ETIKA

Pater Martin von Cochem

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Von den vier letzten Dingen

18.5.2013

18B18C10

Von den Peinen des Gewissens

S. 161-174
Missbrauch von Phantasie, Verstand und freiem Willen

Von den
vier letzten Dingen,
dem Tode, dem Gerichte, der Hölle und dem Himmelreiche,
von Pater Martin von Cochem.
Neue umgearbeitete Auflage. Landshut, 1859. Druck und Verlag der Joseph Thomann´schen Buchhandlung. (J. B. v. Zabuesnig.)

Von der Hölle.

X. Kapitel.

Von den Peinen des Gewissens.

Es ist nun noch übrig, von der dritten Art der höllischen Peinen Einiges zu melden, nämlich von den Peinen des Gewissens. Mit dieser Pein sind zugleich die Peinen aller Kräfte der menschlichen Seele verbunden, welche der Sünder während seines irdischen Lebens zur Unterdrückung seines Gewissens mißbraucht hat.

Diese Pein ist aber so groß, daß sie nicht mit menschlichen Worten kann beschrieben werden. So wie am Leibe der Verdammten immerdar die Gluten des höllischen Feuers brennen und fressen, so nagt und frißt an ihrer Seele immerfort der Wurm des Gewissens, der niemals stirbt. Von diesem Wurme des Gewissens sind vornehmlich die Worte Jesu Christi zu verstehen, die er, wie Markus Kap. 8. zu lesen ist, dreimal nacheinander sprach:

„Wo ihr Wurm nicht stirbt, und ihr Feuer nicht erlöscht.“

Dieser giftige Wurm sitzt im Herzen eines jeden Verdammten und nagt an ihm ohne Aufhören, ewig fort. Diese Strafe müssen die Verdammten deßwegen leiden, weil sie in ihrem irdischen Leben der Stimme des Gewissens nicht gehorcht haben. Die Stimme des Gewissens ist eine große Wohlthat Gottes. denn sie ist die Stimme Gottes selbst, der durch dasselbe uns immerdar zum Guten ermahnt und antreibt und vom Bösen abmahnt und zurückhalten will.

So ist es uns zu unserm zeitlichen und ewigen Heile gegeben. Diejenigen, welche ihm folgen, belohnt er schon hier auf Erden durch die Freude eines guten Gewissens. Diese Freude ist so groß, daß alle Lustbarkeiten und Freuden der Welt wie Nichts dagegen zu rechnen sind. Sie versüßt das Leben, wenn auch noch so viel Mühe und Arbeit und Noth den Menschen plagt, und gibt ihm Zufriedenheit in allen Leiden. Hierüber sagt der heilige Chrysostomus:

„Wer ein reines Gewissen hat, der ist, wenn er auch armselig gekleidet ist, und viel Hunger auszustehen hat, weit vergnügter und lebt viel ruhiger, als Jene, die in lauter Wollüsten schwimmen.“

Ein gutes Gewissen läßt selbst ruhig und zufrieden sterben, indem es Muth und Trost verleiht.

Wer aber auf die Stimme des Gewissens nicht horcht und gegen dasselbe handelt und Böses thut, den quält es schon in diesem Leben auf unaussprechliche Weise.

„Trübsal und Qual (kommt) über eines jeden Menschen Seele, der Böses thut(Röm. 2, 9).

Es läßt sich keine schrecklichere Qual auf der ganzen Welt denken, als die Qual eines bösen Gewissens. Du hast es gewiß selbst schon erfahren, wenn du etwas Böses gethan hast. Das haben die ersten Menschen schon bitter erfahren. Denn nachdem sie das nämliche Gebot übertreten hatten, da überfiel sie eine solche Angst und Gewissensqual, daß sie nicht mehr wußten, wo aus und wo ein. Sie waren ganz wie verstört und glaubten sich vor Gott verbergen zu können, und verkrochen sich im Garten und schämten sich vor Gott und vor sich selbst.

Auch Kain hatte, nachdem er seinen Bruder Abel ermordet hatte, vor lauter Angst und Schrecken Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Er lief von einem Orte zum andern, aber überallhin verfolgten ihn seine Gewissensbisse und marterten ihn so, daß er in gänzliche Verzweiflung gerieth.

Die Qual des Gewissens ist bei manchen Sündern hier auf Erden schon so groß, daß sie vor lauter Angst und Entsetzen sterben.

So war es bei dem Kaiser Anastasius der Fall. Dieser hatte nämlich die Katholiken grausam verfolgt und allerlei sonstige Greuelthaten verübt. Da brach in der Nacht zwischen dem achten und neunten Juli im Jahre 518 ein schreckliches Gewitter über der Stadt Konstantinopel, wo er regierte, aus. Der Kaiser gerieth da in solchen Schrecken, daß er wie wahnsinnig wurde. Er rannte aus einem Zimmer in das andere, und verkroch sich zuletzt in eine kleine Kammer. Nachdem das Gewitter vorüber war, suchte man nach ihm und fand ihn in der Kammer todt da liegen. Die Gewissensangst hatte ihn umgebracht.

Ist das nicht eine entsetzliche Pein des Gewissens, die einen Menschen umbringen kann? Ja, das ist eine Hölle, welche der Sünder schon hier auf Erden in sich selbst trägt. Diese martert ihn so schrecklich, daß alle Peinen und Schmerzen der ganzen Welt nicht damit zu vergleichen sind. Wie viele Sünder werden durch solche Peinen in Verzweiflung gebracht und bringen sich selbst um das Leben, indem sie meinen, die Peinen in der Hölle könnten nicht so schrecklich sein , als solche Gewissensqual.

So war es ja der Fall bei Judas, der sich aus Verzweiflung erhängte. O wie viele Bösewichte machen es hierin dem Judas nach und gerathen mit ihm in noch schrecklichere Qualen!

Denn wenn schon im Leben die Gewissensqual der Sünder so entsetzlich martert, wie wird es dann erst in der Hölle sein, wo diese Pein unsäglich größer und schmerzlicher sein wird. Denn so lange die Sünder noch leben, gibt es allerlei Mittel, das Gewissen doch einigermaßen zu beschwichtigen und einigermaßen zum Stillschweigen zu bringen. So stürzt sich nämlich der Sünder aus einem Laster in das andere, rennt von einer sinnlichen Lust zur andern, um sich zu zerstreuen, damit er die Gewissensbisse nicht fühlen möge; das hört aber in der Hölle gänzlich auf. Da gibt es keine Zerstreuung und keine Lustbarkeit mehr, und die Verdammten müssen die Qual des Gewissens unaufhörlich empfinden, ohne auch nur einen Augenblick Ruhe zu haben, oder sie vergessen zu können.

