Ich weiß keinen bessern Rath für dich, als daß du von deinen Sünden abstehest, und während deines Lebens noch deinen erzürnten Richter versöhnst. Wirf dich jetzt demüthig zu seinen Füßen, und klage dich selbst an wegen deinen begangenen Sünden! Erwecke eine herzliche Reue über dieselben, und sprich von Grund des Herzens:

O du gerechter Richter der Lebendigen und Todten, Christus Jesus! ich schäme mich, meine Augen zu dir zu erheben, und deinen heiligen Namen mit meinem lasterhaften Munde auszusprechen. Ich habe mich so gröblich wider dich versündiget, daß kein Mensch noch Engel meine Bosheit genug erklären kann. Ich habe deinen himmlischen Vater geschändet und gelästert; ich habe dich meinen Erlöser auf ein Neues gegeißelt und gekreuziget; ich habe den lieben heiligen Geist betrübt und beleidiget. Ich habe dein heiliges Blut mit Füßen getreten; ich habe dein göttliches Ebenbild in mir ausgelöscht, und deine kostbarliche Gnade weniger geachtet, als das geringste Ding der Welt. Ich habe meine Seele zur Braut des Todes gemacht; ich habe deine treuen Ermahnungen in den Wind geschlagen; habe der ganzen heiligen Dreifaltigkeit unendliche Schmach und Unbilden zugefügt. O Gott! was habe ich gethan! O mein Gott! was habe ich gethan!

Ich habe dir, meinem allergütigsten Gott, so viel Untreuer erwiesen, und so viele schreckliche Schmach zugefügt, daß Himmel und Erde darüber erzittern möchten. Denn wenn eine jede Todsünde eine solche unergründliche, erschreckliche und unendliche Verachtung deiner göttlichen Majestät in sich begreift, wie ich allbereits mit Schrecken meines Herzens vernommen habe; ach wie vielfältige, ach wie schreckliche, ach wie viele unsägliche Schmach habe ich dir alsdann zugefügt, der ich mehr als tausend schandvolle, ja teuflische Missethaten aus lauter Bosheit begangen habe.

O Gott! ich bin nicht nur einer, sondern tausend Höllen würdig. Ich bin nicht nur einer geringen, sondern der allerstrengsten Strafen würdig. Ich bin wahrhaftig nicht deiner Gnaden, sondern deines strengen Gerichts würdig.

·       Ich darf nicht sagen: o Gott erbarme dich meiner, sondern muß sagen: o Gott strafe mich teuflischen Sünder, und verfahre mit mir nach deiner allerstrengsten Gerechtigkeit!

·       Füge mir so viel Leids zu, als ich dir Leids zugefügt habe, und strafe mich nach allem Grimme deines Herzens.

·       Strafe mich aber hier, und nicht dort, und richte mich jetzt, und nicht nach meinem Tode! * Denn jetzt ist deine Strafe noch zu meinem Heile, zu meiner Besserung, und dein Zorn noch leicht zu versöhnen. Darum züchtige mich jetzt, schneide und brenne jetzt, damit du einst an jenem Schreckenstage meiner schonest, und mich deinen lieben Auserwählten zugesellen mögest.      Amen.

 

 

Anmerkung ETIKA: Dasselbe haben wir kürzlich in einem Gedicht ausgedrückt, und das Gewünschte ist eingetreten – eine individuelle Apokalypse im Kleinen scheint sich anzubahnen. Möge der Herr uns noch ein paar wichtige Aufgaben erledigen lassen und uns dann hinwegnehmen!

In Originalschreibweise

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