Im Leben haben die Sünder auch alle Kräfte der Seele, die ihnen zum Heile verliehen worden, dazu mißbraucht, um das Gewissen zu unterdrücken, damit sie ungestörter ihren sündhaften Gelüsten sich ergeben könnten. Das können sie in der Hölle nicht mehr, vielmehr werden diese Kräfte der Seele in der Hölle dazu dienen, ihnen die entsetzlichsten Peinen des Gewissens zu verursachen.

So haben die elenden Sünder die Phantasie dazu gebraucht, um das Gewissen zu unterdrücken. Diese Kraft der Seele ist dem Menschen von Gott verliehen worden, damit er durch sie im Stande sei, sich das Unsichtbare, Ewige, Himmlische, Göttliche einigermaßen vorzustellen, damit er ein rechtes Wohlgefallen daran bekomme und von ganzer Seele es liebe und mit aller Kraft darnach strebe. Durch die Phantasie sollte der Mensch sich die Schönheit und Liebenswürdigkeit Gottes, die Glorie des Himmels (Anmerkung: die dortigen Zustände werden in unserem Buch „Himmels-Abc“ in der Tat mit viel Phantasie geschildert), das große Glück der Seligen, die Anmuth der Tugend und Frömmigkeit recht lebhaft vorstellen, damit er diese Dinge eifrig liebe und dadurch angetrieben werde, ein frommes Leben zu führen und so der Stimme des Gewissens, welche Gottes Stimme ist, willig und freudig zu gehorchen. Wenn der Mensch auf diese Weise seine Phantasie, diese schöne Gabe Gottes, recht gebraucht, so wird es ihm möglich, der Mahnung der heiligen Schrift zu folgen, daß, während er auf Erden lebe, doch wie im Himmel wandeln soll.

Diese schöne Gabe des Himmels haben aber die elenden Verdammten dazu mißbraucht, um sich allerlei sündhafte, sinnliche und fleischliche Gelüste vorzustellen und sich daran zu erlustigen, um die Begierlichkeit und böse Lust noch mehr zu reizen und zu bestärken. Sie haben ihre Phantasie immerdar mit abscheulichen Bildern und Vorstellungen angefüllt und daran sich Tag und Nacht ergötzt. Auf diese Weise haben sie das Gewissen unterdrückt, das ihnen immerfort vorhielt, daß solche Dinge den Menschen, der ein Ebenbild Gottes sei, entehren und schänden, und zum ewigen Verderben führen.

In der Hölle aber wird die Phantasie dazu beitragen, daß das Gewissen eines jeden Verdammten um so schrecklicher erwacht und ihn peinigt. Denn es wird ihm die Armseligkeit und Eitelkeit aller jener Genüsse des Lebens vorhalten, um derenwillen er nun in den Flammen der Hölle liegt.

Da schweben dem reichen Prasser und Allen, die Seinesgleichen sind, seine Schätze und Reichthümer immer vor Augen, an die er sein ganzes Herz im Leben hingegeben hatte, und für die er nur zu leben schien. Die köstlichen Mahlzeiten, die er gehalten, sieht er so lebendig vor sich, als ob sie jetzt erst bereitet wären. Aber sie gewähren ihm keinen Genuß mehr, sondern nur Qual und Schmerz, indem sie seine Begierde darnach auf´s Höchste reizen und ihm immerdar vorhalten, daß dieses Alles vorübergegangen ist, wie ein Rauch.

Jetzt lechzt in der Hölle seine Zunge nach einem Tröpflein Wasser, um sie ein wenig abzukühlen; aber auch dieses wird ihm nicht zu Theil. Unaufhörlich ruft ihm die Stimme des Gewissens zu:

Du hast das Gute im Leben empfangen; da hast du dir gütlich gethan und dich eingeschläfert, damit du meine Stimme nicht hören möchtest. Dafür wirst du nun gepeinigt.

Immer schweben ihm vor Augen die feine Leinwand und die weichlichen Kleider, mit denen er sich im Leben bekleidet hat; aber nur, um ihn nun das schreckliche höllische Feuer, das ihn wie ein Kleid umgibt, um so schmerzlicher fühlen zu lassen. Er gedenkt beständig der weichen Flaumen, in denen er gelegen und fühlt deßhalb um so peinlicher sein jetziges Bett in der Hölle, welches aus glühenden Kohlen und stinkenden Maden bereitet ist.

In der Hölle ist dieser gemästete Reiche und Alle, die wie er gelebt haben und hart gegen die Armen gewesen sind, wie er, so arm, daß sie vom armen Lazarus, den sie im Leben weniger geachtet, als ihre Hunde, um ein einziges Tröpflein Wasser betteln und das werden sie nicht einmal erhalten. So hat sich das Blatt gänzlich gewendet. O schrecklicher Zustand für einen Menschen, der in Reichthum und Wohlleben geschwelgt hat!

O wie werden Solche unaufhörlich schreien und jammern in ihrer so bittern Noth! Sie werden ihren Reichthum verwünschen und verfluchen, indem sie sprechen:

O vermaledeiter Reichthum! wie konnte ich doch ein so großer Thor sein, an die Güter der Welt mein Herz hinzugeben. O, wie oft hat mir mein Gewissen vorgehalten, daß mein schwelgerisches Leben und meine Anhänglichkeit an die irdischen Dinge mich ins Verderben bringen werde; aber diese Ermahnung war mir immer lästig und ich suchte sie zu unterdrücken durch neuen Genuß und neue Schwelgerei. O hätte ich doch derselben Gehör gegeben! Was hilft mir nun dies Alles? Ach, ich bin ewig unglücklich! O, daß ich doch lieber der ärmste Bettler gewesen wäre! O hätte ich meinem Gewissen und den göttlichen Geboten gefolgt und meine Reichthümer nach dem Willen Gottes benützt, dann wäre ich jetzt nicht in diesem unendlichen Elende! O kurzes Wohlleben, o ewiges Elend! O Jammer, o Pein! Was soll ich anfangen, was soll ich thun!

Auch dem verdammten Unzüchtigen, Ehebrecher und Wollüstigen schweben alle die sinnlichen Wollüste, denen er sich hingegeben, beständig vor Augen, um ihn zu peinigen. Jetzt kommen ihm jene Dinge ganz anders vor, als im Leben, wo die verdorbene und beschmutzte Phantasie ihm dieselben als süße Wohlgenüsse darstellte. Was ihm im Leben als schön, süß und angenehm vorkam, das sieht er jetzt so, wie es vor Gott ist, nämlich abscheulich, bitter und peinlich. Alle diese Dinge sind nun vorüber, und an die Stelle der Lust ist unendliches Leid getreten. O wie kurz kommt ihm jetzt die Zeit vor, wo er in der Welt die sündhaften Wollüste genossen hat! Voll Schmerz schreit er nun ewig fort: O kurze Freude und Lust! O ewiger Schmerz, und ewige Pein! O, ich elender Thor, was habe ich gethan! Sollte ich gemeint haben, daß meine Wollust mich an diesen schrecklichen Ort brächte! O mein Gewissen hat es mir oft genug vorgehalten; aber ich Elender war durch meine Leidenschaften ganz taub und blind geworden. O wehe mir in alle Ewigkeit!

Mit den Hochmächtigen und Großhannsen, seien es nun stolze Herrenleute oder hochmüthige Bauern- oder Handwerksleute, wird es in der Hölle ganz kurios anders ausschauen als auf dieser Welt. Da wird ihnen ihr Hochmuth, ihre Großthuerei und ihre Tyrannei gegen Andere gänzlich vergehen. Denn da werden sie unter den Füßen der Teufel und Mitverdammten elendiglich seufzen und jammern müssen. Ihre Ehre und Macht ist vorüber und alle die Complementen, die man ihnen im Leben gemacht, und Spott und Hohn und Elend ist an deren Stelle getreten. Vielleicht werden sie grade von Jenen zertreten und verhöhnt, die sie im Leben gänzlich verachtet oder tyrannisch behandelt haben, oder, was noch viel schmerzlicher für sie sein wird – sie sehen diese in der himmlischen Herrlichkeit. O wie kurz kommen ihnen jetzt alle auf Erden genossenen Ehren vor!

O welch schreckliche Veränderung! Aus dem Schooße des Glücks sehen die Verdammten sich ins tiefste Unglück gestürzt; aus den Armen der Wollust in den Klauen des Satans; von den Lustbarkeiten und dem Gelächter im Orte, wo Heulen und Zähneknirschen ist; von der Zeit in der schrecklichen Ewigkeit! Da werden die Elenden wünschen, lieber ein armer Hirte gewesen zu sein, als mächtig und groß!

So liest man von einem großen Monarchen, daß er, als er dem Tode nahe war, gesprochen habe: „Ach! nun ist Alles vorüber! Es wäre besser für mich gewesen, wenn ich ein armer Landmann gewesen wäre, als ein mächtiger Monarch!“

O kurze Ehre! O ewige Schande! O kurze Macht auf Erden und ewige Ohnmacht in der Hölle!

Neben den Genüssen des Lebens stellen sich dem Verdammten in der Hölle auch immerfort recht lebendig vor alle Sünden seines ganzen Lebens, um ihn auf die verschiedenste Weise zu peinigen. Jede Stunde, jeder Tag, jeder Monat, jedes Jahr, so er in Sünden zugebracht, wird ihm ins Gedächtniß zurückgerufen. Aber ach! wie ganz anders kommen ihm da die Sünden vor, als im Leben, wo er sie beging. Auf dieser Welt rühmen sich die elenden Sünder sogar noch ihrer Schandthaten und sind noch gar stolz darauf, als ob es Heldenthaten wären. In der Hölle aber werden sie ganz anderer Meinung werden. Da wird der Anblick einer einzigen Todsünde ihnen einen größern Schmerz verursachen, als der Anblick der höllischen Ungeheuer.

Die heilige Katharina von Genua war in diesen Dingen sehr von Gott erleuchtet und erkannte, wie schrecklich eine Sünde wäre. Sie bat daher den lieben Gott, er möchte sie beim Sterben lieber alle Teufel sehen lassen, so häßlich sie auch seien, als die Häßlichkeit der kleinsten Sünde.

Bedenke nun, welche schreckliche Pein es erst sein wird, die abscheulichste so vieler Sünden immer vor Augen zu haben. Der heilige Bonaventura sagt:

„Durch ein gerechtes Gericht Gottes bleiben alle Sünden im Gedächtnisse und sie werden wegen aller gepeinigt.“

Man liest, daß ein Mann einmal eine fürchterliche Rache an seinem Eheweibe ausgeübt, weil sie die Ehe gebrochen hatte. Er zwang es nämlich, den Ehebrecher mit eigener Hand in einer Kammer aufzuhängen und er sperrte dann das Weib zu ihm hinein, damit es durch diesen schrecklichen Anblick und den Gestank umkäme.

Ist das nicht eine furchtbare Pein? Aber in der Hölle wird es den Verdammten noch viel übler ergehen. Die göttliche Gerechtigkeit wird ihnen ihre Sünden und Laster stets vor Augen hinstellen, auf daß sie dieselben immer betrachten müssen und durch die Hässlichkeit derselben immer gepeinigt werden. Da wird ihnen die Sünde erscheinen, wie sie vor Gott ist, indem Gott ihnen diese Erkenntniß gibt.

„Ich will es vor dein Angesicht stellen, nicht damit du gebessert werdest, sondern damit du dich schämest“ (Os. 49).

„Dann werden sie erkennen, wie Gott die Sache ansieht“, sagt der heilige Thomas.

Jede Sünde wird den elenden Verdammten noch unsägliche Male abscheulicher und ekelhafter vorkommen als ein stinkendes, giftiges Gewürm, als die giftigste Kröte. O welch ein Anblick, der sie ewig peinigen wird. Da wird das Rühmen und Großthun des elenden Sünders mit seinen Schandthaten ein Ende haben. Dieser Anblick wird ihnen keinen Augenblick Ruhe gönnen, sondern sie unaufhörlich ängstigen.

Die heilige Schrift sagt von dem Könige Baltassar, daß er den Großen seines Reiches ein kostbares Mahl bereitet habe, wobei es recht toll zugegangen. Als nun Alle grade im größten Taumel waren und es am Tollsten trieben, da sah der gottlose König auf einmal eine Hand an der Wand Etwas hinschreiben. Da war es ihm grade, als ob Jemand ihm alle seine Schandthaten und Gottlosigkeiten vor die Augen hinmalte. Dabei gerieth er in solche Angst, daß ihm die Lenden schlotterten und seine Kniee aneinander schlugen (Daniel 5, 5).

Wie schrecklich wird nun erst die Angst der Verdammten sein, welchen Gott selbst alle Sünden gleichsam vor ihr Angesicht in ihrer ganzen Abscheulichkeit hinmalt? Wie werden die Armseligen zittern und zittern vor lauter Angst und Entsetzen! Ja Alles, was sie in der Hölle sehen und hören, wird sie an ihre Sünden erinnern.

·       Alle, die sie verführt, betrogen, mißhandelt, verachtet, oder zu ihren Sünden mißbraucht haben, werden ihnen wie höllische Gespenster vorschweben, und ihnen unsägliche Angst und höllischen Schrecken einjagen.

So lesen wir von Theoderich, König der Gothen, daß er einmal aus bösem Argwohn zwei rechtschaffene und verdienstvolle Männer ermorden ließ. Als aber bald sein Gewissen wieder erwachte, da meinte er, er sähe die Ermordeten überall, wo er gehe und stehe, und er hatte Tag und Nacht keine Ruhe und Rast. (Anmerkung: Vergleiche das Gedicht „Die Rache der Ermordeten“ in dem 2013 erschienen Band „Empor aus der Scheinwelt“, der bisher erst von einer einzigen Zeitung, der NWZ, rezensiert wurde, wohl weil der Inhalt die Empfänger in ihrem Innersten getroffen hat). Eines Abends wurde zur Abendmahlzeit ein ungewöhnlich großer Fisch auf den Tisch gebracht. Da glaubte Theoderich, es wäre ein Gespenst, das ihn grimmig anschaue, sprang vom Tische und schrie: „Ich sehe den Kopf des Symmachus (dieser war einer der beiden Ermordeten), seine funkelnden Augen und die Zähne, die mich zerfetzen wollen! Fort! fort! So schrie er wie rasend und floh aus dem Saale. Von Schrecken ganz zerrüttet brachte man ihn zu Bette, in dem er einen solchen Fieberfrost bekam, daß er durch Nichts erwärmt werden konnte. Er bekam dann noch die Ruhr dazu und starb in diesem Elende nach drei Tagen.

Ist das nicht eine entsetzliche Pein des Gewissens? Schrecklicher aber wird sie noch bei den Verdammten in der Hölle sein. O, wie werden sie da heulen und zähneknirschen! Wie werden sie da rasen und toben, wie werden sie sich ihrer Lasterthaten schämen, daß sie sich verkriechen möchten! Wie werden sie sich selbst verwünschen und verfluchen mit sammt ihren Sünden! O Schande ! O Schmach! O ich elende Kreatur! was habe ich gethan? O vermaledeite Wollust, die mich ins Verderben gestürzt! O verfluchte Bekanntschaft, die mich zur Verdammniß gebracht hat! O thierische Völlerei, die mich so elend gemacht! O ihr schändlichen Sünden alle, die ihr mir solche Pein gebracht!

Teil II

Die Verdammten haben auch unaufhörlich vor ihren Augen die Peinen, welche sie schon gelitten haben, und welche sie noch werden leiden müssen, was sie gänzlich zur Verzweiflung bringt. Denn dadurch leiden sie nicht nur, was sie alle Augenblicke leiden, sondern sie stehen alle Augenblicke die Qual der Ewigkeit aus, indem sie zu sich selbst sagen: Was ich jetzt leide, das habe ich ewig zu leiden. So liegt auf ihnen die ganze Last der Ewigkeit. Sie heulen und wehklagen beständig, indem sie rufen: O, wie lange brenne ich schon in diesen Flammen, und doch ist es, als ob die Peinen erst anfingen! O wie lange werde ich noch brennen müssen! Tausend und abermal tausend Jahre werden vergehen und es wird dann noch grade so sein, wie jetzt! O Ewigkeit! o Ewigkeit! wie schrecklich stehst du vor meinen Augen. So werde ich denn ewig hier in dieser Feuersglut braten müssen. So ist denn gar keine Hoffnung! Das ist zum rasend werden! So werden die Elenden jammern beim Andenken an die Leiden, die sie in Ewigkeit werden dulden müssen.

Obschon der Anblick alles Dessen, was wir bis jetzt betrachtet haben, schrecklich und über alles Maß peinigend ist, so gibt es doch noch einen peinlicheren Anblick und eine schmerzlichere Vorstellung. Die Verdammten haben nämlich in der Hölle auch eine viel klarere Vorstellung von der Schönheit des Himmels und der Glorie und Wonne der Seligen, als irgend ein Mensch auf Erden haben kann. Diese Glorie und Seligkeit schwebt ihnen immerfort ganz natürlich vor Augen zu ihrer größten Qual. Da müssen sie im Geiste immer betrachten, wie glücklich die Himmelsbewohner sind. Das läßt sie dann erst recht ihre eigene Unglückseligkeit erkennen und fühlen. Das erweckt in ihnen einen solchen bittern Neid, der sie ganz und gar verzehren möchte. Du weißt, daß der Neid oft Menschen ganz gelb macht und sie fast aufzehrt, wenn sie ihren Nebenmenschen glücklicher sehen, als sie selbst sind. Ja sie schöpfen einen so bittern Haß gegen Solche, daß sie dieselben ermorden möchten, und oft sogar auch ermorden.

So hat ja Kain seinen Bruder Abel aus Neid ermordet, und die Brüder Josephs haben ja aus Neid ihren Bruder verkauft. Nun müssen aber die elenden Sünder in der Hölle sehen, wie die Seligen von Gott geliebt und mit der ewigen Seligkeit belohnt werden, während sie selbst von ihm verflucht sind und in den ewigen Peinen liegen müssen. O wie wird da der Neid an ihnen fressen! Ach! werden sie rufen, auch wir könnten jene Seligkeit genießen, wenn wir nicht so gottlos gewesen wären! Ach, auch wir könnten jetzt in jener Gesellschaft bei Jesu und Maria sein, wenn wir dies Glück nicht so muthwillig verscherzt hätten!

Der heilige Chrysologus sagt vom reichen Prasser, daß der Neid ihn noch weit mehr brenne, als das Feuer der Hölle. Jedoch sie können ihnen nicht einmal ein Häärlein krümmen; müssen sogar sehen, daß die Seligen über ihre gerechte Strafe sich erfreuen und ihres Grimmes spotten. Weil sie nun selbst nicht zur Seligkeit kommen und auch den Seligen dieselbe nicht rauben können, so verwünschen und vermaledeien sie den ganzen Himmel und sich selbst; sie knirschen mit den Zähnen vor Ingrimm und heulen vor Verzweiflung. O ist das nicht ein schrecklicher Zustand!

Bedenke dies, o Sünder, o Sünderin! die du jetzt im Leben deine Phantasie so schrecklich mißbrauchest, indem du dir allerlei sündhafte, abscheuliche Vorstellungen machst, an denen du dich belustigest. O wie wird dich die so mißbrauchte Phantasie einstens in der Hölle peinigen, wenn du dich nicht besserst! Bereue doch alle auf diese Weise begangenen Sünden und bitte Gott recht ernstlich um Verzeihung und gelobe fest und entschieden Besserung, indem du andächtig sprichst:

O mein Gott und Herr! du hast mir die Phantasie, diese schöne Gabe, verliehen, damit ich sie dazu gebrauchen sollte, mir das wahre Schöne und Gute, den Himmel mit all seiner Herrlichkeit und Seligkeit, das große Glück der Seligen, deine Schönheit, die sie ewig anschauen dürfen, recht lebendig vorzustellen. Denn du willst, daß ich nur an solchen Dingen ein Wohlgefallen haben soll, weil nur diese mich ewig glücklich machen können. Aber wie oft habe ich mich versündigt durch allerlei böse, sündhafte Vorstellungen und Einbildungen und an solchen abscheulichen Dingen eine Lust und Freude gehabt und dadurch meine Phantasie mißbraucht und befleckt. Es reuet mich von Grund meines Herzens und ich bitte dich, o mein Gott! herzlich um Verzeihung. Ich verfluche und verabscheue alle sündhaften Vorstellungen und will mich mit deiner Gnade nimmermehr darin versündigen.

Nur an dir, o Gott, der unendlichen Schönheit, und an den himmlischen Dingen und an Tugend und Frömmigkeit will ich mich von nun an freuen. Gib mir dazu deine Gnade. Amen.

Der Mißbrauch des Verstandes

Ebenso wie die Phantasie, haben die elenden Sünder auch die zweite Hauptkraft der Seele, nämlich den Verstand, gegen ihr Gewissen mißbraucht und werden darum auch in der Hölle mit ihrem Verstande schwer gepeinigt.

Der Verstand ist dem Menschen von Gott dazu gegeben, daß er damit Gott, die höchste Wahrheit und die von Gott geoffenbarten Wahrheiten glauben und erkennen möge, um darnach zu leben, und Gott zu lieben, zu loben und zu preisen. Er ist auch das Vermögen, das Gute zu erkennen und vom Bösen zu unterscheiden. Durch dieses unschätzbare Vermögen, das Wahre und Gute zu erkennen, so wie durch die Erkenntniß des Wahren und Guten selbst ist der Mensch dem allweisen Gott, der Alles, was wahr und gut ist, erkennt, in vorzüglicher Weise ähnlich. Alle von Gott geoffenbarten Wahrheiten werden in der heiligen katholischen Kirche, die der Sohn Gottes selbst dazu gestiftet hat, rein und unverfälscht bewahrt und verkündigt. (Anmerkung: Dieses Werk ist irgendwann vor oder nach dem Jahr 1700 entstanden; heute ist die Situation offensichtlich anders, das heißt konkret, daß die halbe Wahrheit weggelassen wird, zum Beispiel die über die Hölle.)

An alle diese muß der Mensch fest und unerschütterlich glauben, und bereit sein, für diesen Glauben sein Leben hinzugeben. Auf diese Weise soll ein Jeder seinen Verstand durch den Glauben Gott unterwerfen. Daß dieses recht und billig sei, wirst du, mein Christ! wohl leicht einsehen können, sonst hättest du nicht viel Verstand, oder brauchtest denselben nicht gar fleißig. Verstehst du auch Manches, was Gott geoffenbart hat und in der heiligen katholischen Kirche zu glauben vorstellt, nicht, so ist das nicht zu verwundern, weil eben Gott mehr ist und wirken kann, als irgend ein Mensch, und wäre es auch der gelehrteste von der Welt, jemals verstehen kann.

Grade darin besteht aber auch das große Verdienst des Glaubens, daß man den Verstand unterwirft und zwar Gott selbst, der die ewige Wahrheit ist. Man glaubt ja nicht, weil man es versteht, sondern weil es Gott geoffenbaret hat. Grade so wie du daher den göttlichen Geboten deinen Willen unterwerfen mußt, so mußt du seinen geoffenbarten Wahrheiten deinen Verstand unterwerfen, und zwar allen und jedem Glaubensartikel ohne Ausnahme.

Jedoch ist dies allein noch nicht genug, sondern du mußt auch deinen Verstand noch dazu gebrauchen, die von Gott geoffenbarten Wahrheiten, wie sie in der heiligen katholischen Kirche gelehrt werden, immer besser und gründlicher kennen und verstehen zu lernen, so viel es dir möglich ist. Dies geschieht aber durch fleißiges Anhören des göttlichen Wortes, durch das Lesen guter Bücher, durch eifrige Betrachtung der göttlichen Wahrheiten, und auch besonders durch beständiges, andächtiges Gebet. Wenn du dies Alles fleißig thust, so wird Gott dich erleuchten, daß du die göttlichen Lehren des heiligen Glaubens immer besser verstehst.

Wenn du nun auf diese zweifache Weise, durch die Unterwerfung deines Verstandes unter den Glauben, und durch das Bestreben, die Lehren des Glaubens immer besser kennen zu lernen, deinen Verstand gebrauchest, so gebrauchest du ihn auf die rechte Weise, wozu dir Gott denselben gegeben hat. In diesem Falle wird aber auch dein Verstand ganz gewiß deinem Gewissen allzeit beistimmen, indem du erkennen wirst, daß es so recht und billig ist. Dein Verstand wird dann in diesem Falle dein Gewissen unterstützen und bestärken und mit dem Gewissen gemeinschaftlich den Willen zum Guten ermahnen und antreiben und vom Bösen abmahnen. So will es aber auch Gott haben und dazu hat er dir deinen Verstand gegeben.

Leider aber haben die elenden Sünder ihren Verstand nicht auf die rechte Weise gebraucht, sondern zu ihrem eigenen Verderben mißbraucht. Sie haben ihn nämlich nicht durch den Glauben Gott unterworfen, denn sie haben die göttlichen Wahrheiten theilweise oder gänzlich verworfen, oder allerlei Zweifel wider dieselben vorgebracht, oder allerlei Spitzfindigkeit ausgedacht, um sich selbst zu täuschen und zu betrügen. Das haben sie aber gethan, weil sie stolz und aufgeblasen waren und sich für gescheidter hielten, als Andere, und selbst als die Heiligen, welche Alles, was die heilige Kirche lehrt, fest geglaubt haben und in diesem Glauben heilig und selig geworden sind, weil sie sich bemüht haben, darnach zu leben.

·       Meistens aber haben die elenden Sünder die göttlichen Wahrheiten deshalb verworfen, weil sie gegen ihr sündhaftes Leben waren und dasselbe verdammten.

·       So sind alle Ketzereien und so ist aller Unglaube aus Stolz und Wollust entstanden.

Schau dir nur jene Menschen an, die am Glauben Schiffbruch gelitten haben, so wirst du sehen, daß es lauter Aufgeblasene und Unzüchtige sind. Solche müssen natürlich ihren Glauben verwerfen und die Ungläubigen spielen, sonst müßten sie ja eingestehen, daß ihr Leben lasterhaft sei. Das wollen sie aber nicht. Drum nennen sie das Gute böse, das Böse aber gut.

Auch haben die Verdammten dadurch ihren Verstand mißbraucht, daß sie in ihrem Leben sich nicht drum bekümmert haben, die Lehren der heiligen Religion besser kennen zu lernen, und darum sind sie in der grassesten Unwissenheit geblieben. Aber obschon Solche von religiösen Dingen grade so viel wissen, als ein Blinder von den Farben, so halten sie sich doch für wunder gescheidt und aufgeklärt und räsoniren über solche Dinge, als ob sie die gelehrtesten Menschen wären. So hast du es vielleicht selbst schon in Wirthshäusern gehört, wo solche miserable Leute ihre große Weisheit gewöhnlich auskramen, und das Maul gewaltig aufreißen und das große Wort führen. Aber auch Jene mißbrauchen ihn, welche solchen unwissenden, elenden Maulhelden Glauben schenken, und Derer gibt es oft eine große Zahl. Hast du es noch niemals gethan?

In der Hölle bekommen Solche nun aber eine ganz andere Ansicht und Meinung. Da wird ihnen ein schreckliches Licht aufgehen. Denn Gott wird ihnen da die Augen zu ihrer Pein recht öffnen, so daß sie die Lehren der heiligen Kirche klarer und besser einsehen werden, als dieselben der größte Gottesgelehrte auf Erden einsehen kann. Da sehen sie denn zu ihrem Entsetzen ein, wie thöricht sie gehandelt, wie dumm ihr Stolz und wie finster ihre Aufklärung, und wie schändlich ihr Lebenswandel gewesen. Da erkennen sie aufs Klarste, daß sie erschaffen waren als Ebenbilder Gottes, erhöht über alle Geschöpfe auf Erden, und daß sie auserkoren waren zu Erben der ewigen Seligkeit und ihnen bei Gott und seinen heiligen Engeln Wohnungen zubereitet waren. Jetzt sehen sie klar ein, wie eitel die Welt, wie verderblich ihre Grundsätze gewesen, jetzt erkennen sie die List des Satans, die Kostbarkeit ihrer Seele, und die vielen Gelegenheiten und Mittel, welche ihnen Gott zu ihrer Rettung dargeboten hatte, die sie aber alle nicht geachtet haben.

O wie werden die Elenden dann jammern und schreien: O wir armselige Thoren! hätten wir doch festgehalten an den Lehren des heiligen Glaubens. O verdammter Stolz, o schändliche Wollust! die uns dahin gebracht hat, unsern Glauben zu verlieren, und damit auch die ewige Seligkeit. Ach! wir dumme Kreaturen, die wir uns in der Welt für viel gescheidter hielten als Andere, und sie verlachten und verspotteten, weil sie auf Religion und Tugend Etwas hielten! O wie haben wir uns betrogen! Jene sind jetzt im Himmel und wir brennen in der Hölle! O hätten wir unsern Verstand doch recht gebraucht und hätten wir uns doch nur ein wenig Mühe gegeben, die göttlichen Wahrheiten kennen zu lernen; wären wir fleißiger in Predigt und Christenlehr gegangen und hätten wir statt böser, gottloser Bücher, gute Bücher gelesen, so wären wir nicht so unwissend in der Religion geblieben und so elend zu Grunde gegangen!

An diesem Elende sind die Verdammten natürlich selbst Schuld, und das sehen sie in der Hölle auch auf das Klarste ein. Diese Erkenntniß der eigenen Schuld macht ihnen furchtbare Peinen. Sie heulen immerfort: O was habe ich gethan! Wohin hat mich mein Leichtsinn gebracht! Ich könnte ewig glückselig sein, und bin nun ewig verdammt! Mittel und Gelegenheit hätte ich genug gehabt, aber ich habe sie nicht benützt. Ermahnt bin ich oft genug geworden durch meine Aeltern, Seelsorger, Beichtväter, Lehrer und Freunde; aber ich bin dagegen verstockt gewesen. Auch habe ich gute Beispiele genug gehabt, aber mich darum nicht gekümmert. Ich hätte so wenig nur zu thun brauchen, um selig zu werden. Und wie viel habe ich gethan, um in der Welt fortzukommen, und Nichts für die Ewigkeit. Mir ist ganz recht geschehen, denn ich habe es tausendmal verdient, was ich jetzt leide!

O Gott! welche Qual und Pein bereitet auf diese Weise der Verstand, der durch das höllische Feuer ist wahrhaft aufgeklärt worden, einem jeden Verdammten. Könnten sie noch leiden ohne Verstand, wie das dumme Vieh, so wäre es wohl schon schrecklich, aber leiden mit der klarsten Erkenntniß seines ganzen Elendes und mit dem klarsten Bewußtsein, daß man selbst daran Schuld ist, das ist eine Pein, die sich nicht beschreiben läßt.

Bedenke dies, mein Christ! und gebrauche deinen Verstand auf die rechte Weise. Halte fest an deinem heiligen Glauben und wende dich mit Abscheu von allen elenden Schwätzern und gottlosen Maulhelden, die dir denselben rauben wollen. Nehme zu mit jedem Tag an Erkenntniß der heiligen Wahrheiten und gib dir ernstliche Mühe, auch darnach zu leben! Bitte Gott um seine Gnade und Erleuchtung! Bereue deine bisherige Gleichgültigkeit in Glaubenssachen und jeglichen Mißbrauch deines Verstandes und bessere dich von ganzem Herzen, damit du nicht einst in der Hölle zu deinem ewigen Verderben zu Verstand kommst. – Spreche recht andächtig und mit ganzem Gemüthe:

Ich danke dir, o mein Gott! daß du mir den wahren Glauben gegebenm und mich deiner heiligen Kirche einverleibt hast, wo ich dieses göttliche Licht, zur Erleuchtung meines Verstandes empfangen habe, um mich auf allen Wegen sicher zu leiten. Ich bereue von ganzem Herzen jegliche Untreue gegen meinen Glauben und jegliche Nachlässigkeit in Anhörung deines heiligen Wortes und der Betrachtung desselben, um mein Leben darnach einzurichten. Alle Zweifel gegen deine heiligen Lehren verwerfe und verabscheue ich, o mein Gott! und glaube Alles, was du gesagt und geoffenbart hast. Alles Dieses will ich glauben mit vollkommener Unterwerfung meines Verstandes und ohne allen Zweifel. Glauben will ich mit Standhaftigkeit, wenn ich auch aufs Heftigste wider meinen Glauben versucht werden sollte. In meinem heiligen Glauben will ich leben und sterben. Komme mir zu Hilfe, o Herr! und stärke mich in meinem Vorsatze. „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben.“ Führe mich zu immer größerer Erkenntniß Deiner und deiner heiligen Wahrheiten bis einstens im Himmel der Glaube in Schauen verwandelt wird. Amen.

Der freie Wille

Die verdammten Sünder haben endlich auch die dritte Hauptkraft der Seele gegen die Stimme des Gewissens mißbraucht, nämlich den freien Willen. Drum werden sie in der Hölle auch an ihrem freien Willen schrecklich gepeinigt. Der freie Wille ist das Vermögen der Seele, das Wahre und Gute, wozu das Gewissen ermahnt und antreibt, und welches der Verstand des Menschen als wahr und gut erkennt, zu lieben und das Gute mit freier Wahl zu vollbringen. Die heilige Schrift bezeugt, daß Gott dem Menschen den freien Willen bei der Erschaffung mitgegeben habe.

„Gott hat von Anfang den Menschen geschaffen, und ihm die freie Wahl gelassen. Der Mensch hat vor sich Leben und Tod (Gutes und Böses): was er will, wird ihm gegeben werden“ (Sirach 15, 14-18).

Auch diese Gabe macht den Menschen in vorzüglichem Grade Gott ähnlich, und durch den getreuen und rechten Gebrauch dieser Gabe wird der Mensch ein getreues Ebenbild Gottes. Mit dem freien Willen kann der Mensch alle Kräfte des Leibes und der Seele zum Guten gebrauchen, indem er sie alle Gott unterwirft und Gott damit dient, aber er kann auch alle mißbrauchen zur Sünde und somit zu seinem eigenen Verderben. Der freie Wille ist daher die herrlichste Gabe Gottes, aber auch die gefährlichste. Der freie Wille des Menschen ist eigentlich an allem Bösen Schuld, was der Mensch begeht. Wenn der Mensch keinen guten Willen hat, so helfen alle Belehrungen und alle Ermahnungen und auch alle Gnaden nichts.

Durch den freien Willen kann sich der Mensch ganz verstockt machen. Durch den Mißbrauch des freien Willens also geht eigentlich der Mensch zu Grunde. Auf diese Weise sind auch alle Verdammten in der Hölle zu Grunde gegangen. Darum ist auch die Pein, welche sie an ihrem Willen zu leiden haben, die allerschrecklichste.

Die Verdammten werden an ihrem Willen zunächst gestraft durch die zu späte Reue.

Sie erkennen die Bosheit ihrer Sünde, aber sie erkennen auch zugleich, daß sie keine mehr gut machen, ja nicht einmal die Bosheit und Schuld derselben bereuen können. Sie beweinen sie zwar ewig mit heißen Thränen, aber nur die Strafe derselben. Sie erkennen, daß sie ihre Sünden ewig auf die schrecklichste Weise büßen müssen, daß sie aber dennoch Gott niemals versöhnen können. O hätten sie auf der Erde nur ein wenig Buße thun mögen, so wären sie gerettet worden, während sie jetzt in der Hölle eine ewige Buße Nichts mehr nützen kann. O das ist ein Elend über alles Elend! O wenn sie nur ein einziges Tröpflein des Blutes Christi hätten, um es für ihre Sünden aufopfern zu können; aber nein, alles Blut Christi ist für sie verloren. Das bedenke, o Sünder! wenn dir jetzt im Leben die geringste Buße schon zu viel ist.

·       Jetzt willst du nicht, was du noch kannst; einst aber wirst du wollen und nicht mehr können.

Die Elenden in der Hölle erkennen auch ihre Verdorbenheit und Schlechtigkeit und daß sie mit Recht von Gott verflucht und die abscheulichsten Bösewichter sind, fühlen auch das Bedürfnis, besser zu sein und das Gewissen klagt sie immerfort an; aber sie können sich nicht mehr ändern und müssen Bösewichter bleiben in alle Ewigkeit. Ihr Wille ist in der Bosheit so verhärtet, daß sich in alle Ewigkeit nicht die geringste Neigung zu etwas Gutem in ihnen regen wird.

Ach! so viele Gelegenheiten sind versäumt worden, und jetzt würden sie gerne noch größere Peinen bis zum jüngsten Tage leiden, wenn sie nur eine einzige wieder zurückrufen könnten. Aber diese Nachlässigkeit kann nicht mehr gut gemacht werden. Denn es giebt keine Zeit mehr in der Ewigkeit.

„Er hat geschworen bei Dem, der ewig lebt, daß keine Zeit mehr sein wird“ (Off. 10, 6).

Das ist es, was im Herzen der Unglücklichen die schwerste Verzweiflung hevrorbringt. Das ist die fürchterlichste Pein von allen in der Hölle, daß keine Zeit mehr ist, um sich von seinem Elende zu erretten.

Ein heiliger Ordensmann hörte einmal eine Stimme, die so jämmerlich schrie, daß sie Steine hätte erweichen mögen. Da fragte der Ordensmann: Wer bist du, und was ist die Ursache deiner Trauer? Da erhielt er die Antwort: „Ich bin eine verdammte Seele und beweine mit meinen Genossen mehr als alles Elend, die verlorene Zeit, die niemals wiederkehrt.“

Ja über alles beweint ein jeder Verdammter die verlorene Zeit, indem er heulet und jammert: O kostbare Zeit! o hätte ich nur ein halbes Stündlein von jener Zeit, die ich zum Spiele, zu Liebschaften, zu Unterhaltungen, Vergnügungen und zu Sünden so übel angewendet habe! Ach! ich Unsinniger habe früher die Zeit mir durch allerlei Kurzweil zu vertreiben gesucht und jetzt seufze ich nach einigen Minuten und kann diese nicht einmal mehr erhalten. O wäre ich doch wieder auf Erden und hätte noch einige Jahre zu leben, wie wollte ich Buße thun und ein so strenges Leben führen, daß sich alle Menschen darüber verwundern müßten.

Könnten die Verdammten sich noch dem göttlichen Willen unterwerfen, wie die Seelen im Fegfeuer, so würde die Hölle nicht mehr Hölle sein. Aber nein! die Verdammten erkennen wohl die Gerechtigkeit und Heiligkeit des göttlichen Willens, aber sie sind immerfort dagegen empört und verfluchen und verwünschen die Strafruthe der göttlichen Gerechtigkeit, und gerathen darüber in Wuth und Raserei. Ihre Bosheit wider Gott ist so groß, daß sie ihn vertilgen möchten, was aber ihre Pein nur noch größer macht.

So müssen die Elenden an ihrem Willen gepeinigt werden, weil sie ihn zu ihrem eigenen Verderben mißbraucht haben. Weil sie ihre Freiheit mißbraucht haben zur Beleidigung Gottes, so müssen sie nun gefangen liegen, daß sie nie mehr thun und erhalten können, was sie wollen und wünschen. Weil sie der Stimme des Gewissens nicht folgen wollten, so müssen sie jetzt seine schrecklichsten Vorwürfe ewig leiden. Alle ihre Leidenschaften sind auf´s Höchste gestiegen und ganz und gar zügellos, aber sie werden ewig nicht die geringste Befriedigung erlangen. (Anmerkung: Konkretes dazu in Casonas Quevedo-Stück, siehe den Roman „Jedem nach seinen Taten“.) Sie wünschen immerfort Lust und Freude oder Rache, aber nie wird ihr Wunsch im Geringsten erfüllt. Ewig werden sie die göttliche Gerechtigkeit hassen und ihre Strafen verwünschen, aber sie werden keinen Augenblick ihrer Qual entgehen.

„Er wird in Ewigkeit nicht erreichen, was er will, und wird dessen ungeachtet ewig das ausstehen, was er nicht will.“ So sagt der heilige Bernhard und stellt die Frage: „Was ist so peinlich, als immer wollen, was niemals sein wird, und stets nicht wollen, was doch immer sein wird?“ (De Consid. l. 5, c. 12).

Da nun die elenden Verdammten sehen, daß sie gar Nichts erreichen können, was sie wollen, so wünschen sie sich die Vernichtung – aber auch diese wird ihnen nicht zu Theil. Sie sehen, daß sie gebunden sind und ewig der Strafruthe Gottes nicht mehr auskommen werden.

Den Tod fürchten die Sünder in diesem Leben am Meisten, in der Hölle aber wird er ihr sehnlichster Wunsch sein. So bezeugt es die heilige Schrift mit den Worten:

„Die Menschen werden den Tod suchen, aber nicht finden; sie begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen“ (Off. 9, 6).

O Elend! o Jammer! O ich verfluchtes Geschöpf! O wäre ich doch niemals geboren worden. Verflucht sei der Tag und die Stunde, wo ich das Licht der Welt erblickt! O Ewigkeit! o Pein des Gewissens, wie schrecklich bist du! So werden die Verdammten heulen und vor Verzweiflung mit den Zähnen knirschen immerfort. So werden also alle Kräfte der Seele dazu beitragen, die Peinen des Gewissens zu vermehren, und diejenigen am Meisten, welche die elenden Sünder im Leben am Meisten mißbraucht haben.

O Sünder, betrachte diesen elenden Zustand doch recht ernstlich, und benutze die Zeit und Gelegenheit, die dir die göttliche Barmherzigkeit jetzt noch schenkt, damit du nicht dereinst vergebens darnach seufzest! Unterwerfe deinen freien Willen dem heiligen Willen Gottes und beobachte pünktlich seine Gebote! Höre auf die Stimme deines Gewissens, damit es dich nicht einst in der Ewigkeit peinigen möge.

O mein Gott und Herr! erhalte mich doch in deiner Gnade, damit ich dir mit herzlicher Freude, mit ruhigem Gewissen und mit kindlichem Vertrauen hinfüro dienen möge. Sollte ich aber – bei diesem Gedanken bebt mir das Herz im Leibe – sollte ich aber nochmals das große Unglück haben, in deine Ungnade zu fallen, so verdopple in mir die innerliche Unruhe, die Gewissensangst und die Furcht vor deinem strengen Strafgerichte. Denn der Friede und die Unempfindlichkeit würden mich betrügen und in das Verderben stürzen.

·       So lange du mir drohest, bin ich noch nicht verloren, denn selbst deine Drohungen sind Zeichen deiner Barmherzigkeit; aber wenn ich ruhig bei der Sünde wäre, so würde diese Ruhe ein sicheres Zeichen deines Zornes und meines nahen Unterganges sein.

Rede also, o Herr! dein Diener hört auf dich. Mache, daß ich den heilsamen Ermahnungen meines Gewissens allzeit folge, damit ich dessen bittere Vorwürfe nicht zu befürchten habe. Oeffne vorzüglich mein Herz deiner göttlichen Liebe; dies ist das Einzige, was ich auf Erden verlange. Amen.

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Anmerkung: Manchmal fällt das Abschreiben so langer Kapitel schwer. Wir denken an die Karthäuser von Karthaus im Schnalstal, in Chartreux, in Montalegre (Barcelona) sowie jener in Italien (Certosa dello Spirito Santo, Farneta, Maggiano, Lucca; Certosa dei SS. Stefano e Bruno, Serra San Bruno, Vibo Valentia; Certosa della Trinità, Dego, Savona; Certosa di San Marco, Vedana, Sospirolo, Belluno; siehe www.chartreux.org ), die sich ebenfalls dieser Aufgabe unterzogen haben. Bei den Zisterziensern hat einer der Äbte irgendwann um die erste Jahrtausendwende (siehe das Buch „Los tres Rebeldes“) das Abschreiben von Büchern verboten und die Mönche unter Berufung auf die älteste Regel des hl. Benedikt zur Handarbeit in Feld und Garten gezwungen. Dabei ist das Abschreiben alter Bücher ein großer Segen, nicht nur wegen des praktischen Nutzens für die Anderen, sondern auch deshalb, weil es die Gemüter der Schreiber zu Gott erhebt.